Paris-Lodron-Universität Salzburg
Kapitelgasse 4-6, 5020 Salzburg
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Vergleichende Politische Ökonomie, Seminar

Würdigung der Jury

„Lernergebnisorientierte Prüfungskultur und deren Verankerung in der Lehrveranstaltung“ kann auf verschiedene Weise erfüllt sein. Im besten Fall schließt eine auf diese Weise exzellente Veranstaltung eine vertiefte Reflexion über die zu erwerbenden Kompetenzen ein, sie verbindet die gewünschten Lernergebnisse mit der Form der Veranstaltung und der Beteiligung der Studierenden, und sie nutzt dies für eine integrative und kompetenzorientierte Bewertung. Der diesjährige Staatspreis in dieser Kategorie geht an eine Lehrveranstaltung zur „Vergleichenden Politischen Ökonomie“, die ihre Themen – Einführung in Fragen der Besteuerung, der Handelspolitik, des Wohlfahrtsstaates, der globalen Firmenregulierung, Migration u.a. – als politischen Aushandlungsprozess versteht und die politisch-diskursive Aushandlung deswegen zum integrativen Element des Seminars macht. Dies erweitert den Erwerb von ‚Stoffwissen‘ zu einer breiten Palette von Kompetenzen von Analyse, Präsentation, Moderation oder Argumentation. Der Kurs für fortgeschrittene BA- und für MA-Studierende verschiedener Fachschwerpunkte baut dabei auf eine hohe Eigenverantwortung, die gleichzeitig gefördert wird. Die Dozentin und Preisträgerin, Assoz.-Prof.in Dr.in Gabriele Spilker, bezeichnet diese Veranstaltung selbst als Experiment, und sie stellt die erweiterten Kompetenzen nicht nur ins Zentrum, sondern sie macht sie auch zum wesentlichen Element der Bewertung. Dies geschieht über Anteile von Präsentation und Moderation oder die Anwendung theoretischer Ansätze auf konkrete Bereiche und Situationen. Nicht zuletzt werden Kommunikationsformen gefunden, die „Parlamentssitzungen“ oder „Weltcafés“ einschließen. Wenn der Kurs damit den Studierenden gemäß deren Rückmeldungen offensichtlich „Spaß macht“, ist auch dies ein nicht unwesentliches Element des Lernprozesses und Lernerfolgs, welches das Engagement fördert und erfolgsrelevant wird.
Die Preisträgerin steht auf exemplarische Weise für viele jüngere Hochschuldozierende, die sich in ihrer Laufbahn systematisch um gute Lehre bemüht haben, sich mehrfach weiterbildeten und ihre Erkenntnisse mutig, zielorientiert und nahe an studentischen Interessen umsetzen. Das von der Jury mit dem Preis bedachte Lehrprojekt kann in verschiedenen konkreten Aspekten, vor allem aber in seinem grundsätzlichen Ansatz für weite Bereiche als vorbildlich gelten.

Univ.-Prof. Dr. Thomas Grob
Universität Basel

Ziele/Motive/Ausgangslage/Problemstellung

Das Ziel dieses Seminars ist es zum einen die Studierenden in die Thematik der „Vergleichenden Politischen Ökonomie“ einzuführen. Inhaltlich beschäftigt sich damit das Seminar mit Fragen der Besteuerung von Firmen und Individuen, der Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaates oder wie sich die Globalisierung auf die Fähigkeit von Regierungen auswirkt, Firmen zu regulieren.

 

Zum anderen ist dieses Seminar ein Experiment, um Studierenden die Kompetenz der Moderations- bzw. Diskussionsleitung näherzubringen und Ihnen somit ein aktives Lernen zu ermöglichen. Dieser letzte Aspekt ist maßgeblich prüfungsrelevant und daher wird diese Veranstaltung unter der Kategorie „Lernergebnisorientierte Prüfungskultur und deren Verankerung in der Lehrveranstaltung“ eingereicht.

 

Beide Aspekte werden im Nachfolgenden weiter unten noch näher erläutert. Allerdings möchte ich hier kurz auf den zweiten Aspekt ausführlicher eingehen, denn dieser zweite Aspekt ist das potentielle Alleinstellungsmerkmal dieses Projektes. Häufig sind wir in den Sozialwissenschaften mit der Situation konfrontiert, dass wir unseren Studierenden nicht nur inhaltliche Kompetenzen vermitteln wollen, sondern auch Kompetenzen im Bereich der Präsentation und Moderation sowie Kompetenzen die die Bereiche der Anwendung und Analyse betreffen. Im Sinne des constructive alignments (Seidel und Krapp 2014) habe ich daher versucht das Seminar derart zu gestalten, dass diese zusätzlichen Kompetenzen im Vordergrund stehen und nicht, wie sonst häufig, ein reines Nebenprodukt sind. Somit ist das Hauptziel dieses Projektes, möglichst viel Eigenverantwortung, was die Moderation und Präsentation in diesem Seminar angeht, an die Studierenden zu übertragen, um deren Präsentations- sowie Moderationskompetenz aber auch deren Kompetenz im Bereich der Anwendung und Analyse tatsächlich zu fördern.

 

Seidel, T. & Krapp, A. (Hrsg.) (2014). Pädagogische Psychologie (6. Aufl.). Weinheim: Beltz.

Kurzzusammenfassung des Projekts

Die Analyse der „Vergleichenden Politischen Ökonomie“ beginnt mit der Beobachtung, dass politische Entscheidungen in der realen Welt nicht von einem sozialen Wohlfahrtsoptimierer – einer ‚guten’ Regierung – getroffen werden. Vielmehr basieren politische Entscheidungen typischerweise auf einem politischen Mechanismus, der konkurrierende Interessen und Zielvorstellungen aufnimmt und gelegentlich auch ausgleicht. Die grundlegende Annahme der politischen Ökonomie lautet, dass eben nicht nur Wohlfahrtsgewinne sondern vor allem auch Verteilungskonflikte das politische Alltagsgeschäft prägen. Diese Verteilungskonflikte werden im Seminar anhand von verschiedenen Themenbereichen, wie Besteuerung, Wohlfahrtsstaatsausgaben, Migration und Globalisierung diskutiert.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

This course provides an introduction to comparative political economy. Political economy studies the relationships between states and markets in open economies. It reviews central topics of comparative political economy (welfare state spending, international trade, multinational corporations, finance, development,…) and introduces some of its theoretical approaches. Furthermore, the course looks at the concept of globalization and its economic, social, and environmental dimensions. Finally, the course has a special focus on applied methods and discusses the correct implementation of the respective methods in the course readings as well as its advantages and disadvantages.

Nähere Beschreibung des Projekts

Das Ziel dieses Seminars ist es zum einen die Studierenden in die Thematik der „Vergleichenden Politischen Ökonomie“ einzuführen. Zum anderen ist dieses Seminar ein Experiment, um Studierenden die Kompetenz der Moderations- bzw. Diskussionsleitung näherzubringen und Ihnen somit ein aktives Lernen zu ermöglichen. Beide Aspekte werden im Nachfolgenden näher erläutert.

 

Inhalt des Seminars: Inhaltich beschäftigt sich das Seminar, wie oben schon kurz beschrieben, mit den wichtigsten Themengebieten im Bereich der vergleichenden politischen Ökonomie. Im Besonderen sind dies die Handels-, Finanz- und Steuerpolitik, die Migration sowie der Wohlfahrtsstaat. So gehen wir in diesem Seminar beispielsweise der Frage nach, ob durch die Zunahme des globalen Wettbewerbs es zu einem Druck auf Staaten kommt, die Steuern für Firmen zu senken oder wie gut der Wohlfahrtsstaat Menschen vor den Risiken der Globalisierung schützen kann oder ob Arbeitnehmerstandards durch eine Zunahme von internationalem Handel und Investitionen absinken oder vielleicht sogar verstärkt werden.

 

Kompetenzerweiterung im Bereich Moderation- und Diskussionsleitung: Häufig sind wir in den Sozialwissenschaften mit der Situation konfrontiert, dass wir unseren Studierenden nicht nur inhaltliche Kompetenzen vermitteln wollen, sondern auch Kompetenzen im Bereich der Präsentation und Moderation sowie Kompetenzen die die Bereiche der Anwendung und Analyse betreffen. Im Sinne des constructive alignments (Seidel und Krapp 2014) habe ich daher versucht das Seminar derart zu gestalten, dass diese zusätzlichen Kompetenzen im Vordergrund stehen und nicht, wie sonst häufig, ein reines Nebenprodukt sind. Somit ist das Hauptziel dieses Projektes, möglichst viel Eigenverantwortung, was die Moderation und Präsentation in diesem Seminar angeht, an die Studierenden zu übertragen, um deren Präsentations- sowie Moderationskompetenz aber auch deren Kompetenz im Bereich der Anwendung und Analyse tatsächlich zu fördern.

 

Im Besonderen, ist den einzelnen Sitzungen jeweils eine Pflichtlektüre zugewiesen, welche aus aktuellen Forschungsarbeiten zum jeweiligen Thema besteht. Um diese wöchentliche Lektüre für die Studierenden nicht nur verständlich zu machen, sondern ihnen eine kritische Auseinandersetzung damit zu ermöglichen und vor allem, um ihre Kompetenzen im Bereich der Moderation zu fördern, war es die Aufgabe der Studierenden, jeweils eine halbe Sitzung einer Einheit als Moderations- bzw. Diskussionsleitung zu übernehmen. Dies bedeutet, dass jeweils die zweite Hälfte eines jeden Seminars von den Studierenden selbst organisiert wird inklusive der Vorbereitung von Diskussionsfragen zur jeweiligen Lektüre sowie der Moderation dieses zweiten Teils der Sitzung. Die einzige „Vorschrift“ besteht darin, dass es keine reine Präsentation sein darf, sondern eine interaktive Sitzung gestaltet werden muss. Dadurch liegt die Verantwortung für die Moderation sowie für die Diskussionsleitung bei den jeweiligen Studierenden. Die Prüfungsrelevanz dieses Aspekts ergibt sich nicht nur daraus, wie umfassend und inhaltlich korrekt die Studierenden das Material vorbereitet haben, sondern auch welche Methoden zur Moderations- und Diskussionsleitung verwendet werden, mit einer expliziten Aufforderung bzw. Belohnung für kreative und risiko-bereite Ansätze.

 

Durch die interaktiv gestaltete zweite Hälfte des Seminars, sollten die Lernziele in Bezug auf Anwendung und Analyse erreicht werden. Diese Lernziele waren folgendermaßen formuliert: - die Studierenden können diese theoretischen Ansätze auf unterschiedliche Problembereiche, beispielsweise Handel oder Migration, anwenden und können die Stärken und Schwächen des jeweiligen theoretischen Ansatzes beurteilen.

- Studierende können interessante und innovative Fragestellungen in diesem Bereich erkennen und die diesbezügliche Forschung nachvollziehen sowie die Vor- und Nachteile, der in der Lektüre verwendeten Methoden, beurteilen.

 

Natürlich besteht ein gewisses Risiko darin, dass die Verantwortung für diesen zweiten Teil bei den Studierenden lag. Es kann natürlich sein, dass dieser Anwendungs- und Analyseteil nicht bzw. nur teilweise funktioniert. Ich habe dieses Risiko versucht zu minimieren, indem die Studierenden jeweils einige Tage vor dem jeweiligen Termin mit mir ihr Konzept abgesprochen haben. Durch diesen Schritt sollte nicht die Kreativität eingeschränkt, sondern lediglich sichergestellt werden, dass die Lernziele in Bezug auf Anwendung und Analyse auch erreicht werden konnten.

 

Durch die speziellen Anforderungen des Seminars kamen überaus tolle Stunden zustande: die Studierenden haben Parlamentssitzungen nachstellen lassen, eine Podiumsdiskussion veranstaltet, das Weltcafé umgesetzt oder auch Policy-Briefs für Politikverantwortliche schreiben lassen. So kam es nicht nur zu einer Vielzahl an unterschiedlichen Lernmethoden im Seminar, welche für alle Studierende von großer Bereicherung waren. Sondern vor allem für die Studierenden, die für die jeweilige Sitzung verantwortlich waren, war der Lernerfolg enorm: Sie mussten sich so gut mit dem Inhalt auseinandersetzen, dass sie einen Teil der Stunde moderieren konnten. Sie mussten Verantwortung für ihre Mitstudierenden übernehmen sowie sich nicht nur inhaltlich sondern auch (lern-)methodisch mit dem Unterrichtsstoff auseinandersetzen. Dieses Vorgehen hat, in meinen Augen, nicht nur die kritische inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema stark gefördert, sondern auch die Eigenverantwortung sowie Sozialkompetenz der Studierenden erweitert und eine kreative Atmosphäre, welche in unserem Studium gelegentlich zu kurz kommt, entstehen lassen. Alles in allem hat dieses Vorgehen meiner Einschätzung nach nicht nur den Studierenden sondern auch mir großen Spaß gemacht.

 

Seidel, T. & Krapp, A. (Hrsg.) (2014). Pädagogische Psychologie (6. Aufl.). Weinheim: Beltz.

Nutzen und Mehrwert

Tatsächlich ergibt sich durch das Projekt nicht wirklich eine Zeitersparnis, auch wenn die Studierenden selbst für einen Teil der Stunden verantwortlich sind. Allerdings ergibt sich meiner Meinung nach ein großer Mehrwert im Sinne des Kompetenzerwerbs aber auch im Sinne von einer gesteigerten Interaktivität und einem gestärkten Gefühl des Zusammenhalts im Seminar.

Nachhaltigkeit

Das Konzept ist problemlos auf sämtliche inhaltlich weiterführende Seminare bei uns im fortgeschrittenen BA bzw. Master einsetzbar und ich bin dabei weitere meiner Seminare dieser Art dementsprechend anzupassen. Allerdings benötigen die Studierenden schon grundlegende Kenntnisse sowie Erfahrungen, um mit der doch erheblichen Verantwortung umgehen zu können. Somit kommt das Konzept nicht für Einführungsveranstaltungen infrage.

Akzeptanz

Die Evaluierungsergebnisse für dieses Seminar waren hervorragend (6.8 von 7). Zudem wurde ich aufgrund dieses Seminars von den Studierenden dieses Seminar für den Lehrpreis der Universität Salzburg vorgeschlagen und habe diesen dann auch gewonnen. Ich denke somit ist die Akzeptanz wirklich sehr stark gegeben.

Aufwand

Die Planung sowie die zusätzliche Betreuung für die Studierende, damit die Sitzungen auch wirklich ein Erfolg werden konnten, hat einiges an zeitlichen Mehraufwand bedeutet.

Positionierung des Lehrangebots

Die Zielgruppe dieses Seminars sind Studierende des BA Politikwissenschaft und des BA Philosophie, Politik und Ökonomie der Universität Salzburg, welche sich in den fortgeschrittenen Semestern befinden, sowie Studierende des MA Politikwissenschaft. Allen Studierenden gemein ist, dass sie schon gewisse Grundlagen im Studiengang Politikwissenschaft erworben haben. So müssen alle Studierenden die „Techniken Politikwissenschaftlichen Arbeitens“ und die „Einführung in die Internationale Politik“ sowie die „Einführung in die Vergleichende Politik“ besucht haben. Zudem besitzen auch sämtliche Studierende Grundkenntnissen in den Methoden der Politikwissenschaft. Durch diese doch bedeutenden Grundkenntnisse handelte es sich bei den 21 Studierenden um eine relativ homogene Gruppe, wodurch Diskussionen und ein Arbeiten auf hohem Niveau möglich war.

Links zum Projekt
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Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2020 nominiert.
Ars Docendi
Gewinner 2020
Kategorie: Lernergebnisorientierte Prüfungskultur und deren Verankerung in der Lehrveranstaltung
Ansprechperson
Gabriele Spilker, Assoz.Prof. Dr.
Universität Salzburg, Fachbereich Politikwissenschaft
+43-662-8044-6622
Nominierte Person(en)
Gabriele Spilker, Assoz.Prof. Dr.
Universität Salzburg, Fachbereich Politikwissenschaft
Themenfelder
  • Lehr- und Lernkonzepte
Fachbereiche
  • Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften