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Zuletzt aktualisiert am 01.06.2026

LAUT:SPRECHER. Musik in der NS-Diktatur

Bei dem Projekt handelt es sich um ein neues Projekt / eine wiederholte Einreichung

Sven Christian Wolf

LAUT:SPRECHER_ Viktor Ullmann und Simon Laks in dunklen Zeiten: Inszenierung von "Der Kaiser von Atlantis"/"L'Hirondelle inattendue"

Ars Docendi Kategorie

Forschungsbezogene bzw. kunstgeleitete Lehre

Ars Docendi Kriterien

  • Innovative Hochschuldidaktik
  • Studierenden- und Kompetenzorientierung
  • Perspektivenerweiterung und Internationalisierung
  • Partizipation und Mitgestaltung

Gruppengröße

20-49

Anreißer (Teaser)

LAUT:SPRECHER - Erinnerungskultur zur Musik in der NS-Diktatur. Reflexion und Emotion durch Opern, Konzerte und Vorträge als Formen universitärer Lehre

Kurzzusammenfassung des Projekts

Das Projekt LAUT:SRPECHER - Musik in der NS-Diktatur an der Universität Mozarteum Salzburg verband im WS 2025/26 künstlerische Praxis, wissenschaftliche Forschung und Lehre zur Reflexion der Rolle der Musik im Nationalsozialismus für und mit Studierende(n). Drei Großveranstaltungen wirkten synergetisch: 1.) LAUT:SPRECHER: Viktor Ullmann und Simon Laks in dunklen Zeiten, 2.) das musikwissenschaftliche Seminar „Musik und Antisemitismus“ sowie 3.) ERINNERUNGSORTE III, Konzert mit Lesung zum Internationalen Holocaust-Gedenktag.

Zentral war die Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Verfolgung, Exil oder Ermordung im NS-Regime für eine Gedenkkultur. Durch Opernaufführungen, Konzerte, Vorträge und universitäre Lehre wurde Musik dieser Zeit nach ihrer Verdrängung neu hörbar gemacht. Gleichzeitig wurden Fragen nach Antisemitismus, Erinnerungskultur und gesellschaftlicher Verantwortung von Kunst diskutiert.

Besonders war der didaktische Ansatz, indem Studierende zentral durch künstlerische wie wissenschaftliche Forschung sowie deren Umsetzung in der Performanz und Vermittlung an ein Publikum aktiv und interaktiv an der Gestaltung beteiligt waren. Es entstand ein Lernraum, in dem wissenschaftliche Analyse, ästhetische Erfahrung und künstlerische Entwicklung zusammenwirkten. Ziel war es, die Künste als Ausdrucksform und Medium des Erinnerns zu begreifen und ein Bewusstsein für ethische wie gesellschaftliche Verantwortung im künstlerischen und wissenschaftlichen Wirken zu schaffen.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

The project LAUT:SPRECHER at the Mozarteum University Salzburg combined artistic peformance, academic research, and teaching during the winter semester 2025/26 in order to reflect on the role of music under National Socialism together with and for students. Three major formats worked synergetic: (1) LAUT:SPRECHER: Viktor Ullmann and Simon Laks in Dark Times, (2) the musicological seminar “Music and Antisemitism”, and (3) ERINNERUNGSORTE III, a concert with readings held on the occasion of the International Holocaust Remembrance Day.

At the centre was an examination of how persecution, exile, and murder under the Nazi regime shape contemporary cultures of remembrance. Through opera performances, concerts, lectures, and university teaching, long suppressed or marginalized music was "reanimated". At the same time, broader questions concerning antisemitism, memory culture, and the social responsibility of the arts were critically discussed.

A defining feature was the didactic approach, in which students played a central role. Through both artistic and scholarly research, as well as through their implementation in performance and public mediation, students actively and interactively participated in shaping the project. This created a learning environment in which scholarly analysis, aesthetic experience, and artistic development interacted. The aim was to understand the arts as a form of remembrance, fostering an awareness of the ethical and societal responsibility of art.

Nähere Beschreibung des Projekts

Die Universität Mozarteum Salzburg widmete sich im Verlauf des Wintersemesters 2025/2026 der Reflexion und Diskussion des Großthemenkomplexes Musik in der NS-Diktatur, der unter dem operativ zu verstehenden Dachbegriff LAUT:SPRECHER in verschiedenen künstlerischen wie wissenschaftlichen Formaten erarbeitet und vermittelt wurde. Insbesondere sollten die Studierenden erkennen und vertiefen, dass Musik und die Künste ein Artikulationspotenzial besitzen, um sich öffentlich zu äußern, dass aber dieses Potenzial stets sehr genau zu beobachten und kritisch zu hinterfragen ist. Konkreter Anlass bot das 80jährige Ende des Zweiten Weltkriegs. Das Projekt übernahm in zahlreichen wissenschaftlichen und künstlerischen Veranstaltungen die gesellschaftliche Verantwortung, auf eine Zeit zu blicken, die weiterhin der Erinnerung und der Verbindung mit einer Gegenwart bedarf, in der der Antisemitismus erneut und verstärkt aufkeimt. Das Gesamtprojekt LAUT:SPRECHER (benannt nach einer Figur in Viktor Ullmanns Oper "Der Kaiser von Atlantis") entfaltete sich in drei Großveranstaltungen: 1.) LAUT:SPRECHER: Viktor Ullmann und Simon Laks in dunklen Zeiten, 2.) Musikwissenschaftliches Seminar „Musik und Antisemitismus“ sowie 3.) ERINNERUNGSORTE III zum Internationalen Holocaust-Gedenktag. Ziel war es, wissenschaftliche und künstlerische Forschungserkenntnisse zusammenzuführen, mit den Studierenden zu erproben und weiterzuentwickeln und schließlich an das Publikum zu vermitteln (Third Mission).

Im Zentrum dieser Veranstaltungen standen Komponisten und Komponistinnen, deren musikalisches Schaffen durch das NS-Regime erschwert bzw. unmöglich gemacht wurde. In hoher Zahl gehörten sie zu jenen Künstler*innen, die im nationalsozialistischen Terror zunächst verdrängt, ausgegrenzt und schließlich ermordet wurden. Bis in die Gegenwart wirkt die Störung und Zerstörung ihrer Rezeption nach, so dass es gilt, durch wissenschaftliche und künstlerische Forschung und Lehre ein Repertoire zu entdecken und zu fördern, das bislang keinen Eingang in den Kanon gefunden hat. Im Projekt LAUT:SPRECHER bezog sich dieser fokussierende Ansatz zur Reanimierung ausgelöschter Musik auf zwei jüdische Komponisten: den in Auschwitz ermordeten Viktor Ullmann (1898-1944) und auf Simon Laks (1901-1983) als Auschwitz-Überlebender.

Kunst und Wissenschaft näherten sich nicht separat, sondern in interdisziplinär dem gesamten Themenkomplex an. Arbeitsweisen und Erkenntnisse wurden zusammengeführt, um die Bedeutung von Musik in der NS-Diktatur auf der Seite der Opfer wie der Täter*innen kognitiv und emotional verstehen zu können. Gleichzeitig wurde ein Beitrag geleistet, auf der Seite der Mitwirkenden (Studierende und Lehrende) ein Verständnis für die gesellschaftliche Verantwortung des eigenen künstlerischen, wissenschaftlichen oder pädagogischen Handelns und Wirkens zu entwickeln und zu vertiefen. Dessen Bedeutung wurde durch die Öffentlichkeit der Veranstaltungen (Opern, Operneinführungen und Konzerte) plastisch erlebbar und durch die Resonanz eines Publikums widergespiegelt.

Die Projekte im Einzelnen:

I. „LAUT:SPRECHER“: Viktor Ullmann und Simon Laks in dunklen Zeiten (6.-12.12.2025) ist ein wegweisendes Modell interdisziplinärer Lehre, das Musiktheater als Medium aktiver Erinnerungskultur nutzt. Im Zentrum stand die erstmalige Kombination von zwei Opern, die im Kontext des Holocaust entstanden: "Der Kaiser von Atlantis" von Ullmann, 1943 in Theresienstadt entstandene und "L'Hirondelle inattendue“ (1965) von Laks, der Fragen von Ausgrenzung reflektierte.

Das Projekt zeichnete sich durch drei Säulen aus:

  • Künstlerische Exzellenz und Innovation: Die Opernklasse (Leitung: F. Klepper & K. Röhrig) realisierte eine außergewöhnliche Doppelaufführung. Laks’ Oper erklang dabei in einer neuen, mit dem Verlag Boosey & Hawkes entwickelten Kammerfassung.
  • Wissenschaftlicher Diskurs: Unter der Leitung von Univ.Prof. Dr. Yvonne Wasserloos kontextualisierte ein wissenschaftliches Programm mit Experten aus der Musikwissenschaft wie J. Nemtsov und A. Dümling die Werke. Themen wie Antisemitismus und Musik im KZ wurden in Vorträgen und Konzerten mit weiteren Werken von Ullmann (Theresienstädter Sonaten) und Laks vertieft und diskutiert.
  • Didaktische Nachhaltigkeit: Studierende erwarben durch die Arbeit an historisch belastetem Material und in der Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen ethische Kompetenzen und einen erfahrungsorientierten Zugang zur Geschichte.

„LAUT:SPRECHER“ verbindet Kunst und Wissenschaft zu einem Diskursraum über die Verantwortung von Kunst in Krisenzeiten und leistet einen profunden Beitrag zur modernen Erinnerung.

II. MUSIK UND ANTISEMITISMUS, Musikwissenschaftliches Bachelor-Seminar (7.10.2025 – 27.1.2026, wöchentlich, 90 Minuten)

Leitung: Univ-Prof.in Dr.in Yvonne Wasserloos

Studierendengruppen: Instrumental- und Gesangspädagogik, Lehramt für Musik sowie Instrumental- und Gesangstudien

Im Verlauf des Seminars erarbeiteten die Studierenden im Gang durch die Jahrhunderte Themen zum Anti-Judaismus (z.B. in den Passionen von Johann Sebastian Bach), Aufkommen und Radikalisierung des Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert bis hin zum Rassenwahn der nationalsozialistischen Ideologie. Dass antisemitische Anfeindungen weiterhin aktueller Teil der Musik sind, zeigte der Blick auf die gegenwärtige Popularmusik (z.B. im Hip Hop und Rap). Um in das Thema einzuführen, wurden Impulsreferate gehalten, die die Studierenden als Peer-Group in 2er-Teams vorbereiten und präsentieren konnten. Danach erfolgte in der Sitzung eine kommentierende Reflexion der Präsentationen durch die anderen Studierenden sowie eine gemeinsame weitere inhaltliche Vertiefung mit der Seminarleiterin und der Gruppe. Durch den Modus von Team-Work lernten die Studierenden, sich zu strukturieren, Themen in aufteilbare Einzelaspekte zu untergliedern und eine gemeinsame Präsentationsform zu finden.

Um das "LAUT:SPRECHER"-Projekt mit zu begleiten und den Studierenden die Arbeit bei der Inszenierung einer Oper näher zu bringen, fanden Besuche des Opern-Teams im Seminar zu Beginn des Semesters statt. Präsentiert und diskutiert wurden die kreativen Prozesse bei der Gestaltung des Bühnenbilds, von Kostümen, Entwicklung einer Dramaturgie auf der Bühne usw. Die Studierenden des Seminars konnten nicht nur Einblicke in die künstlerische Arbeit gewinnen, sondern bereits im Vorfeld einen Zugang zu den beiden Opern von Ullmann und Laks gewinnen, der sich dann im Besuch der Aufführungen im Dezember 2025 vollends entfaltete.

Bestandteil und Abschluss der Lehrveranstaltung war die Mitgestaltung (s.u.) des Konzerts mit Lesung ERINNERUNGSORTE III. Die Studierenden konnten sich auf drei Wege (künstlerisch, wissenschaftlich oder vermittelnd) einbringen:

  • Musikalische Aufführung eines thematisch passenden Werks oder von Komponist*innen, deren Leben und Schaffen durch das NS-Regime geprägt wurde
  • Verfassen eines Programmhefttextes zu den aufgeführten Werken und Komponist*innen
  • Moderation zu den Werken im Konzert

Dahinter stand das pädagogische Ziel, den Studierenden sowohl wissenschaftlich basierte, reflektierte Zugänge zur Thematik zu eröffnen und diese in der Performanzsituation bzw. in der Vermittlung von vorbereitetem Wissen an das Publikum wirksam werden zu lassen. Hinzu kam im Konzert die Erfahrung der Interaktion der Künste (Musik und Schauspiel/Lesung) sowie die emotionalisierende Wirkung des Programms im Gesamtkontext.

III. "ERINNERUNGSORTE III"

Symposium und Konzert mit Lesung zum Internationalen Holocaust-Gedenktag, 27.1.2026

Seit 2024 finden am 27.1., dem Internationalen Holocaust-Gedenktag, die ERINNERUNGSORTE statt, um über die Künste an den Zivilisationsbruch vor 80 Jahren zu erinnern und zu gedenken. Für 2026 war es gelungen, den Rahmen um ein vorgeschaltetes, wissenschaftliches Symposium zu erweitern. Eingeworbene EU-Drittmittel im Rahmen des europäischen Großprojekts „Music, Memory and European Values““ (Host: Voix Etouffées, Strasbourg, Frankreich) ermöglichten die Einladung internationaler Gastreferent*innen. Als Kooperationspartner fungierte die Hochschule für Musik Mainz/Johannes-Gutenberg-Universität Mainz: Zwei Referenten hielten Vorträge im Symposium; die Mainzer Studierenden gestalteten das Konzert mit.

„Erinnerungsorte III“ verband wissenschaftliche Reflexion und künstlerische Erfahrung, um das Thema „Musik in der NS-Diktatur“ für Studierende, Lehrende und das Publikum sowohl im Diskurs zu befragen als auch emotional erfahrbar zu machen. Die Studierenden, v.a. aus dem Seminar „Musik und Antisemitismus“ waren aktiv in Forschung, Interpretation und künstlerische Vermittlung eingebunden und konnten durch den Rollenwechsel verschiedene Perspektiven auf die Thematik gewinnen.

III. 1 Internationales Symposium (Univ. Mozarteum & Hochschule für Musik/Johannes-Gutenberg-Universität Mainz): Blick auf die Täter*innen und Opfer: Musik im Ghetto und im Konzentrationslager.

Als Auftakt verhandelte das internationale Symposium unterschiedliche Facetten von Musik im Kontext der nationalsozialistischen Gewalt- und Lagerpolitik, wie Liedsammlungen aus dem KZ, die als klingende Zeitzeugnisse Gefangenschaft, Leid und Überlebensstrategien emotional erinner- und erfahrbar werden lassen. Darüber hinaus wurde diskutiert, unter welchen ästhetischen Prämissen und wie Komponist*innen nach 1945 den Holocaust verarbeiteten. Ein abschließender Roundtable zwischen den Referierenden und dem Publikum reflektierte die Themen und formulierte offene Fragen, Desiderata bzw. weitere Forschungsperspektiven.

III.2 Konzert mit Lesung und Moderation

Beteiligte: Studierende und Lehrende verschiedener musikalische Departments (Arbeitsschwerpunkt "Musik und Macht" am Dept f. Musikwissenschaft; Institut für Neue Musik etc.), das Thomas Bernhard Institut, das Musikwissenschaftliche Seminar „Musik und Antisemitismus“ sowie die Hochschule für Musik/Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Nachfolgend vertieft wurde der wissenschaftliche Zugang durch Performanzsituationen im Konzert mit Lesung in der Interdisziplinarität zwischen Musik und Theater/Schauspiel. Werke ermordeter und verfolgter Komponisten (Erwin Schulhoff, Sigmund Schul, Hans Krása, Hans Gál, Olivier Messiaen) sowie die Reflexion im Werk der zeitgenössischen Komponistin Tess Gerritsen wurden mit Texten aus der Literatur (Hannah Arendt, Peter Weiss, Thomas Köck) mit demselben Themenfokus zusammengebunden.

Die künstlerische Performanz ermöglichte es, historische Ereignisse sowohl analytisch zu begreifen als auch sinnlich nachzuvollziehen.

Die Studierenden verschiedener beteiligter Institute der Universität Mozarteum sowie die Hochschule für Musik/Johannes-Gutenberg -Universität Mainz, übernahmen die wesentliche, durch sämtliche beteiligte Lehrende an- und begleitete, Gestaltung des Konzerts. In verschiedenen Aktivitäten wie Performance, Rezitation, Moderation sowie Verfassen von Programmhefttexten lernten sie die Vielfalt historischer Erinnerungsarbeit kennen: wissenschaftliche Recherche, künstlerische Praxis und kritische Reflexion, um Geschichte, die Künste und die Gegenwart in Beziehung zueinander zu setzen.

Dahinter lag das didaktische Ziel, den Studierenden den Erfahrungsraum zu geben, die beiden Künste Musik und Literatur als historische Quelle, künstlerisches Ausdrucksmittel und Medium des Gedenkens zu begreifen. Gerade die Einbindung von jungen Menschen unterstreicht den Anspruch der „Erinnerungsorte III“, Erinnerungskultur nicht nur zu vermitteln, sondern weiterzugeben und Nachhaltigkeit zu schaffen.

Akzeptanz und Resonanz

Die studentische Perspektive: Transformation durch künstlerische Praxis

Die Rückmeldungen der beteiligten Studierenden belegen die tiefgreifende Wirkung dieses ganzheitlichen Lehrformats und den hohen Grad an ethischer Selbstreflexion, den das Projekt „LAUT:SPRECHER“ an der Universität Mozarteum Salzburg ausgelöst hat:

Vom Wissen zum Haltung beziehen: Sarah Elisabeth Stach Villegas (Bachelorstudium Gesang) beschreibt ihren Weg von der anfänglichen „Beklommenheit“ hin zur bewussten künstlerischen Positionierung. Für sie wurde das Projekt zur Identitätsstiftung: Oper wurde hier nicht als museale Kunstform, sondern als Medium begriffen, das Haltung einfordert. Die interdisziplinäre Begleitung half ihr, die historisch aufgeladenen Werke tief zu verarbeiten und sich als „Lautsprecherin“ für Themen zu begreifen, die weit über den Konzertsaal hinausreichen. Sie sieht in der gemeinsamen Schaffung solcher Räume genau die Veränderung, die unsere heutige Welt braucht.

Ästhetische Verantwortung im Raum: Valentina Vorwahlner (Studium Szenografie) reflektiert die enorme Herausforderung, bildliche Entsprechungen für Werke zu finden, die unter Bedingungen der Vernichtung entstanden sind. Ihr Arbeitsprozess war geprägt von der ständigen Prüfung, ob die gewählte Ästhetik der inhaltlichen Schwere gerecht wird. Die Lösung – die Schaffung eines sichtbaren Raums für das Publikum und eines physisch erfahrbaren Unterbühnen-Raums für die Darsteller – zeigt, wie die szenografische Arbeit die psychologische Ebene der Zeugenschaft für das gesamte Ensemble körperlich greifbar machte.

Die Last der Tradition als künstlerische Ehre: Dominik Schumertl (Masterstudium Operngesang) schildert die existenzielle Dimension seiner Arbeit. In die Rolle des „Todes“ zu schlüpfen – in der direkten Nachfolge von Karel Berman, dem einzigen Überlebenden der Theresienstädter Originalbesetzung – beschreibt er als die prägendste Erfahrung seines bisherigen Lebens. Das Projekt ermöglichte ihm, die Last der Geschichte in eine künstlerische Kraft zu verwandeln, die der Erinnerungskultur aktiv gerecht wird.

Schlussfolgerung: Ein Modell für die Zukunft der Lehre.

Studierende (BA-Instrumentalstudium) im Seminar „Musik und Antisemitismus“, auch im Konzert ERINNERUNGSORTE III beteiligt

Person A (Australien):

Das Seminar hat mir ein vertieftes Verständnis von Antisemitismus und Antijudaismus in Musik und Geschichte vermittelt. Aktuell erscheinen diese Themen besonders wichtig, da antisemitische Untertöne weiterhin in der deutsch- und englischsprachigen Internet- und Populärkultur verbreitet sind. Dieses Seminar hat mir geholfen, besser zu verstehen, wie Musik als Propaganda wirken kann und warum Menschen für solche extremen Ideale empfänglich sein können. Seit ich die Geschichte kennengelernt habe, kann ich antisemitische Vorurteile und Untertöne in anderen Medien, die mir früher nicht aufgefallen sind, leichter erkennen. Im Konzert „Erinnerungsorte III” haben wir vieles von dem Gelernten in einen musikalischen Kontext gesetzt.

Person B (Deutschland):

Das Seminar war eine sehr wertvolle Erfahrung für mich – sowohl in meiner Ausbildung als auch meiner persönlichen Entwicklung. Die Schrecken des Nationalsozialismus und die damit verbundene Rolle der Musik waren die wichtige Grundlage für die darauf aufbauenden, horizonterweiternden Diskussion in der Seminargruppe. Der LAUT:SPRECHER hat diesen wissenschaftlichen Aspekt ungemein bereichert. Außerdem war es für mich sehr berührend, Mitstudierende in Viktor Ullmanns „Kaiser von Atlantis“ und bei Simon Laks „L’Hirondelle inattendue“ auf der Bühne zu erleben und zu sehen, wie sie sich künstlerisch mit diesem so wichtigen Thema befassen. Das Konzert „Erinnerungsorte III“ war ein sehr guter Abschluss. Das Erlebnis, als Gruppe eine so wichtige Veranstaltung mitzugestalten war wertvoll – und die anschließenden Reaktionen des Publikums und das Zusammenkommen mit den Studierenden derUniversität Mainz hat gezeigt, wie wichtig die Auseinandersetzung mit diesem Thema ist. Insgesamt hat das Seminar nicht nur einen sehr umfassenden wissenschaftlichen Mehrwert mit sich gebracht. Es hat darüber hinaus auch Gespräche, Diskussionen und Gedankenaustausche mit Mitstudierenden in meinem Studienalltag angeregt.

Person C (Japan):

In diesem Seminar habe ich Inhalte kennengelernt, mit denen ich mich zuvor noch nie so intensiv beschäftigt hatte. In der Schule habe ich die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki gelernt und Orte wie den Atombombendom besucht, aber nie ein Thema so vertieft behandeln können. Das Seminar hat mich dazu gebracht, über die Ursachen solcher Ereignisse und über die Bedeutung von Frieden neu nachzudenken. Trotz unterschiedlicher Herkunft, Sprachen und Kulturen verbindet uns, so glaube ich, der gemeinsame Wunsch nach Frieden, und ich hoffe, die im Kurs besprochenen Orte eines Tages selbst besuchen zu können. Vielen Dank für dieses Semester.

Nutzen und Mehrwert

Das Projekt „LAUT:SPRECHER“ markiert die erste großformatige, institutionelle Synergie zwischen Kunst und Wissenschaft an der Universität Mozarteum Salzburg. Durch die Verschränkung von sieben Fachbereichen (Opernklasse, Szenografie, Klavier, Gesang, Musikwissenschaft) entstand ein hybrides Lehrformat von enormer Tiefe. Ein zentrales Alleinstellungsmerkmal ist die Repertoire-Innovation im Opernpart: In Kooperation mit Boosey & Hawkes wurde für Simon Laks’ „L’Hirondelle inattendue“ eine neue Kammerfassung uraufgeführt, die das Werk nachhaltig für Ensembles weltweit zugänglich macht. Dafür genutzt werden können auch die gleichzeitig entstanden Kooperationen mit internationalen Partnern wie dem Forum „Voix Étouffées“ in Strasbourg sowie der Hochschule für Musik Mainz. Diese Zusammenarbeit erweiterte die Perspektiven des Projekts und ermöglichte einen internationalen wissenschaftlichen Austausch.

Ein zentrales Alleinstellungsmerkmal besteht in der starken Partizipation der Studierenden. Sie waren aktiv an künstlerischer Interpretation, wissenschaftlicher Reflexion und öffentlicher Vermittlung beteiligt. Im Seminar erarbeiteten sie historische und musikwissenschaftliche Grundlagen, während sie in Konzerten, Opernproduktionen und Moderationen Verantwortung für die performative Umsetzung übernahmen. Dadurch entstand ein Lernprozess, der analytisches Wissen, künstlerische Performanz und Reflexion miteinander verband und Studierenden ermöglichte, verschiedene Rollen als Interpretinnen, Forschende und Vermittlerinnen einzunehmen.

Der Mehrwert für die Studierenden liegt in einer ethischen Professionalisierung: Die Arbeit an „belastetem Material“ forderte eine persönliche Positionierung, die Teilnehmende zu reflektierten Künstlerpersönlichkeiten transformierte. Als „Third Mission“-Modell trug das Projekt den Diskurs über die Verantwortung der Kunst in das Zentrum Salzburgs. „LAUT:SPRECHER“ ist somit ein Best-Practice-Modell für die Symbiose aus exzellenter Ausbildung und gesellschaftlicher Relevanz an einer modernen Kunstuniversität.

Übertragbarkeit und Langlebigkeit

Das Projekt läuft seit 2025

Gegebenenfalls geplanter Endzeitpunkt: 27.1.2026

Das Projekt „LAUT:SPRECHER“ fungiert als Referenzmodell mit hohem Transferpotenzial. Anstatt auf starre curriculare Vorgaben zu setzen, etabliert es eine dynamische Lehrkultur, welche die synergetische Verschränkung von künstlerischem Hauptfach und wissenschaftlicher Reflexion über Fachgrenzen hinweg enorm weiterentwickelt. Die Zusammenarbeit zwischen sieben Fachbereichen bricht die traditionelle Trennung von Theorie und Praxis produktiv auf und bildet Studierende zu reflektierten Künstlerpersönlichkeiten aus.

Das didaktische Prinzip der Konfrontation von Geschichte mit der Gegenwart ist als struktureller Leitfaden universell skalierbar. Es lässt sich auf jedes gesellschaftspolitisch relevante Kulturgut übertragen. Außerhalb der Hochschule dient das Konzept als Format der Wissenschaftskommunikation für Institutionen, die Kunst als Diskursraum für gesellschaftliche Krisen nutzen wollen. Die Einbindung studentischer Reflexionen belegt zudem, dass der Lernerfolg durch die aktive ethische Positionierung am Material signifikant steigt. „LAUT:SPRECHER“ transformiert die Universität so zu einem gesellschaftlichen Resonanzraum, der historisches Bewusstsein mit künstlerischer Exzellenz verschmilzt.

Ein messbarer Erfolg der Nachhaltigkeit ist die Kooperation mit Boosey & Hawkes. Die eigens erstellte Kammerfassung von Simon Laks bleibt dauerhaft im Verlagsprogramm verfügbar und ermöglicht die Aufführung von Exilmusik international und nachhaltig. Die ERINNERUNGSORTE werden alljährlich am Holocaust-Gedenktag fortgesetzt. Infolge des diesjährigen Konzerts fragte das Zentrum für Jüdische Kulturstudien der PLUS Salzburg bereits nach einer Kooperation für die ERINNERUNGSORTE IV (2027) an.

Institutionelle Unterstützung

Die Realisierung des „LAUT:SPRECHER“ basierte auf einer umfassenden institutionellen Unterstützung durch die Universität Mozarteum Salzburg. Infrastrukturell stellte die Universität ihre zentralen Spielstätten, den Max Schlereth Saal für die Opernproduktionen sowie das Kleine Studio für das wissenschaftliche Programm, als öffentliche Resonanzräume zur Verfügung. Die Universität fungierte dabei als organisatorische Plattform, die durch ihre personellen Ressourcen die synergetische Zusammenarbeit zahlreicher Disziplinen, von der szenischen Gestaltung über die musikwissenschaftliche Forschung bis hin zur instrumentalen und vokalen Ausbildung, erst ermöglichte.

Finanziell wurde das Vorhaben durch ein dediziertes Produktionsbudget im Rahmen des regulären Opernbetriebs getragen, welches die Kosten für den aufwendigen Bühnenbau, die Kostüme sowie die technische Umsetzung durch die hauseigenen Werkstätten abdeckte. Ein wesentlicher finanzieller und strategischer Hebel war zudem die Partnerschaft mit dem Musikverlag Boosey & Hawkes. Diese Kooperation sicherte die Finanzierung der neu erstellten Kammerfassung von Simon Laks und ermöglichte deren weltweite Erstaufführung.

Darüber hinaus investierte die Universität signifikante Personalressourcen durch die Einbindung führender Lehrender wie Univ.-Prof. Florentine Klepper, Univ.-Prof. Kai Röhrig und Univ.-Prof. Dr. Yvonne Wasserloos. Durch die Finanzierung der Gastvorträge u.a. durch das Budget des Forschungsmanagements schuf das Mozarteum ein hochkarätiges Umfeld der Forschungsdissemination. Diese Bündelung von Mitteln zeigt die Wertschätzung und Förderung fächerübergreifender Exzellenzprojekte, die künstlerische Ausbildung mit gesellschaftspolitischer Relevanz verbindet.

Die Sicherung der Lehrqualität von „LAUT:SPRECHER“ erfolgte durch eine mehrstufige Rückbindung an das hochschulinterne Qualitätsmanagement. Ein zentrales Instrument bildete die systematische Evaluation durch die beteiligten Studierenden. Über standardisierte Befragungen hinaus wurden dedizierte Reflexionsgespräche geführt, in denen die Wirksamkeit der interdisziplinären Verschränkung kritisch hinterfragt wurde. Die dokumentierten Rückmeldungen, etwa zur psychologischen Belastung bei der Arbeit an Holocaust-Themen oder zur Kooperation zwischen den Disziplinen, fließen direkt in die zukünftige Gestaltung gleichgelagerter Großprojekte ein. Im Anschluss an die letzte Opernvorstellung fand ein großes Abschlussgespräch mit Publikum und sämtlichen Mitwirkenden statt, bei dem alle ihre persönlichen Eindrücke und Erfahrungen schildern konnten.

Auf Ebene der Lehrenden fand eine kontinuierliche prozessbegleitende Qualitätssicherung statt. In regelmäßigen Team-Konferenzen wurden die didaktischen Schnittstellen zwischen der szenischen Gestaltung, der musikalischen Leitung und der wissenschaftlichen Beratung evaluiert. Dieser diskursive Austausch ermöglichte es, die methodische Verzahnung von Theorie und Praxis noch während der Projektwoche von "LAUT:SPRECHER: Ullmann und Laks in dunklen Zeiten" nachzujustieren.

Die daraus gewonnenen Erkenntnisse über den Prozess der forschenden Kunstausübung werden innerhalb der Universität als Referenz für die Weiterentwicklung des qualitätsgesicherten Lernens genutzt. Feedbackschleifen werden hierbei nicht nur zur Fehlervermeidung, sondern als essenzieller Motor für didaktische Innovation begriffen, um die Ausbildung reflektierter Künstlerpersönlichkeiten nachhaltig zu optimieren.