Fachhochschule des BFI Wien GmbH
Wohlmutstraße 22, 1020 Wien
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Lehrveranstaltung Teambildung

Ziele/Motive/Ausgangslage

Vorrangiges Ziel war es, praktische Anwendung für das Lernen und Lehren zu nützen.

 

Grundlegendes Motiv ist das direkte Verknüpfen emotionaler Erfahrungen mit theoretischen Konzepten. So sind die jährlichen Teams der Studierenden mit realen Streitigkeiten, lebhaften Diskussionen, etc. konfrontiert. Diese studentischen Erfahrungen werden durch Moderation der Lektoren mit theoretischen Inhalten verknüpft.

 

Die Ausgangslage dafür bildet das Selbstverständnis der Fachhochschule des BFI Wien, eine Institution angewandter Wissenschaften zu sein.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Vorgestellt wird hier ein innovatives Lehr- und Lernmodell für das erste Semester des berufsbegleitenden Studiengangs „Technisches Vertriebsmanagement“ an der FH des BFI Wien.

Es wurde eine Lehrveranstaltung konzipiert, bei der es darum geht, mit einer innovativen Lehrmethode verschiedene Lernziele gleichzeitig zu erreichen.

Teambildung soll nicht nur theoretisch vorgetragen werden, vielmehr soll den Studierenden die Möglichkeit geboten werden, durch eigenes Planen und Tun die vielfältigen Aspekte von Teambildung mittels learning by doing kennenzulernen und daraus eigene Learnings abzuleiten.

Den Studierenden wird die Aufgabe gestellt, selbständig und eigenverantwortlich ein karitatives Projekt zu gestalten und umzusetzen. Es handelt sich um die Planung, Organisation und den Aufbau sowie die Abwicklung eines Punschstandes auf einer belebten Wiener Einkaufsstraße an einem Vorweihnachts-Samstag.

Ziel ist es, die Studierenden in die Lage zu versetzen, den Teambildungsprozess „hautnah“ zu erleben und daraus lernrelevante Schlüsse zu ziehen. Außerdem wird für zukünftige Lehrveranstaltungen eine Basis gelegt, auf die in späteren Semestern zurückgegriffen werden kann. Fächer wie Rechnungswesen, Marketing/Vertrieb profitieren davon, wenn die Studierenden auf eigene (gemeinsame) Erfahrungen zurückgreifen können.

Die Lehrveranstaltung wird seit neun Jahren erfolgreich durchgeführt. Das Feedback der Studierenden sowie der betroffenen Lehrenden ist überdurchschnittlich positiv.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

Nähere Beschreibung des Projekts

In der Tageszeitung „Die Welt“ schrieb Andreas Thieme schon 2011: „Mit Fachwis-sen allein kommt man im Berufsleben nicht weit. Gefragt sind auch Soft Skills.“ [1] Seit Beginn des Studiengangs Technisches Vertriebsmanagement (TVM) war klar, dass in diesem berufsbegleitenden Studium neben einer Mischung aus technischen und wirtschaftlichen Fächern auch die Soft Skills eine wichtige Rolle spielen müssen. Denn: „Ein guter Ingenieur besitzt T-Skills.“ [2]

 

Als ideales Einstiegsfach hat sich die Lehrveranstaltung (LV) Teambildung angeboten. Hier wurde bewusst ein innovatives Konzept entwickelt und implementiert, dessen Quintessenz ein ausgefeiltes Learning by Doing ist. Das Konzept beruht auf folgenden theoretischen Prämissen:

 

„Von besonderer Bedeutung für das Lernen Erwachsener ist zweifellos die Erfahrung.“ [3] Dabei geht es um den „Übergang vom inhaltlichen Wissen zum Umgang mit Wissen“ [4]. Wie Nolda (neben anderen AutorInnen) konstatiert, wird in der Erwachsenenbildung zunehmend „von der Orientierung an festem Wissen Abstand genommen und für einen Wandel vom ‚Know how‘ zum ‚Know how to know‘ plädiert“ [5] Denn bekanntlich ist „Information als Verstandenes und Erzeugendes ohne kommunikatives Handeln nicht denkbar“ [6].

 

Brauer gibt dazu die Empfehlung: „Unterricht ist dann besonders effizient, wenn die Studierenden außerhalb der Lehrveranstaltung selbst mitarbeiten müssen.“ [7] Nach dieser Maxime wurde das Konzept der LV Teambildung im berufsbegleitenden Studium aufgesetzt, deren Ablauf hier kurz skizziert wird.

 

Nach einer ausführlichen Einführung in der Lehr- und Lernkonzept der LV werden die Studierenden informiert, dass sie ein Projekt zu bewältigen haben werden, das von ihnen verlangt, in der belebtesten Wiener Einkaufsstraße (Mariahilfer Straße) an einem Samstag vor Weihnachten einen Punschstand zu errichten und zu betreiben, und zwar mit dem Ziel, für eine karitative Organisation (hier: das neunerhaus [8], [9]) einen möglichst hohen Spendenbetrag zu lukrieren. Insgesamt wurde über die neun Jahre ein Reinerlös von € 33.070 gesammelt.

 

Bei der Planung und Umsetzung wurden die Studierenden bewusst erst einmal „ins kalte Wasser gestoßen“, dh weitgehend sich selbst überlassen. Nur gelegentlich griffen die Lehrpersonen (Anlanger / Engel) im Sinne eines Management by Exception ein, wenn es im Hinblick auf das Ziel notwendig wurde, essentielle Korrekturen vorzunehmen. Bei allen Zwischenzielen der Projektrealisation gab es Präsentations- und Reflexionsrunden, teilweise von den Lehrpersonen moderiert. Dabei wurde ausführlich auf die Teamrollen nach Belbin [10] eingegangen. Mit Hilfe von Testverfahren wurden für alle StudentInnen dessen/deren Rollenpräferenzen ermittelt und so ein Team-Profil für jede der gebildeten Zweck-Arbeitsgruppen abgebildet.

 

Der durch das Projekt angestoßene Selbstorganisationsprozess war stets für alle Beteiligten lehrreich (das Projekt wird seit neun Jahren jährlich im ersten Semester durchgeführt). Insbesondere ist festzuhalten, dass damit die hier beschriebene LV Teambildung genutzt werden konnte, für fast alle weiteren Vorlesungen und Seminare stilbildend und prägend zu sein (Vernetzung; s. Anhang 1: Modullandkarte TVM).

 

Im Projekt wurde praktisch geübt, was im späteren Verlauf des Studiums vertieft zu lernen ist. Aufgrund des im Projekt von jedem einzelnen Studenten bzw. jeder einzelnen Studentin Erlebten basieren die Lehrinhalte fast aller späteren Lernfächer auf diesem gemeinsamen Erfahrungsschatz. Das betrifft zB die Gegenstände Betriebswirtschaftslehre (Kostenrechnung, Kalkulation), Marketing und Vertrieb (Maßnahmen, Psychologie), Führung und Konfliktmanagement (um exemplarisch die Wichtigsten zu nennen).

 

In diesem Lehr-/Lernprozess gibt es nach Macke et al. zwei Phasen des Wissenser-werbs: „eine subjektive Phase und eine sozial-kommunikative Phase.“ [11] Der Erwerb konkreter Fähigkeiten (zielgerichtet planen, organisieren, umsetzen) geht zwangsläufig einher mit sozial-kommunikativen Anforderungen, die mit denen im realen Berufsleben weitestgehend identisch sind. Dann sind „Wissen und Information ein Produkt unseres Handelns und wie diese unauflösbar mit uns als Person verbunden.“ [12]

 

Das didaktische Konzept der LV erfüllt damit zahlreiche Voraussetzungen für erfolgreiches, nachhaltiges Lernen, und zwar eindeutig „non scholae, sed vitae“ [13]. Dabei kommen auch Gender- und Diversitätsaspekte nicht zu kurz, da diese Thematiken zwangsläufig aus der stets großen Heterogenität (Alter, Herkunft, Ausbildung, Berufserfahrung etc.) der jeweiligen Gruppe resultieren.

 

In einem solchen Setting ist klar, dass es nicht möglich ist, eine Beurteilung der Studierenden durch eine konventionelle Prüfung durchzuführen. Vielmehr wurde ein Ansatz gewählt, der im angelsächsischen Raum mit Peer Evaluation beschrieben wird [14]. Im konkreten Projektfall wurden die Studierenden gegen Projektende aufgefordert, einen Reflexionsbogen auszufüllen, in dem die subjektiven Eindrücke von Ablauf und Ergebnissen des Projektes abgefragt wurden. Dabei wurden vorwiegend quantitative Methoden verwendet (zB Skala 1 – 10 zur Bewertung bestimmter Parameter).

 

Ein zweiter Feedback-Teil betraf die gegenseitige Beurteilung (Peer Evaluation) der StudienkollegInnen untereinander. Dabei war für jede Kommilitonin/ jeden Kommilitonen von jedem/jeder Studierenden ein Punktewert zu vergeben, der das Maß des Engagements im Projekt darstellt. Um die Anonymität sicherzustellen und damit reliable Bewertungen zu erhalten, sollte jede Person auch sich selbst in die Punktewertung einbeziehen.

 

Die Ergebnisse der inzwischen bereits neun durchgeführten Teambildung-Projekte sind in jeder Hinsicht erfreulich. Das betrifft nicht nur das finanzielle Spendenaufkommen, das mit den Jahren beinahe kontinuierlich gewachsen ist (s. Anhang 2). Sondern vor allem auch die didaktischen als auch die sozialen Benefits sind beachtlich (wenn auch bisher nicht quantitativ gemessen/dokumentiert). In der bisherigen Wahrnehmung der Lehrenden äußert sich das u.a. in einem ausgesprochen kooperativen Klassenklima, einer unterdurchschnittlichen Drop-out-Rate sowie in überdurchschnittlichen Prüfungsergebnissen über alle Semester und Fächer hinweg. Diesen Hinweisen auf eine mögliche Kausalität wird in weiteren Forschungsprojekten nachgegangen werden.

 

Aus Sicht des Lehrenden-Teams Anlanger / Engel ist Brauer Recht zu geben, wenn er dazu auffordert, „aktives Lernen“ zu fördern: „Machen Sie die Studierenden zu Akteuren statt zu passiven Konsumenten.“ [15]

 

Die Lehrveranstaltung Teambildung im berufsbegleitenden Bachelorstudiengang „Technisches Vertriebsmanagement“ wurde und wird mittels Interventionsforschung beforscht [16], [17]. Die Interventionsforschung dient dazu, das Lehrkonzept in Hinblick auf Innovation und theoretische Fundierung zu optimieren. Konkret vermerkt Schuster, dass „[...] sich das Design der Lehrveranstaltung ‚Teambildung‘ ausgezeichnet zur Vermittlung eines tiefgreifenden Verständnisses zum Prozess von Teambildung [eignet]“ [18].

 

Der Autor hebt hervor, dass die Vermittlung auf parallel miteinander verknüpften Ebenen, nämlich

(1) der Ebene der Teambildung an sich,

(2) der Ebene der Vermittlung von theoretischen Aspekten von Teambildung und

(3) der Ebene der Reflexion des Prozesses, der durch ein vom Lehrenden-Paar beauftragtes Projekt stattfindet,

beruht [19].

 

Vor allem die Komplexität des Designs aber auch die Vernetzung sowohl innerhalb des Bachelorstudiengangs selbst – mittels korrespondierender Lehrveranstaltungen [20] – als auch innerhalb der Gesamtorganisation der FH des BFI Wien – wo mit der Abteilung Public Relations bezüglich Bewerbungsaktivitäten zusammengearbeitet wird – wird als besonders wichtig und wertvoll angesehen. Außerdem wird der institutionsübergreifende kollegiale wissenschaftliche Austausch aktiv angestrebt. So konnte z.B. konkret mittels des Panels 131 [21] eine Plattform geschaffen werden, wo in naher Zukunft die Lehrenden Anlanger und Engel aktiv Praxiserfahrungen aus der hier vorgestellten Lehrveranstaltung in Diskussionen einbringen werden.

 

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der hier angewendete Methodenmix innovativ, nachhaltig, die Sozialkompetenz und das soziale Engagement fördernd sowie die didaktischen Ziele erreichend anzusehen ist. Aufgrund bisheriger Forschung zeichnet sich ab, dass die strategische Positionierung zu Beginn des Studiums sehr vielversprechend ist. Dies deshalb, weil damit ein Komplexitätsgrad erreicht ist, der Studierende optimal auf Herausforderungen in Studium und Beruf vorbereitet. Weitere Details dazu werden im Rahmen der laufenden Forschungsbestrebungen evident werden.

  

Literaturverzeichnis

Brauer, M. (2014). An der Hochschule lehren - Praktische Ratschläge, Tricks und Lehrmethoden. (R. Ahrens, Übers.) Berlin, Heidelberg: Springer.

 

Fellenz, M. R. (2006). Toward fairness in assessing student groupwork. A protocol for peer evaluation of individual contributions. Journal of Management of Education, 30 (4), S. 570 - 591.

 

Lesjak, B., & Lobnig, H. (2014). The Organization Laboratory: An Experimental Training Setting for Learning the Process of Organizing. In K. Scala, R. Grossmann, M. Lenglachner, & K. Mayer (Hrsg.), Leadership Learning fot the Future (S. 55 - 69). USA: IAP - Information Age Publishing.

 

Macke, G., Hanke, U., & Viehmann, P. (2012). Hochschuldidaktik - Lehren - vortragen - prüfen - beraten. Weinheim, Basel: Beltz.

 

Nolda, S. (2015). Einführung in die Theorie der Erwachsenenbildung (3. Auflage Ausg.). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

 

Sattler, A. (14. 04 2015). Soft Skills im Studium erlernen - Ein guter Ingenieur besitzt T-Skills. Abgerufen am 04. 03 2016 von www.cio.de/a/ein-guter-ingenieur-besitzt-t-skills,3106348

 

Schiersmann, C., & Thiel, H.-U. (2010). Organisationsentwicklung. Prinzipien und Strategien von Veränderungsprozessen (2. Auflage Ausg.). Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.

 

Schuster, R. J. (2016). Einführung in die Didaktik der Selbstorganisation (Bd. 13). (R. Arnold, Hrsg.) Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren GmbH.

 

Schuster, R. J., & Lobnig, H. (2016). Lehren und Lernen aus Erfahrung. Falldarstellung aus dem Bachelorstudiengang Technisches Vertriebsmanagement der FH des BFI Wien. Beitrag zum 10. Forschungsforum der Österreichischen Fachhochschulen, 30./31. März 2016, Wien.

 

Thieme, A. (06. 09 2011). Teamfähigkeit & Co. schon im Studium trainieren. Abgerufen am 05. 03 2016 von www.welt.de/wirtschaft/karriere/bildung/article13585390/Teamfaehigkeit-amp-Co-schon-im-Studium-trainieren.html

 

 

Endnotenverzeichnis

 

[1] (Thieme, 2011), online

[2] (Sattler, 2015), online („Man spricht im angelsächsischen Raum von sogenannten T-Skills. Die Breite des T gibt dabei die fachübergreifenden Kompetenzen wie etwa Soft Skills an, seine Höhe steht für die fachliche, technische Kompetenz.“, a.a.O.)

[3] (Nolda, 2015), S. 89

[4] (Nolda, 2015), S. 99

[5] (Nolda, 2015), S. 99

[6] (Macke, Hanke, & Viehmann, 2012), S. 31

[7] (Brauer, 2014), S. 12

[8] www.neunerhaus.at, Zugriff am 06.03.2016

[9] Das ist ein weiterer Effekt der Veranstaltung: Die Studierenden erfahren frühzeitig, sich nachhaltig sozial zu engagieren. Das ist aus Sicht der Lehrpersonen gelebte Corporate Social Responsibility.

[10] Vgl. (Schiersmann & Thiel, 2010), S. 246 f.

[11] (Macke, Hanke, & Viehmann, 2012), S. 37

[12] (Macke, Hanke, & Viehmann, 2012), S. 35

[13] Der altrömische Autor Seneca kritisierte das damalige Schulwesen mit dem Satz: „Non vitae, sed scholae discimus.“ (Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.) Daraus wurde in späterer Umkehr-Formulierung die Forderung „Non scholae, sed vitae discimus“.

[14] Vgl. (Fellenz, 2006), online

[15] (Brauer, 2014), S. 60

[16] (Schuster, 2016) S. 75 – 84

[17] (Schuster & Lobnig, 2016)

[18] (Schuster, 2016), S. 84

[19] Vgl. (Schuster, 2016), S. 84

[20] LV „Zeitmanagement, Lerntechniken“, LV „Präsentation“, LV „Grundlagen ABWL"

[21] Social Competence in Action: Inter- und transdisziplinäre Erkundungen im Dreieck Praxis-Lehre-Forschung. Panel 131 im Rahmen des 10. Forschungsforum der Österreichischen Fachhochschulen Ende März 2016.

 

 

 

 

 

 

Mehrwert

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Positionierung des Lehrangebots

Bachelor 1. Semester

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 nominiert.
Ars Docendi
2016
Kategorie: Lehr- und Prüfungsformen bei Einführungsveranstaltungen
Ansprechperson
Roman Anlanger, Prof. (FH) Mag. (FH)
Studiengangsleiter des Bachelorstudiengangs Technisches Vertriebsmanagement
06507201240
Nominierte Person(en)
Roman Anlanger, Prof. (FH) Mag. (FH)
Technisches Vertriebsmanagement
Wolfgang A. Engel, Dipl-Vw. Mag.
Technisches Vertriebsmanagement
Ulrike Manhart, Prof. Mag. Dr.
Technisches Vertriebsmanagement
Themenfelder
  • Didaktische Methode
  • Rund ums Prüfen
Fachbereiche
  • Wirtschaft und Recht