Paris-Lodron-Universität Salzburg
Kapitelgasse 4-6, 5020 Salzburg
Weitere Beispiele der Hochschule

SE: Mehrfachdiskriminierung (Teil 1 und Teil 2)

Ziele/Motive/Ausgangslage/Problemstellung

Diese universitätsweite Erhebung studentischer Diversität und Inklusion in einem Lehrforschungsprojekt zielt auf die Bewusstseinsbildung und Horizonterweiterung bei Studierenden in Bezug auf eigene Mehrfachdiskriminierungserfahrungen ab, und zwar im Sinne von Intersektionalität im studentischen Biographieverlauf. Das hochschuldidaktische Design unsere forschungsbasierten Lehrveranstaltung gestaltete sich dem gemäß ganz bewusst auf „Augenhöhe“ mit unseren Studierenden, um gemeinsam mit ihnen explorative Pionierarbeit zu leisten, da bis dato österreichweit kaum Studien zu Erfahrungen von Mehrfachdiskriminierung an Hochschulen vorliegen.

Kurzzusammenfassung des Projekts

In unseren Lehrveranstaltungen „Mehrfachdiskriminierung Teil 1 und Teil 2“ wurde ein einjähriges Forschungsprojekt in ständiger Zusammenarbeit mit Studierenden umgesetzt. In der Studie sollte aufgezeigt werden, ob die Hochschule (im konkreten Fall die Paris Lodron Universität Salzburg) dem Leitbild gerecht wird, die adäquate Einbindung von Studierenden trotz höchst diverser Lebenswelten und (Studien-)Biographien zu gewährleisten. Dabei wurden theoretische Inhalte nicht nur frontal vermittelt, sondern den Studierenden durch Gruppendiskussionen und Diversitätssensibilisierungsübungen (Diversity-Walk) unmittelbar bewusst gemacht. Es wurde in weiterer Folge empirisch geprüft, aufgrund welcher Differenzlinien mögliche Bevorzugungen und Benachteiligungen bei Studierendenlaufbahnen einwirken und potentiell zu multiplen Anerkennungs- bzw. Missachtungserfahrungen an der Universität führen. Insgesamt diente dieses einjährige Forschungspraktikum dazu, auf Basis einer umfassenden empirischen Studie konkrete Handlungsfelder aufzuzeigen, wie Erfahrungen der Exklusion in studentischen Milieus wirksam begegnet werden könnte. Die Studierenden erfuhren im einjährigen Forschungspraktikum, wie empirische Sozialforschung theoriegeleitet angewendet und praktiziert wird, befassten sich konkret mit qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden und Analyseschritten und konnten spezifische Fragestellungen gemeinsam mit den LV-Leitern entwickeln und theoretisch verdichten.

Nähere Beschreibung des Projekts

In unserer Lehrveranstaltung war uns von Beginn an bewusst, dass ein derart komplexes Forschungsdesign für die Lehre große Herausforderungen mit sich bringt. Es erschien uns daher aufgrund des gewählten Themas wesentlich, die Studierenden von Beginn an der Konzeption der Studie zu beteiligen und die Lehrinhalte in einem interaktiven Prozess gemeinsam zu erarbeiten, denn die Studie setzt sich ja unmittelbar mit der Lebensrealität der Studierenden auseinander. Mittels Diversitätsrollenspielen (erste Einheit) sollten die Studierenden in die Erfahrungswelten verschiedener Studierendengruppen eintauchen und sich in deren Lage hineinversetzen. Zusätzlich sollten die eigenen Erfahrungen mit der konkreten Handlungspraxis an der Universität Salzburg verbunden werden. Wir luden deshalb die Leiterin der Abteilung Disability & Diversity der Universität Salzburg in die Lehrveranstaltung ein und gaben ihr viel Raum, über konkrete Fälle und Maßnahmen an der Paris Lodron Universität Salzburg den Studierenden zu berichten. Nach dieser Strategie der Bewusstseinsbildung versuchten wir in zwei Einheiten in die theoretischen Zugänge der Studie einzuführen. Die Studierenden mussten sich zusätzlich über die wesentlichen theoretischen Zugänge mit umfangreicher Begleitliteratur auseinandersetzen und zwei spezifische Fragestellungen in der Form von zwei wissenschaftlichen Essays bearbeiten.

Die Studierenden waren nun für die Erhebungsphase entsprechend vorbereitet. In der Konzeption des Erhebungsinstruments entschieden wir uns für die Strategie eines Bottom-Up-Ansatzes. Dieser Weg könnte risikoreich sein, weil er in der Form eines Brainstormings ein breites Feld an potentiellen Fragestellungen und Themenbereichen eröffnet. Auf der anderen Seite sind wir Verfechter einer Lehrphilosophie, die Kreativität und Eigeninitiative der Studierenden ermöglicht. Diese sollten nicht durch professorale Vorgaben eingeschränkt werden, sondern im Eigenstudium Interesse und Leidenschaft für die empirische Forschung entfalten. In umfangreichen Diskussionen einigten wir uns schließlich auf ein umfangreiches Erhebungsinstrument, das in weiterer Folge einer Online-Umsetzung zugeführt wurde.

Die Studierenden wurden in sechs Vierergruppen eingeteilt und mussten die eigens konzipierten Fragebatterien mit dem Online-Befragungstool Lime-Survey umsetzen. Dank der Unterstützung der technischen Assistenz für Lime-Survey (Sabine Eichbauer, FB Psychologie) konnte die Umfrage erfolgreich zusammengeführt und schlussendlich für die Feldphase freigegeben werden.

Wir verwendeten eine Reihe innovativer Tools, die nur in Online-Umfragen umsetzbar sind (von Schiebereglern zur Bestimmung der sexuellen Identität bis zur spezifischen Bildauswahl in Relation zur eigenen Hautfarbe), wir entschieden uns außerdem für etablierte Skalen zur Messung relevanter Differenzlinien (z.B. Intelligenz, physische Attraktivität, körperliche und psychische Beeinträchtigungen, Persönlichkeitscharakteristika), integrierten zahlreiche Hintergrund- und Kontextvariablen (z.B. Migrationshintergrund, soziale Herkunft, finanzielle Lage, Entfernung zur Universität, Beeinträchtigung/Behinderung) und beleuchten zahlreiche Facetten der studentischen Einbindung (Leistungsebene, soziale Einbindung, Identifikation mit der Universität und räumlicher Kontext) (siehe Link 1 zur Online-Umfrage).

Die Umfrage wurde mit finanzieller Förderung des Fachbereichs Politikwissenschaft und Soziologie der Universität Salzburg professionell ins Englische übersetzt. Sie wurde anschließend mit Unterstützung des Vizerektorats für Lehre und des Vizerektorats für Qualitätssicherung beworben und universitätsweit an alle Studierenden mehrfach ausgesendet. Im Endeffekt konnten 369 Befragte für die Studie gewonnen werden. Dieser Rücklauf ist bei einer Umfrage, die 30 Minuten Bearbeitungszeit erfordert, beachtlich. Den Studierenden wurde anschließend der fertige SPSS-Datensatz für statistische Analysen zur Verfügung gestellt, wobei die Studierenden in für die Studie relevante statistische Techniken (insbesondere Clusteranalyse) spezifisch geschult wurden. Jede Gruppe konnte eigene Fragestellungen bearbeiten, wobei die Ergebnisse in umfangreichen Präsentationen und Diskussionen reflektiert und anschließend in gruppenspezifischen Endberichten (Seminararbeiten) zu dokumentieren waren. Die Studierenden erlernten so in der kurzen Zeit eines Semesters, wie quantitative Sozialforschung theoriegeleitet praktiziert wird, wie die Erstellung und Durchführung einer Online-Umfrage funktioniert, wie umfangreiche Daten unter Bezugnahme auf spezifische Fragestellungen und Hypothesen ausgewertet und in einem Forschungsbericht aufbereitet werden (siehe Link 2 zur Zusammenfassung des quantitativen Forschungsprozesses).

Die komplexen Forschungsziele der Analyse der Diversität studentischer Lebenswelten und der Einbindung von Studierenden können jedoch nicht erschöpfend mit einer klassischen Umfrage erreicht werden. Die Ergebnisse des ersten Teils (Lehrveranstaltung Teil 1 im Sommersemester) bildeten also die Grundlage für ein tieferes Eintauchen in die Lebenswelt der Studierenden (Lehrveranstaltung Teil 2 im Wintersemester), in der betroffene Personen in Gruppendiskussionen und in problemzentrierten Interviews über ihre studentischen Erfahrungen berichten sollten. Um neue TeilnehmerInnen, die sich spezifisch für qualitative Forschung interessieren, „abzuholen“ und in das Thema einzuführen, präsentierten wir anfangs die zentralen Resultate der Online-Erhebung und diskutierten sehr offen und kritisch die Stärken und Schwächen der vorliegenden Endberichte. Inhaltlich beschränkten wir uns in der Einführung des zweiten Teils des Forschungspraktikums auf einen vertiefenden Input zur Intersektionalität, weil anzunehmen ist, dass sich Erfahrungen der Benachteiligung (z.B. nach Migrationshintergrund, Geschlecht und sozialer Herkunft) kreuzen und sich im Mix unterschiedlicher Erfahrungen von Startnachteilen an der Universität verstärken könnten. In Abstimmung mit den Studierenden wurden die Themen „Studieren mit a) Erfahrungen von Mehrfachprivilegierung, b) mit Berufstätigkeit, c) Migrationshintergrund und d) gesundheitlicher Beeinträchtigung“ in Gruppendiskussionen adressiert, wobei eine weitere Gruppe mit der Durchführung von ExpertInneninterviews im universitären Kontext betraut wurde. Durch das komplexe Studiendesign und die heterogene Gruppenzusammensetzung war es für uns eine permanente Gradwanderung, potentielle wissenschaftliche Nachwuchskräfte im Masterstadium zu einer außerordentlichen Leistungsbereitschaft zu motivieren sowie auch jene TeilnehmerInnen im Bachelorstadium, die nicht dem allgemeinen Klischee der erfolgreichen Studierenden entsprechen, sensibel „mitzunehmen“ und zu begleiten. Wir versuchten durch gezieltes Feedback (Wertschätzung bei herausragenden Leistungen als auch sachliche Kritik bei enttäuschenden Resultaten) motivierend zu agieren. In der gesamten Feld- und Auswertungsphase waren vielfach Beispiele einer positiven Gruppendynamik erkennbar: Es war beeindruckend zu sehen, wie die TeilnehmerInnen die Relevanz der Forschung erkannten und beispielsweise schwierige Gruppendiskussionen (z.B. mit Personen mit psychischer Beeinträchtigung) mit Bravour organisierten und mit ausgezeichneter Moderation eigenständig durchführten.

Es gelang uns, im Rahmen der Feldphase vier Gruppendiskussionen zu realisieren. Diese wurden (unter ausdrücklichem Einverständnis der beteiligten Studierenden) auf Video bzw. Audio im Plenum präsentiert und gemeinsam diskutiert, um die gemeinsame Reflexion über unterschiedliche Studierendenmilieus anzuregen. Zusätzlich gelang es, mehr als 20 problemzentrierte Interviews und zehn ExpertInnengespräche mit FachvertreterInnen der Universität Salzburg (von Betriebsräten über den Arbeitskreis für Gleichberechtigungsfragen bis hin zur psychologischen Beratungsstelle und der ÖH) zu führen. Sämtliche Gruppendiskussionen und Interviews wurden von den Studierenden transkribiert und inhaltsanalytisch ausgewertet. Wir finanzierten eine Projektassistentin, um im Rahmen der Lehrveranstaltung weiterführende Schulungen zu computergestützten Auswertungsprogrammen (MAXQDA) und zu den gängigen inhaltsanalytischen Verfahren der qualitativen Forschung anzubieten. Zum Abschluss des Forschungspraktikums präsentierten die Studierenden die Ergebnisse aus den Gruppendiskussionen und Interviews im klassischen Konferenzstil (20min Präsentation und 10min Diskussion), um die gängige Praxis der Präsentation wissenschaftlicher Erkenntnisse zu vermitteln (siehe Link 3 zur Zusammenfassung des qualitativen Forschungsprozesses).

Zusammenfassend hat aus unserer Sicht das einjährige Forschungspraktikum in mehrfacher Hinsicht Pioniercharakter, sowohl den Forschungsgegenstand betreffend als auch bezüglich der gewählten Lehrmethoden. Mit der Zielsetzung einer innovativen forschungsnahen Lehre versuchten wir unsere Expertise im Bereich der Diversitäts- und Diskriminierungsforschung den Studierenden theoretisch und praktisch zu vermitteln. Sowohl zur Erarbeitung der theoretischen Inhalte als auch im Rahmen der Durchführung der empirischen Studie wurden innovative didaktische Methoden angewendet. Mittels Rollenspielen wurde eine Sensibilisierung für das Thema erzielt (Teil 1 der Forschungswerkstatt); die zentrale Methode der Gruppendiskussion (Teil 2 der Forschungswerkstatt) wurde in einer Round-Table Diskussion unter Anwesenheit aller Beteiligten eingeübt. Zusätzlich bietet ein Forschungspraktikum dieser Art zahlreiche Möglichkeiten, auf webbasierte Informations- und Kommunikationstechnologien zurückzugreifen. In dieser LV wurden der gesamte Datentransfer sowie die Organisation der Lehrveranstaltung über Blackboard abgewickelt. Zusätzlich wurden die Studierenden in computerbasierten Tools für die quantitative Forschung (Lime-Survey für Onlineumfragen) und für die qualitative Forschung (MAXQDA) geschult. Sämtliche Video- und Audiodokumente der Interviews- und Gruppendiskussionen wurden von den Studierenden hochgeladen und ausschnittsweise präsentiert, damit stets für das gesamte Forschungsteam ein Überblick über das Forschungsmaterial gewährleistet ist.

Sowohl im quantitativen Zugang als auch im qualitativen Forschungsprozess gestanden wir den Studierenden viel Autonomie zu. Wir entschieden uns, die Lehrveranstaltung im gesamten Jahr im zweiwöchigen Rhythmus über vier Stunden anzubieten, um ein ausreichendes Zeitpolster für die Diskussion der Inhalte zu ermöglichen. Durch permanentes Feedback bei Präsentations- und Plenumsterminen gelang es, ein tieferes Verständnis für unseren Forschungszugang und ein großes Engagement für unser Forschungsthema zu erreichen. Dies zeigte sich beispielsweise in unermüdlichen Versuchen einzelner TeilnehmerInnen, die Online-Umfrage zu perfektionieren oder auch bei äußerst kreativen Kategorisierungen über mehrere Hierarchie- und Abstraktionsebenen im Zuge der qualitativen Auswertung. Insgesamt wurde den TeilnehmerInnen aus unserer Sicht auf diesem Weg glaubwürdig vermittelt, wie zeitintensiv und herausfordernd Forschung betrieben werden muss und wie sorgsam bei Interpretationen vorzugehen ist, um diese transparent zu vermitteln und intersubjektiv nachvollziehbar gestalten zu können.

Trotz der offenen Ausrichtung des Forschungsseminars waren die Lernziele der Lehrveranstaltung stets klar vorgegeben. Im ersten Teil des Seminars sollten die TeilnehmerInnen zwei Essays auf Basis der intersektionalen Begleitliteratur verfassen, eine Zwischen- und Endpräsentation absolvieren und einen Endbericht über die Forschung erstellen. Im zweiten Teil sollte schließlich jede Gruppe eine Gruppendiskussion durchführen und qualitative Interviews abschließen, eine vollständige Transkription der Interviews abgeben und eine computerunterstützte Auswertung des Textmaterials mit MAXQDA durchführen. Auf Basis dieser unterschiedlichen LV-immanenten Leistungsbestandteile der Beurteilung war es uns auch möglich, innerhalb der Gruppen angemessen individuell zu differenzieren und Leistungen einzelner Personen zu würdigen. Zusätzlich gelang es, den Studierenden klar zu vermitteln, welche Kompetenzen in der empirischen Sozialforschung erlernt und schließlich im weiteren Studienverlauf perfektioniert werden sollten.

Unser Anspruch, mit dem Forschungspraktikum Soziologiestudierende mit einem hohen Maß an Eigeninitiative durch ein komplexes Projekt zu führen und Leidenschaft für empirische Sozialforschung zu wecken, kann folglich als erfüllt gelten. Dies sind für uns die wesentlichen Ziele und Errungenschaften einer universitären Lehre, die schrittweise zur Ausbildung einer soziologischen Identität führen soll. Mit einem Fokus auf brisante Themen, die aufgrund der gesellschaftspolitischen Entwicklungen der Gegenwart aktueller denn je sind, gelingt es aus unserer Sicht am ehesten, zu einer engagierten, ernsthaften und sachlichen Auseinandersetzung mit den sozialen Ungleichheiten der Gegenwart beizutragen.

Positionierung des Lehrangebots

Soziologiestudierende und Studierende Migration Studies (Bachelor- und Masterlevel)

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.
Ars Docendi
2017
Kategorie: Forschungsbezogene Lehre, insbesondere die Vermittlung wissenschaftlichen Arbeitens während des Studiums
Ansprechperson
Eva Mayringer, MA MA
Qualitätsmanagement
0662 8044 2333
Nominierte Person(en)
Wolfgang Aschauer, MMag. Dr. Assoz.Prof.
FB Politikwissenschaft und Soziologie
Prof. MMag. Dr. Manfred Oberlechner, BA
Hochschulprofessor für Soziologie, Lehrbeauftragter am FB Politikwissenschaft und Soziologie sowie Leitung des Kompetenzzentrums für Diversitätspädagogik an der PH Salzburg Stefan Zweig
Themenfelder
  • Lehr- und Lernkonzepte
  • Sonstiges
Fachbereiche
  • Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften