Zuletzt aktualisiert am 10.09.2026
Revolutionize Digital Marketing Techniques with AI & Smart Tools: Convert Customers to Raving Fans (PI)
WU Wien & Lucía Ugena
Das Poster wurde für "The Art of Teaching 2024" an der WU Wien in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Lucía Ugena erstellt und beschreibt das mit dem Preis für Innovative Lehre 2024 prämierte LV-Design von Bettina Wittmann.
Kurzzusammenfassung des Projekts
Die Lehrveranstaltung „Revolutionize Digital Marketing Techniques with AI & Smart Tools" (PI) verwandelt eine klassische Lehrveranstaltung in ein studierendenzentriertes, skalierbares Lernsystem. Statt generischer Gruppenarbeiten übernehmen Studierende rollenbasierte Verantwortung in einer simulierten digitalen Agentur, die mit realen, semesterwechselnden Unternehmensherausforderungen arbeitet. Grundlage ist ein strukturierter Einstiegsfragebogen: Individuelle Vorkenntnisse, Interessen und Lernziele werden systematisch erhoben und mit Hilfe von KI in personalisierte Rollen und Lernpfade übersetzt. Neben der gemeinsamen Projektarbeit erstellt jede:r Student:in ein eigenes Lehr-Tutorial mit Tools, Prompts und Reflexion, das peer-evaluiert wird und in ein semesterübergreifendes Wissensarchiv einfließt. Lernen geschieht damit nicht nur im Team, sondern auch über Kohorten hinweg und schafft eine partizipative Qualitätskultur sowie nachhaltigen Wissenstransfer. Künstliche Intelligenz ist kein Abkürzungswerkzeug, sondern ein didaktisch integriertes Reflexions- und Arbeitsinstrument. Studierende lernen, KI verantwortungsvoll für Recherche, Strukturierung, Analyse und Ideation einzusetzen und ihre Grenzen kontinuierlich zu bewerten. Klare Meilensteine, transparente Bewertungskriterien und strukturierte Feedbackschleifen sichern Studierbarkeit, faire Arbeitsbelastung und nachhaltigen Kompetenzerwerb. Das Konzept wurde 2024 mit dem WU Innovative Teaching Award ausgezeichnet.
Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache
The course “Revolutionize Digital Marketing Techniques with AI & Smart Tools” transforms a traditional university course into a student-centered, scalable learning system. Instead of working in generic groups, students take on role-based responsibilities within a simulated digital agency that tackles real and current business challenges. A structured entry survey maps prior knowledge, interests, and learning goals and translates them into personalized roles and learning paths. Beyond the shared project work, each student creates an individual learning tutorial documenting tools, methods, and reflections. These tutorials are peer-reviewed and become part of a growing, cross-semester knowledge repository. Learning therefore happens not only within teams, but also across cohorts, fostering a participatory quality culture and sustainable knowledge transfer. Artificial intelligence is not used as a shortcut, but as a critically reflected learning and working instrument. Students learn to apply AI responsibly for research, structuring, analysis, and ideation, while continuously evaluating its limits and implications. Clear milestones, transparent assessment criteria, and structured feedback loops ensure studyability, fair workload distribution, and sustainable competence development. The concept was awarded the WU Innovative Teaching Award in 2024.
Nähere Beschreibung des Projekts
1. Ausgangslage: Digitales Marketing in einer Zeit des permanenten Wandels
Digitales Marketing war schon immer ein schnelles Feld. Plattformen kommen und gehen, Algorithmen ändern sich, Zielgruppenverhalten verschiebt sich, neue Kanäle entstehen über Nacht. Was gestern als Best Practice galt, ist heute obsolet. Wer im digitalen Marketing erfolgreich sein will, braucht deshalb nicht primär ein festes Regelwerk, sondern die Fähigkeit, sich schnell zu orientieren, Neues einzuordnen und fundiert zu entscheiden.
Durch Künstliche Intelligenz hat sich diese Dynamik nochmals dramatisch beschleunigt. KI ist in modernem Marketing keine Ergänzung mehr, sondern struktureller Bestandteil: Content-Erstellung, SEO-Analyse, Customer Journey Mapping, E-Mail-Automatisierung, Zielgruppensegmentierung, Social Media Management, zusammenhängende Unternehmensprozesse. Es gibt kaum einen Bereich, der nicht bereits durch KI-Tools transformiert wird. McKinsey State of Marketing Europe 2026 (n=500) zeigt jedoch: Nur 6 Prozent der Unternehmen weisen heute eine hohe KI-Reife auf. Diese erzielen dafür jedoch über 20 Prozent Effizienzgewinne. 41 Prozent der CMOs nennen Skill Gaps als zentrales Hindernis.
Gleichzeitig bringt die KI-Welle ein strukturelles Problem mit sich: Täglich erscheinen neue Tools, neue Versprechen und „Game-Changers“. Viele davon verschwinden innerhalb von Monaten wieder, andere halten nicht, was sie versprechen. Der Markt ist voller Hype, Scams, Fehlinformationen und kurzlebiger Innovationen. Wer in diesem Umfeld nicht gelernt hat, kritisch zu testen und zu evaluieren, wird zum passiven Konsument:innen von Trends statt zum handlungsfähigen Akteur:innen. Schlimmer noch: Es kann zur Gefährdung von Unternehmen sowie Einzelpersonen kommen, da Tools wie Black-Box-Systeme Daten verarbeiten.
Die Lehrveranstaltung wurde 2022 mit genau diesem Bewusstsein konzipiert und erstmals im Wintersemester 2023/24 umgesetzt: als praxisnahes, studierendenzentriertes Lernsystem, das State-of-the-Art-Digital Marketing mit kritisch reflektiertem KI-Einsatz verbindet. Nicht KI um der KI willen, sondern KI als Werkzeug, das echtes Business- und Marketingdenken verstärkt. Das Konzept richtet sich nicht auf kurzfristige Trends aus, sondern auf nachhaltige strukturelle Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft.
2. Lernziele im Sinne des Constructive Alignment
Das übergeordnete Ziel ist die Ausbildung handlungsfähiger digitaler Marketingprofis, die in einem sich permanent verändernden Umfeld nicht nur mithalten, sondern gestalten können. Nach Abschluss der Lehrveranstaltung sind Studierende in der Lage:
- aktuelle digitale Marketingstrategien zu entwickeln, zu begründen und in realen Projektkontexten überzeugend umzusetzen;
- geeignete KI-Tools für komplexe Marketingaufgaben zu identifizieren, kritisch zu bewerten und produktiv einzusetzen;
- zwischen echten Innovationen und kurzlebigem Hype zu unterscheiden sowie diese Einschätzung argumentativ zu vertreten;
- eigenverantwortlich in einer strukturierten Teamarchitektur zu arbeiten und Verantwortung für eine definierte Rolle zu übernehmen;
- eigene Lernprozesse zu dokumentieren, zu reflektieren und für andere nachvollziehbar aufzubereiten;
- KI ethisch verantwortungsvoll, kontextsensibel und mit kritischem Urteilsvermögen einzusetzen.
Diese Lernziele werden durch rollenbasierte Projektarbeit (Lernaktivität) erreicht und durch individuelle Kursmodule, Peer-Reviews, Meilensteinpräsentationen sowie Gruppen- und individuelle Abschlusspräsentationen überprüft.
3. Rahmendaten und Einordnung
Die Lehrveranstaltung „Revolutionize Digital Marketing Techniques with AI & Smart Tools“ ist eine prüfungsimmanente Lehrveranstaltung (PI) im Umfang von 6 ECTS. Sie ist als englischsprachiges Wahlfach (Elective) im fortgeschrittenen Bachelorstudium an der WU Wien verankert und richtet sich an Studierende, die ihre Kompetenzen im Bereich digitales Marketing und KI gezielt ausbauen möchten. Das hybride Format kombiniert Präsenzphasen mit betreuten Online-Einheiten und flexiblen Selbstlernphasen. Pro Semester nehmen 20-30 Studierende teil; die Lehrveranstaltung ist regelmäßig rasch ausgebucht und wird aufgrund der hohen Nachfrage jedes Semester erweitert.
4. Zielgruppe und differenzierte Unterstützung
Die Lehrveranstaltung richtet sich bewusst an Studierende mit heterogenem Profil: Einsteiger:innen ohne Vorerfahrung neben Studierenden mit Berufspraxis, technisch Versierte neben jenen mit reinem Marketinghintergrund, Personen mit Start-up-Erfahrung oder Unternehmensgründer:innen neben jenen, die in Konzernen arbeiten wollen.
Internationale Studierende bringen kulturelle Perspektiven auf Zielgruppen und Kommunikationsstile ein. Dies ist ein struktureller didaktischer Vorteil in einem Fach, das globale Märkte adressiert.
Noch vor Semesterbeginn erhebt die LV-Leiterin mittels eines strukturierten Einstiegsfragebogens individuelle Vorkenntnisse, Interessen, Lernziele und Karrierewünsche. Dies ist ein bewährtes System, das von der LV-Leiterin seit dem Wintersemester 2020 kontinuierlich eingesetzt und verfeinert wird. Die Antworten fließen direkt in die Rollenzuweisung ein und werden als erste KI-Übung in der ersten Lehreinheit genutzt: Erfahrene Studierende übernehmen komplexere Rollen oder Mentoring-Funktionen; Einsteiger:innen erhalten niederschwellige Aufgaben und direktes Sparring mit der LV-Leiterin. Studierende können dabei wählen, ob sie bestehende Stärken ausbauen oder in völlig neue Kompetenzbereiche einsteigen möchten, passend zu ihren individuellen Zielen und Zukunftsplänen.
Moderne digitale Werkzeuge (u.a. Notion, Slack, ChatGPT, Claude, Copilot), die auch in der Unternehmenspraxis eingesetzt werden, ermöglichen Zusammenarbeit, Dokumentation und individuelle Unterstützung auch in größeren Gruppen.
4. Didaktisches Kernkonzept: Simulierte digitale Agentur
Der didaktische Rahmen ist die Simulation einer digitalen Marketingagentur. Dabei handelt es sich um kein vereinfachtes Rollenspiel, sondern ein realistisch strukturiertes Arbeitsumfeld mit realen Verantwortlichkeiten, Deadlines und einem Unternehmensfall als Grundlage.
Studierende übernehmen klar definierte, auf individuelle Interessen abgestimmte Rollen: Projektmanager:in, Social Media Manager:in, Content Creator:in, SEO-Spezialist:in, Analytics-Verantwortliche:r, Campaign Manager:in und weitere. Sie arbeiten gemeinsam an einem realen Unternehmensfall, der jedes Semester wechselt. So bleibt der Kurs inhaltlich stets aktuell. Im Wintersemester 2025/26 ist das Fallbeispiel „The Sober Hedonist“, ein Start-up im Bereich nichtalkoholischer Spirituosen mit echten Marken- und Zielgruppendaten. Bei größeren Gruppen werden Sub-Teams gebildet, die unterschiedliche Zielgruppen oder Kanäle bearbeiten.
Kooperation ist strukturell notwendig, denn kein Teilbereich funktioniert ohne die anderen. Individuelle Leistung bleibt durch klar zugeordnete Rollen gleichzeitig sichtbar und fair bewertbar. Die Rollenstruktur schafft Orientierung und Verantwortlichkeit und geht damit deutlich über klassische Gruppenarbeit hinaus:
- „Der Kurs fühlte sich mehr wie ein professioneller Job an als wie ein typisches Universitätsprojekt.“ - Studentin E., WS 2024/25
- „Wir wurden ermutigt, zu experimentieren und verschiedene Lösungen zu erkunden, statt einem einzigen, vorgegebenen Weg zu folgen.“ - Studentin C., WS 2024/25
5. KI im Marketing: Testen statt glauben, urteilen statt konsumieren
Ein zentrales didaktisches Prinzip des Kurses ist das aktive Testen. Nicht: „Dieses Tool ist gut; benutzt es.“ Sondern: „Testet es, dokumentiert, was es kann und was nicht und entscheidet selbst unter professioneller Leitung.“ Studierende lernen, Behauptungen zu überprüfen: mithilfe echter Anwendungsfälle, echter Unternehmensdaten und kritischer Reflexion. Das „Teaching how to fish“-Prinzip: nicht Copy-Paste-Strategien und Tools vermitteln, die morgen veraltet sein könnten, sondern die Fähigkeit, neue Tools und Strategien eigenständig zu bewerten oder weiterzuentwickeln.
Im individuellen Tutorial dokumentieren Studierende explizit, welche Tools und Prompts sie eingesetzt haben, was funktioniert hat und was nicht. Ebenso welche Entscheidungen sie selbst getroffen haben. Diese Reflexionsebene ist beurteilungsrelevant: „Ich habe gelernt, wie man besser promptet, und dass genau das der Schlüssel ist, um gute Ergebnisse zu erzielen.“ - Studentin H., WS 2025/26
6. Kursablauf: Aufeinander aufbauende Meilensteine
- Kick-off & erste KI-Übung: Der Fragebogen dient zugleich als spielerischer Einstieg. Gemeinsam werden die Antworten mit KI ausgewertet und live besprochen. Die KI gibt Rollenempfehlungen aus (Name, empfohlene Rolle, knappe Begründung), wodurch Studierende sich bereits kennenlernen und Grenzen sowie Chancen von KI unmittelbar erleben. Marketinggrundlagen sowie ethische und rechtliche Grundlagen des KI-Einsatzes werden in den ersten Einheiten explizit thematisiert.
- Projektarbeit in Meilensteinphasen: Alle Gruppen entwickeln eine vollständige digitale Marketingstrategie - Zielgruppenanalyse, Channel-Mix, Content-Strategie, Customer Journey, KI-Tool-Integration. Regelmäßige Kurzpräsentationen und machen den Fortschritt sichtbar und ermöglichen frühzeitige Kurskorrektur.
- Individuelle Mini-Präsentation (5 Min.): Jede Person beantwortet: Was war meine Rolle? Wie bin ich vorgegangen? Was habe ich gelernt? Diese Sichtbarmachung ist beurteilungsrelevant und stärkt Reflexionskompetenz.
- Individuelle Online-Kursmodule (Tutorials): Das Herzstück des Konzepts und ein zentrales Element der Ko-Kreation. Jede:r Studierende erstellt ein eigenes Lernmodul, entweder als Video oder als Dokument, das Tools, Prompts, Vorgehensweisen, Ergebnisse und Grenzen dokumentiert. Studierende werden damit selbst zu Lehrenden für ihre Kommiliton:innen.
- Die Tutorials werden in zwei Peer-Review-Runden qualitätsgesichert: In einer ersten bewerten Studierende die Zusammenarbeit und die Teamdynamik im Gruppenprojekt (5 %). In einer zweiten reviewt jede Person drei Kursmodule und gibt strukturiertes Feedback zu Nachvollziehbarkeit und Praxistauglichkeit (10 %). Die Tutorials fließen in ein semesterübergreifendes Wissensarchiv ein: „Durch die Tutorials der anderen Studierenden habe ich einige neue Tools kennengelernt, die ich in Zukunft definitiv nutzen werde.“ - Student A., WS 2024/25
8. Leistungsbeurteilung: Transparent, rollenbezogen, mehrdimensional
Die Beurteilung kombiniert individuelle und kollektive Anteile, ist auf Canvas dokumentiert und jederzeit einsehbar:
- Einstiegsfragebogen (Status Quo & Outcome): 11 %
- Mitarbeit im Unterricht: 14 %
- Gruppen-Strategiepräsentation: 5 %
- Mini-Präsentation pro Person (5 Min., Online-Einheit): 10 %
- Online-Kursmodul/Tutorial (Video oder Dokument): 15 %
- Peer-Evaluierungen (Gruppenarbeit 5 % + 3 Modul-Reviews 10 %): 15 %
- Bewertung durch LV-Leiterin (Rollenerfüllung 20 %, KI-Einsatz 5 %, Lehrqualität des Moduls 5 %): 30 %
Die Rubrics umfassen für jede Teilleistung konkrete Kriterien wie Rollenklarheit, Umsetzungsqualität, KI-Einsatz und Reflexionstiefe. Studierende können ihren Lernstand jederzeit einschätzen und Unterstützung rechtzeitig einfordern.
9. Partizipative Qualitätskultur und kontinuierliche Weiterentwicklung
Studierenden-Feedback wird auf drei Ebenen erhoben: zu Semesterbeginn (Einstiegsfragebogen), im Semesterverlauf (betreute Arbeitsphasen) und am Semesterende (WU-Evaluierung).
Die Ergebnisse fließen direkt in Anpassungen ein: Koordinationsrollen wurden klarer definiert, Projektphasen strukturiert, Rubrics weiterentwickelt. Das Fallbeispiel, passend zur unternehmerischen und wirtschaftlichen Weiterentwicklung, wechselt bewusst semesterweise, genau wie sich die Toollandschaft ändert. Die didaktische Grundstruktur (Rollenprinzip, Projektarbeit, Peer-Learning, Wissensarchiv) bleibt stabil; Inhalte und Tools werden laufend aktualisiert. Das Konzept ist modular, übertragbar und strukturell so angelegt, dass es sich selbst erneuert.
Nutzen und Mehrwert
Der Bedarf an praxisnaher KI-Kompetenz ist klar belegt: Laut Digital Skills Barometer 2024 (fit4internet) geben knapp 70 % der Österreicher:innen an, in ihrer formalen Ausbildung nicht ausreichend auf KI vorbereitet worden zu sein. Im McKinsey State of Marketing Europe 2026 nennen 41 % der Marketingverantwortlichen Skill Gaps als zentrales Hindernis. Nur 6 % weisen hohe Reife im Einsatz generativer KI auf, erzielen damit jedoch bereits rund 22 % Effizienzgewinne. Gleichzeitig verschärfen sich die Anforderungen am Arbeitsmarkt: Technologiekompetenz, analytisches Denken und KI-bezogene Fähigkeiten zählen zu den wichtigsten Zukunftskompetenzen (WEF 2023; European Commission). Das Lehrformat adressiert diese Herausforderung mit vier verzahnten Alleinstellungsmerkmalen, die Studierendenzentrierung, Workload-Gerechtigkeit und partizipative Qualitätskultur strukturell verankern.
Erstens: Datengestützte Individualisierung. Ein Einstiegsfragebogen erhebt noch vor Semesterbeginn Vorkenntnisse, Interessen und Ziele. Die Ergebnisse fließen direkt in Rollenverteilung und Kursgestaltung ein. Heterogene Gruppen werden so zur Stärke, nicht zur Herausforderung.
Zweitens: Reale Verantwortung in simulierter Praxis. Studierende übernehmen klar definierte Rollen in einer digitalen Marketingagentur mit echten Projektzielen, Deadlines und Qualitätsanforderungen. Individuelle Beiträge, transparente Rubrics und strukturierte Meilensteine sichern Workload-Gerechtigkeit und machen Studierbarkeit messbar erfahrbar.
Drittens: Semesterübergreifender Wissensaufbau durch Peer-Learning. Jede:r Studierende erstellt ein Tutorial, das in Peer-Reviews qualitätsgesichert und in ein wachsendes Wissensarchiv integriert wird. Lernen findet nicht nur innerhalb einer Gruppe, sondern über Semester hinweg statt. Ko-Kreation ist kein Add-on, sondern strukturelles Prinzip.
Viertens: KI als reflektiertes Lernwerkzeug. Studierende lernen, Tools kritisch zu testen, Ergebnisse zu bewerten und KI verantwortungsvoll einzusetzen, mit dem Ziel, menschliche Urteilsfähigkeit zu schärfen, nicht zu ersetzen.
Das Ergebnis: ein evidenzbasiertes, skalierbares Format. Denn aktive, anwendungsorientierte Lernformen führen nachweislich zu höherer Lernleistung und besserem Wissenserhalt als passiver Wissenserwerb (Freeman et al. 2014; Roediger & Karpicke 2006).
Übertragbarkeit und Langlebigkeit
Das Projekt läuft seit 2023
Das Lehrprojekt wird seit dem Wintersemester 2023 kontinuierlich eingesetzt und weiterentwickelt. Die grundlegende didaktische Struktur (rollenbasiertes Arbeiten, projektorientiertes Lernen, Peer-Learning und transparente Leistungsbewertung) bleibt bewusst stabil, während Inhalte, Werkzeuge und Aufgabenstellungen regelmäßig an technologische, fachliche und gesellschaftliche Entwicklungen angepasst werden. Diese Trennung von stabiler Struktur und adaptiven Inhalten ist eine bewusste Qualitätsentscheidung: Sie ermöglicht langfristige Einsetzbarkeit ohne Abhängigkeit von kurzfristigen Tool-Trends.
Die Weiterentwicklung basiert systematisch auf Studierendenfeedback: Evaluierungsergebnisse, Peer-Feedback-Schleifen und Reflexionsberichte fließen direkt in die Anpassung von Meilensteinen, Bewertungslogik und Betreuungsformaten ein. Das semesterübergreifende Wissensarchiv aus Tutorials der Studierenden wächst dabei kontinuierlich und dient neuen Kohorten als kuratierten Ausgangspunkt. Studierende gestalten damit nicht nur ihren eigenen Lernprozess, sondern tragen aktiv zur Qualitätsentwicklung zukünftiger Semester bei.
Das Konzept ist als Baukastensystem konzipiert: modular, skalierbar und fachunabhängig. Die Kernelemente (Rollenstruktur, projektbasierte Zusammenarbeit, individuelle Lernbeiträge, Peer-Feedback und semesterübergreifendes Wissensarchiv) können je nach Kontext kombiniert, reduziert oder erweitert werden. Das Modell ist damit auf unterschiedliche Studienniveaus (Bachelor, Master, Weiterbildung), Formate (Pflichtkurs, Wahlfach, Workshop, Blended Learning) und Gruppengrößen übertragbar. Ebenso auf andere Fachkontexte wie zum Beispiel Management, Informatik, Design, Kommunikation oder Entrepreneurship.
Institutionelle Unterstützung
Die Lehrveranstaltung ist regulär im Curriculum der WU verankert, am Institute for Interactive Marketing and Social Media angesiedelt und wird durch die universitäre Lehrinfrastruktur (Räumlichkeiten, Canvas, Evaluierungssystem) unterstützt.
Die Entwicklung des Lehrkonzepts entstand in engem Austausch mit der Institutsleitung: Rückmeldungen zur didaktischen Ausrichtung, zu Potenzialen des Formats und zu strategischen Möglichkeiten im Kontext der WU flossen in die Konzeption ein. Die Institutsleitung hat das Vorhaben von Beginn an aktiv befürwortet und der Lehrveranstaltungsleitung den Gestaltungsraum eingeräumt, ein eigenständiges, innovatives Lehrformat zu entwickeln und kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Die institutionelle Anerkennung zeigt sich in der Auszeichnung mit dem WU Innovative Teaching Award 2024 sowie in der Einbindung des Konzepts in hochschuldidaktische Austausch- und Konferenzformate. Darunter die Seamless Teaching Conference 2024, wo das Projekt und die Fragestellung „KI als Co-Teacher" einem europäischen Fachpublikum präsentiert und diskutiert wurde. Das Projekt verbindet institutionelle Verankerung und Rückendeckung mit einer Strahlkraft, die über die WU und über Ländergrenzen hinausreicht.
Die Lehrveranstaltung ist in die regulären Qualitätssicherungsprozesse der WU eingebunden und wird am Ende jedes Semesters über den standardisierten universitären Evaluierungsfragebogen bewertet. Die Ergebnisse werden systematisch ausgewertet und fließen direkt in die Weiterentwicklung des Lehrkonzepts ein.
Ergänzend wird Feedback auf mehreren Ebenen erhoben: durch strukturierte Reflexionsphasen im Semester, Peer-Reviews, Rückmeldungen zu Arbeitsbelastung und Aufgabenstellungen sowie durch gezieltes offenes Feedback am Semesterende, ohne Benotungsrelevanz. Diese Kombination aus formalen und informellen Rückmeldungen ermöglicht eine differenzierte, mehrstimmige Bewertung der Lehr- und Lernprozesse.
Die Rückmeldungen führen zu konkreten, nachvollziehbaren Anpassungen: Projektphasen wurden stärker strukturiert, Koordinationsrollen in größeren Gruppen klarer definiert, Meilensteine und Bewertungslogik weiterentwickelt. Das semesterübergreifende Wissensarchiv wird auf Basis von Nutzungserfahrungen der Studierenden kontinuierlich kuratiert und ausgebaut.
Qualität wird dabei nicht als statischer Standard verstanden, sondern als gemeinsam mit den Studierenden gestalteter, iterativer Entwicklungsprozess, eingebettet in das institutionelle Qualitätsmanagement der WU und konsequent rückgebunden an Lernwirksamkeit, Studierbarkeit und Transparenz.