Zuletzt aktualisiert am 30.05.2025
10 Minuten, die zählen: Wie aktive Vorbereitung das OSCE-Prüfungsergebnis verbessert
Bei dem Projekt handelt es sich um ein neues Projekt / eine wiederholte Einreichung
Hannes Neuwirt
Studierende (grün) erleben unter Aufsicht Dozierender (weiß) das Prüfungsformat. Durch das Zusammenpassen von Lern- & Prüfungsformat (= constructive aligment) reichen sogar nur 10 Minuten für eine signifikante Verbesserung der Prüfungsleistung!
Ars Docendi Kriterien
- Innovative Hochschuldidaktik
- Studierenden- und Kompetenzorientierung
- Partizipation und Mitgestaltung
Gruppengröße
> 150
Anreißer (Teaser)
Wie beeinflusst eine kurze Vorbereitung die Prüfungsergebnisse? Unsere Studie zeigt: Bereits 10 Minuten aktive Simulation können den Unterschied machen! Entdecken Sie, warum eine gezielte Vorbereitung entscheidend für den Prüfungserfolg ist.
Kurzzusammenfassung des Projekts
Medizinstudierende an der Medizinischen Universität Innsbruck absolvieren vor Beginn ihres klinisch-praktischen Jahres (KPJ) den KPJ-OSCE, eine objektive strukturierte klinische Prüfung, die klinische Kompetenzen in einer simulierten Umgebung testet. Aufgrund der Ungewohntheit des Prüfungsformats stellt der KPJ-OSCE eine Herausforderung dar, die sich negativ auf die Leistungen auswirken kann. Ziel des Projekts war es, Studierende gezielt mit dem Prüfungsformat vertraut zu machen, um realistische Bewertungen durch Reduktion von Prüfungsangst zu ermöglichen. Dafür wurde das Wahlfach „SkillsLab Innere Medizin“ etabliert, in dem die Studierenden aktiv eine 10-minütige OSCE-Simulation mit anschließendem Feedback durchlaufen. Alternativ wurde einem Jahrgang eine Vorlesung (passiv) angeboten, bei der dieselben Inhalte frontal präsentiert wurden. Studierende ohne strukturierte Vorbereitung wurden als Kontrolle ausgewertet.
Studierende, die unser Wahlfach „SkillsLab Innere Medizin“ durchliefen, erzielten signifikant bessere Testergebnisse und Bestehensraten (91%) im Vergleich zu passiver Vorlesung (84%) bzw. ohne Vorbereitung (87%). Frauen erzielten im Durchschnitt bessere Ergebnisse als Männer, was durch unser Wahlfach ausgeglichen wurde.
Das Projekt beweisst, dass "constructive alignment" (Zusammenpassen von Vorbereitung und Prüfung) entscheidend für den Erfolg ist. Kurse nach diesem Vorbild könnten durch ihre Effizienz großen Einfluss auf die Curriculums(weiter)entwicklung haben.
Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache
Medical students at the Medical University of Innsbruck (MUI) take the KPJ-OSCE, an objective structured clinical exam testing clinical skills in a simulated environment, before starting their clinical-practical year (KPJ). The unfamiliar exam format poses a challenge that can negatively impact performance. The project aimed to familiarize students with the format to enable realistic evaluations by reducing test anxiety. For this purpose, the elective course “SkillsLab Internal Medicine” was introduced, where students actively participated in a 10-minute OSCE simulation followed by feedback. Alternatively, one cohort attended a lecture (passive) where the same content was presented. Students without structured preparation served as a control group.
Students who completed the elective “SkillsLab Internal Medicine” achieved significantly better test results and pass rates (91%) compared to those attending the lecture (84%) or without preparation (87%). Women performed better on average than men, a gap that was balanced by our elective.
The project demonstrates that "constructive alignment" (matching preparation and examination) is crucial for success. Courses, following the constructive alignment approach, are significantly more effective from both student and instructor perspectives and may have big implications on the development of new and existing curricula.
Nähere Beschreibung des Projekts
Ausgangslage und Motiv für das Lehrprojekt
Studierende der Humanmedizin an der Medizinischen Universität Innsbruck (MUI) stehen am Ende ihres Studiums vor dem Beginn des klinisch praktischen Jahres (KPJ) vor einer objektiven strukturierten klinischen Prüfungen (OSCE), dem KPJ-OSCE. Der KPJ-OSCE testet klinische Kompetenzen in einer simulierten Umgebung sehr nahe am tatsächlichen klinischen Alltag (mit Schauspieler-Patient:innen, digitalem Live-Monitor für Vitalparameter wie Blutdruck, Atem- und Herzfrequenz, etc. aber auch Laborbefunden und Bildgebungen usw.). Der KPJ-OSCE besteht insgesamt aus 8 verschiedenen Stationen aus verschiedenen klinischen Fächern (Innere Medizin, Chirurgie, Kinderheilkunde, Radiologie, etc.). Je Station wird für sich bewertet. Die Summe aller 8 Station ergibt einen Gesamtscore für die Bestehensberechnung.
Trotz der hohen Zuverlässigkeit und Validität dieser Prüfungen ist das Format dieser Prüfung für die Studierenden, die bis dato nur 2 OSCEs durchlaufen haben, ungewohnt und gerade diese Eingangsprüfung ins klinische praktische Jahr völlig unbekannt und sowohl inhaltlich als auch vom Aufbau her fordernder als die bisherigen OSCEs. Das kann sich negativ auf die Leistungen der Studierenden auswirken. Ziel des Lehrprojekts war es daher, Studierende gezielt mit dem OSCE-Format der Inneren Medizin Station vertraut zu machen, um sicherzustellen, dass ihre Kompetenzen realistisch bewertet werden und z.B. Prüfungsangst aufgrund des ungewohnten Formats bzw. Aufbaus reduziert wird.
Methoden und Lehransatz
Das Projekt setzt auf die Vermittlung von Prüfungsfamiliarität durch folgende Interventionen.
- Aktive Intervention = Wahlfach "SkillsLab Innere Medizin": Studierende durchlaufen in diesem Wahlfach eine 10-minütige OSCE-Simulation (aus der Inneren Medizin), bei der sie als Prüfling agierten. Anschließend erhalten sie Feedback von den Prüfer:innen, bestehend aus Dozent:innen der Inneren Medizin an der MUI. Diese Methode ist dadurch sehr praxisnah und anwendungsorientiert.
- Passive Intervention: Diese Vergleichsgruppe sah im Hörsaal in einem Vorlesungssetting (Vortragender und Auditorium) passiv ein Video zu einer OSCE-Simulation, konnte also die Prüfungssituation nicht selbst aktiv erleben. Im diesem Video ist ein kompletter OSCE Durchlauf zu sehen. Die formalen Inhalte (Struktur der Station, Aufbau des Prüfungszimmers etc.) des Videos sind deckungsgleich mit den Inhalten des Wahlfachs "SkillsLab Innere Medizin" aus der aktiven Intervention. Nach der Videovorführung wurde auf dieselben Schwerpunkte / Pitfalls etc. wie im Wahlfach, nur eben nach wie vor in frontaler Form, eingegangen. Der Hintergrund in der Etablierung dieser passiven Intervention war, eine möglichst gute Vergleichsgruppe zur aktiven Intervention hinsichtlich des Motivationsniveaus der Studierenden zu schaffen. Die Studierenden in dieser Gruppe hatten sich für die aktive Intervention angemeldet, konnten aber aufgrund von Platzmangel nicht bei der aktiven Intervention (dem Wahlfach) teilnehmen. Es sind also prinzipiell auch hochmotivierte Studierende, die sich vorbereiten wollten und lernaffin sind. (Anmerkung: Aufgrund des schlechten Abschneidens der Studierenden aus dieser Gruppe ist diese Intervention nur in einem Jahr durchgeführt worden und in Zukunft nicht mehr geplant.)
- Kontrollgruppe: Studierende ohne spezifische Vorbereitung dienen als Kontrollgruppe, um die Wirksamkeit der Interventionen zu evaluieren.
Wichtig: Die Vorbereitung 1. und 2. zielen nicht auf das Einprägen von Checklisten oder die Vermittlung von Fachwissen ab, sondern auf die Vertrautheit mit dem Prüfungsablauf und die durchzuführenden Tätigkeiten (z. B. Anamnese, strukturierte Übergaben, Interpretation von Labor oder Vitalzeichenmonitordaten).
Ziele des Lehrprojekts
- Primäres Ziel: Verbesserung der OSCE-Leistungen durch eine aktive Vorbereitung, die nicht reine Wissensvermittlung ist, sondern den Fokus auf das praktische Durchführen / Erleben der Prüfungssituation legt.
- Sekundäres Ziel: Vergleich der Effektivität unterschiedlicher Methoden zur Prüfungsfamiliarisierung (aktive Teilnahme vs. passive Wissensvermittlung (vs. keine Intervention als Kontrolle)).
- Langfristiges Ziel: Stärkung des selbstbewussten Umgangs mit Prüfungsformaten, unabhängig von deren Fachinhalt.
Ergebnisse des Lehrprojekts
945 Studierende nahmen an unserem Wahlfach und 52 Studierende an der passiven Intervention teil. 719 Studierende hatten keine spezifische Vorbereitung. Die Ergebnisse sind im BMC Medical Education 2024 publiziert worden (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38395807/). Anmerkung: Die Ergebnisse sind hier aus Platzgründen vereinfacht und kumulativ dargestellt.
- Aktive Intervention: Im Vergleich zur Kontrollgruppe, erzielten Studierende, die unser Wahlfach / die aktive OSCE-Simulation durchliefen, signifikant bessere Ergebnisse sowohl in der Fachstation (Innere Medizin) (+4%) als auch interessanterweise im Gesamtscore (+13%) aller 8 Stationen. Die Bestehensrate (gerechnet über den gesamten KPJ-OSCE, also alle 8 Stationen) waren deutlich höher (91 vs. 84 %), vice versa die Durchfallsraten (9 vs. 16%) geringer. Statistisch (Risikoberechnung mittels multivariater Cox-Regression) hatten Studierende nach Absolvieren des Wahlfachs eine 2-3-fach höhere Wahrscheinlichkeit den OSCE zu bestehen.
- Passive Intervention: Diese Gruppe, die nur das Video sah, schnitt deutlich schlechter im Vergleich zur Wahlfachgruppe ab (Bestehensrate 83 vs. 95% in der Wahlfachgruppe).
- Die Ergebnisse nach der passiven Intervention waren numerisch sogar schlechter als in der Kontrollgruppe (Bestehensrate 87%) ohne jedoch das Signifikanzniveau zu erreichen.
- Die geschlechterbezogene Analyse zeigte, dass Frauen im Durchschnitt bessere Ergebnisse erzielten. Dieser Effekt wurde jedoch durch die aktive Intervention ausgeglichen.
Diskussion
Das Lehrprojekt zeigt, dass die Vertrautmachung mit Prüfungsformaten eine zentrale Rolle für den Erfolg in OSCE-Prüfungen spielt. Dabei ist die aktive Teilnahme entscheidend, um den Lernprozess nachhaltig zu fördern. Studierende lernen besser durch eigenes Handeln (z. B. Rollenspiele, wie unserem Wahlfach) als durch passives Konsumieren von denselben Informationen (z. B. Vorlesungen, wie in unserer passiven Intervention / Vergleichsgruppe). Hervorzuheben ist, dass das Format der Vorbereitung eng mit dem Prüfungsformat abgestimmt ist (sogenannte constructive alignment), und so maximale Effektivität erzielt.
Fazit
Das Projekt unterstreicht die Bedeutung von aktiven, praxisorientierten Lernmethoden zur Vorbereitung auf OSCEs bzw. praktische Prüfungen im Allgemeinen (constructive alignment). Der Fokus auf die Vertrautheit mit dem Prüfungssetting, statt auf spezifische Fachinhalte, ermöglichte es den Studierenden, ihre klinischen Fähigkeiten besser zur Geltung zu bringen. Zukünftig könnten ähnliche Ansätze auf andere Prüfungsformate ausgeweitet werden, um den Lernerfolg und die Prüfungsleistung von Studierenden nachhaltig zu steigern. Durch die Effizienzsteigerung ist außerdem die Möglichkeit zur Zeitersparnis für Studierende und Dozierende gegeben, was wiederum möglicherweise in der Zukunft sogar Auswirkungen auf das ganze Curriculum "Humanmedizin" haben könnte.
Akzeptanz und Resonanz
Unser Wahlfach "SkillsLab Innere Medizin" wird seit der Etablierung von den Studierenden sehr, sehr gut angenommen. Es wird jedes Semester angeboten und wir bemühen uns, möglichst viele Plätze anzubieten. Leider ist es aufgrund der limitierten Anzahl der Dozierenden nicht möglich für alle Studierende einen Platz zu generieren. Wir schaffen es aber für ca. zwei Drittel aller Studierenden der Humanmedizin (ca. 360-380/Jahr) Plätze anzubieten. De facto sind immer alle Plätze ausgebucht, was auch an den Teilnehmerzahlen (945 Studierende von 2018-2023, wobei 2020 und 2021 aufgrund der CoViD-19 Pandemie kein Wahlfach angeboten werden konnte) abzuleiten ist.
Nutzen und Mehrwert
Durch die Abhaltung als Wahlfach können wir v.a. die Randzeiten, an denen Studierende in ihrer Einteilung freier sind, nutzen. Das erlaubt uns maximale Flexibilität.
Der größte Vorteil unseres Wahlfaches ist die Effizienz. Jede:r Studierende wird in 10 Minuten aktiv auf das Prüfungsszenario vorbereitet und bekommt ein Kurzfeedback. In Anbetracht dieser kurzen Zeit ist der Effekt doch erstaunlich groß (siehe vorne bzw. Publikation für Details: pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10893607/).
Ein zukünftiger Mehrwert, wenn so strukturierte Lehrveranstaltungen in Curricula einen zunehmend größeren Anteil einnehmen, könnte eine auch zeitliche Straffung der jeweiligen Curricula bzw. Teilen davon sein.
Übertragbarkeit und Langlebigkeit
Das Projekt läuft seit 2018
Gegebenenfalls geplanter Endzeitpunkt: wird fortgesetzt
Das Wahlfach wird jährlich an die Prüfungssituationen im OSCE angepasst. Sollte z.B. eine neue Art von Gerät (Blutdruckmessung, Vitalzeichenmonitor, Puppen, etc.) in der Prüfung zum Einsatz kommen, wird dieses Gerät auch im Wahlfach integriert werden.
Das Konzept ist das "constructive alignment". Daher ist dieses prinzipiell auf jede Lehrveranstaltung mit Prüfung übertragbar und zwar in und außerhalb der Hochschule. Wir haben z.B. das Radiologiepraktikum im Hause nach diesem Gesichtspunkt verändert und dadurch die Performance der Studierenden auch wesentlich verbessern können.
Institutionelle Unterstützung
Das Projekt wird von der Medizinischen Universität Innsbruck (MUI) durch Bereitstellung der Gerätschaften und durch die 5 Univ.-Kliniken für Innere Medizin an der MUI durch Personal und durch die nötigen Räumlichkeiten unterstützt. Die Zeit der Dozierenden wird durch Lehrbeauftragung in Form von Lehrleistung abgegolten.
Wir werten die Studierendenfeedbacks, die routinemäßig erhoben werden, jährlich aus und adaptieren je nach Feedback (meist Kleinigkeiten). Die Studierendenleistungen in der OSCE-Prüfung werden erhoben. Der Einfluss unserer Wahlfaches auf diese Leistungen wurde im Rahmen dieses Projektes im Jahr 2023/2024 zuletzt erhoben und wird auch in Zukunft wieder analysiert werden.