Zuletzt aktualisiert am 01.06.2026
Vom Text zum Prozess: Kollaboratives Schreiben als professionelle Praxis
Bei dem Projekt handelt es sich um ein neues Projekt / eine wiederholte Einreichung
Image by Pexels from Pixabay
Wie im traditionellen Schriftsatz entstehen Texte aus vielen einzelnen Elementen – die Lehrveranstaltung macht den dahinterliegenden kollaborativen Schreibprozess sichtbar.
Ars Docendi Kategorie
Lernergebnisorientierte Lehr- und Prüfungskultur
Ars Docendi Kriterien
- Digitale Transformation und Künstliche Intelligenz
- Innovative Hochschuldidaktik
- Studierenden- und Kompetenzorientierung
Gruppengröße
< 20
Anreißer (Teaser)
Wenn KI schnell überzeugende Texte erzeugt, verliert produktorientierte Schreibdidaktik an Aussagekraft. Professional Writing Skills stellt kollaborative Schreibprozesse in den Mittelpunkt und macht berufliche Textproduktion in Simulationen sichtbar.
Kurzzusammenfassung des Projekts
KI-Tools erzeugen schnell zweckmäßige, sprachlich wirksame Texte. Produktorientierte Schreibdidaktik wird dadurch zunehmend obsolet und bereitet Studierende kaum auf berufliche Kommunikationspraxis vor. Professional Writing Skills verschiebt den Fokus vom fertigen Text auf den Schreibprozess. Schreiben wird als situierte berufliche Praxis verstanden, in der KI Teil des Arbeitsprozesses ist. Studierende reflektieren, wann ihr Einsatz das Schreiben unterstützt und wann er Vertrauen oder Verantwortung untergräbt.
Wir entwickelten ein simulationsbasiertes Lehrmodell mit Hot-Seat-Drafting. Studierende verfassen Texte gemeinsam, während andere den Prozess beobachten und rhetorische Entscheidungen analysieren. Lernaufgaben, Feedback und Prüfung sind konstruktiv auf zentrale Kompetenzen ausgerichtet: kommunikative Situationen analysieren, Bedeutung aushandeln, Texte gemeinsam entwerfen und überarbeiten. Eine strukturierte, mehrstufige Feedbackkultur unterstützt iterative Revision und fördert eine wachstumsorientierte Lernumgebung. Unterschiedliche Erfahrungen und Kompetenzniveaus der Studierenden werden gezielt einbezogen.
Im Zentrum stehen kollaborative Schreibpraktiken statt Endproduktorientierung. Diese Verschiebung stärkt überfachliche Kompetenzen und wurde von Studierenden—zunächst ungewohnt—als bestärkend erlebt. Das Modell bietet einen hochaktuellen, übertragbaren Ansatz für eine prozessorientierte Schreibdidaktik, die KI-Kompetenz mit kollaborativer Schreibpraxis verbindet.
Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache
AI tools generate convenient, linguistically effective texts, making product-focused writing instruction increasingly redundant and leaving students unprepared for workplace communicative demands. Professional Writing Skills introduces a shift toward a process-oriented model that prioritises collaborative writing practices over finalised texts. Writing is treated as situated workplace practice rather than individual text production, and AI becomes part of the writing process itself, prompting critical reflection on when it supports writing and when it undermines credibility or responsibility.
We implement a simulation-based model using hot-seat drafting, where students collaboratively draft texts while peers observe and analyse emerging rhetorical decisions. Learning activities, feedback, and assessment are constructively aligned with students’ ability to analyse communicative situations, negotiate meaning, and collaboratively draft and revise professional texts. A structured, multilayered feedback culture supports iterative revision and cultivates a growth-oriented learning environment that draws on students’ diverse experience levels and professional backgrounds.
By shifting assessment from product-oriented evaluation to process-oriented learning, the course strengthens transversal workplace competencies and offers a transferable and timely model that reframes writing instruction as process-based pedagogy integrating AI literacy and collaborative writing practices.
Nähere Beschreibung des Projekts
Ausgangssituation
Die Lehrveranstaltung Professional Writing Skills wird im dritten Semester der Masterstudiengänge Industrial Engineering & Business sowie Innovation and Technology Management durchgeführt. Sie wurde neu gestaltet, um veränderte Bedingungen professioneller Kommunikation sowie der Vermittlung und Bewertung von Schreibkompetenz zu berücksichtigen.
Im Zentrum steht ein prozessorientiertes, simulationsbasiertes Lehrkonzept. Schreiben wird nicht primär als Erstellung fertiger Texte verstanden, sondern als Teil professioneller Kommunikationspraxis. Texte entstehen durch Analyse kommunikativer Situationen, Aushandlung rhetorischer Entscheidungen, Überarbeitung und Feedback. Simulationen, kollaboratives Schreiben und Reflexion machen diese Prozesse im Unterricht sichtbar.
Die Neugestaltung reagiert auf zwei Entwicklungen. Erstens verändert generative KI das Verhältnis zwischen Schreiben und Leistungsbewertung. Digitale Werkzeuge erzeugen schnell grammatikalisch korrekte Texte; der Endtext erlaubt daher nur begrenzte Rückschlüsse auf Entscheidungen der Studierenden. Zweitens entsteht professionelle Kommunikation selten durch individuelles Schreiben. In organisationalen Kontexten entstehen E-Mails, Memos, Beriche oder Policy-Dokumente meist durch kollaboratives Schreiben, Überarbeitung und Abstimmung zwischen Beteiligten mit unterschiedlichen Rollen. Die LV verlagert daher den Fokus vom Endprodukt auf die Entstehungsprozesse professioneller Kommunikation. Lehraktivitäten, Feedbackstrukturen und Leistungsbewertung orientieren sich an einem prozessorientierten Verständnis von Schreiben und bilden zentrale Praktiken professioneller Kommunikation unter digital unterstützten Arbeitsbedingungen ab.
Ziele der LV
Die Neugestaltung verlagert den Schwerpunkt der Schreibvermittlung vom fertigen Text auf die Prozesse professioneller Textproduktion. Schreiben wird als professionelle Praxis behandelt: Analyse von Kommunikationssituationen, Aushandlung von Bedeutungen im Team, iterative Überarbeitung und rhetorische Entscheidungen.
Die LV nutzt simulationsbasierte Lernformate. Schreibaufgaben sind in berufliche Szenarien eingebettet. Texte werden kollaborativ verfasst, Entscheidungen im Schreibprozess analysiert und überarbeitet.Sprachliche Kompetenz und Genrekenntnis entwickeln sich in realitätsnahen Kommunikationssituationen. Das Lehrkonzept basiert auf vier Elementen:
- Sichtbare Schreibprozesse: In „Hot-Seat“-Simulationen verfassen kleine Gruppen Texte, während der Schreibprozess projiziert und analysiert wird.
- Simulation professioneller Kommunikationssituationen: Schreibaufgaben sind Teil einer fortlaufenden Beratungssimulation mit unterschiedlichen Rollen.
- Strukturierte Feedbackprozesse: Peer-Beobachtung, Impulse der Lehrenden und kurze Reflexionsphasen unterstützen Analyse und Überarbeitung.
- Reflektierter Umgang mit generativer KI: Analyse von Einsatzmöglichkeiten und Grenzen KI-gestützter Textproduktion.
Die Lernaktivitäten enthalten bewusst Situationen mit Unsicherheit, Aushandlung und Überarbeitung. Schreibkompetenz umfasst daher sprachliche Genauigkeit, rhetorische Analyse, kollaborative Entscheidungsprozesse und reflektiertes Handeln in digital unterstützten Schreibumgebungen. Zu Beginn der LV wird ein Schreibprozessmodell eingeführt. Es stellt Begriffe für Analyse, Entwurf, Überarbeitung und Redaktion bereit und dient während der LV als Referenzrahmen.
Lernergebnisse
Nach Abschluss der LV können die Studierenden:
- Kommunikationssituationen analysieren und Zielgruppe, Zweck sowie organisationale Rahmenbedingungen berücksichtigen.
- Professionelle Texte in mehreren Entwurfs- und Überarbeitungsphasen entwickeln.
- in kollaborativen Schreibprozessen arbeiten, Texte gemeinsam verfassen und Überarbeitungen koordinieren.
- Texte an berufliche Genre-Konventionen anpassen (z. B. E-Mails, Memos, analytische Berichte).
- Schreibentscheidungen sowie den Einsatz digitaler Werkzeuge, einschließlich generativer KI, reflektieren.
Diese Lernergebnisse strukturieren das Lehr- und Prüfungsdesign der LV. In den einzelnen Modulen werden sie durch Simulationen, kollaboratives Schreiben und Feedbackprozesse eingeübt. Die abschließende Prüfung verlangt eine selbstständige Anwendung dieser Kompetenzen.
Entwicklung und Aufbau
Die Neugestaltung orientiert sich an Forschung zu beruflicher Kommunikation und situierter Schreibpraxis. Professionelle Texte entstehen meist kollaborativ und unter Nutzung gemeinsamer digitaler Werkzeuge. Die LV modelliert drei typische Formen kollaborativen Schreibens: Schreiben mehrerer Personen an einem gemeinsamen Gerät, synchrone digitale Zusammenarbeit, und rollenbasierte, verteilte Textproduktion. Diese Praktiken werden in Simulationen umgesetzt, in denen Studierende Texte erstellen und zugleich analysieren, wie professionelle Dokumente durch Abstimmung, Feedback und Überarbeitung entstehen.
Die Aufgaben sind in ein fortlaufendes Beratungsszenario eingebettet. Studierende beraten ein Produktionsunternehmen während einer strategischen Neuausrichtung. Das Szenario entwickelt sich in drei Phasen:
Phase 1 – Kommunikation mit dem Auftraggeber: Reaktion auf Nachrichten des CEO eines Kundenunternehmens.
Phase 2 – Interne Beratungskommunikation: Erstellung eines internen Memos mit einer Empfehlung zum Beitritt zu einem Branchenverband.
Phase 3 – Politikbezogene Kommunikation: Erstellung eines Policy-Briefings als Antwort auf eine Anfrage des Europäischen Parlaments.
Jedes Simulationsmodul verbindet eine berufliche Textsorte, eine kollaborative Schreibpraxis und eine Situation im Beratungsszenario. Das Lehrteam entwickelte eigene Simulationsmaterialien, darunter E-Mail-Korrespondenzen, Organisationsdokumente und eine parlamentarische Anfrage. Teile der Hintergrund- und Quellenmaterialien wurden mit Unterstützung generativer KI erstellt, um konsistente und didaktisch kontrollierte Szenarien zu entwickeln.
Sichtbare Schreibprozesse: Die „Hot-Seat“-Simulation
Ein zentrales Element der LV ist die sogenannte „Hot-Seat“-Simulation. In diesen Einheiten erstellt eine kleine Gruppe von Studierenden gemeinsam einen professionellen Text, während der Schreibprozess live projiziert und von der übrigen Gruppe beobachtet wird. Schreiben wird dadurch als Prozess sichtbar und analysierbar. Die Beobachtenden dokumentieren Feedback in einem gemeinsamen Dokument anhand von Leitfragen zu Zielgruppe, Ton, Struktur und Verständlichkeit. Die Lehrenden ergänzen schriftliche sokratische Impulse. Nach jeder Simulation reflektiert die Schreibgruppe rhetorische Situation, Zusammenarbeit und Textentwicklung. So entsteht eine mehrstufige Feedbackstruktur. Studierende analysieren Schreibentscheidungen, geben strukturiertes Feedback und reflektieren die rhetorische Wirksamkeit der Texte.
Modulstruktur
Die vier Module erhöhen schrittweise die Komplexität der Schreibsituationen und kollaborativen Anforderungen. Dabei entwickeln die Studierenden zentrale Kompetenzen der LV: rhetorische Analyse, kollaboratives Schreiben, Überarbeitung und reflektierte Urteilsfähigkeit.
Modul 1 – Schreiben als Prozess: Einführung in Schreiben als kognitiven und rhetorischen Prozess statt als sprachliches Produkt. Die Studierenden analysieren, wie professionelle Texte durch Analyse, Entwurf, Überarbeitung und Redaktion entstehen und diskutieren den Einfluss digitaler Werkzeuge, insbesondere generativer KI.
Modul 2 – Kollaboratives E-Mail-Schreiben: Simulation kollaborativen Schreibens an einem gemeinsamen Gerät. Studierende analysieren zunächst individuell eine berufliche E-Mail und verfassen anschließend im „Hot-Seat“-Format gemeinsam Antworten in einer sich entwickelnden E-Mail-Korrespondenz mit dem CEO eines Kundenunternehmens. Mit jeder Nachricht wird der kommunikative Kontext klarer und Annahmen zu Zielgruppe, Ton und Zweck werden angepasst.
Modul 3 – Überarbeitung eines internen Memos: Simulation synchroner digitaler Zusammenarbeit. Studierende überarbeiten ein internes Memo in einem gemeinsamen Online-Dokument. Sie arbeiten gleichzeitig an separaten Geräten ohne verbale Kommunikation; Abstimmungen erfolgen im Dokument. Mehrere Gruppen bearbeiten den Text nacheinander unter veränderten Kontextbedingungen.
Modul 4 – Policy-Briefing und Synthese: Einführung analytischer Synthese. Studierendengruppen analysieren mehrere Texte mit unterschiedlichen Positionen und erstellen daraus ein Policy-Briefing. Dabei verbinden sie Inhalte aus verschiedenen Quellen, paraphrasieren Positionen und formulieren eine Empfehlung. Der Vergleich der Briefings zeigt, wie unterschiedliche Interpretationen zu unterschiedlichen Empfehlungen führen.
Abschlussprüfung – Die Abschlussprüfung überprüft die selbstständige Anwendung der entwickelten Kompetenzen. Die Studierenden bearbeiten drei Aufgaben:
- Rhetorische Analyse eines professionellen Textes (Autor, Zielgruppe, Kommunikationsziel).
- Überarbeitung einer beruflichen Kommunikation für einen vorgegebenen Kontext und eine definierte Zielgruppe.
- Reflexive Synthese zur Entwicklung professioneller Texte durch Entwurf, Überarbeitung und Feedback.
Leistungsbewertung
Das Prüfungskonzept folgt dem prozessorientierten Ansatz der LV. Bewertet werden Analyse von Kommunikationssituationen, rhetorische Entscheidungen, kollaborative Überarbeitung sowie die Reflexion von Schreibprozessen. Die LV kombiniert kriteriumsorientierte formative Rückmeldungen während des Semesters mit einer individuellen summativen Abschlussprüfung.
Formative Bewertung ist in die simulationsbasierten Lernaktivitäten integriert und erfolgt im Verlauf von Entwurf, Beobachtung, Feedback, Überarbeitung und Reflexion. Zentrales Element ist eine mehrstufige Feedbackstruktur:
- Peer-Beobachtung anhand von Leitfragen zu Kommunikationsziel, Zielgruppe, Ton, Struktur, Verständlichkeit und Sprache
- schriftliche Impulse der Lehrenden zur Begründung rhetorischer Entscheidungen
- reflexive Analyse der Textentwicklung durch Aushandlung, Überarbeitung und Feedback
Die Teilnahme an den Simulationen fließt in die Leistungsbewertung ein. Berücksichtigt werden kollaboratives Schreiben, strukturierte Beobachtung, Feedbackbeiträge und Reflexionsphasen.
Die Abschlussprüfung erfolgt individuell und überprüft die selbstständige Anwendung der entwickelten Kompetenzen. Die Studierenden analysieren und überarbeiten professionelle Texte unter Berücksichtigung von Genre-Konventionen und rhetorischen Erwartungen. Eine abschließende Syntheseaufgabe verlangt das Berichten, Umformulieren und Integrieren von Inhalten in einer neuen Textform zur Reflexion kollaborativer Schreibpraktiken.
Zentrale Gestaltungselemente
Reflektierter Umgang mit generativer KI
Generative KI wird als Rahmenbedingung professioneller Kommunikation behandelt. Im Mittelpunkt steht nicht die Erkennung KI-generierter Texte, sondern der verantwortungsvolle Einsatz KI-gestützter Textproduktion in beruflichen Kontexten. Die Reflexion über KI-Nutzung ist in die Simulationen integriert; analysiert werden Möglichkeiten und Grenzen KI-gestützter Kommunikation.
Heterogene Studierendengruppen
Das simulationsbasierte Lehrkonzept bringt Studierende mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen, beruflichen Erfahrungen, Kommunikationsstilen und Englischkenntnissen zusammen. Kollaborative Schreibaufgaben erfordern die Begründung von Entscheidungen, Aushandlung rhetorischer Optionen und Abstimmung von Erwartungen an Ton und Struktur. Unterschiedliche Perspektiven werden als Lernressource genutzt.
Feedbackkultur und produktive Schwierigkeit
Die LV integriert typische Bedingungen professioneller Kommunikation: unvollständige Informationen, verändernde Aufgabenstellungen, neue Zusammenarbeitssituationen und öffentlich sichtbare Schreibprozesse. Diese fördern Aushandlung, Überarbeitung und Reflexion. Beobachtung, Feedback und Reflexion unterstützen den produktiven Umgang mit Kritik.
Akzeptanz und Resonanz
Die Auswertung strukturierter Reflexionsbögen aus den Simulationen zeigt, dass Studierende den kollaborativen Schreibansatz als sinnvoll, anspruchsvoll und beruflich relevant wahrnehmen.
Die Reflexionsbögen wurden im Wintersemester 2025 in sechs Lehrveranstaltungsgruppen mit rund 60 Studierenden eingesetzt. Für jedes der drei kollaborativen Formate wurde ein eigener Reflexionsbogen verwendet: gemeinsames Schreiben an einem Gerät (E-Mails), räumlich verteiltes synchrones Schreiben in einem geteilten Dokument (Proposal Memo) sowie rollenbasiertes Schreiben (Report/Policy Briefing).
Der Fragebogen kombinierte Likert-Skalen mit offenen Fragen zu Zusammenarbeit, rhetorischen Entscheidungen, Koordination und wahrgenommener Übertragbarkeit. Dadurch konnten quantitative Bewertungen und qualitative Reflexionen ausgewertet werden. Die Rückmeldungen unterschieden sich je nach Format: Die E-Mail-Aufgabe führte zu Beobachtungen über informelle Führung und Rollenverteilung; das Memo hob Koordinationsprobleme in geteilten Schreibumgebungen hervor; der Report führte zu Reflexionen über die Integration unterschiedlicher Perspektiven in einen gemeinsamen Text.
Die quantitativen Ergebnisse zeigen deutliche wahrgenommene Lerngewinne. 72 % der Studierenden wählten „stimme zu“ oder „stimme voll zu“ (M = 4,06/5) auf die Frage, ob die Simulationen ihr Verständnis dafür erhöht haben, wie professionelle Texte kollaborativ entstehen. 78 % (M = 4,11/5) bewerteten die Aktivitäten als relevant für ihre zukünftigen beruflichen Kontexte.
Die qualitativen Rückmeldungen zeigen eine intensive Auseinandersetzung mit dem Schreibprozess. Viele Reflexionen richteten sich weniger auf den fertigen Text als auf die Aushandlung rhetorischer Entscheidungen innerhalb der Gruppe. Studierende beschrieben, wie Erwartungen des Adressaten Ton, Struktur und Wortwahl beeinflussten und wie diese Elemente gemeinsam diskutiert und überarbeitet wurden.
Mehrere Rückmeldungen thematisierten auch entstehende Führungs- und Koordinationsrollen. Studierende beobachteten, dass die schreibende Person häufig eine koordinierende Funktion übernahm („The one on the keyboard is the final decision maker“), während andere Ideen oder Änderungen einbrachten. Andere Kommentare betonten Aushandlung und Kompromisse, etwa mit der Beobachtung, dass Gruppen „talked about it and compromised sometimes“.
Koordinationsprobleme traten besonders bei der synchronen Memo-Übung auf, bei der mehrere Studierende gleichzeitig am selben Dokument arbeiteten. Einige Teilnehmende beschrieben die Situation zunächst als unübersichtlich oder chaotisch. Eine Reflexion lautete: „It was chaotic because everyone started writing at the same time.“ Diese Erfahrungen führten zu Diskussionen über die Koordinationsanforderungen kollaborativen Schreibens.
Die Reflexionen zeigten zudem eine Verschiebung der Erwartungen an Leistungsbewertung. Viele Studierende gingen zunächst davon aus, dass sie – aus früheren Bildungskontexten gewohnt – einen fehlerfreien Endtext produzieren müssten, um Punkte zu erhalten. Die Lehrveranstaltung machte daher deutlich, dass die Bewertung primär die Auseinandersetzung mit dem Schreibprozess betrifft: Analyse rhetorischer Situationen, Verständnis von Textsortenkonventionen, Reflexion über Schreibentscheidungen und effektive Zusammenarbeit. Dieser Ansatz war zunächst ungewohnt, wurde von den Studierenden jedoch als motivierend und bestärkend beschrieben.
Die Simulationen integrierten mehrere Feedbackebenen. Das gemeinsame Schreiben fungierte bereits als unmittelbares Peer-Feedback, da Formulierungen und Überarbeitungen gemeinsam ausgehandelt wurden. Nach jeder Schreibphase bearbeiteten die Studierenden strukturierte Reflexionsbögen zum jeweiligen Auftrag. In den ersten Simulationen dokumentierten beobachtende Studierende zusätzlich schriftliches Feedback in einem gemeinsamen Dokument, während die Schreibgruppe den Text entwickelte. Lehrende ergänzten schriftliche Impulse zur Reflexion über Textentwicklung und Feedbackformulierung. Das Dokument blieb anschließend als Protokoll der Diskussion verfügbar.
Viele Studierende stellten außerdem Bezüge zur beruflichen Praxis her und verwiesen auf Teamarbeit, Zeitdruck und Kommunikation in technischen Berufen. Eine Reflexion stellte fest, dass kollaboratives Schreiben zu besseren Ergebnissen führen kann, weil „different views, more ideas … lead to a better outcome“.
Insgesamt zeigen die Rückmeldungen eine hohe Akzeptanz des Formats. Studierende berichten ein klareres Verständnis dafür, wie professionelle Texte in kollaborativen Prozessen entstehen, und erkennen die Bedeutung kommunikativer Kompetenz für ihre zukünftige berufliche Praxis.
Eine studentische Rückmeldung fasst diese Perspektive zusammen: „I am very happy that we have a subject like this and I definitely see the importance. I did not expect it from the course description, but you totally inspired me to do better in the future.”
Nutzen und Mehrwert
Der zentrale Mehrwert des Projekts liegt in einer Neuausrichtung der Schreibdidaktik. Traditioneller Schreibunterricht bewertet meist fertige Texte. Im Fokus stehen sprachliche Korrektheit und Struktur, während analytische und kollaborative Prozesse weitgehend unsichtbar bleiben. Die Verfügbarkeit generativer KI verschärft dieses Problem. Wenn grammatikalisch korrekte Texte schnell erzeugt werden können, wird eine Bewertung, die sich primär am Endprodukt orientiert, didaktisch unzureichend.
Die Lehrveranstaltung Professional Writing Skills reagiert darauf mit einer prozessorientierten Schreibdidaktik. Schreiben wird nicht primär als Produktion fertiger Texte verstanden, sondern als kollaborative Praxis. Studierende analysieren kommunikative Situationen, berücksichtigen Zielgruppen und überarbeiten Texte auf Basis von Feedback und veränderten Anforderungen. Generative KI wird nicht primär als Problem der Kontrolle behandelt, sondern als Kontextfaktor für reflektierte Entscheidungen über den Einsatz digitaler Werkzeuge.
Didaktischer Kern der LV sind simulationsbasierte Schreibaufgaben. Sie orientieren sich an Forschung zu organisationaler Kommunikation und modellieren typische Formen kollaborativer Textproduktion im Arbeitskontext. In strukturierten Szenarien werden Analyse, Abstimmung, Überarbeitung und kollaborative Entscheidungen im Unterricht beobachtbar und analysierbar. Studierende erleben, wie Texte durch Zusammenarbeit, Feedback und iterative Revision entstehen. Studierende arbeiten mit Textsorten wie E-Mails, Memos und Policy-Briefings und verknüpfen rhetorische Konzepte mit realistischen beruflichen Kommunikationssituationen.
Die Simulationen verbinden diskursive Schreibkompetenz mit arbeitsrelevanten Kooperationspraktiken. Dabei entwickeln Studierende auch zusätzliche Kompetenzen im Geben und Aufnehmen von Feedback, ein Bereich, den viele als besonders herausfordernd erleben.
Die Lehrveranstaltung versteht Schreiben damit als komplexe professionelle Kompetenz. Studierende entwickeln rhetorisches Bewusstsein, kollaborative Schreibkompetenz und reflektierte Urteilsfähigkeit.
Übertragbarkeit und Langlebigkeit
Das Projekt läuft seit 2023
Gegebenenfalls geplanter Endzeitpunkt: Keine
Diese LV ist bereits langfristig in zwei Masterstudiengänge integriert und zugleich als übertragbares Lehrkonzept konzipiert. Im Zentrum stehen Kompetenzen professioneller Kommunikation: Analyse kommunikativer Situationen, kollaboratives Schreiben und Überarbeitung mit Feedback. Textsorten und Simulationen lassen sich je nach Kontext anpassen; die Gestaltungsprinzipien bleiben konstant: prozessorientiertes Schreiben, kollaborative Textproduktion und simulationsbasiertes Lernen. Das Konzept ist werkzeugunabhängig und gegenüber technologischen Veränderungen robust.
Die modulare Moodle-Struktur ermöglicht parallele Durchführung und Anpassung an weitere Lehrveranstaltungen innerhalb der FH Technikum Wien. Ein Leitfaden mit LV-Struktur, Simulationen und Materialien sowie eine Präsentation des LV-Designs auf der internationalen sprachdidaktischen Konferenz IATEFL 2026 unterstützen die Übertragung des Konzepts auf weitere Lehrkontexte.
Rückmeldungen zeigen, dass Studierende einzelne Elemente bereits früher im Studium als sinnvoll erachten würden. Formate wie Hot-Seat-Simulationen, strukturierte Peer-Beobachtung und Reflexionsaufgaben zu Schreib- und Feedbackprozessen lassen sich in andere Lehrveranstaltungen integrieren und curricular verankern. Sie eignen sich besonders für Lehrkontexte, in denen Schreiben Teil fachlicher Lernprozesse ist, etwa bei Laborberichten, Projektdokumentationen oder Forschungsberichten.
Eine Weiterentwicklung betrifft die Sichtbarkeit individueller Entscheidungen in kollaborativen Schreibprozessen. Zukünftig sollen kurze individuelle Reflexionen integriert werden, in denen Studierende rhetorische Entscheidungen, Feedbacknutzung, Beiträge zum gemeinsamen Text und KI-Einsatz festhalten.
Institutionelle Unterstützung
Diese LV ist regulärer Bestandteil des Curriculums zweier Masterstudiengänge. Die notwendigen Ressourcen stehen im Rahmen der regulären Lehre zur Verfügung. Dazu zählen insbesondere die Arbeitszeit der Lehrveranstaltungsleitung für Konzeption, Durchführung und Weiterentwicklung.
Die LV bestand über viele Jahre in einer stärker produkt- und sprachorientierten Form. Die FH unterstützte die Weiterentwicklung zu einem prozessorientierten Lehrkonzept, das Schreibprozesse in den Mittelpunkt stellt und damit auf die Herausforderung reagiert, schriftliche Leistungen unter generativer KI weiterhin aussagekräftig zu gestalten.
Die Inhalte werden über Moodle-Kurse und Simulationsmaterialien bereitgestellt; Moodle-Werkzeuge unterstützen kollaborative Arbeitsprozesse. Für synchrone Textproduktion kommen derzeit externe Werkzeuge wie Google Docs zum Einsatz. Gleichzeitig verfolgt die FH Technikum Wien eine Strategie der digitalen Souveränität, die künftig interne Lösungen für kollaborative Textproduktion ermöglichen kann. Technische Unterstützung bietet der Moodle-Support.
Die Zusammenarbeit mit den Studiengangsleitungen ist zentral für die Weiterentwicklung des Konzepts. Die Studiengangsleitungen unterstützten die Umsetzung und ermöglichten durch Anpassung der Lehrveranstaltungsstunden die Durchführung der simulationsbasierten Formate. Zudem wurde die LV in mehrere kleinere Gruppen organisiert, mit maximal etwa 16 Studierenden pro Gruppe – Voraussetzung für intensive kollaborative Schreibprozesse.
Für die Durchführung wird auf interne Lehrbeauftragte aus dem Kompetenzfeld zurückgegriffen. Rückmeldungen aus der Lehre und beiden Studiengängen fließen in Anpassungen von Materialien, Simulationen und Aufgabenstellungen ein.
Die Lehrveranstaltung ist grundsätzlich in das hochschulinterne Qualitätsmanagement eingebunden. Lehrveranstaltungen werden im Rahmen der hochschulweiten Online-Evaluation in regelmäßigen Abständen anonym durch Studierende bewertet. Die vorliegende Lehrveranstaltung wurde im Studienjahr 2025 nicht für diese Evaluation ausgewählt. Ergebnisse früherer Evaluationen stehen Lehrenden, Kompetenzfeldleitung und Studiengangsleitungen zur Verfügung und fließen in die Selbstevaluierung der Lehrveranstaltung ein.
Eine frühere Evaluation in einer frühen Entwicklungsphase zeigte deutliche Unsicherheiten im Umgang mit generativer KI und stellte die Aussagekraft traditioneller Schreibaufgaben infrage. Diese Rückmeldungen führten zur Weiterentwicklung des LV-Designs, insbesondere zur Einführung strukturierter kollaborativer Schreibformate wie Hot-Seat-Drafting und Gruppenbeobachtung.
Im Studienjahr 2025 stützte sich die Qualitätssicherung auf eigene Feedbackformate. Dazu zählen strukturierte Reflexionsaufgaben während der Lehrveranstaltung sowie informelle Feedbackgespräche mit Studierenden. Die Rückmeldungen werden dokumentiert, an die Leitungsebenen weitergegeben und bei Bedarf in Jour-Fixe-Terminen mit Studiengangsleitungen und Jahrgangsvertretungen besprochen. Sie fließen in Anpassungen von Simulationen, Aufgabenstellungen, Materialien und Modulschwerpunkten ein.