Zuletzt aktualisiert am 30.05.2025
Pogrome Verstehen
Bei dem Projekt handelt es sich um ein neues Projekt / eine wiederholte Einreichung
Digitalisierung durch die National Library of Israel: https://www.nli.org.il/en/newspapers/hyt/1918/12/12/01/?&e=-------en-20--1--img-txIN%7ctxTI--------------1
„Die Lemberger Shechita“ („Das Gemetzel in Lemberg“). Der erste Bericht in „Haynt“ (“Heute”, Jiddische Tageszeitung in Warschau) zum Pogrom in Lemberg/Lviv/Lwów von 21. bis 23. November 1918.
Ars Docendi Kriterien
- Digitale Transformation und Künstliche Intelligenz
- Innovative Hochschuldidaktik
- Studierenden- und Kompetenzorientierung
- Perspektivenerweiterung und Internationalisierung
- Partizipation und Mitgestaltung
Gruppengröße
< 20
Anreißer (Teaser)
Historische Fragen mit tragischer, tagesaktueller Relevanz: Wie können Gewalt, Antisemitismus und Diskriminierung verstanden und überwunden werden? Studierende untersuchen diese Frage anhand der Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung Polens ab 1918.
Kurzzusammenfassung des Projekts
Wie können Gewalt gegen Minderheiten, Antisemitismus und Diskriminierung verstanden werden? Wie kann man damit umgehen, wenn sich die Berichte und Interpretationen von Betroffenen und Beobachtenden grundsätzlich widersprechen? Im Rahmen dieses Lehr- und Forschungsprojekts gehen Studierenden diesen tragisch aktuellen Fragen anhand eines historischen Beispiels nach. Gemeinsam untersuchen sie die internationalen Berichte über die Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in Polen in Folge des Ersten Weltkriegs.
Vier internationale Delegationen reisten ab November 1918 nach Polen um die dort um sich greifenden Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung zu untersuchen, darüber zu berichten und ihren Regierungen und der Weltöffentlichkeit Vorschläge für eine Verbesserung der Lage zu machen. Obwohl alle dieselben Fälle von Gewalt untersuchten, widersprachen sich sowohl ihre Interpretationen als auch ihre Vorschläge für die Zukunft jüdisch-christlicher Beziehungen und den Schutz von Minderheiten teils fundamental.
Die Studierenden untersuchen diese Dynamik anhand historischer Quellen (Berichte, Tagebücher, Memoiren, Zeitungsberichte, Briefe etc.). Ziel ist es diese tragisch aktuellen Fragen anhand eines historischen Beispiels zu verstehen. Dabei wenden die Studierenden die Kernkompetenzen historischer Forschung praktisch an, präsentieren ihre Arbeit bei zwei internationalen Konferenzen und schreiben gemeinsam einen Aufsatz für eine wissenschaftlich Fachzeitschrift.
Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache
How can violence against minorities, antisemitism and discrimination be understood? How may we reckon with the fact that accounts and interpretations by those affected or reporting on them at times profoundly contradict each other? As part of this teaching and research project, students investigate these tragically topical questions using a historical example. Together, they analyze the international reports on the pogroms against the Jewish population in Poland following the First World War.
Four international delegations travelled to Poland from November 1918 to investigate the rampant pogroms against the Jewish population there, to report on them and to make suggestions to their governments and the world for improving the situation. Although they all investigated the very same cases of violence and discrimination, their interpretations of the violence and their proposals for the future of Jewish-Christian relations and the protection of minorities at times were in fundamental contradiction.
Students examine these dynamics using historical sources (reports, diaries, memoirs, newspapers, letters, etc.). The aim is to understand these tragically topical problem through a historical example. In doing so, students learn and apply the core skills of historical research in practice, present their work at two international conferences and jointly author an article for an academic journal.
Nähere Beschreibung des Projekts
Forschungsseminar: Understanding Pogroms („Pogrome Verstehen“)
Central European University, Department of Nationalism Studies, Jewish Studies Program
Fall Term 2024/Winter Term 2025
Lehrender: Dr. Jan Rybak
„Es ist unmöglich, mit […] Gewissheit festzustellen, ob ein Vorfall, der gemeinhin als antisemitisch angesehen wird, diese Bezeichnung wirklich verdient oder nicht“. Schrieb der niederländisch-jüdische Journalist Fritz Bernstein im Jahr 1926. Und weiter: „Wann immer ein Vorfall als antisemitisch bezeichnet wird, lässt sich jemand finden, der ihm diesen Charakter abspricht.“
Was Bernstein in den 1920er Jahren bewegte, wird auch heute noch intensiv diskutiert. Es scheint, dass auch wenn die Fakten über einen Vorfall allgemein bekannt sind, es doch wenig Übereinstimmung über deren Interpretation gibt. Woran liegt das? Was lernen wir aus widersprüchlichen Interpretationen – nicht nur über den konkreten Fall, sondern über die Menschen, die versuchen ihn zu erklären?
Das Forschungsseminar untersucht diese Fragen anhand eines konkreten Falls: die internationalen Berichte über die Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in Polen nach dem Ersten Weltkrieg. Mit der Gründung der polnischen Republik im Jahr 1918 und den Nachrichten über die Gräueltaten an Juden und Jüdinnen, die weltweit Schlagzeilen machten, wurden mehrere internationale Delegationen nach Polen entsandt, um Nachforschungen anzustellen. Diese kamen von der Zionistischen Organisation in Großbritannien, den Regierungen des Vereinigten Königreichs und der Vereinigten Staaten sowie von der Sozialistischen Internationale. Obwohl diese Delegationen dieselben Fälle von Gewalt und die gleiche Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung untersuchten, kamen sie zu grundlegend unterschiedlichen Schlussfolgerungen hinsichtlich der Ursachen der Pogrome, der Interpretation der Gewalt, der Verantwortlichen, die Gründe für Antisemitismus und Diskriminierung, und was sowohl Polen als auch die internationale Gemeinschaft tun sollten, um die Situation zu verbessern.
Das Forschungsseminar konzentriert sich zwar auf einen historischen Fall, befasst sich dabei aber mit Problemen und Fragen, die auch heute noch von großer Bedeutung sind: Wie können Minderheiten in Zeiten tiefgreifenden sozialen Wandels und dem zunehmenden Nationalismus geschützt werden? Was sind die Ursachen von Antisemitismus, Gewalt und Diskriminierung und wie kann man sie bekämpfen oder verhindern? Vor allem stellt das Projekt die Frage was unterschiedliche Interpretationen und Perspektiven auf scheinbar offensichtliche, allgenmein bekannte Fakten über die Positionierung, Erfahrungen und Interessen der Menschen aussagen.
Nach intensiver Diskussion von Theorie, Methoden und historischem Hintergrund im ersten Teil des Kurses arbeiten die Studierenden in kleinen Forschungsgruppen zu den einzelnen Delegationen und ihren Berichten. Darüber hinaus werden weitere Quellen in die Analyse einbezogen, darunter Memoiren, Tagebücher, Zeitungen, Briefe, Konferenzprotokolle und Parlamentsprotokolle in mehreren Sprachen (Englisch, Französisch, Deutsch, Polnisch, Hebräisch und Jiddisch).
Die Studierenden werden in ihrer Forschung laufend vom Kursleiter unterstützt und begleitet und stellen ihre Forschungsergebnisse regelmäßig in einem „Forum“ aller Studierenden des Seminars vor. Dort werden die einzelnen Forschungsergebnisse präsentiert, mögliche weitere Forschungswege und andere Quellen diskutiert und die verschiedenen Teilprojekte zu den Berichten vergleichend analysiert. Dieser Ansatz fördert die gemeinschaftliche Forschung und Teamarbeit und unterstützt gleichzeitig die Fähigkeiten der Studierenden zum selbständigen Arbeiten. Die Studierenden lernen die Methoden der historischen Forschung in der Praxis.
Das Projekt ist grundsätzlich transnational angelegt. Im Mittelpunkt stehen nicht nur Perspektiven aus Polen, sondern aus den USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und zahlreichen anderen Ländern. Da sich die historischen Dokumente in mehreren Ländern befinden arbeiten die Studierenden vor allem mit digitalisiertem Quellenmaterial. Die Digitalisierung von Archivbeständen, Zeitungen, etc. wird weltweit immer wichtiger. Vor allem im Hinblick auf die zunehmende Bedeutung der Nachhaltigkeit in der Forschung ist es wichtig, dass die Studierenden in der Lage sind, sich in diesen Datenbanken zurechtzufinden und sich der damit verbundenen Probleme und Möglichkeiten bewusst werden.
Das Hauptziel des Forschungsseminars besteht darin, gemeinsam einen wissenschaftlichen Artikel für eine Fachzeitschrift mit Peer-Review zu verfassen und einzureichen. Dadurch sammeln die Studierenden nicht nur Erfahrungen in der historischen Forschung, sondern auch im Verfassen und Veröffentlichen von wissenschaftlichen Aufsätzen.
Darüber hinaus haben die Studierenden mit Unterstützung des Kursleiters erfolgreich zwei Vortragsvorschläge für internationale Konferenzen eingereicht (die Konferenz der Association for the Study of Ethnicity and Nationalism in Budapest im April 2025 und die Central European History Convention in Wien im Juli 2025). Die Studierenden werden das Projekt dort vorstellen und wichtige Erfahrungen mit wissenschaftlichen Konferenzen und dem Verfassen und Präsentieren von wissenschaftlichen Arbeiten sammeln.
Die Fähigkeiten, die die Studierenden in diesem Forschungsseminar erlernen, sind auch in die Praxis übertragbar. Die Studierenden machen sich nicht nur mit den wichtigsten Zugängen historischer Forschung vertraut, indem sie verschiedene Methoden, Theorien und (digitale) Methoden anwenden, sondern sie sammeln auch praktische Erfahrungen im Verfassen eines wissenschaftlichen Aufsatzes, dem Präsentieren auf Konferenzen sowie mit kollaborativer Forschung und Teamarbeit. Zudem sind die Fragen, mit denen sich das Forschungsseminar befasst, nicht nur historisch relevant – auch heute müssen wir sie uns immer wieder stellen. Das Forschungsprojekt selbst leistet dadurch nicht nur einen Beitrag zu historischen Diskussionen, sondern verbindet diese mit aktuellen gesellschaftlichen Debatten über Gewalt, Antisemitismus, Diskriminierung und dem Platz und die Sicherheit von Minderheiten in sich wandelnden Gesellschaften.
Akzeptanz und Resonanz
Studierende unterschiedlicher Fachbereiche (Nationalism Studies, Historical Studies, Jewish Studies) arbeiten gemeinsam an dem Projekt. Die Beteiligung der Studierenden ist außerordentlich gut und zeugt von deren positiver Annahme des Kurses und des Projekts.
Die Lehrveranstaltung wird über zwei Trimester angeboten („Fall Term“ und „Winter Term“). Aktuell liegt die Evaluierung der Studierenden für den Fall Term vor.
Die Studierenden bewerteten den Kurs durchschnittliche mit 9,5 (Bestnote: 10).
Weitere Kriterien aus der Bewertung durch die Studierenden:
Vorbereitung des Lehrenden: 9,6
Präsentationen durch den Lehrenden: 9,5
Atmosphäre im Kurs: 9,5
Feedback durch den Lehrenden: 9,7
Allgemeine Bewertung des Lehrenden: 9,5
Auswahl aus den schriftlichen Kommentaren der Studierenden:
“I came in unfamiliar with the historical specifics and only somewhat familiar with the theoretical background, and feel like, if not an expert by any means, but very knowledgeable now.“
“I learned to look into the media from different angles and search for truth in between the lines.”
“Jan has a very encouraging teaching style and is simply a very sympathetic and kind person, which makes the whole environment very nice!”
“Jan was really good at presenting the material and asking compelling questions.”
“The instructor himself always seemed very motivated about the class, which at least for me also had a motivating effect.”
“Thank you so much for the whole opportunity of this course! Being given the chance to do such a research, present at conferences and even publish a paper is AMAZING! Thank you Jan for all the trust you put in us, it is very encouraging!”
Nutzen und Mehrwert
Im Mittelpunkt des Lehr- und Forschungsprojekts steht zwar ein historischer Fall, die Fragen und Probleme mit dem es sich befasst sind aber auch heute von größter Bedeutung: Wie kann die Sicherheit einer Minderheit in einem Nationalstaat gewährleistet werden? Was sind die Ursachen von Rassismus, Antisemitismus, Gewalt zwischen Communities und Diskriminierung und wie kann man sie bekämpfen? Vor allem stellt das Projekt die Frage was unterschiedliche Interpretationen und Perspektiven auf scheinbar gemeinsame Fakten über die Positionierung, Erfahrungen und Interessen von Betroffenen und Beobachtenden aussagen.
Nach intensiver Lektüre und der Diskussion von Theorie, Methoden und historischem Hintergrund arbeiten die Studierenden in kleinen Forschungsgruppen an ihren spezifischen (Teil-)Projekten. Sie werden bei ihren Forschungen durchgehend vom Kursleiter unterstützt und begleitet und präsentieren ihre Arbeiten im „Forum“ aller Studierenden, wo die Ergebnisse diskutiert, mögliche weitere Forschungswege und andere Quellen berücksichtigt und die verschiedenen Projekte vergleichend analysiert werden. So werden sowohl kollaborative Arbeit also auch Eigenverantwortlichkeit gefördert und die Studierenden mit den wichtigsten historischen Methoden und Arbeitsweisen vertraut gemacht, die sie gleich in der Praxis anwenden. Die Studierenden lernen unterschiedliche Quellen zu finden, sie kritisch zu analysieren und mit ihnen zu arbeiten. Zusätzlich zu den Berichten arbeiten wir mit Autobiographien, Tagebüchern, Zeitungen, Briefen, Konferenz-und Parlamentsprotokollen in mehreren Sprachen (Englisch, Französisch, Deutsch, Polnisch, Hebräisch, Jiddisch).
Das Forschungsseminar vermittelt den Studierenden praktische Erfahrungen nicht nur mit den Methoden der historischen Forschung, sondern auch mit dem Verfassen eines wissenschaftlichen Aufsatzes für eine Fachzeitschrift, mit dem Verfassen und Einreichen von Vorschlägen und mit der Präsentation auf internationalen Konferenzen.
Übertragbarkeit und Langlebigkeit
Das Projekt läuft seit 2024
Gegebenenfalls geplanter Endzeitpunkt: 2025 (für dieses spezifische Projekt; daran wird aufgebaut)
Als Teil des Projekts wird gemeinsam ein Aufsatz für eine historische Fachzeitschrift mit peer-review verfasst. Darüber hinaus haben die Studierenden mit Unterstützung des Kursleiters erfolgreich zwei Vortragsvorschläge für internationale Konferenzen eingereicht (die Konferenz der „Association for the Study of Ethnicity and Nationalism“ in Budapest im April 2025 und die „Central European History Convention“ in Wien im Juli 2025). Die Studierenden werden das Projekt dort vorstellen und wichtige Erfahrungen mit wissenschaftlichen Konferenzen und dem Verfassen und Präsentieren von wissenschaftlichen Arbeiten sammeln.
Das Grundkonzept des Forschungs- und Lehrprojekts – angewandte historisch Forschung in der Lehre, die sich auf aktuell relevante Fragen bezieht – wird in dieser Form weiter ausgebaut werden. Ziel ist es am Jewish Studies Program der Central European University in Zukunft regelmäßig derartige Forschungsseminare anzubieten. Dabei stehen sowohl die Interessen und die Ausbildung der Studierenden zu selbständig arbeitenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als auch die soziale und gesellschaftliche Bedeutung der Fragestellung und des Projekts im Mittelpunkt.
Institutionelle Unterstützung
Das Lehr- und Forschungsprojekt wurde institutionell durch das Nationalism Studies Program und das Jewish Studies Program unterstützt. Die finanzielle Unterstützung im Rahmen des von der Alfred-Landecker-Stiftung geförderten Projekts „Jewish Armed Self-Defence and Self-Assertion from the Second Partition of Poland to the Holocaust“ ermöglicht den Zugang zu Archivmaterialien und anderen digitalisierten Quellen für das Forschungsprojekt.
Da es sich um ein kollaboratives Projekt handelt stehen die Studierenden im Mittelpunkt. Die Arbeit in kleinen Teams erlaubt Rücksichtnahme auf spezifische Interessen und die direkte Umsetzung von Feedback im laufenden Lehrbetrieb.