Zuletzt aktualisiert am 07.02.2025
VO Physikalische Chemie für Studierende der Molekularbiologie
Projektname des bereits eingereichten Projekts:
Ars Docendi Kategorie
Lernergebnisorientierte Lehr- und Prüfungskultur
Gruppengröße
< 20
Kurzzusammenfassung des Projekts
Das Konzept der neuen Lehrveranstaltung beruht auf einer engen Verzahnung von Vorlesungen und interaktiven, praxis- und forschungsbezogenen Übungsstunden. Das Lehrkonzept verfolgt bzw. vermittelt konsequent die o.g. Lernziele und Kernkompetenzen. Diese Kompetenzen werden schrittweise aufgebaut, indem den Studierenden bekannte Sachverhalte aus der Molekularbiologie in Erinnerung gerufen werden, die anschließend mit physikochemischen Modellen abstrahiert werden. Der Fokus wird auf die Tatsache gelegt, dass es das bewusste Reduzieren aufs Essenzielle ist, das den Einsatz quantitativer Modelle ermöglicht und dass es umgekehrt diese vereinfachende, abstrahierende Modellbildung ist, die das Wesentliche eines hochkomplexen biomolekularen Phänomens überhaupt erst zum Vorschein bringt. Zusammen mit den Vorlesungsunterlagen erhalten die Studierenden einen darauf abgestimmten Katalog an Übungsaufgaben. Dieser beginnt mit qualitativen Wissens- und Verständnisfragen und steigt dann tiefer in die Materie ein. Online-Tools wie Visualisierungen und Datenbanken werden eingesetzt, um den Bezug zur aktuellen Forschung und zu konkreten Beispielen großer gesellschaftlicher Relevanz herzustellen. Die Aufgaben werden in der folgenden Übungsstunde unter Einbezug der Studierenden diskutiert, wobei die Ziele im Vordergrund stehen, den Studierenden die o.g. Kompetenzen zu vermitteln und ihnen ein Erfolgserlebnis und eine Perspektive im Sinne einer neuen Herangehensweise an „ihr“ Fachgebiet zu bieten.
Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache
The concept of the new course is based on a tight interlocking of lectures and interactive, practice- and research-related exercise sessions. The teaching concept consistently pursues and conveys the above-mentioned learning objectives and key competencies. These competences are built up in a stepwise manner by reminding the students of known facts from molecular biology, which are subsequently abstracted using physicochemical models. In doing so, the focus is on the fact that it is the deliberate reduction to the essential that enables the use of quantitative models and, conversely, that it is this simplifying, abstracting model-building process that distills out the essence of a highly complex biomolecular phenomenon in the first place. Together with lecture notes, students receive a matched catalog of exercises. These exercises start out with qualitative knowledge and comprehension questions and then dig deeper into the matter of the course. Online tools such as visualisations and databases are used to establish connections with current research and concrete examples of great social relevance. The assignments are discussed in the following exercise session with the involvement of the students, with the goals of providing the students with the above competences and offering them a sense of achievement and a different perspective in terms of a new approach to "their" favourite subject area.
Nähere Beschreibung des Projekts
Der Übersichtlichkeit halber ist der folgende Text in Abschnitte untergliedert, die jeweils einen bestimmten Aspekt hervorheben:
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Information der Studierenden über die an sie gerichteten Erwartungen
Die Studierenden werden bereits in der Auftaktvorlesung ausdrücklich mit den o.g. Lernzielen vertraut gemacht. Ich weise an der Stelle und während des Semesters wiederholt darauf hin, dass die Prüfungsfragen in ihrer Art und Weise, ihrem Umfang und ihrem Schwierigkeitsgrad den in den Übungsstunden behandelten Fragen und Problemstellungen ähnlich oder identisch sind, so dass die Studierenden sehr genau wissen, was von ihnen erwartet wird. Da ich die quantitativen Problemstellungen auch „live“ an der Tafel Schritt für Schritt und ohne Hilfsmittel (Notizen, Taschenrechner) löse, sehen die Studierenden, welche Problemlösungsstrategien effektiv und effizient zum Ziel führen und wie sie dies im Leistungsnachweis (Prüfung) dokumentieren können.
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Leistungsnachweise und Prüfungsmodalitäten
Das Erreichen der o.g. Lernziele und Kernkompetenzen soll einen langfristigen, nachhaltigen Nutzen für die Studierenden mit sich bringen. Dennoch bringt erfahrungsgemäß und realistischerweise der Leistungsnachweis in Form einer Prüfung den größten "Motivationsschub" – insbesondere dann, wenn Studierende an einem Fach Interesse finden, sich dafür begeistern, tiefer in die Materie einsteigen wollen, schon während des Semesters spür- und messbare Lernfortschritte erzielen und deshalb gerne bereit sind, Arbeit und Zeit in die Prüfungsvorbereitung zu investieren.
Jede schriftliche Prüfung besteht aus 10 Gruppen von Prüfungsfragen, die den Inhalt der Vorlesung ausgewogen abdecken. Der Schwierigkeitsgrad nimmt entsprechend des während des Semesters zu verzeichnenden Lerneffekts auch in der Prüfung von Thema zu Thema und damit von Fragegruppe zu Fragegruppe zu. Jede Fragegruppe trägt einen Titel, der in derselben Form auch in der Vorlesung und den Übungsstunden verwendet wurde und somit den Kontext der Fragen darlegt und den Studierenden vermittelt, dass sie sich auf bekanntem Terrain bewegen. Für jede Fragegruppe können max. 8 Punkte erzielt werden, wobei die Punktezahl jeder einzelnen Frage je nach Umfang von 1 Punkt bis zu 4 Punkten reicht. An einem Ende des Spektrums stehen Fragen, die sich mit einem Schlüsselbegriff oder einer einzeiligen Rechnung beantworten lassen, während am entgegengesetzten Ende des Spektrums Essayfragen zu finden sind, deren Beantwortung neben Faktenwissen ein tieferes Verständnis und das Herausarbeiten von Zusammenhängen erfordert. Bei jeder Frage wird die maximal zu erzielende Punktezahl angegeben, damit die Studierenden den erwarteten Umfang ihrer Antwort einschätzen können.
Dieses Prüfungskonzept möchte ich im Folgenden am Beispiel einer konkreten Prüfungsfrage veranschaulichen:
6. Molekulare Erkennung & Thermodynamik der Bindung
>> Der Titel legt den Kontext fest und erinnert an das entsprechende Kapitel aus der Vorlesung und den Übungsstunden.
6.1 Grundlagen des Bindungsgleichgewichts (2 Punkte)
Welche Einheiten hat die Assoziationskonstante? Tipp: Es gibt zwei Möglichkeiten.
>> Die erste Frage prüft essenzielles, grundlegendes Faktenwissen ab (Lernziel 2: Kenntnis der Wechselwirkungen, die die Struktur, Dynamik und Funktion von Biomolekülen bestimmen; Kernkompetenz 3: Sicherheit im Umgang mit Zahlen, Größen und Formeln).
6.2 Kompetitive Hemmung (insg. 6 Punkte)
Ein bestimmter Wirkstoff inhibiert eine Kinase und weist IC(50) = 32 nM auf, wenn der natürliche Ligand ATP bei einer Konzentration von c(ATP) = 0,75 mM vorliegt. Sie wissen, dass die Kinase ATP mit K(D) = 0,05 mM bindet.
>> Die Einleitung zu den folgenden Fragen erläutert den Kontext und stellt den molekularbiologischen Bezug (Kinase, ATP) und die praktische Relevanz (Wirkstoffentwicklung) in den Vordergrund.
(a) Berechnen Sie daraus den K(I)-Wert des Wirkstoffs, also die Dissoziationskonstante des Kinase/Wirkstoff-Komplexes. (2 Punkte)
>> Die zweite Frage erfordert nicht nur Faktenwissen in Form von Kenntnis der verwendeten Abkürzungen, sondern insbesondere Problemlösungskompetenz: Die für die Beantwortung dieser Frage erforderliche Formel ist in der ausgeteilten Formelsammlung enthalten, muss aber (1) als die relevante Formel erkannt und (2) nach der gefragten Größe umgestellt werden (Lernziel 1: Verständnis der physikalischen und chemischen Grundlagen biologischer Strukturen und Prozesse; Kernkompetenz 1: Abstraktionsvermögen, Fähigkeit zur Reduktion auf das Wesentliche; Kernkompetenz 2: Quantitative Denkweise und Problemlösung; Kernkompetenz 3: Sicherheit im Umgang mit Zahlen, Größen und Formeln).
(b) Wie verändert sich der IC(50)-Wert des Wirkstoffs, wenn Sie die ATP-Konzentration verringern? Begründen Sie Ihre Antwort kurz in Worten (2 Punkte)
>> Die dritte Frage erfordert ein tieferes Verständnis und zielt darauf ab, dass quantitative Ergebnisse nicht "nur" berechnet werden sollen, sondern dass sie auch im molekularbiologischen Kontext hinterfragt und interpretiert werden müssen (Lernziel 3: Erlernen einer physikalisch-chemischen Herangehensweise an biologische Fragestellungen; Kernkompetenz 1: Abstraktionsvermögen, Fähigkeit zur Reduktion auf das Wesentliche; Kernkompetenz 2: Quantitative Denkweise und Problemlösung; Kernkompetenz 3: Sicherheit im Umgang mit Zahlen, Größen und Formeln).
(c) Wie verändert sich der K(I)-Wert des Wirkstoffs, wenn Sie die ATP-Konzentration verringern? Begründen Sie Ihre Antwort kurz in Worten (2 Punkte)
>> Die vierte und letzte Frage dieser Fragegruppe setzt ein noch tieferes Verständnis und insbesondere Kritikfähigkeit und Reflexionsvermögen voraus. Konkret geht es in diesem Fall darum, dass der "Einsetzreflex" (kurz: bekannte Größe in Formel einsetzen und nach unbekannter Größe auflösen) unterdrückt werden soll. Vielmehr geht es darum zu erkennen, dass der K(I)-Wert per Definition eine Konstante ist und somit unabhängig von anderen Parameterwerten sein muss (Lernziel 3: Erlernen einer physikalisch-chemischen Herangehensweise an biologische Fragestellungen; Kernkompetenz 1: Abstraktionsvermögen, Fähigkeit zur Reduktion auf das Wesentliche; Kernkompetenz 2: Quantitative Denkweise und Problemlösung; Kernkompetenz 3: Sicherheit im Umgang mit Zahlen, Größen und Formeln).
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Berücksichtigung unterschiedlicher Bedürfnisse von Studierenden
Organisation der Lehre: Ein allgemeines Leitprinzip ist die klare, frühzeitige und offene Kommunikation aller Rahmenbedingungen ("Wo und wann können die Vorlesungsfolien heruntergeladen werden? Wie viele und welche Art von Fragen werden in der Prüfung gestellt? Ab und bis wann kann ich mich für eine Prüfung an- und abmelden?"). Die unterschiedlichen Bedürfnisse der Studierenden werden in der Organisation der Lehre berücksichtigt, indem
- alle Unterlagen zur Vorlesung spätestens am Tag VOR der Lehrveranstaltung online zur Verfügung gestellt werden,
- alle Lehrveranstaltungen im Live-Stream übertragen werden,
- alle Lehrveranstaltungen aufgezeichnet und möglichst bald und mindestens bis zum übernächsten Semester online zur Verfügung gestellt werden,
- den Studierenden – soweit möglich – die Gelegenheit geboten wird, in Präsenz an Lehrveranstaltungen teilzunehmen, ohne sie dazu zu zwingen,
- ich über Live-Chat und e-Mail erreichbar bin und schnell (in der Regel innerhalb von Minuten bis wenigen Stunden) antworte.
Leistungsnachweise: Die Breite der unterschiedlichen Anforderungen und Fragestellungen in den Leistungsnachweisen, wie sie oben exemplarisch dargestellt ist, berücksichtigt die Bedürfnisse vieler Molekularbiologie-Studierenden, einen ihnen bekannten molekularen und biologischen Kontext vorzufinden, aber auch die Bedürfnisse der Minderheit an Studierenden, die sich eher mit einer analytisch-abstrahierenden Herangehensweise wohlfühlen.
Umgang mit Studierenden: Den Umgang mit Studierenden gestalte ich bewusst möglichst entspannt und auf Augenhöhe respektvoll. Ich fordere die Studierenden aktiv auf, sich bei mir per Live-Chat oder e-Mail zu melden, und gehe stets ausführlich auf ihre Fragen und Anliegen ein, auch wenn wir den Stoff schon im Detail in der Vorlesung oder den Übungsstunden behandelt haben.
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Studierendenfeedback und Reflexion der Lehre
Feedback von Studierenden hole ich einerseits über die formellen Evaluierungen jeder Lehrveranstaltung ein, andererseits aber auch über informelle Rückmeldungen. Letztere reichen von Aktivitäten und Reaktionen der Studierenden während der Lehrveranstaltung (Körpersprache, Aufmerksamkeitsgrad, Rückfragen etc.) über spontane Rückmeldungen einiger Studierender (oft per e-Mail) bis hin zu explizit erbetenen Rückmeldungen, z.B. auf folgende Bitte von mir: "Als ich als selbst im 3. Semester meines Studiums von dieser Theorie hörte, fand ich sie sehr schwer zu verstehen. Ich habe mir deshalb Gedanken darüber gemacht, wie ich sie Ihnen besser erklären kann, als die gängigen Lehrbücher es tun. Ich wäre Ihnen deshalb dankbar, wenn Sie mir kurz Rückmeldung geben könnten, ob das gelungen ist oder ob es noch Aspekte gibt, die unklar geblieben sind."
Erfahrungsgemäß finden sich bei dieser Art von Aufforderung immer Studierende, die bereit sind, detailliertes und konstruktives Feedback zu geben. Für die Reflexion der eigenen Lehre erachte ich dieses Vorgehen als äußerst effektiv. Ein technisches Hilfsmittel, das ich für die Reflexion der eigenen Lehre sehr schätze, sind Aufzeichnungen von Lehrveranstaltungen, die "dank" der durch die Corona-Pandemie erforderlichen Umstellungen mittlerweile leicht zu erstellen sind. Die systematische, statistische Auswertung von Antworten auf Prüfungsfragen stellt ebenfalls ein bewährtes Mittel dar, um den Erfolg der eigenen Lehre mit hoher Auflösung zu reflektieren und Verbesserungen punktgenau vornehmen zu können, ohne das Gesamtkonzept zu gefährden.
Nutzen und Mehrwert
Mehrwert für die Studierenden: Bei der überwiegenden Mehrheit der Studierenden stellt sich der gewünschte Lernerfolg ein, zumal sie nachweislich die drei Lernziele (Verständnis der physikalischen und chemischen Grundlagen biologischer Strukturen und Prozesse; Kenntnis der Wechselwirkungen, die die Struktur, Dynamik und Funktion von Biomolekülen bestimmen; Erlernen einer physikalisch-chemischen Herangehensweise an biologische Fragestellungen) erreichen und die drei Kernkompetenzen (Abstraktionsvermögen, Fähigkeit zur Reduktion aufs Wesentliche; Quantitative Denkweise und Problemlösung; Sicherheit im Umgang mit Zahlen, Größen und Formeln) erlangen. Sie erzielen damit einen nachhaltigen Gewinn, da sie diese Kompetenzen und Kenntnisse auf andere Lehrveranstaltungen transferieren und auch auf Situationen außerhalb des Hörsaals oder des Labors übertragen können. Sie profitieren davon auch später beim Planen, Durchführen und Verfassen von Abschlussarbeiten (Bachelorarbeit, Masterarbeit, Dissertation) oder Forschungsprojekten im biowissenschaftlichen Bereich und darüber hinaus.
Mehrwert für die Universität und das Institut: Die Studierenden nehmen die Physikalische Chemie nicht mehr als abschreckendes „Angstfach“ wahr, sondern als faszinierende Bereicherung. Sie behalten das Fach und damit ihr Studium und ihre Zeit an der Universität insgesamt in guter Erinnerung und wirken amplifizierend als Botschafter*innen. Darüber hinaus können sie ihre neu erworbenen Kompetenzen auf andere Fächer und andere Lehrveranstaltungen übertragen, die damit unmittelbar profitieren.
Mehrwert für mich als Lehrenden: Mich freut es in jedem Semester aufs Neue, dass Studierende sich für ein Fach begeistern können, das ihnen zuvor fremd war, dass junge Menschen ganz neue Fähigkeiten in sich entdecken und dass ich selbst jedes Mal wieder etwas dazulerne und beim nächsten Mal weitergeben kann. Das macht Freude und erfüllt mich mit Genugtuung und motiviert, es im nächsten Semester noch ein bisschen besser zu machen.