Auf dem Weg zur Berufsidentität – Fehler, Lehre und Forschung

Ziele/Motive/Ausgangslage/Problemstellung

Das Projekt „Auf dem Weg zur Berufsidentität – Fehler, Lehre und Forschung“ hat zum Ziel, die Studierenden durch die Mittel und Möglichkeiten der Psychotherapeutischen Ambulanz im späteren Beruf zu unterstützen, die Qualität der psychotherapeutischen Versorgung und der Lehre zu verbessern, um Forschung greifbarer zu machen. Die psychotherapeutische Ambulanz der Sigmund Freud PrivatUniversität versorgt laufend über 1200 Personen in 24 Sprachen mit Hilfe von 150 Studierenden in Ausbildung unter Supervision. Die Ambulanz ist auch ein fester Bestandteil des Studiums der Bachelor- und Master-Studierenden und bildet einen stabilen Knotenpunkt für die jeweils unterschiedlichen Jahrgänge.

 

Die verzeichneten Therapie-Abbrüche 2019 in der Ambulanz blieben im internationalen Vergleich konstant hoch. Die Ambulanzleitung, die auch den Lehrauftrag für das Seminar zur Krisenintervention innehat, startete nun ein Projekt zur Qualitätssicherung von Lehre und Versorgung. Aus diesem Projekt entwickelte sich ein Team aus Studierenden, das ein stabiles Fundament für weitere Forschungsprojekte bildet und einen innovativen Forschungsgeist an die Studierenden der gesamten Fakultät weitergibt.

 

Die zentrale Motivation hinter diesem Projekt ist die langfristige Qualitätssicherung der Lehre, und damit auch der Versorgung in der Ambulanz durch eine möglichst unverfälschte Rückmeldung der Patient*innen. Der subjektive Charakter dieser Erzählungen soll den Studierenden, die in näherer Zukunft Psychotherapeuten werden, die Möglichkeit geben, Erfahrungen zu sammeln und eine authentische berufliche Identität zu formen, die der stärkste Wirkfaktor für eine erfolgreiche Therapie ist. Das Forschungsinteresse musste und muss in diesem Zusammenhang gefördert werden und hat dadurch in den letzten zwei Jahren einen Platz in der Ambulanz gefunden.

Kurzzusammenfassung des Projekts

Die Studierenden der Psychotherapiewissenschaft an der Sigmund Freud PrivatUniversität absolvieren im Rahmen ihrer Ausbildung einen praktischen Teil an der Ambulanz. Dies ist der Zeitraum, in dem sich der gelernte Inhalt des Studiums und die eigne neue berufliche Identität praktisch und unter Supervision im Patient*innenkontakt zeigen. Die Ambulanz versorgt mit großer Methodenvielfalt, in vielen Sprachen und unterschiedlichen Spezialisierungen laufend etwa 1200 Patient*innen. Hier finden die ersten eigenverantwortlichen Patient*innenkontakte statt, und das bisher Erlernte wird unter Supervision zu ersten Mal angewendet. Dieser Zeitpunkt ist ein ebenso spannender wie kritischer, bietet er doch eine Möglichkeit, die Qualität der Lehre zu überprüfen und die Ergebnisse an die Fakultät zurückzumelden. Die Ergebnisse setzten sich zum einen aus den Abbruchszahlen, zum anderen aus Interviews mit den Patient*innen zusammen. Diese Interviews waren Anlass, ein Forschungsteam aus Studierenden zu bilden, um ihnen im Rahmen der Lehrveranstaltung das Thema Krisenintervention unmittelbar zugänglich zu machen. Die Verknüpfung zwischen Lehre, Praxis und Forschung stößt auf große Begeisterung bei den Studierenden und öffnet den Blick für Selbstreflexionen und eine innovative Zukunft für die Psychotherapiewissenschaft. Die Mitarbeit direkt in der Ambulanz ist der praktische Teil der Ausbildung und die Krisenintervention ist eine Lehrveranstaltung für das Bakkalaureatsstudium.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

Students of psychotherapy science at the Sigmund Freud University complete the practical part of their training at the outpatient clinic. This is the period in which the theoretical content of their studies and their own new professional identity are manifested through practice in supervised contact with patients. The outpatient clinic provides care for around 1200 patients on an ongoing basis using a wide variety of methods, in many languages and with different specialisations. This is where the first independent patient contacts take place, and the lessons learned so far are applied for the first time under supervision. This time is as exciting as it is critical, offering an opportunity to review the quality of teaching and to report the findings back to the faculty. The findings consisted of dropout figures on the one hand and interviews with patients on the other. These interviews were the reason for forming a research team of students, in order to make the topic of crisis intervention directly accessible to them within the framework of the course. The link between teaching, practice and research is met with great enthusiasm by the students and opens up new vistas on self-reflection and an innovative future for psychotherapy science. Working directly in the outpatient clinic is the practical part of the training, and crisis intervention is a course for the bachelor's degree in psychotherapy science.

Nähere Beschreibung des Projekts

Das Projekt verbindet verschiedene Jahrgänge von Studierenden, den Bereich von Praxis und Lehre und den Bereich von Studieren und Forschen miteinander. Im Zentrum des Projektes steht die Qualitätssicherung der psychotherapeutischen Versorgung an der Ambulanz der Universität und damit auch die Ausbildungsqualität. Daraus ergeben sich direkte Verbindungen zu den Lehrveranstaltungen, die letztlich die Forschungsmotivation von Studierenden und die Zusammenarbeit innerhalb der Fakultät stärken.

 

 

Die psychotherapeutische Ambulanz der Sigmund Freud PrivatUniversität ist eine Lehr- und Forschungseinrichtung, sie übernimmt einen großen Teil der psychotherapeutischen Versorgung in Wien. Die Studierenden können im ersten Teil ihrer Ausbildung ein propädeutisches Praktikum absolvieren und lernen dabei sehr niederschwellig den ersten Kontakt zu Patient*innen kennen. Im zweiten Abschnitt, dem Magister-Studium, können die Studierenden ein weiteres Praktikum absolvieren, dieses findet im Rahmen des Fachspezifikums statt und befasst sich mit empirischer Forschung. Forschungsassistenzen für das Projekt wurden mit großer Motivation angenommen. Bisher arbeiteten 25 Studierende mit der Leitung im Team. Zu den Aufgaben gehört auch die Organisation und Begleitung von Interviews mit Personen, die eine psychotherapeutische Behandlung in der Institution abgebrochen haben. Die Interviews können beobachtet werden und finden seit Ende 2020 auch online statt. Das Material wird ausführlich nachbesprochen und bietet einen wertvollen Einblick in die Praxis.

 

Die Mitwirkung an diesen Projekten bietet auch die Option für die Studierenden, Teile und Inhalte für ihre Abschlussarbeiten zu nutzen. Prinzipiell werden die Bakkalaureate und Magisterarbeiten zusammen mit der Fakultät betreut.

 

Des Weiteren werden Workshops zur qualitativen und quantitativen Datenauswertung angeboten, die im Curriculum des Studiums äquivalent angerechnet werden können.

 

Die Interviews selbst stehen den beteiligten Studierenden als Material zur Verfügung.

 

Die Integration dieses Forschungsinteresses in die Ambulanz soll vor allem die Greifbarkeit und Mitarbeit bei Publikationen fördern. Hinzu kommt die Verpflichtung der Projektleiter*innen, den Studierenden eine Co-Autor*innenschaft anzubieten und sie im Schreibprozess zu unterstützen.

 

 

 

Die Studierenden der Psychotherapiewissenschaften absolvieren auf ihrem Weg in die Praxis die ersten Stunden verpflichtend unter Supervision an der Ambulanz (aktuell 120 Studierende). Damit ergibt sich die Möglichkeit, die Qualität der Ausbildung mit den Zahlen und den Rückmeldungen der Personen, die ihre Therapien abgebrochen haben, zu verbinden. Der wichtigste Schritt ist die Anonymisierung. Nach den Interviews zur Qualitätssicherung werden keine direkten Verbindungen zu den einzelnen Studierenden unter Supervision gezogen. Die Rückmeldung erfolgt in der Konferenz der Methodenleiter*innen zusammen mit der Fakultätsleitung.

 

Die Ausbildungskandidat*innen unternehmen zu diesem Zeitpunkt die ersten eigenverantwortlichen Schritte in der Praxis, wobei sie engmaschig supervisiert werden. Der Anspruch an die eigene neue psychotherapeutische Identität ist sehr hoch, was durch Vorbilder und eine starke Idealisierung der Lehrtherapeut*innen und Supervisor*innen gefördert wird. Die Studierenden befinden sich während dieser Zeit noch in der Lehrtherapie. Die Motivation, eine solche Lehrtherapie zu beginnen und der Leidensdruck am Anfang einer Psychotherapie sind gänzlich unterschiedlich. Somit kommt es zu einer Kollision zwischen dem Bild, das die Studierenden von ihrem Ideal haben, und den Bedürfnissen jener Personen, die in der Ambulanz nach psychotherapeutischer Hilfe suchen. So teilen die Patient*innen der Ambulanz in den Interviews immer wieder mit, dass sie nicht verstanden haben, worum es in der jeweiligen Methode eigentlich ging, und dass die Therapeut*innen unter Supervision kaum auf Kritik oder Fragen reagierten. Diese Rückmeldung spiegelt ein grundsätzliches Problem wieder, das bei den ersten Schritten als Psychotherapeut*in auftritt, nämlich die der zu strengen „Schulen-Treue“, die stärker angewandt wird, als ein authentischer Beziehungsaufbau in der Therapie. Durch die Rückmeldung der jeweils angewandten psychotherapeutischen Methoden an die Fakultät wird eine Brücke geschlagen, die auch die Lehre langfristig verbessen soll. Besonders wertvoll ist der Aspekt, dass betroffene Personen in ihren eignen Worten erzählen und den Studierenden so eine subjektive und sehr direkte Rückmeldung geben, anders als es die idealisierten Lehrtherapeut*Innen können.

 

 

Dieses Forschungsprojekt zur Qualitätssicherung wurde von der Ambulanzleitung ins Leben gerufen, um dem Widerspruch zwischen den hohen Zahlen von Therapieabbrüchen und dem ebenso hohem Bedarf nach ambulanter psychotherapeutischer Behandlung, dokumentiert durch zahllose Nachfragen, auf den Grund zu gehen. Im Zuge des Projekts ist auch ein Lehrauftrag zur Krisenintervention im Curriculum des Bakkalaureatsstudiums eingerichtet worden. In dieser Lehrveranstaltung im 6. Semester werden die wichtigsten Inhalte der Krisenintervention und Suizidverhütung unterrichtet und anhand von praktischen Übungen begleitet. Die Anzahl der Teilnehmer*innen liegt bei etwa 90 Studierenden. Diese Lehrveranstaltung ist verpflichtend und bildet die Grundlage einer möglichst effektiven, zielführenden praktischen Ausbildung. Der Inhalt des Projektes zur Qualitätssicherung wurde, im Rahmen eines Proseminars im Sommersemester 2020, in das Lehrmaterial intergriert. Auf diese Weise werden Ansatz und intendiertes Ziel einer Verbesserung der Lehre schon in sehr früh im Studium deutlich erkennbar und die spätere berufliche Zukunft wird fassbarer. Des Weiteren wird so ein reflexiver Umgang mit Erfahrung für den Anfang der Praxis mitgegeben.

 

Konkret kam in dieser Lehrveranstaltung ein Interview zum Einsatz, das ein bereits eingetragener Psychotherapeut mit abgeschlossener Ausbildung durchführte. Die Personendaten waren selbstverständlich anonymisiert. Die Person, die die Therapie abgebrochen hat, berichtet hier über ihre Wahrnehmung im Gespräch und ihrer Zustandsverschlechterung in den folgenden Wochen. Hier konnte beispielhaft gezeigt werden, dass nicht nur Studierende unter Supervision zu Kunstfehlern neigen, sondern auch Lehrtherapeuten Fehler unterlaufen können. Durch die Analyse eines solchen Beispiels kann einer späteren Idealisierung, die in den ersten praktischen Erfahrungen lähmend wirken kann, begegnet werden.

Nutzen und Mehrwert

Projekt zur Qualitätssicherung, das transparent rückmeldet und das Interesse an Forschung bei den Studierenden steigert.

Die Materialien können weiter von der Fakultät genutzt werden und in den verschiedenen Lehrveranstaltungen zu psychotherapeutischen Methoden verwendet werden.

Das Projekt soll ein Fundament für die Verbesserung der Qualität bilden und fortlaufend an die Bedürfnisse der Ambulanz und der Studierenden angepasst werden.

Forschung, Lehre und Qualitätssicherung werden hier in einem weitgespannten Projekt mit Teilbereichen verbunden.

Für die Studierenden werden Publikationsmöglichkeiten geschaffen.

Schon sehr früh im Studium wird das Mitwirken an Forschungsarbeiten geboten, die eine klare Struktur erkennen lassen, die wiederum den Einstig in die Forschung erleichtert.

 

Akzeptanz:

 

Die Studierenden teilen ihre Erfahrungen mit den jüngeren Semestern; die Nachfrage, mitzuarbeiten, stieg 2020 sehr an.

Die Studierenden finden einen Platz in der Ambulanzforschung, der bis zum Doktoratsstudium erhalten bleiben kann.

Die Studierenden lernen die Forscher*innen der Fakultät kennen und arbeiten mit ihnen zusammen.

Aus dem derzeitigen Projekt entstehen drei Abschlussarbeiten, weitere Publikationen von Studierenden sind geplant.

Nachhaltigkeit

Das Projekt schafft nachhaltig ein Fundament und bildet ein Team für verschiedene Forschungsanliegen, die gemeinsam mit den Studierenden erarbeitet und mitgestaltet werden können. Die Lehre der Fakultät wird nachhaltig durch die angewandte Praxis überprüft und bietet gleichzeitig reichhaltige Erfahrungsmöglichkeiten für die Studierenden, außerdem verringert sich deren Distanz zu den Lehrenden.

Aufwand

Kaum ein finanzieller Aufwand, jedoch:

Zeitlicher Aufwand des wissenschaftlichen Personals und der Ambulanzleitung, was die Schaffung von Personalstellen nach sich zieht.

Zeitlich intensive Nachbesprechung der Projektleitung und Reflexion der Ergebnisse, Vernetzung von wissenschaftlichem Personal und Studierenden.

Im Zuge des Projektes wurden 800 Personen in die Forschung inkludiert und 50 Interviews durchgeführt.

Positionierung des Lehrangebots

Die Inhalte des Projekts werden in einer Lehrveranstaltung „Krisenintervention“ im 6. Semester des Bachelor-Programms verwendet.

Die Mitwirkung an dem Projekt und der Forschung betrifft die Bachelor und Masterstudiengänge. Das betrifft auch mögliche Abschlussarbeiten.

Die Mitwirkung an dem Projekt zählt als Fachspezifisches Praktikum, dass für den Studienabschluss verpflichtend ist.

Durch die Mitwirkung an dem Projekt können sich Studierende Forschungspunkte anrechnen lassen.

Die Workshops, die zwei Mal im Semester für das Team angeboten werden, können für verschiedene Lehrveranstaltungen, mit dem Inhalt der Forschungsmethodik, angerechnet werden.

Links zu der/den Projektmitarbeiter/innen
Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2021 nominiert.
Ars Docendi
2021
Kategorie: Qualitätsverbesserung von Lehre und Studierbarkeit
Ansprechperson
Lisa Winter, MMag.
stv. Ambulanzleitung, Fakultät für Psychotherapiewissenschaft
06645851246
Nominierte Person(en)
Lisa Winter, MMag.
stv. Ambulanzleitung, Fakultät für Psychotherapiewissenschaft
Themenfelder
  • Rund ums Evaluieren der Lehre
  • Prozess der Curriculagestaltung
  • Wissenschaftliche (Abschluss)Arbeiten
  • Curriculagestaltung
  • Erfahrungslernen
Fachbereiche
  • Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften