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Zuletzt aktualisiert am 12.12.2025

Interdisziplinäres sozioökonomisches Forschungspraktikum I+II, zweisemestrige prüfungsimmanente Lehrveranstaltung

Bei dem Projekt handelt es sich um ein neues Projekt / eine wiederholte Einreichung

Raimo Rudi Rumpler

Lehr-/Lernsetting WU Wien

Ars Docendi Kategorie

Forschungs- und kunstgeleitete Lehre, insbesondere die Förderung von kritischem Denken, Dialogorientierung, Methodenkompetenz

Ars Docendi Kriterien

  • Innovative Hochschuldidaktik

Gruppengröße

< 20

Anreißer (Teaser)

Im sozioökonomischen Forschungspraktikum entwickeln Studierende eigene Projekte und erhalten zugleich Einblick in reale Forschung. Innovative Formate und intensive Betreuung fördern Reflexion, Methodenkompetenz und forschendes Lernen.

Kurzzusammenfassung des Projekts

Das interdisziplinäre sozioökonomische Forschungspraktikum unter Leitung von Katharina Miko-Schefzig und Karin Sardadvar knüpfte im Studienjahr 2016/17 an aktuelle Forschungsprojekte der Lehrveranstaltungsleiterinnen an. Dadurch hatten die Studierenden die Möglichkeit, Einblick in reale Forschungsprozesse zu erhalten, gleichzeitig aber ihre eigenen konkreten Forschungsprojekte selbst zu konzipieren und durchzuführen. Mit innovativen didaktischen Elementen und Feedbackprozessen – z.B. Projektbörse, Methodenwerkstatt, Gruppenberatung, Interpretationsgruppen, Peer Review, Feedbackschleife, Minitagung – legte die Lehrveranstaltung Wert auf intensive und individuelle Begleitung der Studierenden im Forschungsverlauf sowie auf prozesshafte Verbesserung und Reflexion der studentischen Arbeiten. Ziel war die eigenständige Durchführung empirischer Forschungsprojekte durch die Studierenden, die durch die Einbindung in bestehende Projekte Einblicke in die reale Welt des Forschens gab sowie durch intensive Austausch- und Reflexionsprozesse begleitet wurde.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

The interdisciplinary socioeconomic research training in 2016/17, taught by Katharina Miko-Schefzig and Karin Sardadvar, was linked to current research projects of the course teachers. This way, students had the opportunity to gain insights into real-world research processes while at the same time conceptualizing and conducting their own research projects. The course used innovative didactic elements and feedback processes such as a project marketplace, methodological workshops, group coaching, data analysis groups, peer reviews, feedback loops, and mini conferences. As such, the course focused on supporting the students thoroughly and individually throughout their research process, and on a process of optimizing and reflecting their work. The research training aimed at allowing students to conduct empirical research projects autonomously, and at the same support them by time providing insights into real-world research and go through a joint process of exchanging and reflexing the research process.

Nähere Beschreibung des Projekts

1. Studierendenzentrierte forschungsgeleitete Lehre: Aufbau der Lehrveranstaltung

Die LV zeichnete sich durch Studierenden-, Kompetenz- und Interessenorientierung aus, sowie durch einen besonderen Fokus auf die Stärkung und Weiterentwicklung von Methodenkompetenz. Im Rahmen einer Projektbörse zu Beginn der Lehrveranstaltung wurden Projekte vorgestellt, an die die Studierenden mit ihren eigenen Forschungsvorhaben je nach thematischem und methodischem Interesse andocken konnten.

Durch dieses Vorgehen bestand für die Studierenden die Möglichkeit, im Zuge ihrer Forschungsaktivitäten in der LV Einblick in die Forschungspraxis in der universitären und der außeruniversitären Forschung zu erhalten – ohne jedoch hinsichtlich ihrer Interessenschwerpunkte und Eigenständigkeit zu stark eingeschränkt zu werden. Ein weiterer Schwerpunkt des Forschungspraktikums lag auf der Anwendung und Weiterentwicklung innovativer Methoden, die in den Rahmenprojekten angelegt sind – konkret u.a. die vignettenbasierte Fokusgruppe und das Paarinterview. Folgender struktureller und didaktischer Aufbau kennzeichnete das Forschungspraktikum:

  • In den LV-Einheiten wechselten sich Plenumsabschnitte, Methodenworkshops, angeleitetes Selbststudium und Intensivberatungen (einzelne Gruppen mit LV-Leiterinnen) ab.
  • Die LV-Einheiten in der Großgruppe zeichneten sich durch einen Wechsel zwischen Inputs der LV-Leiterinnen, Beiträgen der Studierenden und gemeinsamen Diskussionen aus.
  • Die Studierenden präsentierten wiederholt in verschiedenen Stadien ihre Projekte. Im Anschluss daran erfolgten Diskussionen offener Fragen mit den Kollegen und Kolleginnen sowie LV-Leiterinnen, Austausch von Erfahrungen sowie Anregungen für Verbesserungen.
  • Die Studierenden wurden durch Expertinnen für qualitative Methoden mit umfassender eigener Erfahrung in empirischer Sozialforschung konkret projektbezogen fachlich betreut.
  • Wechselseitige angeleitete Peer Reviews der Studierenden trugen zur Qualität der Forschungsarbeiten bei und stärkten die Kompetenz der kritischen Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Arbeiten.

2. Die Forschungsprojekte

Die folgenden zum Zeitpunkt des Forschungspraktikums laufenden Projekte der LV-Leiterinnen, angesiedelt in der universitären und außeruniversitären Forschung, fungierten als Rahmenprojekte: Das an der WU geleitete Projekt MOMA (Modernes Haftmanagement) untersucht das bisher wenig beforschte Feld des Polizeianhaltewesens und antwortet damit auf eine Lücke innerhalb der Sicherheitsforschung. Das Projekt MELE (Men & Leave), angesiedelt bei der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA), war ein Subprojekt des vom österreichischen Sozialministerium geleiteten Forschungsprojektes „Männer und Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ und befasste sich mit der Aufteilung von Elternkarenz und Kinderbetreuung in Elternpaaren. Als Mitarbeiterin an der WU und bei FORBA forschte Karin Sardadvar bis Ende 2017 in beiden Rahmenprojekten, als Mitarbeiterin der WU leitet Katharina Miko das Projekt MOMA.

 

Aufbauend auf diese beiden Rahmenprojekte entwickelten die Studierenden die folgenden drei eigenen Projekte:

  • Schubhaft in der Umsetzung – Sinnzuschreibungen zu schubhaftbezogenen Praktiken durch Polizeianhaltezentren ( PAZ)-Personal in Österreich
  • Lebensqualität in Haft – Eine qualitative Untersuchung zur Lebensqualität von Häftlingen in österreichischen Polizeianhaltezentren
  • Die Aushandlung von bezahlter und unbezahlter Arbeit in Paarbeziehungen

3. Lernergebnisorientierte Prüfungskultur und Kompetenzorientierung

Feedbackverfahren:

In der LV wurde großer Wert auf eine lernergebnisorientierte Prüfungskultur, Kompetenzorientierung und einen studierendenzentrierten Dialog gelegt. Dies ermöglichte nicht zuletzt, Studierende individuell bei ihrem Kenntnisstand „abzuholen“ und die Betreuung an den unterschiedlichen Leistungsniveaus der Studierenden auszurichten.

Fortschritte der Studierenden wurden in dieser LV durch ein kontinuierliches Feedbackverfahren beobachtet und gefördert, das unterschiedliche Methoden umfasste:

  • Gruppenberatungen: Studierende erhielten regelmäßig persönliche Beratung zu ihrem Projektfortschritt sowie zu den nächsten Schritten durch die LV-Leiterinnen in Form von Gruppenberatungen (LV-Leiterinnen mit den jeweiligen Arbeitsgruppen). Damit wurden die Studierenden in ihrer konkreten Arbeit begleitet und intensiv betreut; Fortschritte konnten beobachtet, Probleme bearbeitet werden. Auf abgegebene Hausübungen und Abschlussarbeiten folgten detaillierte und persönliche Rückmeldungen durch die LV-Leiterinnen.
  • Diskussionen in den Plenumseinheiten: Studierende stellten immer wieder Teile und Entwicklungen ihres Forschungsprojektes im Plenum vor. Es folgten Diskussionen und Rückmeldungen sowohl von Studierenden als auch LV-Leiterinnen. Somit konnten von aktuellen Themen und Fragen, die sich aus konkreten Projekten ergeben, alle Studierenden profitieren.
  • Peer Review von den Studierenden: Im zweiten Semester wurden die entstehenden schriftlichen Arbeiten von Kolleginnen und Kollegen einem Peer Review unterzogen. Damit erfolgen Feedback und Reflexion in doppelter Hinsicht: zum einen in Bezug auf die eigene Arbeit in Ergänzung zu den Feedbacks der Lehrenden (Fähigkeit, Feedback zu bekommen und einzuarbeiten), und zum anderen auf der Ebene des Lesens der Arbeiten studentischer Kolleginnen und Kollegen (Fähigkeit, Feedback zu entwickeln und zu formulieren).

Beurteilungsgrundlagen:

Die Lehrveranstaltung war kompetenzorientiert durch klar nachvollziehbare Leistungskriterien gekennzeichnet. Auf Basis folgender Kriterien, die den Studierenden online, schriftlich und mündlich vermittelt und mit ihnen besprochen wurden, wurde benotet:

  • Aktive Mitarbeit in den Präsenzeinheiten
  • Vorbereitung von Hausübungen und Methodenreferaten
  • Mitarbeit in einer Kleingruppe
  • Mündliche Präsentationen der Forschungsarbeit in verschiedenen Stadien, z.B. in Form von „Mini-Tagungen“
  • Verfassen und Präsentieren von Peer-Reviews
  • Gruppenarbeit: schriftlicher Endbericht (ausführliches Forschungsexposé) am Ende des ersten Semesters und schriftlicher Endbericht (Ergebnispapier) am Ende des zweiten Semesters

4. Innovativer Charakter der Lehrveranstaltung

Einblicke in reale Forschung – Entwicklung eigener Projekte:

Die LV verfolgte die doppelte Strategie, den Studierenden einerseits Einblicke in die reale universitäre und außeruniversitäre Forschung – ihre möglichen künftigen Arbeitsmärkte – zu gewähren, sie aber andererseits ihre eigenen Forschungsprojekte verfolgen und entwickeln zu lassen und an ihren Kompetenzen anzusetzen. Durch die Anbindung an die Projekte hatten die Studierenden wertvolle interne Einsichten in Aspekte wie Antragsunterlagen, Presseaktivitäten, Koordinationsabläufe (Absprachen mit Auftraggebern bzw. Auftraggeberinnen und Kooperationspartnern bzw. -partnerinnen) etc.

Innovative Feedbackformate:

Ein intensiver Schwerpunkt des didaktischen LV-Designs auf Reflexion und Feedback erlaubte konkret projektbezogene Rückmeldungen. Darunter waren persönliche Besprechungen mit den Gruppen, detaillierte Feedbacks auf Textversionen, Diskussionen von Präsentationen, gemeinsame Reflexion aktueller Fragen des Forschungsprozesses etc.

Aufbau von Forschungs- und Methodenkompetenz:

Die Forschungskompetenz wurde durch Interviewsimulationen und gemeinsame Interpretationsrunden gestärkt. Die empirischen Methoden werden also nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch in der Peer-Group umgesetzt. Der in diesem Stadium oft noch schwierige Teil des Literature-Review (State of the Art) wurde gemeinsam mit anderen Einheiten der WU Wien (Bibliothek) trainiert.

Austausch, Publikation und Scientific Community:

Die Studierenden konnten vom Austausch mit Forscherinnen und Forschern profitieren – durch die Kooperation mit Projektmitarbeiterinnen auch über die LV-Leiterinnen hinaus. Die Einbindung in ein Konsortialprojekt bringt es mit sich, dass die Studierenden unterschiedliche Organisationen im Forschungskontext kennenlernen. Des Weiteren wurden auf Basis praktischer Erfahrung und wissenschaftlicher Kriterien wichtige Eigenschaften von veröffentlichbaren Papers vermittelt und geübt; die Texte der Studierenden wurden im Rahmen von Feedbackschleifen prozesshaft immer weiter optimiert. Das Konzept der Mini-Tagungen schließlich erlaubte es den Teilnehmenden, ihre Arbeiten professionell, aber in geschütztem Rahmen, zu präsentieren und zu diskutieren.

Partizipatives Eingebundensein in einen Forschungsprozess – niederschwelliges Mentoring:

Die Studierenden waren in die realen Erhebungen des Projektes MOMA eingebunden und lernten dabei von bereits ausgebildeten Wissenschafterinnen. Im Sinne eines niederschwelligen Mentorings begleiteten die Studierenden die wissenschaftlichen Projektmitarbeiterinnen zu Erhebungen (etwa in das Polizeianhaltezentrum). Gleichzeitig haben die Studierenden vorab einen eigenen Leitfaden für die Interviews erstellt, der mit den LV-Leiterinnen und den Projektmitarbeiterinnen besprochen wurde. In den Erhebungen wurde ihnen eine jeweils spezifische Rolle zugewiesen, etwa als Verfasserin oder Verfasser eines Beobachtungsprotokolls.

Didaktische Innovation:

Die Studierenden waren nicht nur am Rande in ein Forschungsprojekt eingebunden, sondern erhielten die Möglichkeit, mit Wissenschafterinnen im methodischen Kern des Projektes, in den Erhebungen, gemeinsam zu arbeiten. Dabei bekamen sie auch die Möglichkeit, ihre eigenen Stärken und Schwächen im realen Setting einzuschätzen. Hinzu kommt der starke Schwerpunkt auf Austausch und Feedback in dieser LV, der „klassische“ didaktische Elemente (Präsentationen der LV-Leiterinnen wie der Studierenden) mit innovativen und interaktiven Elementen verbindet: z.B. Analysegruppen, Probeinterviews, Peer Review, Gruppenberatungen etc.

Transferfunktion und Breitenwirksamkeit:

Die konzeptionellen und didaktischen Schwerpunkte der LV sind auch auf andere Forschungskontexte und inhaltliche Fragestellungen übertragbar. Sie eignen sich prinzipiell für alle Lehrveranstaltungen, in denen empirische Forschung stattfindet bzw. vermittelt werden soll. Aspekte wie Feedbackschleifen, Teilnahme an den Erhebungen eines professionellen Projektes, intensive Beratungstätigkeit etc. können zur Gänze oder auch nur teilweise in andere Lehrveranstaltungen transferiert werden.

Reflexivität, kritisches Denken und Kompetenzorientierung:

Die regelmäßigen Feedbackschleifen in den Präsenzeinheiten gewährleisteten Reflexion und kritisches Denken. Jeder einzelne Forschungsschritt (Finden der Forschungsfrage, Feldeinstieg, Erhebung, Auswertung) erhielt dadurch eine zeitnahe und regelmäßige Reflexionsplattform. Erfahrungen im Forschungsfeld wurden im geschützten Rahmen der Lehrveranstaltung gemeinsam vor- und nachbesprochen. Das Spezielle im Setting dieses Forschungspraktikums war dabei, dass die Reflexion im üblichen akademischen Lehrsetting, jedoch auch im Prozess eines realen Forschungsprojektes erfolgte: Die Studierenden sprachen sich mit den wissenschaftlichen Projektmitarbeiterinnen ab bzw. bekamen nach Erhebungen sofort Feedback zu ihren ersten Schritten in der Forschungslandschaft. Zudem konnten Herausforderungen und Entscheidungen in den eigenen Projekten mit jenen in den Rahmenprojekten in Bezug gesetzt werden.

Gesellschaftspolitische Anschlussfähigkeit:

Die gesellschaftspolitische Aktualität bzw. Brisanz der beiden Themen bringt mit sich, dass die Studierenden auch Überlegungen zu möglichen sozialpolitischen Schlussfolgerungen anstellen konnten (social policy strategies). Insbesondere im Fall des Projekts MOMA wurde dieser Aspekt dadurch gefördert, dass das Projekt gemeinsam mit dem Bedarfsträger Bundesministerium für Inneres umgesetzt wird. Die Anschlussfähigkeit von akademischen Ergebnissen wurde durch dieses Konzept reflektiert.

Nutzen und Mehrwert

Für die Studierenden haben sich die in Abschnitt 2 ausführlich beschriebenen praxisorientierten Einblicke und vertieften Lernchancen durch die Anbindung der Lehre an real und parallel durchgeführte Forschungsprojekte der LV-Leiterinnen ergeben. Die LV-Evaluierungen spiegeln diesen Mehrwert auch aus Sicht der Studierenden selbst wider.

 

Die Projekte, an die die Studierendenforschung angedockt waren, profitierten ihrerseits durch die ergänzende Teilnahme (z.B. bei Interviews) und weiterführende Forschung (z.B. Datenanalysen) der Studierenden.

 

Die LV-Leiterinnen profitierten durch den intensiven Austausch und Dialog mit den Studierenden – sowohl in Hinblick auf die laufenden Forschungsprojekte als auch das Feedback zur Lehrveranstaltung und damit die Weiterentwicklung der eigenen Lehrtätigkeit.

 

Institutionelle Unterstützung