Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Innrain 52, 6020 Innsbruck
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Ein Quantum Wahrheit - Wissenschaftstheorie und Methodologie der Sozialwissenschaften

Ziele/Motive/Ausgangslage/Problemstellung

Zwei Frontlinien kennzeichneten vor mehreren Jahren Antrieb und Ausgangslage, Studierbarkeit und Lehre der 4-stündigen Master-Pflicht-Lehrveranstaltung zur “Wissenschaftstheorie und Methodologie der Sozialwissenschaften” qualitativ zu verbessern.

Erstens galt es, einen gewohnterweise unter dem Fakultätsschnitt bewerteten, vermeintlich trockenen und abstrakten Kurs in eine “spannende und lebendige”, maximal positiv bewertete, motivierende Quelle der Inspiration für eigene Qualifizierungsarbeiten zu verwandeln, die neben der “Förderung der Aktivität und Kreativität” der Studierenden “für das Thema ... begeistert” (Zitate: Lehrevaluation; Winter 2019/20, Item „anderen empfehlen“: 1,1; 25 Tn.).

 

Zweitens sollte auch versucht werden, Studierende zu aktiven Subjekten forschenden Lernens zu machen, deren Analyse und Kritik selbst zum lebendigen Teil des universitären Bildungskosmos werden.

Im Betrieb der Universität schaut es oft anders aus. Vielfach scheint die kulturelle Vermittlung von Sprache, Wissen und Technik reduziert auf die Memorierung audiovisueller Information in Vortragsfolien und Multiple-Choice-Prüfungen. Lässt sich entgegen der häufig diagnostizierten “Ausweisung [der Kultur] aus der Universität selbst” der Finalität derselben Rechnung tragen, Wissen in forschender Praxis zu steigern und letztere in der Lehre (wie vordem in der Schule) zur weiteren Selbst-Entwicklung der Studierenden zu vermitteln (M. Henry, Die Barbarei, 1994, 320-30)?

Kurzzusammenfassung des Projekts

Wie werden wissenschaftliche Wahrheiten erarbeitet? In Kursen zur “Wissenschaftstheorie und Methodologie” geht es darum. Oft gelten diese als abstrakt - und langweilig.

Wir drehen den Spieß um im Fokus auf Studierende als aktiv Lernende. Wir setzen dabei auf soziale Einbindung in kleinen Gruppen. Und wir verlassen den eigenen Elfenbeinturm und schauen uns die Forschungen anderer Disziplinen an. Die Theorie geht in die Praxis und aus der wissenschaftlichen Praxis gewinnen wir die Theorie:

Regelmäßig besuchen Studierende eine Vielzahl Innsbrucker Wissenschafter/inn/en in ihren Laboren von der Atmosphärenwissenschafterin über den Geographen und Humanmediziner, Musikwissenschafter und Politologin bis hin zur Quantenphysikerin. Das konkrete Ziel ist, in Gespräch und Beobachtung die technischen wie kognitiven Verfahrensweisen des Erkenntnisgewinns in praxi zu entdecken. Abstrakt zielen wir auf die Ermittlung der die Forschungspraxis jeweils durchdringenden Vorannahmen (zu Objektivität, Methode, Messung, Operationsregeln).

Durch die Studierendenzentrierung konnte so eine MA-Pflichtveranstaltung von einem ehemals tief unter dem Fakultätsschnitt evaluierten, trockenen Kurs in eine “spannende und lebendige”, maximal positiv bewertete, motivierende Quelle der Inspiration für eigene Qualifizierungsarbeiten verwandelt werden, welche “für das Thema ... begeistert” und die Teilnehmer/inn/en zu aktiven Subjekten forschenden Lernens macht.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

How do we discover scientific truths? Courses on "philosophy of science and methodology" are all about that. Often, courses such as the former are considered being abstract - and boring.

We turn the tables by focusing on students as active learners. We focus on social integration in small groups. And we leave our ivory tower and look at the research practices of other disciplines. Theory goes to practice, and from scientific practices, we gain our theories:

Students regularly visit various Innsbruck scientists in their laboratories, from atmospheric scientists to geographers and human medicine specialists, musicologists and political scientists to quantum physicists. The concrete aim is to discover in conversation and observation the technical as well as cognitive procedures of gaining knowledge in praxi. In the abstract, we aim to identify the presuppositions (about objectivity, method, measurement, rules of operation) that permeate research practice in each case.

Through student-centredness, an MA compulsory course could thus be transformed from a dry class, formerly rated deeply below the faculty average, into an "exciting and lively", maximally positively rated, motivating source of inspiration for one's qualification work, which "enthuses for the study course” ... and makes the participants active subjects of research-based learning.

Nähere Beschreibung des Projekts

“Tell me and I forget. - Teach me and I remember. - Involve me and I learn.”

Benjamin Franklin (1706-90)

1. ÜBERBLICK

Wie werden wissenschaftliche Wahrheiten erarbeitet? In Kursen zur “Wissenschaftstheorie und Methodologie” geht es darum. Oft gelten diese als abstrakt - und langweilig.

Wir drehen den Spieß um. Studierende stehen als aktiv Lernende im Zentrum. Wir setzen dabei auf soziale Einbindung in kleinen Gruppen. Und wir verlassen den eigenen Elfenbeinturm und schauen uns die Forschungen Anderer an. Die Theorie geht in die Praxis und aus der wissenschaftlichen Praxis gewinnen wir die Theorie:

Regelmäßig besuchen Studierende eine Vielzahl selbst ausgewählter Innsbrucker Wissen-schafter und Wissenschafterinnen in ihren Laboren von der Atmosphärenwissenschafterin über den Geographen und Humanmediziner, Musikwissenschafter und Politologin bis hin zur Quantenphysikerin.

Konkret wollen wir in Gespräch und Beobachtung die technischen wie kognitiven Verfahrensweisen des Erkenntnisgewinns in praxi entdecken.

Abstrakt zielen wir auf die Ermittlung der die Forschungspraxis jeweils durchdringenden wissenschaftstheoretischen Vorannahmen (zur Objektivität, Methode, Messung, zu Instrumenten und Operationsregeln der Wissenschaft) in der lokalen Praxis der Forschung an verschiedenen Innsbrucker Hochschulen.

 

2. PROGRAMM DER LEHRVERANSTALTUNG (VO+SE, 6 S., hier verkürzt)

- MA-Pflichtkurs „Wissenschaftstheorie und Methodologie der Sozialwissenschaften“

 

Metatheoretische Positionen im Plural bilden die Grundlage wissenschaftlicher Ansätze. Seit der mit Thomas S. Kuhn verknüpften anti-positivistischen Wende der Wissenschaftstheorie gibt es nicht länger nur ein normativ vorgegebenes Regelwerk “richtiger” wissenschaftlicher Arbeit.

Am Beispiel klassischer Texte wie Marx‘ Feuerbachthesen und Nietzsches “Wahrheit und Lüge”, Webers Objektivitätsaufsatz und Poppers “Objektiver Erkenntnis” über die vermittelnden Ansätze kritischer Theorie bis hin zu den operativ konstruktivistischen Varianten der Systemtheorie und des feministischen Dekonstruktivismus werden entsprechend wissenschaftstheoretische Grundpositionen herausgearbeitet und gemeinsam erörtert.

 

1. Einführung: Grundpositionen: Positivismus - Realismus – Konstruktivismus

Bildung von zehn Forschungsgruppen

 

2. Konstruktivismus (I): Erkenntnis als Konstruktion

 

2.1 Zur Methodologie Karl Poppers: Kritisch-rationale Erkenntnis oder Positivimus?

2.2 Die neukantianische Wissenschaftslehre Max Webers

2.3 Operativer Konstruktivismus

 

3. Realismus: Konstruktion der Realität – zwischen Positivismus und Konstruktivismus

 

3.1 Praxistheorie: Marx’ Feuerbach-Thesen

3.2 ›Critical Realism‹

3.3 Genetischer Strukturalismus und genetische Theorie der Erkenntnis

3.4 Der wissenschaftstheoretische Ort der Kritischen Theorie

 

4. Konstruktivismus (II): Die Welt in Sprache, Wahrnehmung und als Text

 

4.1 Das postmoderne Denken

4.2 Feministischer Dekonstruktivismus und feministische Standpunkttheorie

4.3 Phänomenologie und Hermeneutik

 

5. Grundprobleme der Methodologie sozialwissenschaftlicher Forschung

 

5.1 Praktiken

5.2 Diskurs

 

6. Seminarkonferenz: Die Praxis der Theorie – Diskussion der Forschungsarbeiten

 

LERNZIEL ist die selbständige Befähigung der Teilnehmenden, sich mit Gründen über ihre eigene fachliche Positionierung klar zu werden im komplexen wissenschaftlichen Raum, der durch die drei Grundpositionen Positivismus-Realismus-Konstruktivismus aufgespannt gedacht werden kann.

Der Kurs strebt weg von der Memorierung vorgegebener Informationen hin zur Förderung der Selbstentwicklung der Studierenden zu forschenden Persönlichkeiten:

Teilnehmende lernen, eine Vielzahl sozialwissenschaftlicher Perspektiven „wissenschaftstheoretisch“ zu durchleuchten, zu sondieren und nach eigener rationaler Wahl eine Entscheidung für eine selbständige Denkweise zu treffen.

In der THEORIE geht es um die diskursive, selbst entdeckende Erarbeitung theoretischer Einsichten aktueller, die sozialwissenschaftliche Forschung dominierender Positionen. Im Anschluss steht die Erprobung der theoretischen Einsichten an PRAKTISCHEN Beispielen aktueller sozial-, geistes- und natur(!)-wissenschaftlicher Forschung an der Universität Innsbruck und Nachbarhochschulen.

 

3. DIDAKTIK

Die entdeckende Einbindung in Theorie und Praxis der Wissenserarbeitung scheint der Schlüssel der Motivierung zu sein.

Dabei folgen wir den drei Pfeilern der Klassenzimmer-Pädagogik einer autonomiefördernden Lernumgebung, Aktivem Lernen und sozialer Einbindung.

a) Autonomie: Der Lernort Universität dient gerade nicht der ökonomischen Verwertung im Sinne des Kompetenzerwerbs (Lyotard). Vielmehr motiviert er die Lernenden "von innen" besonders dann, wenn er die Selbstentwicklung und Selbstverwirklichung der Studierenden und Forschenden in das Zentrum rückt.

b) Aktives Lernen: Aktive Beteiligung durch Reden, Schreiben, Üben motiviert mehr als allein das Zuhören insbesondere dann, wenn -- in den Sozialwissenschaften -- das Denken in Kontroversen angestoßen wird, die auf gesellschaftlichen Kontroversen gründen und die Doppelreflexion auf Theorie und Praxis herausfordern. Im Klassenzimmer werden aktuell dominante, einflussreiche sozialwissenschaftliche Auffassungen nicht monologisch referiert und memoriert. Sie werden vielmehr in Kleingruppen-, Pro-und-Contra- und quasi Podiumsdiskussionen in offenen Kontroversen konträrer Standpunkte erarbeitet.

c) Soziale Einbindung: Studierende sind erheblich motivierter, wenn sie von anderen anerkannt, sich als Gleich unter Gleichen und als Teil einer Gruppe oder Lerngemeinschaft erfahren.

Kurz, eine radikale Studierendenzentrierung löst Powerpoint-Folien-Serien und Referatsstil-Seminare ab. - „Gut gefallen hat mir bei dieser LV das Verzichten auf Referate, da die LV dadurch viel spannender und lebendiger wird“. „Ich lese bei dieser LV wesentlich mehr Texte als bei Veranstaltungen mit Referaten“ (aus Lehrevaluation).

Wir zielen darauf, universitäre Forschung als Teil der Lehre und die Lehre als kulturelle Vermittlung von Generation zu Generation zu leben und zu erleben. – „Im Team macht’s mehr Spass.“

 

4. INNOVATION

Innovativ suchen in dieser Veranstaltung Studierende in 3er Gruppen Forschungspersonen anderer Disziplinen an der Universität Innsbruck auf, interviewen diese und analysieren deren wissenschaftliche Praktiken. Im Trend zeitgenössischer Wissenschaftstheorie und Wissenschaftssoziologie werden anhand der Modelle, der lokalen Gewohnheiten, der Vorbilder, der herrschenden Orientierungen bezüglich ‚Objektivität‘, ‚Methode‘ und ‚Messung‘, der Instrumente und Verhaltensregeln die jeweils spezifischen, aber impliziten ‚wissenschaftstheoretischen‘ Hintergrundannahmen der Kolleg/inn/en ermittelt. Wie wird an der Universität Innsbruck in der Breite geforscht? Es ist hochinteressant. Einige Beispiele:

 

5. BEISPIELE

In autonom gewählten Fragestellungen werden die wissenschaftlichen Praktiken anderer Disziplinen an der Universität Innsbruck anhand konkreter Beispiele analysiert. Im Nebeneffekt verhelfen diese Gruppenarbeiten einen Einblick in ansonsten fremde Fachwelten.

Dabei stärkt die Praxis-Orientierung Selbstvertrauen und Autonomie der Teilnehmenden, indem sie erfahren lässt, dass selbst die verschiedensten Forschungsrichtungen eine gemeinsame Forschungsreflexion und durchaus auch vergleichbare Methodologien und Erkenntniszugänge teilen:

Wer kennt das nicht? Am Anfang wissenschaftlichen Forschens stehen wie hier in der Molekularbiologie vielfach „Methoden“, die „eigentlich … nicht hinterfragt und … eigentlich mehr oder weniger Grundmethoden mit denen viele Labore arbeiten“ sind (Interviewauszug, Gruppenarbeit). Und was macht man dann, zum Beispiel in der Pharmazie? „Wir modifizieren das Molekül ganz minimal, messen die Effekte und schauen dann was es macht.“ – Natürlich können auch „Computerprogramme .. Daten einspeisen und die sind mittlerweile ziemlich gut. Aber letztendlich, ob sich dann alles so verhält, wie es der Algorithmus vorsagt, das muss dann am Schluss trotzdem in Experimenten bewiesen werden.“ Alle möchten, könnte man glauben, wie in der Astrophysik „grundsätzlich Theorie mit der Praxis in Einklang .. bringen. Also die Praxis, die Beobachtungen die wir real machen, mit den theoretischen Modellen“. Aber wie geht das? Vielleicht wie in der Atmosphärenwissenschaft mit „prozessorientierten Modellierungen“, die „möglichst viele Prozesse abbilden“ anstatt einfach „darüber lineare Zusammenhänge zu legen“ (bzw. zu unterstellen)? Wie verhält sich Realität und Modell? Hier soll – wie aktuell im Corona-Jänner 2021 – die Medizin das letzte Wort haben: „Die Wissenschaft ist immer ein [...] wie sagt man... Du hast ein bestimmtes Modell und du schaust mit diesem Modell [dass] so viel weitergeht und so viele Vorhersagen machen kannst, dass es so gut wie möglich auf die Realität die man erkennen kann passt, aber dass du nicht die Realität gerade vor Augen hast mit deinem Modell, sondern nur eine Annäherung, einen Versuch des Menschen sich der Realität zu nähern, das ist klar [...].“

6. SCHLUSS

Die seminarinterne Lernform des forschenden Lernens -- moderierte Textdiskussion in Kontroversen statt monologisierender Referate -- kommt exzellent an. Sie ist in den USA und in Deutschland weithin normal, aber bei uns hier konkret fast selten.

Die Projektarbeit der Analyse externer Wissenschaftspersonen anderer Fächer ist voraussetzungsreich, theoretisch anspruchsvoll. Aber da es nicht so einfach ist, zu erkennen, „wie“ ein Quantenphysiker, eine Chemikerin, ein Mediziner oder eine Atmosphärenwissenschafterin forscht, treibt die praktische Notwendigkeit, die je unbekannte Forschungswelt zu erschließen, die eigene theoretisch-methodische Reflexion ungeheuer an.

In jedem Fall zeigt sich ein fundamentaler Mehrwert für die lokale Masterausbildung, dass die Veranstaltung von einer früheren allbekannten Bremswirkung zu einem Attraktionsort geworden zu sein scheint, wie es sich ganz extrem in der numerischen, aber auch offenen Lehrevaluation ausdrückt: „Fachdidaktisch: erste Klasse!“ – „War mir erst unsicher, ob der Master interessant bzw. lohnend sei. [Die Lehrveranstaltung] hat dies geweckt!“ – „Auch wenn ich zuvor absolut gar nichts über Wissenschaftstheorie wusste, wurde mein Interesse sehr daran geweckt".

 

 

 

Nutzen und Mehrwert

Motivationsschub für Studierende, Lernen durch praktische Teilnahme

Nachhaltigkeit

Das Konzept wird seit mehreren Jahren eingesetzt und weiterentwickelt, die Involvierung der Studierenden in selbständige Forschungspraktiken auf allen Studienniveaus - je spezifisch - verfolgt.

Aufwand

Das Projekt beansprucht einen erheblichen Zeitaufwand der Koordination auch auf Studierendenseite. Gleichzeitig fördert die Arbeit die extrafunktionale Qualifikation als Element der Bildung.

Positionierung des Lehrangebots

Pflichtveranstaltung zu Beginn des Masterstudiums der Soziologie, oft unter Beteiligung von Hörern und Hörerinnen aus anderen Fakultäten, insbes. Philosophie, Psychologie, Gender und Organisation.

Links zu der/den Projektmitarbeiter/innen
Links zu Social Media-Kanälen
Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2021 nominiert.
Ars Docendi
2021
Kategorie: Qualitätsverbesserung von Lehre und Studierbarkeit
Ansprechperson
Frank Welz, assoz. Prof. Dr.phil.
Institut für Soziologie, Universität Innsbruck
+4351250773405
Nominierte Person(en)
Frank Welz, assoz. Prof. Dr.phil.
Institut für Soziologie, Universität Innsbruck
Themenfelder
  • Lehr- und Lernkonzepte
  • Organisatorische Studierendenunterstützung
  • Sonstiges
  • Wissenschaftliche (Abschluss)Arbeiten
  • Erfahrungslernen
Fachbereiche
  • Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften