Medizinische Universität Wien
Spitalgasse 23, 1090 Wien
Weitere Beispiele der Hochschule

Immigration Bias in Medical Students

Ziele/Motive/Ausgangslage/Problemstellung

Migrationshintergrund bzw. die Zugehörigkeit zu einer Minderheit gelten als Risikofaktor für eine Ungleichheit in der medizinischen Behandlung. Rezente Studien in den USA haben gezeigt, dass diese Ungleichheit sich über das gesamte Gesundheitssystem erstreckt. Dieser Bias konnte bereits bei Studierenden nachgewiesen werden. Derzeit gibt es allerdings keine Studien zu diesem grundlegend wichtigen Thema in Europa. Es erscheint daher angebracht, zu analysieren, ob die aus den USA beschriebenen Unterschiede bezüglich ethnischer Gruppen auch bezüglich der Situation von Patient*Innen mit Migrationsstatus bestehen.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Ziel dieses Projektes war es zu untersuchen, ob der Migrationsstatus von Patient*innen einen Einfluss auf die Schmerzbehandlung, die Medizinstudierende verabreichen würden, hat.

 

Hierfür wurde eine 2x2 randomisiert-kontrollierte Studie an der Medizinischen Universität Wien durchgeführt. Inkludiert wurden Studierende im 3. Semester im Rahmen der Pflichtveranstaltung „Ärztliche Gesprächsführung A“. Von professionellen Schauspieler*innen wurden 4 verschiedene Personen, jeweils männlich und weiblich, mit und ohne Migrationshintergrund in einem Videoclip dargestellt. Alle 4 Personen schilderten dieselben Beschwerden. Den Studierenden wurde randomisiert eine der 4 Personen gezeigt, danach wurde sie zur von ihnen vorgeschlagenen Schmerzbehandlung befragt.

Der Einfluss von Migrationsstatus und Geschlecht der Patient*n auf die Entscheidung zur Schmerzbehandlung wurde mittels Regressionsmodell untersucht.

 

Insgesamt konnten 684 Studierende in die Studie eingeschlossen werden (56.1% Frauen, 41.4% Männer, 2.3% Divers). Es konnte keine signifikante Assoziation zwischen Migrationshintergrund und Geschlecht der Schauspieler*Innen mit der Wahrscheinlichkeit eine Schmerzmedikation zu erhalten gefunden werden. Auch das Alter, Geschlecht und der Migrationsstatus der Studierenden zeigte keine signifikante Assoziation.

 

Die Daten des Projektes legen nahe, dass die Studierenden unabhängig vom Migrationshintergrund und Geschlecht von Patient*innen die Entscheidung zur Schmerztherapie treffen.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

The aim of this study was to investigate the potential influence on patients’ immigrant status on treatment decisions by medical students.

 

The study was carried out in a 2x2 randomised controlled design at the Medical University of Vienna. Students in their third semester were presented a video clip as part of their mandatory curriculum. In this video clip, professional actors depicted a mock medical case. Four different versions of the clip were produced. The video clips only differed in respect to (portrayed) immigration status and patient’s gender. Students were randomised to watch one of the four videos, and answered questions on their treatment decisions afterwards.

 

The influence of patient’s immigrant status and gender on treatment decisions was analysed using regression modelling.

 

A total of 684 students were recruited (56.1% female, 41.4% male, 2.3% diverse). There was no statistically significant association between immigrant status and gender of the actors on the probability to receive pain medication. Additionally, there was no significant association between age, gender and immigration status of the students and their decision to administer pain medication.

 

Our data suggests, that students’ treatment decisions for pain medication is independent from immigration status and gender of patients.

Nähere Beschreibung des Projekts

Ethische Minderheiten und Migrant*innen sind speziell vulnerable Gruppen im Gesundheitswesen. Ungleichheiten ziehen sich durch das gesamte Gesundheitssystem. [1] Selbst in Notaufnahmen konnten US-amerikanische Studien einen Unterschied in der Schmerzbehandlung feststellen. [2, 3] Diese Unterschiede zeigten sich nicht nur bei Ärzt*innen, sondern auch bei Studierenden. [4]

 

In Europa gibt es bisher wenige Daten die der Frage der Ungleichheit in Bezug auf Schmerzbehandlung im Bereich Migrationshintergrund nachgehen. Dieses Projekt war das erste seiner Art das diese Frage bei Medizinstudierenden untersuchte.

 

Es wurde in Kooperation mit der Research Unit für Curriculumentwicklung eine 2x2 randomisiert-kontrollierte Studie an der Medizinischen Universität Wien durchgeführt. Inkludiert wurden Studierende im 3. Semester im Rahmen der Pflichtveranstaltung „Ärztliche Gesprächsführung A“. Von professionellen Schauspieler*innen wurden 4 verschiedene Personen, jeweils männlich und weiblich, mit und ohne Migrationshintergrund in einem Videoclip dargestellt. Alle 4 Personen schilderten dieselben Beschwerden (Schmerzen aufgrund eines Harnsteinleidens). Den Studierenden wurde randomisiert eine der 4 Personen gezeigt, danach wurde sie zur von ihnen vorgeschlagenen Schmerzbehandlung befragt. Die Befragung fand online über Moodle® statt und konnte somit von den Studierenden zu Hause absolviert werden.

 

Die Definition des Migrationshintergrundes folgt den Empfehlungen der United Nations Economic Commission for Europe (UNECE): Personen mit Migrationshintergrund sind jene Menschen, deren beide Elternteile im Ausland geboren wurden. Personen die auch selbst im Ausland geboren wurden sind Zuwanderer der ersten Generation. Sind die Personen in Österreich geboren, so sind sie Zuwanderer der zweiten Generation.

 

Der Einfluss von Migrationsstatus und Geschlecht der Patient*n auf die Entscheidung zur Schmerzbehandlung wurde mittels Regressionsmodell untersucht.

 

Zwischen 24.01.2022 und 18.02.2022 konnten 684 Studierende rekrutiert werden (56.1% Frauen, 41.4% Männer, 2.3% Divers). Der Großteil (607 Personen, 88.7%) studierte Humanmedizin, 77 Personen studierten Zahnmedizin. Von den Studierenden selbst hatten 33.3% einen Migrationshintergrund (24% erste Generation, 9.3% zweite Generation).

 

Die Schmerzmittel wurden von den Studierenden über die vier Gruppen nahezu gleich häufig verabreicht (94.7%, 97.1%, 93.6% und 93.5%). Es fand sich kein signifikanter Zusammenhang zwischen den geschauspielerten Migrationshintergrund sowie dem Geschlecht der Schauspieler*innen mit der Wahrscheinlichkeit von den Studierenden ein Schmerzmittel zu erhalten. Auch der Migrationshintergrund und das Geschlecht der Studierenden selbst zeigte keinen Einfluss.

 

Die Ergebnisse dieses Projektes legen nahe das die Studierenden die Entscheidung zur Vergabe einer Schmerzmedikation unabhängig von Migrationshintergrund und Geschlecht des/der Patient*in treffen.

 

Literatur

[1] Wheeler, S. M., Bryant, A. S., Racial and Ethnic Disparities in Health and Health Care. Obstet Gynecol Clin North Am 2017, 44, 1-11.

[2] Hostetler, M. A., Auinger, P., Szilagyi, P. G., Parenteral analgesic and sedative use among ED patients in the United States: combined results from the National Hospital Ambulatory Medical Care Survey (NHAMCS) 1992-1997. Am J Emerg Med 2002, 20, 83-87.

[3] Carreras Tartak, J. A., Brisbon, N., Wilkie, S., Sequist, T. D., et al., Racial and ethnic disparities in emergency department restraint use: A multicenter retrospective analysis. Acad Emerg Med 2021, 28, 957-965.

[4] Hoffman, K. M., Trawalter, S., Axt, J. R., Oliver, M. N., Racial bias in pain assessment and treatment recommendations, and false beliefs about biological differences between blacks and whites. Proc Natl Acad Sci U S A 2016, 113, 4296-4301.

Mehrwert

Die Gesellschaft und Bevölkerungsstruktur ändern sich weltweit. Dadurch ändert sich auch die Patient*innenpopulation. Dies ist auch hinsichtlich der Gesundheitsökonomie von großer Relevanz weil es durch eine falsche Einschätzung von Schmerzen zu falschen oder längeren Behandlungen kommen könnte.

 

Der Mehrwert der Studie liegt unter anderem in den neu gewonnenen Erkenntnissen bzw. dem damit neu erschlossenen Forschungsfeld. Einer bisher nicht ausreichend beachtete Personengruppe wurde erstmals die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt.

Nachhaltigkeit

Der Anteil von Personen mit Migrationshintergrund in Wien ist hoch (Stand 2020: 46.2%). Die Ergebnisse sind somit hochrelevant, und aufgrund der gezeigten Ergebnisse sowohl auf Settings mit hohem als auch niedrigerem Migrationsanteil anwendbar.

 

Das Projekt gab den Anstoß für weitere Projekte die sich in Planung finden.

 

Zusätzlich wurde durch das Projekt das Curriculum für das Studium der Human- und Zahnmedizin an der Medizinischen Universität Wien geändert. Es wird nun eine eigene Einheit im Rahmen der Pflichtlehrveranstaltung „Ärztliche Gesprächsführung A“ geben die sich mit dem Thema Migrationshintergrund beschäftigt.

Aufwand

Der zusätzliche zeitliche Aufwand lag hauptsächlich im organisatorischen Aufwand vor Beginn der Studie.

 

Dazu gehörten zunächst die Literaturrecherche und darauf aufbauend die Erstellung des Studienprotokoll. Dieses Protokoll musst dann von der der Ethik- und Datenschutzkommission genehmigt werden.

 

Nach Genehmigung waren der Videodreh und die technische Umsetzung auf der Moodle® Plattform der nächste Schritt.

 

Die Kosten für Arbeitsleistung und Arbeitsaufwand aller am Projekt involvierten ExpertInnen wurden im Rahmen des aufrechten Arbeitsvertrages mit der Meduni Wien abgegolten.

 

Die Studie selbst konnte aufgrund der guten Organisation vorab ohne Probleme durchgeführt werden. Die Datenerhebung folgte via Moodle® vollständig automatisiert. Die Auswertung der Daten erfolgte dank detailliertem Studienprotokoll ebenfalls komplikationslos.

Positionierung des Lehrangebots

Das Angebot richtete sich an Studierende der Human- und Zahnmedizin im ersten Studienabschnitt (3. Semester).

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2022 nominiert.
Ars Docendi
2022
Kategorie: Forschungsbezogene bzw. kunstgeleitete Lehre
Ansprechperson
Jürgen Grafeneder, Mag. Dr.
Universitätsklinik für Notfallmedizin, Medizinische Universität Wien
+43 1 40400 19640 und 06645379182
Nominierte Person(en)
Jürgen Grafeneder, Mag. Dr.
Universitätsklinik für Notfallmedizin, Medizinische Universität Wien
Viktoria Drexler, Mag.phil
Research Unit für Curriculumentwicklung, Medizinische Universität Wien
Andjela Bäwert, Dr.in
Assessment & Skills, Teaching Center, Medizinische Universität Wien
Dominik Roth, Ap.Prof. Priv.-Doz. Dr.med.univ.et scient.med.
Universitätsklinik für Notfallmedizin, Medizinische Universität Wien
Jan Niederdöckl, Dr.med.univ. et scient.med.
Universitätsklinik für Notfallmedizin, Medizinische Universität Wien
Themenfelder
  • Curriculagestaltung
  • Sonstiges
Fachbereiche
  • Medizin und Gesundheitswissenschaften