Fachhochschule Wiener Neustadt GmbH
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Strategisches Planspiel - Übung

Ziele/Motive/Ausgangslage

Primäre Zelsetzungen:

Kompetenzerwerb/Kompetenzsteigerung im Bereich des Strategischen Denkens und Handelns

Kennenlernen unterschiedlicher Organisationskulturen

 

Sekundäre Zielsetzungen:

Kompetenzsteigerung interorganisatorisch handeln zu können

Kennenlernen potentieller Konfliktregionen

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Ein Strategisches Planspiel ist eine angeleitete mehrphasige Planübung zum Kompetenzerwerb bzw. zur Kompetenzsteigerung des Strategischen Denkens und Handelns. Strategisches Denken kann als Kalkulation von Zielen, Mitteln und der strategisch relevanten Umwelt bezeichnet werden, das zu der Formulierung von Handlungsoptionen führt. Strategisches Handeln kann als der Entschluss, sich für eine Option zu entscheiden, gesehen werden.

Geübt wird unter Anleitung von Mentoren und Mentorinnen in Kleingruppen (5-8 Studierende), die jeweils einen Akteur in einer Konfliktregion simulieren. Kennzeichen der Teams ist, dass sich diese aus Teilnehmen von unterschiedlichen Organisationseinheiten zusammensetzen (BMI/MSSM, BMLVS, BMEIA, Diplomatische Akademie, Universität Wien, Universität für Bodenkultur, weitere nach Bedarf). Es nehmen bis zu 100 TeilnehmerInnen an einem Strategischen Planspiel teil.

Die Ausarbeitungen erfolgen in strukturierter und systematischer Weise über sogenannte Checklisten und Lagebilder. Über das Instrument Higher Control sowie die Mentoren und Mentorinnen bekommen die TeilnehmerInnen unmittelbares Feedback zu den Ausarbeitungen.

 

Als Alleinstellungsmerkmale des Strategischen Planspiel sind zu nennen:

• Kompetenzerwerb im Bereich Strategisches Denken und Handeln

• Simulation der Teams durch TeilnehmerInnen unterschiedlicher Organisationseinheiten

• „Erlebnischarakter“ und „Anwendungscharakter“, wodurch die Lehr-/Lerninhalte nachhaltig gefestigt werden.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

Strategic Gaming refers to a guided, multi-phased simulation exercise to build and increase competency with regard to strategic thought and action. Small groups of 5-8 players will take on the role of a stakeholder in a conflict region under the professional guidance of mentors. Added value is generated by the diversity within the teams which are formed by participants of various occupational backgrounds (e.g. BMI/MSSM, BMLVS, BMEIA, Diplomatic Academy, University of Vienna, University of Natural Resources and Life Sciences). On average, up to 100 players participate in a Strategic Gaming exercise.

The drafting of material is carried out in a structured and systematic manner by means of checklists and situation reports. “Higher Control” and the mentors provide direct feedback.

Strategic Gaming is informed by its experiential character by which a sustained intake of course content is achieved.

Nähere Beschreibung des Projekts

Einleitung

Ein strategisches Planspiel (SG) ist eine angeleitete Planübung auf strategischer Ebene. Diese Ebene umfasst die:

• Akteursebene: Die simulierten Akteure sind Staaten sowie Internationale bzw. regionale Organisationen

• Analyse-, Entscheidungs- und Handlungsebene: Diese Ebene ist die für das SG entscheidende, da hier das Strategische Denken und Strategische Handeln im Mittelpunkt stehen. Hieraus folgt auch, dass das SG primär problem- bzw. prozess- und nicht wissensorientiert ist.

 

Zielsetzungen des Strategischen Planspiels

Zentrale Zielsetzung des SG ist die Kompetenzsteigerung für die TeilnehmerInnen im Bereich des Strategischen Denkens und Handelns. Strategisches Denken wird als die erfolgsorientierte und auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Kalkulation von Zielen, Mitteln und der strategisch relevanten Umwelt bezeichnet, welches in letzter Konsequenz zur Formulierung von Handlungsoptionen führt. Strategisches Handeln kann demgemäß als der Entschluss, sich für eine Option oder eine Kombination von Optionen zu entscheiden, bezeichnet werden.

Beim Ansatz des SG wird das Strategische Denken in der Form geübt, dass die TeilnehmerInnen die Positionierung des jeweils bespielten Akteurs in systematischer Weise auszuarbeiten haben. Hierbei wird besonders Wert auf die Formulierung der Interessen und Ziele des jeweiligen Akteurs und die Analyse des strategisch relevanten Umfelds gelegt. Das Strategische Handeln wird geübt, indem die ausgearbeiteten Positionen bei Verhandlungen zu vertreten sind.

Neben der grundsätzlichen Zielsetzung ist es ein besonders Merkmal des SG, dass die Akteure von Teams simuliert werden, deren Mitglieder aus unterschiedlichen Organisationseinheiten stammen. Hierdurch werden die TeilnehmerInnen mit verschiedenen Organisationskulturen und dementsprechenden unterschiedlichen Denkmustern und divergierenden Problemlösungsansätzen konfrontiert. Jedes Team setzt sich aus 4 bis 8 Teammitgliedern zusammen. An einem SG nehmen bis zu 15 Teams teil. Durch die intensive Auseinandersetzung mit der bespielten Region ergibt sich letztlich ein besseres Verständnis politischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge.

 

Methoden des Strategischen Planspiels und Aufgaben der TeilnehmerInnen

Aus den primären Zielsetzungen des SG ergibt sich, dass die richtige prozessuale Vorgangsweise von Akteuren im Mittelpunkt steht. Dies wird konkret geübt, indem im Zuge von Gruppen- und Plenardiskussionen in einem mehrstufigen Verfahren zunächst Strategien der einzelnen Akteure im Rahmen eines Whole of Government Approach zu formulieren und abzustimmen sind. Diese sind in einer weiteren Etappe mit Partnern auf internationaler Ebene zu koordinieren (Comprehensive Approach). Dieser Prozess auf internationaler Ebene findet sowohl im bi- bzw. multilateralen Rahmen als auch innerhalb von Gremien statt. Letztlich müssen die entwickelten Strategien in Verhandlungen im Rahmen der jeweiligen Verhandlungsplattform (Whole of System Approach) vertreten werden.

Als Instrumente zur Aufgabenerfüllung sind Checklisten zu bearbeiten und Lagebilder zu erstellen. Die Funktion der Checklisten ist, dass den TeilnehmerInnen ein strukturiertes Vorgehen hinsichtlich der Orientierung zur Formierung bzw. der Positionierung erleichtert wird. In weiterer Folge soll hierdurch eine Hilfestellung darin gegeben werden, verschiedene Entwicklungen, wie etwa Änderungen in der eigenen Positionierung sowie in derjenigen der anderen Akteure, möglichst präzise festzuhalten. Die Checklisten sind als vorbereitende Maßnahme zur Formulierung der Lagebilder zu sehen. Ein Lagebild im Sinne des SG ist eine kurze Analyse, die eine Beurteilung der strategisch relevanten Umwelt, die Interessen/Ziele des Akteurs sowie die einzusetzenden Mittel beinhaltet. Ziele der Lagebilder sind zum einen das Bewusstmachen der eigenen Situation sowie zum anderen Information für die Spielleitung über Arbeitsfortschritte der jeweiligen Teams. Die Checklisten und Lagebilder werden in schriftlicher Weise stichwortartig bearbeitet.

 

Struktur, Spielregeln und Ablaufphasen des Strategischen Planspiels

Ein wesentliches Kennzeichen des SG ist, dass es sich hierbei um einen „Thinking-and-Talking“-Prozess handelt. Dessen Rahmenbedingungen sind in einem Drehbuch („Plot“) definiert. Dieser dient als Handlungsanweisung sowohl für die Übungsleitung als auch die TeilnehmerInnen und enthält unter anderem die Struktur des SG, den vordefinierten Ablauf der Übung, die realen und fiktiven Annahmen, die Aufgaben der TeilnehmerInnen sowie die Festlegung, welcher Rahmen für Handlungsoptionen den Spielern zur Verfügung steht („Spielregeln“).

Den TeilnehmerInnen wird eine Rolle eines Akteurs zugewiesen, d.h. die Spieler nehmen klar umrissene Positionen von Staaten oder Organisationen ein, wodurch auch kaum Spielraum für individuelle Rolleninterpretation zugelassen wird (role-sticking). Den zu spielenden Akteuren wird grundsätzlich eine realistische Vorgangsweise (role-play) und ein rationales Handeln unterstellt.

Die Struktur des SG setzt sich aus der Spielebene und der Leitungsebene zusammen. Die Spielebene besteht, abhängig von der Annahme, aus mehreren miteinander kommunizierenden Ebenen:

• Staatenebene: Diese Ebene stellt die zentrale institutionelle Ebene dar. Die Staaten werden als kollektive strategische Akteure bespielt, die nach außen hin homogen agieren. Die innere Heterogenität ergibt sich aus der Zusammensetzung der Teams aus unterschiedlichen Organisationseinheiten.

• Organisations- bzw. Gremiumsebene: Neben den Staaten werden auch Internationale bzw. regionale Organisationen als Akteure bespielt. Zumindest eine Organisation agiert in jedem SG als Verhandlungsplattform.

• Zusätzlich zu diesen zwei institutionalisierten Ebenen generiert sich durch die Möglichkeit bi- bzw. multilateraler Absprachen eine dritte, nichtinstitutionalisierte, Ebene.

Die Leitungsebene setzt sich aus der Spielleitung, den Mentoren und Mentorinnen, verschiedenen Experten und Higher Control (HiCon) zusammen. Der Spielleitung obliegt in enger Kooperation mit HiCon und den Mentoren und Mentorinnen, die Gesamtleitung des SG und ist in dieser Funktion zudem die letzte Instanz bei prozeduralen Fragen. Die Spielleitung nimmt hingegen keinen Einfluss auf die inhaltlichen Positionierungen der Akteure.

Pro Team steht ein Mentor bzw. eine Mentorin zur Verfügung. Die zentrale Aufgabe der Mentoren und Mentorinnen ist die prozessmäßige Begleitung der Teams sowie deren Inhaltliche Unterstützung. Zudem agieren sie auch als Bindeglied zwischen Spielleitung und TeilnehmerInnen und nehmen in ihrer Funktion auch eine permanente Evaluierung der TeilnehmerInnen des betreuten Teams wahr. In letzter Funktion nehmen sie auch eine Vorbeurteilung der Studierenden anhand eines vorgegebenen Beurteilungsrasters vor.

Zentrale Aufgabe von Higher Control (HiCon) ist es, die Checklisten und Lagebilder der Teams in Bezug auf methodische und inhaltliche Aspekte zu bewerten. Mit einem Kommentar versehen, werden die Checklisten und Lagebilder wieder an die Teams retourniert. Auf diese Weise wird den TeilnehmerInnen ein unmittelbares Feedback zu deren Ausarbeitungen gegeben.

Zweck der Spielregeln ist es, einen reibungslosen Ablauf des gesamten SG sicherzustellen. Ein Grundsatz, dem hierbei gefolgt wird, ist, dass diese Regeln so präzise wie möglich, zur gleichen Zeit aber auch so flexibel wie möglich zu gestalten sind, um die Kreativität der TeilnehmerInnen nicht einschränken.

Die Durchführung des SG erstreckt sich auf drei ineinandergehende Phasen:

• Vorbereitung: In diesem Abschnitt bekommen die TeilnehmerInnen durch die Spielleitung eine Einführung in das Wesen und die Methodik des strategischen Planspiels allgemein sowie eine spezifische Einweisung in das konkret anstehende Planspiel. Zudem erfolgt, dem Stand der Kenntnisse und Fertigkeiten der TeilnehmerInnen entsprechende, eine (nochmalige) Einführung in die Grundlagen der Strategie mit Schwerpunkt Strategisches Denken und Handeln. In dieser Phase werden die Rollen zugeteilt, der Plot ausgehändigt und die TeilnehmerInnen lernen die anderen Teammitglieder sowie den Mentor/die Mentorin kennen. Diese Phase setzt etwa zwei bis vier Wochen vor dem unmittelbaren Beginn des SG ein. Ab dem Zeitpunkt der Einführung in das SG und der Aushändigung des Plots, sind die TeilnehmerInnen verpflichtet, sich in den Plot einzulesen und sich mit der zu bespielenden Rolle vertraut zu machen.

• Simulationsphase: Die konkrete Simulationsphase des hier beschriebenen SG beläuft sich auf drei Tage. Schwerpunkte dieser Phase sind die Positionsbestimmungen anhand der Checklisten und der Lagebilder. Tag 2 und 3 enden jeweils mit einer kurzen Verhandlungsrunde, bei der die Teams ihre jeweiligen Positionen in einer Konferenzsituation vertreten müssen.

• Evaluation und Nachbereitung: Am letzten Tag des SG wird allen TeilnehmerInnen des SG die Möglichkeit zu sowohl einer mündlichen als auch schriftlichen Evaluation gegeben. Die Erkenntnisse aus Evaluation und Nachbereitung fließen in die permanente Weiterentwicklung und Adaptierung des SG ein.

 

Annahmen

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass das SG nicht auf rein fiktiven Szenarien basiert, sondern sich auf reale, zumeist aktuelle Konfliktsituationen bezieht. Diese Situationen werden explizit nach zwei Gesichtspunkten ausgewählt: Erstens Konfliktsituationen, die sich nicht in unmittelbarer Nachbarschaft Österreichs befinden bzw. in die Österreich nicht involviert ist. Hintergrund dieser Überlegung ist, dass die TeilnehmerInnen so wenig wie möglich mit den jeweiligen Situationen, insbesondere den Positionen der einzelnen Akteure, vertraut sein sollen. In diesem Fall, dies zeigen Erfahrungen, werden von den TeilnehmerInnen vor allem aus den Medien bekannte Positionen unreflektiert wiedergegeben. Durch die Nichtvertrautheit mit der Situation werden die TeilnehmerInnen hingegen gezwungen, sich in die Position der Akteure, insbesondere desjenigen, der bespielt wird, hineinzuversetzen. Der zweite Gesichtspunkt ist, dass es sich um einen aktuellen, jedoch nicht akuten Konflikt handeln soll, der ein eskalierendes Potential beinhaltet. Die Befassung mit diesem Konflikt trägt zur Schaffung einer Bewusstseinsbildung bzw. zur Schaffung von Kenntnisgrundlagen bei, die zu einer „Situation Awareness“ bei Akutwerden des Konflikts eine Rolle spielen kann.

Um die Komplexität zu reduzieren, wird sowohl bei der realen als auch fiktiven Annahme auf die unmittelbare Konfliktregion fokussiert. Die internationale und relevante regionale Situation wird in Umrissen im Plot skizziert, ist aber als grundsätzliche Basisannahme mitzudenken.

Hinsichtlich des Ablaufs sind die Annahmen zweigeteilt. Zum einen die Realannahme. Hier wird die konkrete Konfliktsituation bezogen auf einen Staat oder eine Region skizziert. Zumeist wird auf ausgewählte Problembereiche besonders eingegangen, wie auch die Grundstruktur der jeweiligen zentralen Verhandlungsorganisation beschrieben. Die Realsituation wird bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, zumeist drei bis vier Wochen vor der unmittelbaren Durchführung des SG, nachgezeichnet und findet sich im Plot. Und zum anderen die sogenannte fiktive Annahme, die auf der Realannahme aufbaut. Kennzeichnend für diese Annahme ist, dass sie eine denkbare eskalierende Entwicklung, die möglichst nahe an der Realität liegt, beschreibt. In dieser Situation wird auch das jeweilige Verhandlungsgremium aktiv, welches beispielsweise eine Sondersitzung einberuft, um die Situation zu besprechen und deeskalierend zu wirken.

 

Zusammenfassung

Eine moderne Strategielehre folgt einem mehrstufigen Aufbau, beginnend bei der Vermittlung von Kenntnissen hin zu Fertigkeiten, um abschließend die Kompetenz der Lernenden in den Mittelpunkt zu stellen. Kompetenz an kann nicht vermittelt werden, sondern kann sich nur über Kenntnisse und Fertigkeiten entwickeln und muss entsprechend geübt werden. Ein zentrales Kompetenzelement im Bereich der Strategie ist das Vermögen zum Strategischen Denken und Handeln. Dies zu Üben ist der Fokus des Strategischen Planspiels. Dies ist der Charakter und somit auch eines der Alleinstellungsmerkmale des hier geschilderten SG.

Die wahren Träger des SG sind die TeilnehmerInnen. Von deren Engagement, deren Vorbereitung, deren Bereitschaft, sich auf das SG einzulassen, aber auch deren Interessen und Kooperationsbereitschaft und Teamfähigkeit hängt der Verlauf, d.h. das Gelingen oder Misslingen des SG zum überwiegenden Teil ab. Somit unterscheidet sich dieses kaum von der Realität. Auch in der Realität stehen hinter Strategien Menschen und deren Werte, Interessen und Befindlichkeiten. Auch in der Realität folgt Strategisches Denken und Handeln nur begrenzt rein objektiven Gesichtspunkten.

Mehrwert

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Positionierung des Lehrangebots

Master Strategisches Sicherheitsmanagement (MSSM)/3. Semester

Master Wirtschaftsberatung und Unternehmensführung/ 4. Semester

Generalstabslehrgang/5. Semester

Master weitere (z.B. Politikwissenschaft, Universität für Bodenkultur)/ab. 3. Semester

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2018 nominiert.
Ars Docendi
2018
Kategorie: Forschungs- und kunstgeleitete Lehre, insbesondere die Förderung von kritischem Denken, Dialogorientierung, Methodenkompetenz
Ansprechperson
Mag. Dr. Thomas Pankratz
FH Wiener Neustadt für Wirtschaft und Technik/Fakultät Sicherheit
0650 3629536
Nominierte Person(en)
Mag. Dr. Thomas Pankratz
FH Wiener Neustadt für Wirtschaft und Technik/Fakultät Sicherheit
Themenfelder
  • Didaktische Methode
Fachbereiche
  • Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften