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Zuletzt aktualisiert am 30.05.2025

Digital-unterstütztes Laborpraktikum für ein inklusives Chemie-Studium

Bei dem Projekt handelt es sich um ein neues Projekt / eine wiederholte Einreichung

Simone Bräuer

Verschiedene Bausteine des digital-unterstützen Laborpraktikums: Bilder abrufbar via: https://ctl.univie.ac.at/angebote-fuer-lehrende/teaching-awards/ars-docendi/braeuer-2025/

Ars Docendi Kriterien

  • Digitale Transformation und Künstliche Intelligenz
  • Innovative Hochschuldidaktik
  • Studierenden- und Kompetenzorientierung
  • Partizipation und Mitgestaltung

Gruppengröße

< 20

Anreißer (Teaser)

Chemie-Laborübung, ohne im Labor zu sein? Ja, das geht! Dieses inklusive, analytisch-chemische Masterpraktikum findet ausschließlich im Seminarraum und zuhause statt. So kann es auch bei unterschiedlichen Einschränkungen problemlos absolviert werden.

Kurzzusammenfassung des Projekts

Praktische Laborübungen sind essenziell in naturwissenschaftlichen Studien, jedoch oft nicht barrierefrei. Studierende mit körperlichen Einschränkungen, Schwangere oder Personen mit Betreuungspflichten können oft nicht teilnehmen. Zudem sind Laborpraktika zeitintensiv und räumlich begrenzt.

Das neu entwickelte digital-unterstützte Laborpraktikum für fortgeschrittene Analytische Chemie findet ausschließlich im Seminarraum und in selbstständiger Arbeit zuhause statt, und ermöglicht daher allen die Teilnahme, uneingeschränkt von körperlichen Voraussetzungen und Rücksicht nehmend auf komplexe Zeitpläne.

Die Studierenden arbeiten in einem Blended-Learning-Format. Praktische Tätigkeiten im Labor übernimmt die Lehrperson, während sich die Studierenden durch eine Vielzahl an verschiedenen didaktischen (oft digitalen) Bausteinen intensiv mit einem konkreten, realen Forschungsprojekt auseinandersetzen und dieses komplett planen und durchführen.

Die Studierenden können durch das spezielle Setting problemfrei mit hochkomplexen, sensiblen Geräten arbeiten. Sie lernen zudem, wie es ist, in einem Betrieb als Laborleitung tätig zu sein und Experimente zu delegieren, anstatt sie selbst durchzuführen. Dieses unkonventionelle Praktikum wird von den Studierenden äußerst positiv aufgenommen und zeichnet sich besonders durch die hohe Eigenmotivation der Studierenden aus, die durch die unterschiedlichen Aufgaben und die Beteiligung an einem Forschungsprojekt geweckt wird.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

Laboratory exercises are essential in the curricula of natural sciences, but often not accessible for everyone. Students with physical disabilities, pregnant students, or those with caregiving responsibilities are usually unable to participate. Additionally, laboratory courses are time-intensive and limited by space constraints.

The newly developed, digitally supported laboratory course for advanced analytical chemistry happens exclusively in the seminar room, as well as through independent work at home. This allows full participation regardless of physical conditions and accommodates complex time schedules.

The whole course is designed as a blended-learning format. While practical tasks in the lab are carried out by the teacher, students participate in a real research project, using various pedagogical (often digital) components, and are fully planning and executing the project remotely.

Thanks to this unique setup, students can use highly complex, sensitive instruments. They also gain experience in the role of laboratory manager, learning how to delegate experiments rather than conducting them themselves.

This unconventional course has been very well received by students, who demonstrate high intrinsic motivation, driven by the diverse tasks and their involvement in a real research project.

Nähere Beschreibung des Projekts

Ausgangslage und Ziele:

In naturwissenschaftlichen Studien, wie z.B. Chemie, nehmen praktische Lehrveranstaltungen (LVs, wie Laborübungen/-praktika) einen wichtigen Stellenwert ein. Hier werden wertvolle praktische Erfahrungen gesammelt. Allerdings stellen diese LVs auch spezielle Herausforderungen dar: Bei körperlicher Beeinträchtigung ist eine Teilnahme an der regulären LV oft nicht möglich, da dies ein Sicherheitsrisiko für die betroffenen Studierenden oder auch die anderen Teilnehmer/innen darstellen könnte oder weil Geräte etc. nicht erreicht werden können, da die Labortische zu hoch oder zu tief sind. Weiters sind Schwangere meist ausgeschlossen, da die Verwendung von giftigen Chemikalien (zu Recht) für sie verboten ist. Überdies sind Laborübungen auch eine logistische Herausforderung, da sie üblicherweise mehrere ganze oder halbe Tage am Stück dauern und eine Anwesenheit verpflichtend ist. Bei Betreuungspflichten ist dies für Studierende oft nur schwer bewältigbar. Nicht zuletzt ist durch den benötigten Laborraum auch die Zahl an Studierenden stark beschränkt, was zu Wartelisten und Verzögerungen im Studium führen kann.

An der Fakultät für Chemie wurde ein Laborpraktikum entwickelt, das auch von Studierenden mit körperlichen Einschränkungen, Schwangeren und Studierenden mit Betreuungspflichten ganz normal absolviert werden kann. Des Weiteren sollte es bei Bedarf (Stichwort: Pandemie) sehr einfach auf kompletten Online-Betrieb umstellbar sein, und mehr Studierende gleichzeitig aufnehmen können als herkömmliche Laborpraktika.

Inhaltlich handelt es sich um ein Master-Praktikum über fortgeschrittene analytische Chemie. Hier werden keine Basis-Handgriffe mehr gelernt, sondern es geht primär um die Bedienung und den korrekten Einsatz von hochkomplexen Messgeräten (z.B. Massenspektrometer) sowie um die Planung und Auswertung von kleinen Forschungsprojekten.

Konzept:

Um den beschriebenen Anforderungen gerecht zu werden, wurde grundsätzlich festgelegt, dass Studierende in diesem Praktikum kein Chemie-Labor im klassischen Sinn betreten. Tätigkeiten, die nur im Labor durchgeführt werden können, werden von den Lehrenden durchgeführt. Das Praktikum ist generell in einem Blended-Learning-Setup gestaltet. Die Studierenden sind in den synchronen Phasen des Praktikums in einem Seminarraum und in den asynchronen Phasen daheim bzw. an einem Ort ihrer Wahl. 

Zu Semesterbeginn wird neben der Terminvereinbarung auch der ungewöhnliche Ablauf erklärt und das Praktikums-Thema vorgestellt. Dieses wird von der Praktikumsleitung ausgewählt und kann beispielsweise eine kleine, klar definierte Fragestellung aus einem aktuellen Forschungsprojekt der Lehrenden sein (und ist daher jedes Semester ein anderes). Das Praktikum selbst besteht dann aus einer Mischung an verschiedenen Bausteinen, die von den Lehrenden flexibel an das jeweilige Thema angepasst werden können und das größtmögliche Potential an eigenständigem, praktischem Lernen und Festigen herausholen sollen, trotz des unüblichen Settings. Das Praktikum findet nicht – wie sonst üblich – geblockt in 1-2 Wochen statt, sondern wird auf einige Wochen verteilt, mit Einheiten zu jeweils 1-4 Stunden. Dazwischen ist Zeit für asynchrone Lehrteile, die die Studierenden selbstständig durchführen, entweder allein oder in Kleingruppen. Dadurch beschäftigen sie sich länger mit dem Thema, können sich sukzessive in einen Forschungsprozess vertiefen und sind gleichzeitig nicht bereits nach der Hälfte des Praktikums mit Informationen überfüllt und erledigt. Auch die Studierbarkeit wird dadurch deutlich erhöht, da es mit den sehr divergierenden Stundenplänen der einzelnen Studierenden oft einfacher ist, ein bis zwei gemeinsame verfügbare Stunden zu finden als ganze Wochen. Dennoch ist klar, dass es gleichzeitig auch aufwendiger ist, da mehrere Termine gefunden werden müssen, anstatt von einer durchgehenden Woche.

Bausteine: Literatursuche und erarbeiten eines Versuchsplans

In Laborpraktika ist es oft üblich, dass Studierende eine Arbeitsanweisung, quasi ein Kochrezept, bekommen, und sie sich keine eigenen Gedanken mehr über den sinnhaften Aufbau von Experimenten machen.

In der vorgestellten LV soll daher explizit die Selbstständigkeit der Studierenden gefördert werden. Die Labor-Tätigkeiten sind zwar durch das ausgewählte Projekt grob vorgegeben, aber die konkreten Experimente werden durch die Studierenden festgelegt.

Dazu suchen diese zu Beginn des Praktikums passende Fach-Literatur (asynchrone Phase).

In der Gruppe (max. 10 Studierende) wird diese Literatur dann diskutiert, unter Moderation einer Lehrperson. Zentrale Punkte werden kritisch besprochen. Anhand des gemeinsam erworbenen Wissens und unter sanfter Lenkung durch die Lehrenden erstellen die Studierenden einen detaillierten Versuchsplan über die Experimente, die anschließend genauso von den Lehrenden durchgeführt werden.

Die Studierenden nehmen so die Rolle eines Laborleiters/einer Laborleiterin ein (ein durchaus üblicher Beruf nach Absolvierung des Chemie-Masterstudiums); anstatt selbst Versuche durchzuführen, werden möglichst konkrete Anweisungen an Labortechniker/innen (in der LV: die Lehrenden) erteilt, die dann die praktischen Arbeiten entsprechend erledigen.

Als weiterer Vorteil ergibt sich durch diesen Ablauf, dass die Studierenden an realen Forschungsprojekten beteiligt sein können, auch wenn teure Geräte oder wertvolle Proben involviert sind, die man nicht in ungeübte Hände geben darf. Außerdem kann mit Messgeräten gearbeitet werden, die in Labors mit spezieller Zugangsbeschränkung stehen.

Baustein: Virtuelle 360° Laborumgebung

Den Studierenden steht während des gesamten Semesters ein virtuelles Labor zur Verfügung. Dazu wurden 360° Foto-Aufnahmen der Labor-Räumlichkeiten erstellt, die dann auch (von den Lehrenden) für die Experimente verwendet werden. Die Studierenden können sich durch das virtuelle Labor bewegen und sich alle Geräte aus der Nähe ansehen. Alle verfügbaren Chemikalien und Materialien sind in den einzeln anwählbaren („zu öffnenden“) Schränken auffindbar und mit genauen Eigenschaften gelistet. Die Studierenden müssen selbst herausfinden, was davon für das Praktikum relevant ist und was nicht.

In herkömmlichen Laborpraktika wird den Studierenden stattdessen (aus sicherheitsrelevanten Gründen) meist nur das tatsächlich benötigte Material gegeben und es ist kein eigenes Nachdenken der Studierenden nötig.

Baustein: Videos

Die Abläufe im Labor werden ausschließlich von Lehrenden durchgeführt, während der asynchronen Phasen der LV, und zwar nach Anweisung der Studierenden. Damit alle Schritte möglichst klar nachvollzogen werden können, werden diese gefilmt, danach gemeinsam mit den Studierenden angeschaut und besprochen. Die Videos werden auch in die virtuelle Laborumgebung eingebettet, sodass Studierende sie sich individuell nochmals anschauen können.

Für ausgewählte Schritte wird live aus dem Labor gestreamt, wobei eine Lehrperson im Labor ist und eine zweite mit den Studierenden im Seminarraum. Das macht das Labor noch greifbarer und ermöglicht auch direktes Nachfragen auf die gezeigten Laborabläufe. Dies ist der einzige Teil der LV, für den mehr als eine Lehrperson benötigt wird.

Baustein: Remote-Bedienung von Messgeräten

Ein weiteres Kern-Element ist das Ansteuern von Messgeräten. Heutzutage ist es in der analytisch-chemischen Forschung gängige Praxis, dass im Labor selbst nur noch etwaige Vorbereitungen getroffen werden und der Rest vom Büro aus durchgeführt wird, indem man die Messgeräte über digitale Fern-Verbindung („Remotedesktopverbindung“) ansteuert. Dies auch im Praktikum anzuwenden ist daher nicht nur sinnvoll für den inklusiven Charakter der LV, sondern auch, um den Studierenden die modernen Arbeitsweisen in der Forschung näherzubringen.

Hier können verschiedene Aspekte aus der Theorie praktisch ausprobiert und verschiedene Einstellungen getestet werden, und die Studierenden lernen den Umgang mit typischer Steuerungs-Software. Im ersten Schritt der/die Lehrende die Computersteuerung, und die Studierenden können Vorschläge zu den Ausführungen machen. In weiterer Folge wird in Kleingruppen von 2-4 Studierenden gearbeitet und unter Aufsicht einer Lehrperson können die Studierenden die Geräte selbst ansteuern, wobei der Grad der Bewegungsfreiheit stark von den jeweiligen Messgeräten, der dazugehörigen Software und dem Verständnis der Studierenden abhängt.

Baustein: Verschränkung von Theorie und Praxis

Aufgrund der Gegensätzlichkeit von klassischen Vorlesungen und Laborpraktika ist es oft schwierig, den komplexen Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis zu vermitteln. Meist werden die beiden Teile von Studierenden sehr isoliert voneinander aufgefasst, da im Hörsaal kaum Platz und Zeit für Versuche ist, und im Labor das Experiment zu viel Raum einnimmt, um in Ruhe die Theorie dazu zu besprechen.

Durch das spezielle Setting der vorgestellten LV ergeben sich allerdings neue Möglichkeiten: Es können einzelne Aspekte der Theorie aus vorangegangenen Vorlesungen in Ruhe noch einmal aufgegriffen und einzelne neue, vertiefende Aspekte ergänzt werden. Quasi simultan können diese Punkte mittels der erwähnten Remote-Verbindung direkt am Messgerät hergezeigt werden.

Baustein: Geräte-Simulatoren am eigenen Computer

Für verschiedene analytische Geräte existieren kostenfreie Simulatoren, die die Studierenden am eigenen Computer ausführen können. Es werden Aufgaben gestellt, die dann selbstständig in der asynchronen Phase durchgeführt werden. Dabei können alle Studierenden eigenständig die Bedienung von komplexen Geräten üben, ohne die notwendigen Schutz-Einschränkungen bei der Arbeit am echten Gerät. Erfahrungen und Ergebnisse werden anschließend gemeinsam besprochen und mit realen Geräten verglichen.

Baustein: Eigenständiges Messen & Datenauswertung

Sobald alle Vorbereitungen durch die Lehrenden im Labor beendet sind, wird die Analyse am ausgewählten Instrument von den Studierenden entsprechend aufgesetzt und durchgeführt. Die erhaltenen Rohdaten müssen dann von den Studierenden selbstständig ausgewertet und evaluiert werden. Ein Fokus liegt hier zudem auf analytisch-chemischer Qualitätssicherung, wie sie auch in industriellen Labors vorkommt. Es hat sich gezeigt, dass es sehr hilfreich und von den Studierenden geschätzt ist, wenn zuerst die verschiedenen Berechnungsschritte beispielshaft vorgezeigt werden, wobei direkt auf Unklarheiten von Studierenden eingegangen werden kann.

Baustein: Präsentation

Abschließend werden in Kleingruppen Präsentationen vorbereitet, vor der Gruppe präsentiert und gemeinsam diskutiert.

Limitierungen:

Das vorgestellte Konzept ist ausschließlich im fortgeschrittenen Studium sinnvoll, da für das Erlernen von grundlegenden Handgriffen ein tatsächlicher Besuch im Labor unerlässlich ist. Des Weiteren hat sich gezeigt, dass die Labor-Tätigkeiten der Lehrenden sehr genau dokumentiert, gezeigt und besprochen werden müssen, da sonst die Gefahr besteht, dass die Abläufe nicht nachvollzogen werden können, was die nachfolgenden Analysen und Datenauswertungen schwierig macht.

Weiters ist anzumerken, dass eine reine online-Variante (statt im Seminarraum zu sein) nur bei echter Notwendigkeit durchgeführt werden sollte, da ansonsten nur schwer ein intensiver Austausch von Studierenden untereinander und mit Lehrenden zustande kommen kann, und die Studierenden stattdessen schnell zu passiven Zuhörern und Zuhörerinnen vor dem Laptop werden.

Fazit:

Das vorgestellte Konzept ist ideal geeignet, um mit den zu Beginn geschilderten Schwierigkeiten von herkömmlichen Laborpraktika umzugehen. Es ist äußerst vielseitig, und wird von den Studierenden sehr positiv aufgenommen, obwohl sie das Labor nicht physisch betreten. Es werden viele Dinge trainiert und erlernt, die in einem herkömmlichen Laborübungs-Setting zu kurz kommen, wie beispielsweise das selbstständige Planen und Durchführen eines Forschungsprojekts oder das eigenständige Bedienen von komplexer Software.

Akzeptanz und Resonanz

Die Lehrveranstaltung wird von den Studierenden extrem gut aufgenommen. Dies ist insbesondere erwähnenswert, als einige zu Beginn sehr skeptisch sind. Das positive Feedback ist auch an den Evaluierungsergebnissen zu sehen (siehe detailliertere Ergebnisse im Link). Beispielsweise wurde die Aussage „Ich werde dieses Praktikum weiterempfehlen“ von 33/40 Studierenden mit „Stimme voll und ganz zu“ beantwortet, die restlichen 7 antworteten mit „Stimme zu“. Die Antworten auf „Mir hat diese Lehrveranstaltung gefallen“ fielen ähnlich aus. Der Aussage „Dieses digitale Praktikum ist kein vollwertiger Ersatz für ein normales Praktikum“ stimmten nur 2 der Befragten „voll und ganz“ zu, während knapp drei Viertel „nicht“ zu bzw. „überhaupt nicht“ zustimmte.

Als größte Vorteile sehen sehr viele der Studierenden zum einen die Flexibilität, die die Koordination mit anderen Lehrveranstaltungen erleichtert, und zum zweiten, „Einen klaren Kopf immer zu Beginn des Praktikums zu haben - nicht wie sonst über zu viel Stress und Aufgaben/Vorbereitungen unkonzentriert und übermüdet zu sein.“

Weiters wurde positiv angemerkt, dass dieses Format es besonders gut ermöglicht, auf alle Studierenden einzugehen, sodass jede/r mitkommen kann. Insgesamt konnten die Studierenden sehr viel lernen, viele sind auch der Meinung, es wurde mehr mitgenommen als bei anderen Laborpraktika.

Aus Lehrendensicht fällt besonders auf, wie aktiv und intensiv sich die Studierenden beteiligen, besonders im Vergleich zu anderen Lehrveranstaltungen. So kann es schon einmal passieren, dass bei der Versuchsplanung von der Gruppe gleich Experimente für eine ganze Masterarbeit geplant würden, sodass dann der Umfang von der Lehrperson wieder auf die Länge des Praktikums zurückgeführt werden muss. Studierende haben auch kaum Hemmungen, Fragen zu stellen, und die Aufgaben fürs selbstständige Arbeiten werden so gut wie immer zeitgerecht und vollständig abgegeben, was für die positive Wahrnehmung bei den Studierenden spricht.

Die Lehrveranstaltung wurde mit dem „Univie Teaching Award 2024“ der Fakultät für Chemie ausgezeichnet, der gemeinsam von Lehrenden und Studierenden vergeben wird.

Nutzen und Mehrwert

Der größte Mehrwert des vorgestellten Lehrprojekts ist sein inklusiver Charakter. Das althergebrachte Dogma, dass Laborpraktika auch tatsächlich im Labor stattfinden müssen, wird durchbrochen. Die Studierenden haben keinen physischen Zugang zum Labor, sondern arbeiten im Seminarraum oder daheim. Dadurch ist dieses Praktikum auch uneingeschränkt für körperlich Beeinträchtigte und Schwangere durchführbar. Die Flexibilität des Programms ermöglicht es außerdem, auf besondere Bedürfnisse, wie Betreuungspflichten, einzugehen. Durch die Verteilung auf einzelne Tage innerhalb mehrerer Wochen (anstatt durchgehend 1-2 Wochen) und den Einsatz unterschiedlicher, abwechslungsreicher didaktischer Methoden, sind die Studierenden deutlich weniger erschöpft, während des gesamten Praktikums aufnahmebereiter und bis zum Ende motiviert und aktiv.

Weiters ist es mit dem vorgestellten Konzept möglich, Studierende an realen (kleinen) Forschungsprojekten teilhaben zu lassen, auch wenn teure, empfindliche Geräte und wertvolle Proben/Materialien verwendet werden, die nur von erfahrenem Personal gehandhabt werden dürfen.

Dadurch sind die Studierenden extrem motiviert, aktiv mitzumachen und eigene Ideen einzubringen. Außerdem ist es für die Lehrenden insofern ein zeitlicher Gewinn, da Forschung und Lehre zeitgleich stattfinden können. Zusätzlich können unter Umständen neue, kreative Ideen der Studierenden in der Forschung direkt umgesetzt werden.

Zu guter Letzt ist dieses Setting insofern einzigartig, als dass es erstmals den Studierenden zeigt, wie der Arbeitsalltag eines Laborleiters/einer Laborleiterin aussehen könnte (d.h., Experimente so planen und erklären, dass sie jemand anders durchführen kann). Durch Wegfall von altbekannten Basis-Labortätigkeiten kann der Fokus besser auf Neues, Komplexeres gelegt werden, wie zum Beispiel Daten-Evaluierung und Qualitätssicherung.

Übertragbarkeit und Langlebigkeit

Das Projekt läuft seit 2024

Die entwickelte Lehrveranstaltung ist aktuell fixer Bestandteil des Master Curriculums Chemie und soll dauerhaft fortgeführt werden. Auf Basis der Erfahrungen und des Feedbacks wird sie ständig weiterentwickelt und optimiert.

Ein Senior Lecturer ist hauptverantwortlich für die Lehrveranstaltung, wird aber seit kurzem durch eine weitere Lehrperson unterstützt, die dann in weiterer Folge die Laborübung bei Bedarf auch selbstständig durchführen bzw. leiten kann.

Die erstellten Materialien, wie virtuelles Labor und Videos, sind zum großen Teil problemlos in folgenden Semestern weiterverwendbar und bei Bedarf adaptier- und erweiterbar. So können zum Beispiel in der virtuellen Laborumgebung flexibel einzelne Chemikalien, Geräte oder Materialien hinzugefügt werden, je nach Anforderungen des aktuellen Semester-Projekt-Themas.

Das Konzept ist problemlos auf Chemiestudien an anderen Universitäten übertragbar, allerdings hauptsächlich für Laborpraktika/-übungen im Bereich Analytische Chemie (und verwandte Fächer), da nur hier die Fokussierung auf computergesteuerte Messgeräte gegeben ist.

Das virtuelle 360° Labor kann innerhalb der Fakultät problemlos weiterverwendet und adaptiert werden. Außerdem ist eine reduzierte Demo-Variante davon für Workshops und Ähnliches innerhalb der Universität verfügbar.

Institutionelle Unterstützung

Ein Senior Lecturer wurde explizit mit der Entwicklung der Lehrveranstaltung betraut und ist auch weiterhin zentrale Lehrperson für die Laborübung. Diese ungewöhnliche Maßnahme wurde getroffen, um aktuellen Herausforderungen der Fakultät für Chemie zu begegnen: Teilweise hohe Studierendenzahlen, immer vielfältiger werdende Lebensrealitäten (und damit einhergehende Terminpläne etc.) und nicht zuletzt Studierende mit körperlichen Beeinträchtigungen, die zuvor faktisch kein Chemiestudium absolvieren konnten.

Für einzelne Bestandteile gab es Unterstützung durch das Center for Teaching and Learning der Universität Wien.

Zusätzlich gab es finanzielle Unterstützung für den Kauf von Kameraequipment durch die Universität, im Rahmen von Digitalisierungsförderung der Lehre.

In den Leistungsvereinbarungen der Universität Wien mit dem Bund, 2022-2024, sind Barrierefreiheit, Inklusion und Studierbarkeit explizit und mehrfach erwähnt, und in diesem Sinne ist auch das vorgestellte Lehrprojekt entstanden.

Zum Abschluss des Praktikums werden die Studierenden aktiv darum gebeten, den allgemeinen Lehrveranstaltungs-Feedbackbogen der Universität auszufüllen. Zusätzlich wurde ein umfangreicher Fragebogen entworfen, der sich konkret mit den speziellen Eigenschaften dieses Praktikums beschäftigt, den die Studierenden ebenfalls ausfüllen sollen.

Als Ergänzung zu den anonymen Fragebögen gibt es im letzten Teil des Praktikums eine mündliche, niederschwellige Feedback-Runde, die von den Studierenden auch gut genutzt wird, ihre Eindrücke und Vorschläge zu schildern. 

Das gesamte Feedback wird herangezogen, um das Praktikum kontinuierlich zu optimieren und den Studierenden ein noch besseres Lernen und Praktikums-Erlebnis zu ermöglichen. Beispielsweise wurde von den Teilnehmenden des ersten Durchlaufs angemerkt, dass Versuche und Abläufe im Labor teils schwierig nachzuvollziehen sind, wenn sie nicht von den Studierenden selbst durchgeführt werden. An dieser signifikanten Schwachstelle des „digitalen“ Laborpraktikums wurde in Folge intensiv gearbeitet. Eine Maßnahme ist unter anderem das virtuelle 360° Labor, das nun ein zentraler Bestandteil der Lehrveranstaltung ist und sehr gut aufgenommen wird. Außerdem wird besonderes Augenmerk auf die Versuchsplanung gelegt, und nach Möglichkeit werden kleine „Labor“-Tätigkeiten im Seminarraum durchgeführt, wie zum Beispiel das Zerkleinern von zu untersuchenden Lebensmittelproben mit Küchenmixer oder Kaffeemühle.