Das Gespräch mit den TierbesitzerInnen bzw. Stakeholdern (Vorlesung, Übung, Seminar)

Ziele/Motive/Ausgangslage

Verbesserung der Kommunikationslehre im Diplomstudium Veterinärmedizin; Training der Kommunikation zwischen angehenden TierärztInnen und TierbesitzerInnen.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

An der Veterinärmedizinischen Universität Wien wurde im Jahr 2014 erstmal die Kommunikation als Lehrfach in das Curriculum implementiert. Die Kommunikationslehre startet im 3. Semester in Gruppen zu 10 Studierenden mit jeweils einem Instruktor. Nach einer 2-stündige Einführungsvorlesung, in der die Grundlagen von Kommunikation und das Feedback-geben dargelegt werden, werden Rollenspiele in fünf Doppelstunden durchgeführt und ein Anamnesegespräch geübt: ein Studierender spielt den Tierbesitzer, ein Studierender den Tierarzt und die übrigen Studierenden geben ein Sammelfeedback. Für die Übungen wurden Fallvignetten erstellt. Der Lernerfolg wird im 4. Semester im Rahmen einer OSPE-Prüfung evaluiert, in der ein 5-minütiges Anamnesegespräch beurteilt wird. Komplexe Gespräche mit emotionalen Tierbesitzern werden von den Studierenden im 6. Semester geübt. Als innovative Neuerung wurden professionelle Schauspieler für die Rolle der Tierbesitzer engagiert. Die Übung wird per Videokamera aufgezeichnet und dient dem Studierenden danach zur Selbstreflexion. Die praktische Anwendung der Kommunikationsfähigkeiten wird ab dem 8. Semester angeboten. In Lehrambulanzen werden Besitzer und deren Tiere primär von Studierenden betreut. Das Konzept der Kommunikationslehre zeigt eine hohe Akzeptanz unter den Lehrenden und den Studierenden. Den Studierenden wird ein innovatives Didaktik-Konzept angeboten, es wird die Persönlichkeitsentwicklung gefördert und sie werden zum Selbststudium angehalten.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

Nähere Beschreibung des Projekts

An der Veterinärmedizinischen Universität Wien wurde 2015 das 250-Jahr Jubiläum gefeiert und in dieser langen Zeit hat sich diese Alma Mater mit der Erforschung und Lehre der physiologischen und pathologischen Vorgänge im Tier sowie den Zusammenhänge zwischen Umwelt, Menschen und Tieren weiter entwickelt. Die Auszubildenden mit einem fundierten Fachwissen über Tiere und Tierkrankheiten auszustatten war seit jeher oberstes Ziel dieser Universität. Praktizierende TierärztInnen wissen allerdings schon bald nach Beginn ihrer Tätigkeit in der Praxis, dass auch weitere Fähigkeiten, außer der Umgang mit dem Tier als Patienten, zwingend notwendig sind: die Fähigkeit mit dem Tierbesitzer und mit KollegInnen zu kommunizieren.

Daher wurde an der Veterinärmedizinischen Universität Wien im Jahr 2014 erstmal die Kommunikation als Lehrfach aufgenommen und in das Curriculum implementiert, was im Rahmen der veterinärmedizinischen Ausbildung im europäischen Raum sicherlich als innovative Hochschuldidaktik angesehen werden muss.

Ich wurde dazu vom Vizerektorat für Lehre der Veterinärmedizinischen Universität Wien mit der Leitung dieser neuen Lehrveranstaltungen betraut und durfte die grundsätzlichen Vorgaben des Curriculums gemeinsam mit dem Vizerektorat für Lehre und der dafür eingesetzten Educational Working Group ausarbeiten und umsetzen. Dazu wurde eine erfahrene Spezialistin der Kommunikationslehre in der Humanmedizin als Unterstützung gewonnen.

Die Kommunikationslehre startet im 3. Semester in Kleingruppen zu 10 Studierenden mit jeweils einem(r) InstruktorIn. Diese MitarbeiterInnen der Vetmeduni Vienna wurden nach dem Kriterium der persönlichen Erfahrung im Umgang mit Patienten und deren Besitzern ausgewählt und wurden vor der ersten Lehrveranstaltung gemeinsam geschult und auf die Aufgabe vorbereitet. Diese geschulten Tierärztinnen und Tierärzte decken ein breites Spektrum der veterinärmedizinischen klinischen Lehre ab und sind unterschiedlichen Kliniken zugeteilt (Kleintierklinik, Pferdeklinik, Wiederkäuerklinik). Damit können verschiedene Kommunikationsszenarien mit Besitzern unterschiedlicher Tierarten und verschiedener Fallsituationen realistisch gelehrt und geübt werden. Die erste Lehreinheit stellt eine 2-stündige Einführungsvorlesung dar, in der die Grundlagen der erfolgreichen Kommunikation sowie das Geben von konstruktivem und strukturiertem Feedback dargelegt werden.

Im 3. Semester werden Rollenspiele durchgeführt: ein Studierender spielt den Tierbesitzer, ein Studierender den Tierarzt/Tierärztin und die verbleibenden acht Studierenden beobachten das Gespräch und geben dann über einen vorher bestimmten Feedback-Sprecher der Gruppe ein konstruktives und strukturiertes Sammelfeedback. Für die Gespräche wurden verschiedene Fallvignette erstellt in denen das Setting des Gespräches (Lokalisation, Erfahrung der Tierärzte), die Patientendaten, die persönlichen Eigenschaften und Lebensumstände der Besitzer sowie die Lernziele aufgelistet sind. Zusätzlich werden Checklisten für ein Anamnesegespräch und auch für komplexere Gespräche über Befundbesprechungen, Diagnosemitteilungen und Therapieoptionen bereitgestellt. Sämtliche Lernunterlagen sind für die Studierenden vor Beginn der Lehrveranstaltung bereits im universitären Intranet abrufbar und wurden von den Lehrenden entwickelt. Damit wird die Eigenverantwortung der Studierenden im Rahmen der Vorbereitung auf die Übungen gefördert. In fünf Doppelstunden wird im 3. Semester das Führen eines Anamnesegespräches geübt. Um den jeweils persönlichen Lerneffekt zu verbessern wird auf ein Mini-Portfolio zurückgegriffen. In diesen bereitgestellten Heftchen kann/soll jeder Studierende seine Beobachtungen und Interpretationen sowie die Ergebnisse der Feedbackdiskussionen notieren um sich diese bei Bedarf zu einem späteren Zeitpunkt wieder in Erinnerung rufen zu können.

Neben der Erstellung der Unterlagen organisiere und koordiniere ich persönlich die Einteilung und Zuteilung der Lehrenden und der Übungsräume. Meine persönlichen Erfahrungen mit dieser neuen Lehrveranstaltung sind sehr positiv im Sinne meiner Wahrnehmung einer deutlichen Entwicklung des positiven Bewusstseins der Studierenden für die Bedeutung von Kommunikation im Allgemeinen und natürlich auch in der tierärztlichen Praxis. Um diese Eindrücke zu objektivieren und damit die Lehrveranstaltung zu optimieren wurde im Wintersemester 2015 eine Fragebogenerhebung bei den Studierenden durchgeführt. Jeweils vor der ersten Übung und nach der letzten (5-ten) Übung wurden die Studierenden gebeten einen anonymisierten aber kodierten Fragebogen auszufüllen. Zur exakten und wissenschaftlichen Auswertung der Daten wurde ein Antwortformat mit einer linearanalogen Skala (niedrigster Wert 1, höchster Wert 5) angeboten und in beiden Fragebögen 15 Fragen zur Selbsteinschätzung der lernzielbezogenen kommunikativen Kompetenzen gestellt. Nur im 2. Fragebogen wurden zusätzlich noch 10 Fragen zur quantitativen Evaluation der Lehrveranstaltung und 4 Fragen zur qualitativen Evaluation der Lehrveranstaltung gestellt. Die statistische Auswertung ergab ein eindeutig positives Ergebnis über alle Aspekte der Lehrveranstaltung. Bei allen 15 Fragen die vor und nach der Lehrveranstaltung gestellt wurden konnte eine Zunahme der Zustimmung und bei 14/15 sogar eine signifikante Zunahme der Zustimmung errechnet werden. Die Analyse der quantitativen Evaluierung ergab sehr hohe Zustimmungswerte von 4,44-4,93 (Referenz 1-5) und bei der Analyse der qualitativen Evaluierung zeigte sich dass 5-mal mehr positive Kommentare als Anregungen zur Verbesserung gegeben wurden. Diese Ergebnisse sollen auch in Form einer wissenschaftlichen Publikation zur Anregung dieser innovativen Hochschuldidaktik an anderen veterinärmedizinischen Universitäten beitragen.

Besonders die Kommentare und Erzählung von persönlichen Erlebnissen mit Tierbesitzern durch die LehrveranstaltungsleiterInnen wurden immer wieder besonders positiv bewertet. Diesen individuellen Beitrag habe ich schon ab der ersten Übungsstunde als essentiell für das Erwecken von Interesse an Kommunikation und für die Aktivierung des Bewusstseins für die Notwendigkeit einer guten, strukturierten Kommunikation angesehen und auch dementsprechend intensiv eingesetzt.

Der Lernerfolg wird am Ende des 4. Semesters im Rahmen einer OSPE-Prüfung (Objective Structured Practical Examination) evaluiert, welche für die Station ‚Anamneseerhebung‘ ebenfalls von mir mitentwickelt und organisiert wurde. Diese Station wird jeweils durch einen Prüfer besetzt, der als Zuhörer mit Hilfe einer Checkliste die kommunikativen Fähigkeiten der Studierenden bewertet. Als Hilfspersonen wurden von mir Studierende aus höheren Semestern angeworben, die in persönlichen Gruppenübungen gemeinsam mit mir die Rollen der Tierbesitzer für die OSPE-Prüfung entwickelten. Diese Studierenden stellten sich dann auch gerne freiwillig als ‚Prüfungs-Unterstützungspersonen‘ in der Rolle der Tierbesitzer zur Verfügung. Somit beinhaltet dieses innovative Konzept auch die Integration der Studierenden in die Prüfungsstruktur. Die Auswertung der OSPE Prüfungen ergaben eine Normalverteilung der durchwegs positiven Noten der Absolventen.

Die Weiterentwicklung der kommunikativen Fähigkeiten und das Üben von komplexeren tierärztlichen Gesprächen mit teilweise emotional belasteten Tierbesitzern werden von den Studierenden im 6. Semester ab dem Sommersemester 2016 geübt. Der grundsätzliche Aufbau dieser Übungen wurde aus dem 3. Semester übernommen. Ich habe dafür fünf neue und erweiterte Fallvignetten erstellt, in denen sowohl die tierärztliche Rolle mit Hintergrundinformationen zur Erkrankung des Tieres als auch die Besitzerrolle mit vermehrt emotionalen Eigenschaften exakt beschrieben wurden. Im Rahmen des 6. Semesters werden die Themen ‚schwierige Diagnosevermittlung‘, ‚hohe Behandlungskosten‘, ‚ungewisse Prognose‘ und ‚Euthanasie‘ behandelt. Als innovative Neuerung wurden professionelle Schauspieler für die Rolle der TierbesitzerInnen engagiert. Diese hatten mehrere Monate Zeit sich auf die insgesamt fünf verschiedenen Besitzer-Rollen vorzubereiten. Die Übung selbst wird durch eine Videokamera aufgezeichnet und die Videodatei dem übenden Studierenden direkt danach zur Selbstreflexion vorgespielt. Nach dem Eigenfeedback bekommt der Studierende auch noch ein Feedback vom Schauspieler und vom Feedback-Sprecher der übrigen Studierenden. Es zeigte sich bereits nach den ersten Übungseinheiten, dass die positiven Ergebnisse der Fragebogenevaluierung aus dem 3. Semester sich in der Bewusstseinsbildung der Studierenden betreffend Kommunikation bewahrheitet hatten, was ich persönlich als großen Erfolg ansehe. Ebenso zeigten sich alle Studierenden genauestens vorbereitet mit der Kenntnis der Lehrunterlagen sowie der Fallvignetten.

Die praktische Anwendung der erlernten und geübten Kommunikationsfähigkeiten wird ab dem 8. Semester im Rahmen der klinischen Übungen den Studierenden angeboten. In sogenannten Lehrambulanzen werden Patientenbesitzer und deren Kleintiere von Studierenden alleine betreut. Diese Lehrambulanz führe ich an der klinischen Abteilung für Interne Medizin abwechselnd gemeinsam mit zwei KollegInnen. Die Patientenbesitzer werden nach der Begrüßung von mir kurz über den Ablauf der realen Konsultation informiert und deren Einverständnis eingeholt, wonach ich den Raum verlasse, aber immer für die beiden Studierenden erreichbar bleibe. Jetzt erheben diese beiden Studierenden eine Anamnese und führen eine der Situation angepasste klinische Untersuchung des Patienten durch. Mit den erhobenen Befunden verlassen nun auch die beiden Studierenden den Raum und teilen mir die Befunde mit sowie geben Vorschläge zur weiteren Vorgehensweise ab. Die Befunde und Vorschläge werden diskutiert wonach wir dann zu Dritt wieder die Ambulanz betreten und den Patientenbesitzer informieren. Es werden dann unter meiner Aufsicht gegebenenfalls noch weitere Untersuchungen oder Therapien durch die Studierenden durchgeführt. Dir Rückmeldungen der Patientenbesitzer waren bisher immer sehr positiv und auch die Studierenden zeigten sich von dieser angewandten Lernmethode begeistert.

Insgesamt zeigt dieses Konzept der Kommunikationslehre über praktisch das gesamte Studium der Veterinärmedizin eine sehr hohe Akzeptanz unter den Lehrenden und auch unter den Studierenden. Die fächerübergreifende Auswahl der Lehrenden zeigt die Notwendigkeit und Wichtigkeit von geschulter Kommunikation in allen Sparten der klinischen Veterinärmedizin. Persönlicher Einsatz und die Freude das Interesse für Kommunikation zu wecken hat diese Lehrveranstaltungen zu einem vollen Erfolg gemacht. Dass hierdurch auch wissenschaftliche Erkenntnisse über die Kommunikationslehre an einer veterinärmedizinischen Universität gewonnen werden können unterstreicht die Bedeutung dieser innovativen Methode an unserer Universität. Den Studierenden wird nicht nur ein innovatives Didaktik-Konzept angeboten, sie werden auch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gefördert und zum Selbststudium angehalten (Vorbereitung auf die Übungen, Erstellen und Rekapitulation des persönlichen Mini-Portfolios, semesterübergreifendes und aufbauendes Lehrkonzept) bis hin zur Integration der Studierenden bei der Evaluierung des Lernfortschrittes (OSPE-Prüfung). Die erlernten Fähigkeiten und das erworbene Wissen über tierärztliche Kommunikation stellen einen substantiellen Beitrag für die berufliche aber auch die persönliche Weiterentwicklung der Studierenden dar.

Mehrwert

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Positionierung des Lehrangebots

Diplomstudium Veterinärmedizin (3. Semester -1. Abschnitt / 6. Semester - 2. Abschnitt)

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 nominiert.
Ars Docendi
2016
Kategorie: Kooperative Lehr- und Lernformen innerhalb der jeweiligen Hochschule, über Hochschulen und HS-Sektoren hinweg
Ansprechperson
Michael Leschnik, Univ.Doz. Dr, med.vet.
Klinische Abteilung für Interne Medizin Kleintiere
+431250775137
Nominierte Person(en)
Michael Leschnik, Univ.Doz. Dr, med.vet.
Klinische Abteilung für Interne Medizin Kleintiere
Themenfelder
  • Curriculagestaltung – Inhalt
  • Didaktische Methode
  • Rund ums Prüfen
Fachbereiche
  • Medizin und Gesundheitswissenschaften