Zuletzt aktualisiert am 09.06.2026
Seminar „Politische Kommunikation“: Politik-TikTok Atlas Österreich
Bei dem Projekt handelt es sich um ein neues Projekt / eine wiederholte Einreichung
Lore Hayek
Das Forschungsteam aus dem Seminar "Politische Kommunikation"
Ars Docendi Kategorie
Forschungsbezogene bzw. kunstgeleitete Lehre
Ars Docendi Kriterien
- Innovative Hochschuldidaktik
- Studierenden- und Kompetenzorientierung
- Partizipation und Mitgestaltung
Gruppengröße
20-49
Anreißer (Teaser)
Von der Hypothese zum ORF-Beitrag: Studierende erforschten die TikTok-Nutzung von österreichischen Politiker:innen und veröffentlichten ihre Ergebnisse als interaktiven Atlas – inklusive überraschender Erkenntnisse zu Parteien, Alter und Reichweite.
Kurzzusammenfassung des Projekts
Der "Österreichische Politik-TikTok-Atlas" entstand als kollaboratives Forschungsprojekt im Masterseminar "Politische Kommunikation“. Studierende durchliefen dabei den kompletten Forschungszyklus und konnten dadurch Verständnis für akademisches Projektmanagement entwickeln, praktische Erfahrung in Datensatzerstellung sammeln und Wissenschaftskommunikation an eine breite Öffentlichkeit erlernen.
Das Projekt erfüllt mehrere horizontale Kriterien: Partizipation und Mitgestaltung, Studierenden-und Kompetenzorientierung, sowie Innovative Hochschuldidaktik. Als Warm-Up erläuterten zwei Nationalratsabgeordnete (Steiner/FPÖ, Maurer/Grüne) ihre TikTok-Strategien. Studierende formulierten darauf basierend Hypothesen, entwickelten ein Codebook und erhoben Daten von 845 politischen Akteur:innen (301 mit TikTok-Account). Die Analyse erfolgte in selbstorganisierten Teams (Statistik- und ÖA-Gruppe), die sich über Signal koordinierten.
Die Forschung ergab überraschende Erkenntnisse: EU-Abgeordnete nutzen TikTok häufiger als Nationalratsabgeordnete, Grüne sind prozentual am stärksten vertreten, jüngere Politiker:innen sind signifikant aktiver, aber es besteht kein Gender-Unterschied.
Die Veröffentlichung umfasste einen Beitrag in ORF Tirol heute, eine wissenschaftliche Website mit interaktiven Visualisierungen, sowie einen AUSSDA-Datensatz. Die Bewertung erfolgte über kollektive Basisarbeit (Codierung) plus individuelle Portfolios mit selbst definierten Beiträgen.
Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache
The "Austrian Politics TikTok Atlas" emerged as a collaborative research project in the Master's seminar "Political Communication". Students went through the complete research cycle, enabling them to develop an understanding of academic project management, gain practical experience in dataset creation, and learn how to communicate scientific results to a broad public. The project fulfills several horizontal criteria: participation and co-creation, student and competency orientation, as well as innovative university didactics.
As a warm-up, two National Council members (Steiner/FPÖ, Maurer/Greens) explained their TikTok strategies. Based on these talks, students formulated hypotheses, developed a codebook, and collected data on 845 political actors (301 with TikTok accounts). The analysis was conducted in self-organized teams (statistics and PR groups) that coordinated via Signal. The research yielded surprising findings: EU parliamentarians use TikTok more frequently than National Council members, the Greens are proportionally most strongly represented, younger politicians are significantly more active, but there is no gender difference.
The publication included a feature on ORF Tirol heute, a scientific website with interactive visualizations, as well as an AUSSDA dataset. Assessment was based on collective foundational work (coding) plus individual portfolios with self-defined contributions.
Nähere Beschreibung des Projekts
Politik-TikTok Atlas Österreich
Seminar „Politische Kommunikation“
MA Politikwissenschaft
Wintersemester 2025/26
2 SSt./5 ECTS, Wahlfach
22 Teilnehmer:innen
Formen politischer Kommunikation waren immer einem Wandel entlang des technologischen Fortschritts unterworfen. Zur Zeit erleben wir einen Fokus auf algorithmen-basierte Plattformen wie Instagram, Snapchat und TikTok. In diesem Seminar setzten wir uns mit dem Kommunikationsstrategien von Parteien und Politiker:innen auf diesen Plattformen auseinander. Kern des Seminars war die Konzeption eines gemeinsamen Forschungsprojekts, an dessen Ende die Präsentation eines „Österreichischen Politik-TikTok-Atlas“ stand.
Aus didaktischer Sicht verfolgte die Lehrveranstaltung drei Ziele:
1. Ein Verständnis für die Prinzipien des akademischen Projektmanagements zu entwickeln, von der Konzeption der Forschungsfragen bis zur Präsentation der Ergebnisse. Dieses Wissen können die Studierenden sowohl bei ihrer eigenen Masterarbeit anwenden, als auch als studentische Mitarbeiter:innen oder Dissertant:innen in laufenden Forschungsprojekten einsetzen.
2. Die Erstellung und Kuratierung eines sozialwissenschaftlichen Datensatzes mit allen ihren Problemen zu erleben. Viele Studierende erlernen im Laufe ihres Studiums Fertigkeiten im Analysieren von Daten, jedoch üben sie dies hauptsächlich an bereits bestehenden Datensätzen. 3. Die Kommunikation von wissenschaftlichen Erkenntnissen an eine breite Öffentlichkeit zu erlernen. Dazu gehört die Aufbereitung der Ergebnisse in einer verständlichen Form, sowie die Kommunikation mit Journalist:innen, Pressesprecher:innen und anderen Stakeholder:innen rund um die Veröffentlichung dieser Ergebnisse. Die Lehrveranstaltung erfüllte insbesondere das horizontale Kriterium „Partizipation und
Mitgestaltung“, da bis auf die grundlegende Fragestellung („Wir erforschen das Kommunikationsverhalten österreichischer Politiker:innen auf TikTok“) durch die LV-Leitung keine Vorgabe eines Endproduktes erfolgte. Die Studierenden einigten sich als zu Beginn des Semesters als Gruppe darauf, dass ein zur Veröffentlichung geeigneter Datensatz und eine Website zur Kommunikation der Ergebnisse das Ziel der Lehrveranstaltung und damit die zu beurteilende Prüfungsleistung sein sollte. Zusätzlich bedient die Lehrveranstaltung das Kriterium „Studierenden- und Kompetenzorientierung“, da die Teilnehmer:innen ihren jeweiligen Beitrag zum Endprodukt selbst nach ihren Fähigkeiten auswählen konnten, sowie das Kriterium „Innovative Hochschuldidaktik“, indem forschendes Lernen unter möglichst realen Bedingungen umgesetzt wurde.
Das Semester gliederte sich nach den einführenden Einheiten in vier Phasen:
1. Inhaltliche Vorbereitung
2. Datenerhebung und Codierung
3. Datenanalyse
4. Veröffentlichung der Ergebnisse
Als „Warm-Up“ für das intensive Forschungssemester lud ich zwei Nationalratsabgeordnete (Christoph Steiner – FPÖ und Sigi Maurer – Grüne) in das Seminar ein, die den Studierenden erläuterten, wie sie selbst und ihre Partei TikTok für die politische Kommunikation nutzen und anschließend mit den Studierenden über die Möglichkeiten und Herausforderungen der Social Media Kommunikation für Politiker:innen diskutierten.
In den folgenden Wochen formulierten die Studierenden auf Basis der beiden Gespräche und der Grundlagenliteratur die zu untersuchenden Hypothesen und entwickelten daraus das Codebook für die anschließende Codierung der TikTok-Accounts. Meine Rolle beschränkte sich in dieser Phase auf die der Beobachterin bzw. Beraterin, ich verzichtete aber bewusst auf eine strukturierte Anleitung des Prozesses, um eben die möglichen „pitfalls“ des akademischen Projektmanagements deutlich werden zu lassen. Tatsächlich kam es in dieser Phase auch zu typischen Problemen (z.B. unklare Definitionen von Variablen, Fehlcodierungen etc.), die dann auch entsprechende Domino-Effekte in der Datenbereinigung und -analyse entfalteten. Während die Studierenden in der LV-Evaluierung und der abschließenden Feedback-Runde diese Phase durchaus als „chaotisch“ benannten, so erkannten sie gleichzeitig, wie man sprichwörtlich „aus Fehlern lernen“ kann – Ziel erreicht. (Zitat aus der LV-Evaluierung: „Am Anfang war für alle noch etwas unklar was die Anforderungen der LV sind, seit der Einheit vor Weihnachten hat sich das jedoch gebessert und wir haben kommuniziert. Eventuell dass man die Studierenden schon ab der ersten Einheit dazu bringt sich auszutauschen und wirklich dazu bringt miteinander zu reden.“)
Nach zwei Codierrunden war die Datenerhebung kurz vor Weihnachten abgeschlossen. In der nächsten Phase teilten sich die Studierenden in zwei Gruppen auf: einerseits eine Statistik-Gruppe, die sich um Datenanalyse und Visualisierung der Ergebnisse kümmerte, und andererseits eine Öffentlichkeitsarbeits-Gruppe, die die Veröffentlichung der Ergebnisse vorbereitete. Wiederum leitete ich als Lehrperson diese Arbeitsschritte nur ein, war dann allerdings sogar ganz praktisch aus dem Prozess ausgeschlossen, der – bereits aus den Versäumnissen der Codier-Runden lernend – über eine sehr aktive Signal-Gruppe koordiniert wurde. Die Gruppe erkannte diesmal schnell, dass „Statistiker:innen“ und „ÖA-Gruppe“ nicht komplett getrennt voneinander tätig werden konnten, und legten ihre Arbeitsschritte eng verzahnt an. Auch die Kommunikation nach außen fiel in diese Phase: Zum einen bereitete die Daten-Gruppe die Veröffentlichung des Datensatzes im Austrian Social Science Archive vor, zum anderen nahm die ÖA-Gruppe Kontakt mit dem Pressebüro der Uni sowie mit einer Journalistin des ORF Tirol auf, um die Veröffentlichung vorzubereiten.
In den Januarwochen 2026 machte sich die Seminargruppe schließlich kollektiv an den Feinschliff: Analyse, Visualisierungen und Texte wurden kritisch in der Gruppe diskutiert und verbessert, bevor sie an das Redaktionsteam der Website gingen. Die Gruppe entschied zu diesem Zeitpunkt auch, den kollektiven Lernprozess – die „Limitations“ des Forschungsprojektes – aktiv auf der Website zu benennen, um auch zu zeigen, welches zukünftige Forschungspotential in der Beschäftigung mit dem Thema liegt.
In der letzten Semesterwoche kam es zum Höhepunkt des Projekts: Die Studierenden präsentierten ihre Forschungsergebnisse einer breiten Öffentlichkeit. Am 26.01.2026 besuchte ein Kamerateam des ORF Tirol das Seminar und filmte einen Beitrag über das Forschungsprojekt. Eine Gruppe von Studierenden erklärten vor laufender Kamera ihre Methodik und die wichtigsten Erkenntnisse zum TikTok-Verhalten österreichischer Politiker:innen. Zeitgleich ging die von den Studierenden gestaltete Website (siehe Linkliste), auf der der vollständige "Österreichische Politik-TikTok-Atlas" mit interaktiven Visualisierungen und Analysen präsentiert wurde. Die Website macht die Forschungsergebnisse nicht nur für ein Fachpublikum, sondern auch für interessierte Bürger:innen und Journalist:innen zugänglich. Die ÖA-Gruppe koordinierte die Veröffentlichung strategisch: Der Datensatz wird im Austrian Social Science Data Archive (AUSSDA) zur Nachnutzung durch andere Forscher:innen bereitgestellt*, im Newsroom der Universität Innsbruck wurde eine Meldung veröffentlicht (siehe Linkliste), und die Gruppe nutzte Instagram, Facebook, Bluesky und LinkedIn (also alles außer TikTok ), um auf die Veröffentlichung aufmerksam zu machen. Für die Studierenden war diese Phase eine intensive Lernerfahrung in Wissenschaftskommunikation: Sie mussten komplexe Forschungsergebnisse für verschiedene Zielgruppen aufbereiten, mit Medienvertreter:innen kommunizieren und die Veröffentlichung zeitlich koordinieren – Kompetenzen, die weit über klassische Seminararbeiten hinausgehen.
Die Analyse der 845 politischen Akteur:innen ergab, dass 301 (35,6%) über einen TikTok-Account verfügen. Besonders überraschend: EU-Abgeordnete nutzen TikTok häufiger (über 50%) als Nationalrats- oder Landespolitiker:innen. Im Parteienvergleich sind die Grünen prozentual am stärksten vertreten, während die SPÖ absolut die meisten Accounts aufweist und die ÖVP die geringste Präsenz zeigt. Jüngere Politiker:innen sind signifikant häufiger auf TikTok aktiv, überraschenderweise zeigt sich jedoch kein Gender-Unterschied. Tirol ist TikTok-Spitzenreiter unter den Bundesländern. Die Reichweitenanalyse offenbarte starke Konzentration bei wenigen viralen Top-Accounts. Bei privatisierenden Inhalten zeigt sich: Erfolgreiche Accounts kombinieren persönliche Selbstdarstellung mit politischer Wiedererkennbarkeit. TikTok wird fast immer ergänzend zu Facebook und Instagram genutzt.
Die Beurteilung der Prüfungsleistung erfolgte über ein zweigliedriges Bewertungssystem, das sowohl die kollektive Projektarbeit als auch individuelle Beiträge berücksichtigte. Alle Studierenden mussten sich aktiv an der Codierung und Datenbereinigung beteiligen – diese Basisarbeit am gemeinsamen Datensatz war Voraussetzung für eine positive Note. Darüber hinaus trugen die Teilnehmer:innen individuell definierte Bausteine zu den Endprodukten (Website und Datensatz) bei, die je nach Rolle und Kompetenz unterschiedlich ausfielen. Beispiele für solche individuellen Leistungen waren etwa "sämtliche Texte der einzelnen Gruppen lektorieren und für die Website redigieren", "Hypothese 1 ausarbeiten und die gesamte statistische Analyse samt Erstellung der Grafiken in R durchführen, inkl. Entwicklung eines einheitlichen R-Themes für die Visualisierungen", "Konzeption und Umsetzung des Website-Designs" oder "Koordination der Pressekontakte und Verfassen der Pressemeldung". Jede:r Studierende dokumentierte die eigenen Beiträge in einem Portfolio, das am Ende des Semesters eingereicht wurde.
Bei der Umsetzung konnten die Studierenden auf Servicestellen der Universität Innsbruck wie das Büro für Öffentlichkeitsarbeit (für Pressemeldung und Social Media) und den FAIR Infopoint der Fakultät für Soziale und Politische Wissenschaften (für die AUSSDA-Veröffentlichung) zurückgreifen.
Die Nachhaltigkeit des Projekts zeigt sich auf mehreren Ebenen. Der erhobene Datensatz bleibt dauerhaft über AUSSDA für die Forschungsgemeinschaft zugänglich und kann von anderen Wissenschaftler:innen für Analysen genutzt werden. Die Website dokumentiert die Ergebnisse langfristig und dient als Referenz für künftige Forschung zu politischer Kommunikation auf TikTok. Mehrere Studierende haben angekündigt, die entwickelten Kompetenzen in ihren Masterarbeiten einzusetzen bzw. sich weitergehend mit politischer Kommunikation auf Social Media auseinanderzusetzen (Zitat aus der LV-Evaluierung: „Die LV ist wirklich sehr gut! Es ist einmal was anderes, praxisorientiert und man kann einen Beitrag leisten. Außerdem lernt man mal wirklich wissenschaftlich zu arbeiten, in der Theorie lernt man ja gewisse Dinge aber in der Umsetzung ist es immer ein wenig schwieriger. Ich würde auf jeden Fall auch in der Zukunft solche LVs super finden, man kann ja zb auch an einem Projekt weiterarbeiten“). Ich selbst werde die Lehrveranstaltung im Wintersemester 2026/27 mit Fokus auf die US Midterm Elections wiederholen und dabei die TikTok-Auftritte aller Kandidat:innen für das House of Representatives erheben lassen.
* die Veröffentlichung bei AUSSDA dauert noch ein wenig. Einstweilen ist der Datensatz im Github der Uni Innsbruck abrufbar.
Akzeptanz und Resonanz
Globalwerte aus der LV-Evaluierung:
Inhalt und Aufbau: 1,3
Vermittlung und Aufbereitung: 1,4
Studentisches Interesse: 1,3
Aufwand und Leistungsbeurteilung: 2
Zusammenfassung der Evaluierungskommentare
Insgesamt waren die Bewertungen der Studierenden in der LV-Evaluierung überwiegend positiv. Die Studierenden lobten einhellig das innovative Lehrformat. Das eigenständige Arbeiten am realen Forschungsprojekt wurde als "praxisorientiert" und "mal was anderes statt klassischer Präsentationen und Seminararbeiten" geschätzt. Mehrfach betont wurde der Lerneffekt: "man lernt mal wirklich wissenschaftlich zu arbeiten, in der Theorie lernt man gewisse Dinge, aber in der Umsetzung ist es schwieriger." Die Möglichkeit, einen eigenen Beitrag zu leisten und "interessanten Datensatz zusammen zu produzieren", motivierte stark.
Die Gespräche mit den Nationalratsabgeordneten wurden als "sehr gewinnbringend und interessant" hervorgehoben. Das Einbeziehen von Gästen aus der Praxis sei "nicht
selbstverständlich und hat viele Teilnehmenden motiviert."
Studierende schätzten die Freiheit, sich "nach eigenen Interessen und Stärken einzubringen" sowie den großen Freiraum, den die Lehrperson gewährte. Die angenehme Atmosphäre und der Realitätsbezug des finalen Projekts wurden positiv erwähnt. Mehrere äußerten den Wunsch, "auf jeden Fall auch in der Zukunft solche LVs" zu erleben oder "an einem Projekt weiterarbeiten" zu können.
Die Verbesserungsvorschläge der Studierenden betrafen vor allem die Verteilung der Aufgaben und Kompetenzen, also jenen Teil der LV, in dem ich bewusst nicht allzu konkrete Vorgaben gemacht habe, um eben die Teamarbeit um Projekt zu stärken: Studierende wünschten sich klarere Kommunikation zu Bewertungskriterien und individueller Leistungserbringung bereits ab der ersten Einheit. "Am Anfang war für alle noch etwas unklar, was die Anforderungen sind, seit der Einheit vor Weihnachten hat sich das gebessert."
Konkrete Vorschläge: Aufgaben innerhalb der Seminargruppe klarer verteilen, früher Deadlines setzen, intensivere Abstimmung in der Gruppe zu Beginn fördern, Studierende "ab der ersten Einheit dazu bringen, sich auszutauschen und miteinander zu reden." Die Herausforderungen von Gruppenarbeit wurden mehrfach thematisiert: "Gruppenarbeiten manchmal ziemlich herausfordernd", gleichzeitig aber als wichtige Lernerfahrung geschätzt.
Ich habe diese Punkte der Studierenden noch im laufenden Semester aufgegriffen und mit ihnen den von mir erwünschten Effekt des „aus Fehlern Lernens“ besprochen, was von den Studierenden auch anerkannt wurde. Auch wenn sich das nicht positiv in der LV-Evaluierung niederschlägt, würde ich es bei einer Wiederholung der LV trotzdem wieder so gestalten, da das „gewollte Scheitern“ eben nicht mit klarerer Kommunikation zu Semesterbeginn in Einklang zu bringen ist.
Nutzen und Mehrwert
Der besondere Mehrwert des Projekts liegt in der Verbindung von drei Dimensionen, die in der universitären Lehre selten gemeinsam realisiert werden:
1. Echte Forschung statt Simulation
Im Gegensatz zu klassischen Forschungsseminaren, in denen Studierende an Übungsdatensätzen arbeiten oder simulierte Projekte durchführen, produzierten die Studierenden tatsächlich wissenschaftlich verwertbare Ergebnisse. Der erhobene Datensatz ist die erste vollständige systematische Erhebung zur TikTok-Nutzung österreichischer Politiker:innen und wird dauerhaft über AUSSDA der Forschungsgemeinschaft zur Verfügung stehen. Die Studierenden erleben damit nicht nur Forschung, sondern leisten einen echten Forschungsbeitrag – ein fundamentaler Unterschied in der Lernmotivation und im Kompetenzerwerb.
2. Wissenschaftskommunikation als integraler Bestandteil
Die meisten Forschungsseminare enden mit einer Seminararbeit oder Präsentation vor Kommiliton:innen. Dieses Projekt ging darüber hinaus: Studierende mussten ihre Ergebnisse vor ORF-Kameras erklären, eine öffentlich zugängliche Website gestalten, Pressemeldungen verfassen und Social-Media-Kampagnen koordinieren. Sie lernten, komplexe Forschung für verschiedene Zielgruppen aufzubereiten – eine Schlüsselkompetenz, die im Studium meist vernachlässigt wird. Die öffentliche Sichtbarkeit (ORF-Beitrag, Universitäts-Newsroom) verlieh dem Projekt zusätzliche Relevanz und Anerkennung.
3. "Produktives Scheitern" als bewusstes didaktisches Element
Das Alleinstellungsmerkmal liegt in der kontrollierten Unsicherheit: Ich verzichtete bewusst auf allzu detaillierte Anleitungen, um reale Projektmanagement-Herausforderungen entstehen zu lassen. Unklar definierte Variablen, Fehlcodierungen und Koordinationsprobleme wurden nicht als Fehler gewertet, sondern als wertvolle Lernmomente genutzt. Wie die Evaluierung zeigt, erkannten Studierende: "in der Theorie lernt man gewisse Dinge, aber in der Umsetzung ist es schwieriger" – genau diese Erkenntnis war didaktisches Ziel. Die zweite Projektphase zeigte dann deutlich verbesserte Selbstorganisation, weil die Gruppe aus Versäumnissen gelernt hatte
Übertragbarkeit und Langlebigkeit
Das Projekt läuft seit 2025
Ich werde die Lehrveranstaltung im Wintersemester 2026/27 mit Fokus auf die US Midterm Elections wiederholen und dabei die TikTok-Auftritte aller Kandidat:innen für das House of Representatives erheben lassen.
Institutionelle Unterstützung
Bei der Umsetzung konnten die Studierenden auf Servicestellen der Universität Innsbruck wie das Büro für Öffentlichkeitsarbeit (für Pressemeldung und Social Media) und den FAIR Infopoint der Fakultät für Soziale und Politische Wissenschaften (für die AUSSDA-Veröffentlichung) zurückgreifen.