Wirtschaftsuniversität Wien
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E&I Garage: Build your own Start-up

Ziele/Motive/Ausgangslage/Problemstellung

In Wissenschaft, Wirtschaft und Politik besteht international Einigkeit: Entrepreneurship ist die treibende Kraft für den Erhalt und Ausbau von Wohlstand, Beschäftigung und Fortschritt. Innovative Unternehmensgründungen sind daher von höchster gesellschaftlicher Bedeutung. Sie sind auch die besten Antworten auf die großen Herausforderungen der Gegenwart. Themen wie Klimawandel, demographische Veränderung, Digitalisierung, Krankheiten und Seuchen, Ungleichheit und gesellschaftliche Spaltung, Sicherheit und Migration stellen Veränderungen dar, auf die die Menschheit neue Antworten finden muss. Start-ups sind die schnellsten, flexibelsten und in Bezug auf Innovation leistungsstärksten Organisationen.

 

Österreich hat in Bezug auf Entrepreneurship Nachholbedarf. Im Vergleich zu „Entrepreneurship Hotspots“ wie Silicon Valley, Haifa, Bangalore, Cambridge und Berlin gibt es in Österreich nach wie vor zu wenige und zu wenig innovative Unternehmensgründungen. Die Politik hat dieses Problem erkannt. Im aktuellen Regierungsprogramm 2020-24 wird die Förderung von Entrepreneurship entsprechend zu einem prioritären Ziel erklärt. Der Kurs E&I Garage leistet einen Beitrag zur Ausbildung zukünftiger Entrepreneure.

 

Eine zentrale Herausforderung der Bildungssysteme in Österreich ist dabei die Verbindung von technologischer bzw. naturwissenschaftlicher Kompetenz mit kaufmännisch-wirtschaftlicher Kompetenz. Unter einer Innovation versteht man eine Erfindung und deren unternehmerische Umsetzung in ein Produkt, eine Dienstleistung oder ein Geschäftsmodell. Von der Erfindung allein gehen keine Impulse aus, sie muss in den Markt gebracht werden. Werden technologische und kaufmännische Kompetenz jedoch gezielt vereinigt, kann dies enorme Effekte haben. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) fördert diese Form der interdisziplinären Kooperation seit vielen Jahren sehr konsequent. Es überrascht entsprechend nicht, dass die Unternehmensgründungen der Faculty, der Studierenden und der Alumni dieser (relativ kleinen) Universität allein zusammengenommen die 11.-stärkste Volkswirtschaft der Welt ergeben würden – deutlich größer als ganz Österreich.

 

Interdisziplinäre Zusammenarbeit ergibt sich nicht von selbst. Viele österreichische Universitäten sind nach Fächern gegliedert (TU, WU, BOKU, MedUni etc.) und auch innerhalb von Studiengängen überwiegt die fachdisziplinäre Orientierung. Studierenden fehlt es damit an Wissen um Möglichkeiten des jeweils anderen Bereichs. Die disziplinäre Sozialisation führt oft zu einem verengten Weltbild. Unter Techniker/inne/n/Naturwissenschaftler/inne/n sind daher antikommerzielle Reflexe, eine Überschätzung der Bedeutung der Technologie als solcher und einer Abwertung anderer Fachdisziplinen („Ein/e Ingenieur/in kann alles“) nicht selten. Unter Wirtschaftswissenschaftler/inne/n finden sich dagegen besonders häufig Berührungsängste und eine mangelnde Fähigkeit, auf die spezifischen Denk- und Kommunikationsweisen von Techniker/inne/n und Naturwissenschaftler/innen einzugehen.

 

Der Kurs „E&I Garage“ setzt an diesem Problem an. Er führt Studierende der Wirtschaftswissenschaften und Ingenieur- bzw. Naturwissenschaften zusammen, um mehr und innovativere Unternehmensgründungen zu bewirken. „E&I Garage“ wurde im Wintersemester 2010/11 als österreichweit erste universitätsübergreifende Start-up-Lehrveranstaltung ins Leben gerufen. Die wichtigste Besonderheit von E&I Garage besteht darin, dass der Kurs nicht nur WU-Studierenden offensteht, sondern fächerübergreifend an mehreren Wiener Universitäten angeboten wird – die Studierenden arbeiten in interdisziplinären Teams. Der Kurs wurde von (inzwischen teilweise ehemaligen) Mitarbeitern des E&I Teams (u.a. von Dr. Rudolf Dömötör, Prof. Dr. Nikolaus Franke, Dr. Thomas Funke, Dr. Thorsten Lambertus und Dr. Stefan Perkmann-Berger) konzipiert und wird seitdem regelmäßig jedes Semester durchgeführt und weiterentwickelt. Aufgrund des Erfolgs wird das Konzept mittlerweile auch auf Masterebene eingesetzt.

 

Die zugrundeliegende didaktische Idee war es, durch verschiedene Maßnahmen und Elemente (1) die interdisziplinäre Zusammenarbeit zum Thema Entrepreneurship zu fördern und (2) durch eine konsequente Handlungsorientierung die Entrepreneurship-Kompetenzen der Studierenden so zu entwickeln, so dass mehr und innovativere Unternehmensgründungen unmittelbar aus dem Kurs heraus oder mittelfristig nach Beendigung des Studiums entstehen.

 

Bereits früh in der Entwicklung des Kurses wurde der Kontakt zu Ansprechpartner/inne/n an technischen und naturwissenschaftlichen Fakultäten gesucht. Auf diese Weise ist es gelungen, ein Lehrveranstaltungsdesign zu entwickeln, das an die Bedürfnisse der verschiedenen Fachrichtungen angepasst ist, für die Studierenden aller teilnehmenden Universitäten höchst attraktiv ist und in den Studienplänen der Partneruniversitäten fest verankert ist. Die didaktische Unterstützung der interdisziplinären Zusammenarbeit ist dabei ein zentrales Element der Lehrveranstaltung.

 

Im Rahmen des Kurses werden den Studierenden nicht nur theoretische Inhalte und Methoden im Bereich Entrepreneurship vermittelt, die für die Entdeckung, Bewertung und Umsetzung von innovativen Geschäftsideen hilfreich sind. Die Studierenden wenden diese Kenntnisse auch konkret an, d.h. lernen handlungsorientiert und problembasiert. Sie bringen eigene Geschäftsideen ein bzw. entwickeln diese in interdisziplinären Teams nach einem vorstrukturierten Prozess (weiter). Dabei werden sie nicht nur von den Kursleiter/inne/n sondern auch von externen Mentor/inn/en (erfahrene Gründer/inn/en, Gründungsberater/inn/en oder Investor/inn/en) in persönlichen und online Coaching-Einheiten unterstützt. Die E&I Garage bietet damit eine Plattform, um eigene Geschäftsideen in einer geschützten und fördernden Umgebung zu starten, interdisziplinär weiterzuentwickeln und gegebenenfalls aus dem Kurs heraus tatsächlich zu gründen.

Kurzzusammenfassung des Projekts

Der Kurs E&I Garage hat das Ziel, interdisziplinäre Zusammenarbeit im Bereich Entrepreneurship zu stärken. Studierende der Wirtschaftswissenschaften und technisch-naturwissenschaftlicher Fächer arbeiten universitätsübergreifend (WU, TU und BOKU) zusammen. Sie lernen handlungsorientiert, wie man Geschäftsideen entdeckt, bewertet und in Form einer Unternehmensgründung konkret umsetzt.

Die Teams werden von den Kursleiter/inne/n und externen Mentor/inn/en Schritt für Schritt dabei unterstützt, aus einer zunächst groben Idee einen überzeugenden Geschäftsplan zu machen. Das didaktische Konzept orientiert sich an den typischen Herausforderungen interdisziplinärer Start-up-Teams (Unverständnis für den jeweils anderen Bereich, negative Stereotype etc.). Am Ende des Semesters präsentieren die studentischen Start-up-Teams ihre Geschäftsideen vor einer Expert/inn/enjury.

Der Erfolg der Lehrveranstaltung zeigt sich auf mehreren Ebenen. Zunächst ist feststellbar, dass Verständnis und Wertschätzung für die jeweils andere Fachrichtung stark zunimmt. Die Studierenden entwickeln innerhalb des Semesters außerordentliche Fähigkeiten zur interdisziplinären Zusammenarbeit und erkennen den Wert dieser Komplementärbeziehung. Durch die Handlungsorientierung steigen auch die Fähigkeiten im Bereich Entrepreneurship stark an. Sichtbar wird dies unter anderem an den beeindruckenden (interdisziplinären) Gründungsaktivitäten der Studierenden nach Abschluss des Kurses.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

The course E&I Garage aims to strengthen interdisciplinary cooperation in the field of entrepreneurship. Students from various backgrounds (e.g. business, technology, science) collaborate across universities (WU, TU and BOKU) on a joint start-up-project. By using a real-world setting, students learn how to apply methods and tools that are useful for discovering, evaluating, and implementing business ideas, in order to start a venture.

The teams are guided in a step-by-step process by lecturers and external mentors and experts in turning an initially rough idea into a convincing business concept. The didactic concept is based on the typical challenges of interdisciplinary start-up teams (lack of understanding for the other discipline, negative stereotypes, etc.). At the end of the semester, the student start-up teams are presenting their business ideas to a jury of experts.

The success of the course is visible on several levels. First, the understanding and appreciation for the respective other discipline increases significantly. Second, students develop extraordinary abilities for interdisciplinary cooperation and recognize the value of this complementary relationship. Third, by applying a problem-based approach, their abilities in the field of entrepreneurship increase strongly as well. All of this is evident in the impressive and manifold (interdisciplinary) start-up activities of the Garage alumni after completing this course.

Nähere Beschreibung des Projekts

Durch die enge Abstimmung mit den Partneruniversitäten konnte ein Kurs geschaffen werden, der für die studentische Zielgruppe sehr attraktiv ist und an allen beteiligten Institutionen gleichermaßen funktioniert.

Inhaltlich sind die wichtigsten Kursziele (1) die Überwindung disziplinärer Grenzen und Unterstützung der komplementären Zusammenarbeit von Studierenden aus Technik/Naturwissenschaft und Wirtschaftswissenschaften und (2) der handlungsorientierte Erwerb von tatsächlichen Kompetenzen im Bereich Entrepreneurship bzw. Unternehmensgründung.

 

Das Kurskonzept reflektiert diese Zielsetzung. Grundsätzlich gliedert sich das Semester in einen 1,5-tägigen Kick Off Workshop und 6 Workshops zu je 3 h, 6 individuelle Team-Coachings, 2 Co-Working Sessions und 2 Präsentationstermine. Die Leistungsbeurteilung der Studierenden umfasst folgende Bestandteile: Mitarbeit (individuell: 20%), Working Papers (Gruppenarbeit: 40%), Präsentationen (Gruppenarbeit 20%), finaler Gründungsplan (Gruppenarbeit 10%), Reflexionsarbeit (individuell 10%).

 

Die Studierenden müssen folgende Meilensteine erreichen:

i) Meilenstein 1: Zusammenstellung interdisziplinärer Teams

ii) Meilenstein 2: Identifikation einer Geschäftsidee, für die eine potenzielle Marktnachfrage gefunden werden kann

iii) Meilenstein 3: Durchführung von Markt- und Wettbewerbsanalyse zur genaueren Ausarbeitung der Idee auf Basis von Marktfeedback

iv) Meilenstein 4: Entwicklung eines Geschäftsmodells, also der ökonomischen Umsetzung von Idee und Markt in eine tragfähige und nachhaltige Strategie

v) Meilenstein 5: Erstellung eines Finanzplans; aus dem Konzept werden Kapitalbedarf und Liquiditätsanforderungen abgeleitet und Finanzierungsquellen geplant

vi) Meilenstein 6: Präsentation des Gründungsvorhabens vor einer Expert/inn/enjury

Die Grundlage zur Erreichung der Meilensteine bilden thematische Workshops, an die jeweils Feldphasen anschließen. Auf diese Weise ergibt sich eine Abfolge aus Theorieinput, eigener Planung und Umsetzung und handlungsorientiertem Ausprobieren der Pläne und Konzepte. Am Ende steht ein vielfach überarbeiteter Gründungsplan, der oft stark von der initialen Idee abweicht und ein entsprechend hohes Maß an Marktreife besitzt.

 

Im Folgenden werden die zentralen didaktische Bausteine des Kurses näher beleuchtet.

 

1. Workshops

Die Studierenden erhalten in mehreren thematischen Workshops zunächst Theorieinput. Das Wissen zu den jeweils an die Meilensteine angepassten Methoden, die ihnen zugrundeliegenden Theorien und Erkenntnisse zu ihrer Wirksamkeit wird interaktiv vermittelt. Es stellt die Grundlage zur Erreichung der Meilensteine dar. In den Workshops sind die Teams dann angehalten, die jeweiligen Inhalte in ihren Teams umzusetzen. Dabei werden Sie von den LV-Leiter/inne/n und externen Coaches unterstützt.

Der umfassendste Workshop findet am Beginn des Semesters statt. Im Rahmen eines eineinhalbtägigen Kick-offs wird das Phänomen „Entrepreneurship“ grundlegend beleuchtet und kritisch hinterfragt. Darüber hinaus werden Grundlagen zur Ideenfindung, Suche nach und Bewertung von Geschäftsmöglichkeiten und den im Laufe des Semesters angewandten Methoden (Lean-Start-up-Methode, Business-Model-Canvas-Methode, Design Thinking, Prototyping) erarbeitet.

Zentral ist im Kick-off jedoch die Zusammenführung der Studierenden aus den Wirtschaftswissenschaften und den Ingenieur- und Naturwissenschaften. Erfahrungsgemäß haben beide Seiten wenig Erfahrung miteinander, es überwiegen Stereotype und Vorsicht. Wir nehmen diese Herausforderung daher besonders ernst. Nur wenn die Zusammenarbeit in den Teams von wechselseitigem Respekt getragen ist, und sie es schaffen, die jeweiligen Stärken und Kompetenzen sinnvoll zu integrieren, können die Potenziale der Interdisziplinarität eingelöst werden. Hier setzen wir verschiedene Übungen ein, die die Studierenden in wechselnd zusammengesetzten interdisziplinären Kleingruppen gemeinsam lösen müssen. Dadurch werden auf spielerische Weise die unterschiedlichen Problemlösungsstrategien der beteiligten Disziplinen erfahrbar gemacht und anschließend reflektiert. Das diesbezügliche Feedback der Studierenden ist zumeist überwältigend. Der Grundtenor: „Ich hätte nie gedacht, dass die Kolleg/inn/en der anderen Universitäten an die Lösung einer Aufgabe so anders herangehen als wir.“ Ergebnis der Übungen ist ein starkes Wir-Gefühl und eine sehr viel höhere Wertschätzung für die Qualitäten, Fähigkeiten und entsprechend potenziellen Leistungsbeiträge der anderen Disziplin. Bei der anschließenden Zusammenstellung der (ab dann fixen) Gründungsteams ist eine klare und nicht diskutierbare Vorgabe, dass in jedem Team sich Studierende mit wirtschaftswissenschaftlichem und Studierende mit einem technisch-/naturwissenschaftlichen Hintergrund befinden.

Abgerundet wird der Kick-off mit Gastvorträgen von Role Models: Junge Gründer/inn/en berichten von ihrem unternehmerischen Werdegang und teilen ihre Erfahrungen mit den Studierenden. Ihre eigenen Erlebnisse in Bezug auf interdisziplinäre Zusammenarbeit stellen dabei naturgemäß einen Schwerpunkt dar. Diese interaktiven „Founders Talks“ wirken auf die Studierenden erfahrungsgemäß sehr motivierend.

Im weiteren Verlauf des Semesters finden Workshops im Abstand von zwei bis drei Wochen statt. Darin werden die Inhalte und nötigen Fähigkeiten für die aktuellen Meilensteine aufbereitet und erarbeitet. Die einzelnen Workshops widmen sich thematischen Blöcken in denen die Studierenden zuerst Theorieinputs durch die LV-Leiter/innen und externe Experten aus der Praxis als Gastvortragende erhalten. Darauf aufbauend sind die Teams dann angehalten, die jeweiligen Inhalte in ihren Teams umzusetzen. Die Workshops kombinieren verschiedene Lernmethoden wie Teamarbeiten, Präsentationen und offene Diskussionen, um die jeweiligen Themen und Fähigkeiten zu vermitteln.

 

2. Feldphase

Mit Hilfe des Inputs aus den Workshops werden die Studierenden befähigt, in ihren Teams einen Geschäftsplan zu einer tragfähigen, innovativen und nachhaltigen Geschäftsidee zu entwickeln. Die Umsetzung erfolgt in den jeweiligen Feldphasen zwischen den Workshops.

Die Besonderheit der LV besteht darin, dass die Teams die in den Workshop generierten Hypothesen unter realen Bedingungen im Feld testen, um dadurch die Tragfähigkeit ihrer Geschäftsideen zu überprüfen. Sie führen dazu Interviews mit potenziellen Kund/inn/en, recherchieren Marktdaten und arbeiten Feedback und erhaltene Informationen in ihre Gründungsidee ein.

Eine wesentliche Herausforderung für die Studierenden besteht darin, den zieloffenen Prozess der Ideengenerierungs- und Analysephase zu strukturieren und die Geschäftsidee gezielt zu iterieren. Der Kurs verwendet hierfür einen interaktiven, problembasierten Lehransatz. Mittels des klar strukturierten Prozesses und klarer Zielvorgaben (Meilensteine) werden die Studierenden dabei unterstützt, die typischen Herausforderungen in der frühen Phase des Gründungsprozesses zu ergründen und zu bewältigen. Zusätzlich finden zwischen und bei den Workshops individuelle Coachings mit den LV-Leiter/inne/n und Mentor/inn/en aus der unternehmerischen Praxis statt.

 

3. Interne und externe Coachings

Die Studierenden werden bei der Weiterentwicklung ihrer Geschäftsideen von den Kursleiter/inne/n und externen Mentor/inn/en in persönlichen und online Coaching-Einheiten unterstützt. Bei den externen Coaches handelt es sich um erfahrene Gründer/inn/en, Gründungsberater/inn/en oder Investor/inn/en.

Im Rahmen der Coachings stellt das Team jeweils den Status quo der Projektarbeit vor und bringt Fragestellungen mit und bespricht die nächsten konkreten Arbeits- und Umsetzungsschritte.

Die Coachings sind eine wichtige Hilfestellung, um die Teams bei der Interpretation der empirischen Evidenz aus dem Feld sowie bei ihren Überlegungen zur Wirtschaftlichkeit des Vorhabens zu unterstützen. Ein wesentliches Charakteristikum innovativer Vorhaben ist der hohe Grad an Unsicherheit. Der regelmäßige individuelle Austausch mit den Kursleiter/inne/n und Coaching unterstützt die Teams bei der Entscheidungsfindung und trägt maßgeblich dazu bei, die Ambiguitätstoleranz der Studierenden zu verbessern und trainiert die Fähigkeit, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen.

Die Coachings dienen vor allem auch dazu, Eindrücke von der Atmosphäre und Qualität der Zusammenarbeit im Studierendenteam zu gewinnen und etwaige Probleme frühzeitig zu thematisieren. An erster Stelle stehen hierbei naturgemäß mögliche Probleme in der interdisziplinären Zusammenarbeit. Dadurch, dass die Studierenden die Coaches als Unterstützer/innen wahrnehmen (und nicht als „Notengeber“) ist ihre Offenheit groß. Dadurch gelingt es meist, die (nicht seltenen) kleinen Spannungen und Missverständnisse schnell und konstruktiv zu lösen.

 

4. Präsentation vor Jury

Im Laufe des Semesters sind regelmäßige Präsentationen der (Zwischen-)Ergebnisse vor dem gesamten Kurs vorgesehen. Ziel ist es, die Fähigkeit zu trainieren, komplexe Sachverhalte (die Projektergebnisse) klar strukturiert und verständlich für verschiedene Zielgruppen (z.B. Kursleiter/innen, Mentor/inn/en, Jury) aufzubereiten und zu präsentieren. Schließlich ist die beste Idee zum Scheitern verurteilt, wenn es nicht gelingt, andere von ihren Vorteilen und Besonderheiten zu überzeugen.

Abschließender Höhepunkt der LV ist die Präsentation der Projektergebnisse vor einer externen Expertenjury, bestehend aus Investor/inn/en und Fördergeber/inne/n. Auf diese Weise wird eine weitere wichtige Besonderheit von innovativen Gründungsprojekten simuliert. Denn praktisch alle innovativen Unternehmensgründungen sind auf externe Finanzierungsquellen angewiesen. Bei der Jury wird darauf geachtet, dass sie sich aus Personen zusammensetzt, die bei der Weiterverfolgung der Projekte unterstützend mitwirken können (und auch wollen). Start-ups benötigen für ihren Erfolg ein starkes Netzwerk, der Kurs soll ihnen die Kontakte des Instituts für Entrepreneurship und Innovation erschließen. Für das Siegerteam der Präsentation werden Preise ausgelobt, bspw. die Teilnahme an einem internationalen Präsentations-Wettbewerb für studentische Start-up-Teams in den USA (Virginia Tech Entrepreneur Challenge) oder an internationalen Start-up-Konferenzen.

 

5. Reflexionsarbeit

Die an Leitfragen orientierte Reflexionsarbeit wird von den Studierenden individuell am Ende des Semesters erstellt und dient neben dem Wissenstransfer zwischen Theorieinput und Praxisanwendung dazu, das Gelernte fest in der Wissensstruktur der Studierenden zu verankern.

Diese Bausteine des didaktischen Konzepts verdeutlichen, dass die Studierenden im Rahmen eines interaktiv gestalteten Kurses in einer realen Anwendungssituation erlernen, was es braucht, um eine erfolgreiche Geschäftsidee zu entwickeln und umzusetzen. Sie sind in der Lage, die sozialen Bedürfnisse einer Zielgruppe zu identifizieren und eine unstrukturierte Aufgabenstellung selbständig zu bearbeiten. Sie haben die Fähigkeit trainiert, in einem interdisziplinären Team und in Zusammenarbeit mit externen Coaches ein innovatives Projekt zu entwickeln, dessen Umsetzung zu organisieren und die Ergebnisse klar verständlich an unterschiedliche Stakeholder zu kommunizieren.

 

Wie erreicht der Kurs nun die beiden eingangs dargestellten Zielsetzungen?

1) Die Überwindung disziplinärer Grenzen und Unterstützung der komplementären Zusammenarbeit von Studierenden aus Technik/Naturwissenschaft und den Wirtschaftswissenschaften wird dadurch erreicht, dass diese Herausforderung von Anfang an im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Dadurch, dass die Teams im weiteren Verlauf des Semesters interdisziplinär zusammengesetzt sind und nur in der Kooperation erfolgreich sein können, besteht die Notwendigkeit, sich auf diese Zusammenarbeit einzulassen. Coachings und regelmäßig wiederholte gemeinsame Reflektionen helfen, die Spannungen in der Umsetzung zu lösen.

2) Der handlungsorientierte Erwerb von tatsächlichen Kompetenzen im Bereich Entrepreneurship bzw. Unternehmensgründung wird erreicht, indem der Kurs konsequent auf das reale und tatsächliche Durchlaufen der frühen Phasen eines innovativen Gründungsprojekts ausgerichtet ist. Die Studierenden suchen und finden unternehmerische Gelegenheiten, bewerten sie, analysieren potenzielle Kund/inn/en, Markt und Wettbewerb, entwickeln ein Geschäftsmodell und planen die Finanzen. Um das innovative (also unklare und wenig strukturierte) Projekt erfolgreich bewältigen zu können, müssen sie Entscheidungen unter Unsicherheit treffen, mit verschiedenen Personengruppen kommunizieren und die wichtigsten Projektergebnisse in einem Geschäftsplan zusammenführen. Zusätzlich sind sie angehalten, sich ein geeignetes und kompetentes Start-up Team aufzubauen und sich ein Netzwerk aus wichtigen Stakeholdern zu schaffen. All dies erfordert die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte klar zu strukturieren und verständlich für verschiedene Zielgruppen schriftlich aufbereiten und mündlich präsentieren.

Nutzen und Mehrwert

Die Studierenden erwerben Kompetenzen im Schnittbereich zweier überaus wichtiger Problembereiche: Erstens in der interdisziplinären Zusammenarbeit von Wirtschaftswissenschaftler/inne/n und Techniker/inne/n/Naturwissenschaftler/inne/n und zweitens im Bereich Entrepreneurship.

Der Mehrwert der Lehrveranstaltung für die Studierenden zeigt sich u.a. in ihren beeindruckenden (interdisziplinären) Gründungsaktivitäten nach Abschluss des Kurses bzw. nach Abschluss des Studiums. Offenbar bewerten viele die Erfahrung positiv und nutzen die erworbenen Kompetenzen (und das Netzwerk), um selbstbestimmt eine Karriere als Unternehmer/in zu beginnen.  

Der gesellschaftliche Mehrwert knüpft hier unmittelbar an. Österreich braucht mehr interdisziplinäre innovative Unternehmensgründungen. Die Aktivitäten der Studierenden und Alumni tragen zu Wohlstand, Beschäftigung und Fortschritt bei.

Seit dem Wintersemester 2010/11 haben etwa 1.000 Studierende den Kurs absolviert und in mehr als 200 interdisziplinären studentischen Start-up-Teams zusammengearbeitet. Viele von ihnen haben den in der Lehrveranstaltung entwickelten Gründungsplan bei Wettbewerben eingereicht. Mehrere konnten die Wettbewerbe gewinnen – etwa beim größten österreichischen Businessplan-Wettbewerb „Ideas2Business“ (i2b) (z.B. die Teams Kerntec, BRI-Tech), bei der Future Founders Challenge des Rudolf Sallinger Fonds (z.B. Beehive, Aquaponix, Avaloon), dem Social Impact Award (z.B. kindby, Kunterbunt, Hempstatic) oder der Entrepreneurship Avenue (z.B. hokify, Benu, RePhil, Joy). Diese positiven Ergebnisse belegen das Potenzial interdisziplinärer Zusammenarbeit.

Ungefähr 15 – 20% der Start-up Teams haben unmittelbar nach Abschluss des Kurses mit dem erarbeitetem Konzept Unternehmen gegründet. Zu den bekanntesten Garage-„Spin-offs“ zählen hokify (heute mehr als 40 Mitarbeiter/innen), mySugr, Kerntec, Alpengummi, Fittrack, Hut und Stil, Gustav, Phocus und Course Ticket. Auch hierin zeigt sich der Erfolg der Lehrveranstaltung.

Zahlreiche Absolvent/inn/en des Kurses haben zwar nicht ihr Start-up-Projekt aus dem Kurs weiterverfolgt, den Kurs jedoch als eine Art „Sprungbrett“ genutzt. Sie nutzen ihre erworbenen Kompetenzen, um neue Geschäftsmöglichkeiten zu entdecken und nach Abschluss des Studiums ein anderes (oft interdisziplinäres) Start-up zu gründen (z.B. Benu, Avocard, breathe ilo, Blue Planet Ecosystems, Journi, Druckster). Andere Absolvent/inn/en gründen nicht selbst, wirken aber auf andere Weise an der Entwicklung des Wiener Start-up-Ecosystems mit (z.B. im Investoren- und Förderungsbereich bei aws, i5invest, speedinvest, primecrowd, The Ventury, AAIA, Austrian Start-ups, im Innovationsmanagement und Consulting bei A1, Wien Energie, WhatAVenture oder als Mitarbeiter/innen von internationalen Start-ups wie N26, derBrutkasten, whatchado, oder grape). Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgewirkungen des Kurses sind also insgesamt beträchtlich.

Nachhaltigkeit

Das Konzept der Lehrveranstaltung wurde - auf Wunsch der Studierenden - in den SIMC Master übertragen. Dort wird seit dem Sommersemester 2015 ein sehr ähnlicher Kurs ‘‘Business Project: Starting up‘‘ erfolgreich eingesetzt. Er zählt dort zu den beliebtesten Lehrveranstaltungen.

 

Ansonsten lässt sich das Konzept der handlungsorientierten interdisziplinären Lehrveranstaltung im Bereich Entrepreneurship leicht auf andere Universitäten und Fachhochschulen übertragen. Wir halten es für sinnvoll einsetzbar, wo immer Studierende aus nicht-Wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen für Entrepreneurship begeistert werden sollen. Dies beschränkt sich nicht auf Studierende aus Ingenieur- und naturwissenschaftlichen Disziplinen. Auch unter Geistes-, Sozial- und kreativwissenschaftlichen Studiengängen gibt es vielversprechende Geschäftsideen und Gründungspotenzial. Die Probleme, die deren unternehmerische Umsetzung hemmen, sind ebenfalls sehr ähnlich: Eine antikommerzielle Sozialisation, verbunden mit ausgeprägtem Silodenken. Diese verbreitete Haltung kann durch positive Erfahrung der eigenen Stärken und den komplementären Nutzen betriebswirtschaftlicher Kompetenz verändert werden. Auch in diesem Bereich sehen wir großes Potenzial.

 

Wir haben die Lehrveranstaltung in den zehn Jahren ihres Bestehens permanent weiterentwickelt. So wie eine Geschäftsidee von ihrer ersten Formulierung bis hin zu ihrer Umsetzung in ein marktgängiges Produkt typischerweise zahlreiche Veränderungen erfahren muss, nutzen auch wir die Erfahrungen in den konkreten Kursen zur Verbesserung Lehrveranstaltung ebenfalls mit jedem Durchlauf. Aus der engen Einbindung von Alumni des Kurses als Mentor/inn/en und Expert/inn/en profitieren wir zusätzlich von deren weiterführenden Erfahrungen als Gründer/innen von Start-ups.

Akzeptanz

Der Kurs hat bereits zu Beginn einen Nerv getroffen. E&I Garage ist der beliebteste Projektkurs in Speziellen Betriebswirtschaftslehre Entrepreneurship & Innovation der WU. Die Nachfrage seitens der Studierenden übertrifft die Nachfrage bei weitem (ca. 100% Übernachfrage). Auch an den Partneruniversitäten ist der Kurs unter den Studierenden sehr beliebt. Die Evaluationen durch die Studierenden sind regelmäßig sehr gut.

 

Zusätzlich lässt sich sagen, dass der Kurs auch bei den unentgeltlich arbeitenden Praxiscoaches sehr beliebt ist, die für das Gelingen von „E&I Garage“ sehr wesentlich sind. Die zahlreichen Gründer/inn/en, Gründungsberater/inn/en und Investor/inn/en opfern Zeit und Mühe, weil sie vom Konzept überzeugt sind, Spaß am Enthusiasmus der jungen Studierenden haben und gerne ihren Teil zu einer gesellschaftlichen Bewegung hin zu mehr Entrepreneurship in Österreich beitragen möchten.

Aufwand

Die Organisation des Kurses ist aufgrund der zahlreichen Elemente relativ aufwändig. Üblicherweise bestreiten wir ihn daher im Team-Teaching-Ansatz. Dies hat als weiteren Vorteil, dass erarbeitetes implizites Erfahrungswissen leichter von einer Generation von wissenschaftlichen Mitarbeitern an die nächste weitergegeben werden kann. Es erfordert jedoch zusätzlich Zeit und Koordination.

Positionierung des Lehrangebots

Die E&I Garage ist eine zweistündige prüfungsimmanente Lehrveranstaltung im Rahmen der Bachelorspezialisierung Entrepreneurship & Innovation (Studium BaWiSo und BBE) der WU Wien. Die teilnehmenden Studierenden kommen aber nicht nur von der WU, sondern auch von der Technischen Universität Wien (Vorlesung mit Übung (VU) im Masterstudium „Mechanical Engineering – Management“ und „Data Science“) und der Universität für Bodenkultur Wien (freies Wahlfach im Masterstudium „Safety in the Food Chain“). Die Lehrveranstaltung ist bei unseren Kooperationspartnern in den jeweiligen Studienplänen formal verankert.

 

Ziel ist es, Entrepreneurship in interdisziplinärer Kooperation handlungs- bzw. kompetenzorientiert erfahrbar zu machen, um damit einen gesellschaftlichen Beitrag hin zu mehr innovativen Unternehmensgründungen zu leisten.

Links zu der/den Projektmitarbeiter/innen
Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2020 nominiert.
Ars Docendi
2020
Kategorie: Kooperative Lehr- und Arbeitsformen
Ansprechperson
Univ.Prof. Dr. Nikolaus Franke
WU Wien, Institut für Entrepreneurship & Innovation
+43-1-313-36 4585
Nominierte Person(en)
Univ.Prof. Dr. Nikolaus Franke
WU Wien, Institut für Entrepreneurship & Innovation
Dr. Rudolf Dömötör
WU Wien, Institut für Entrepreneurship & Innovation
Dr. Kathrin Reinsberger
WU Wien, Institut für Entrepreneurship & Innovation
Alexander Staub MSc.
WU Wien, Institut für Strategie, Technologie und Organisation
Sophie Quach M.A.
WU Wien, Institut für Entrepreneurship & Innovation
Themenfelder
  • Lehr- und Lernkonzepte
  • Schnittstelle zum Arbeitsmarkt
  • Erfahrungslernen
  • Kommunikation/Plattform für Lehrende
Fachbereiche
  • Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik/Ingenieurwissenschaften
  • Wirtschaft und Recht