Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Anton-von-Webern-Platz 1, 1030 Wien

Universitätsübergreifendes Seminar: Instrumentalpädagogisches Seminar der mdw mit Praxisfeld an der Heilstättenschule und in Kooperation mit der MUW Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde/ Neuroonkologie

Ziele/Motive/Ausgangslage/Problemstellung

Seit zwei Semestern wird die dem Masterstudium der Instrumental- und Gesangspädagogik (IGP) zugeordnete Pflicht-Lehrveranstaltung Grundfragen der Instrumental- und Gesangspädagogik, Leitung Ass.-Prof. Dr. Beate Hennenberg, als universitätsübergreifendes und konzeptionell innovatives Seminar zwischen der mdw, Institut für Musikpädagogische Forschung, Musikdidaktik und Elementares Musizieren, und der MUW, Comprehensive Center for Pediatrics (CCP), gemeinsam mit der Heilstättenschule der AKH Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde/ Neuroonkologie durchgeführt. In diesem Pilotprojekt finden sowohl interdisziplinäre Lehr- und Lernsettings statt als auch kooperative Lehr- und Arbeitsformen bis hin zur Veranstaltung gemeinsamer Lehre. Beteiligt seitens der Medizinischen Universität sind der Klinische Neurowissenschaftlicher Dr. Vito Giordano MSc., die Klassenvorständin der Heilstättenklasse Neuroonkologie der AHK Kinderklinik Mag. Susanne Mauss, B.Ed., die Klassenvorständin der Heilstättenklasse Kardiologie Dipl. Päd. Nadine Konrad und die Leiterin des Comprehensive Center for Pediatrics (CCP) an der Medizinischen Universität Wien Univ. Prof.in Dr.in Angelika Berger, MBA. Weiterhin gehört zum Team der Leiter des Motion-Emotion-Labs an der Abteilung Musikphysiologie der mdw Ao. Univ.-Prof. Dr. Matthias Bertsch.

 

Österreichische Universitäten nehmen zu Lehre und Forschung fortschreitend eine dritte Mission wahr, die soziale Verantwortung. Als eine zentrale Aufgabe der wird gefordert, breit in die Gesellschaft hineinzuwirken und Menschen mit Musik und darstellender Kunst in Berührung zu bringen. Durch die Ausrichtung des Seminars auf Musiziersituationen in heterogenen Settings sowie durch die früheren ehrenamtlichen Gitarre-Workshops von Dr. Giordano mit den kindlichen Langzeitpatient*innen hatte sich 2021 die eingegliederte Heilstättenschule für unsere Musiziereinheiten geöffnet.

 

Die Lehrveranstaltung war eng in Kooperation aller Lehrenden und Studierenden zu planen und durchzuführen. Grundbedingung war eine enge Kollegialität aller Beteiligten am Musizierort, sei es am Krankenbett, in der Heilstättenschule oder in den Zoomsitzungen. Die Studierenden mussten sich gewiss sein, dass in ihre pädagogischen Konzepte Vertrauen gesetzt wird. Flexibilität war erforderlich, wenn etwa der angekündigte junge Patient, auf welchen sich die Vorbereitungen konzentriert hatten, sich als zu schwach für ein Mitmusizieren erwies. Oder wenn ein anderer, möglicherweise in Palliativbehandlung, zwar musizieren wollte und konnte, aber während des Musizierens medizinische Interventionen notwendig waren.

 

Moderne Musikpädagogik mit ihrer bedingungslos erwartungsfreien Didaktik konnte hier motivierend wirken. Die Medininer*innen des Spitals wie auch die Heilstättenpädagog*innen wollten Lerndefizite so gering wie möglich halten. Ein Seminar dieser Art erwies sich als sinnvolles Äquivalent. Die medizinische Betreuung des Kindes hat dabei stets den Vorrang.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Diese Pflicht-Lehrveranstaltung des Masterstudiums Instrumental- und Gesangspädagogik wurde erstmals gemeinsam gehalten von Expert*innen aus dem Bereich der Musikwissenschaft, Bildungswissenschaft und Musikpädagogik der mdw - Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Expert*innen aus dem Bereich Kognitionswissenschaft, Psychologie und Medizin der Medizinischen Universität Wien. Die Abhaltung des Unterrichts fand an der Heilstättenschule der Medizinischen Universität Wien statt. Diese neue Zusammenarbeit stärkt die teilnehmenden jungen Patient*innen, da sie neue Ausdrucksformen für ihre Gefühle und Gedanken finden sowie neue Kompetenzen entwickeln. Die Studierenden erwerben durch dieses sehr individualisierte, handlungsorientierte und kooperatives Praxisfeld besondere neue Erfahrungen, etwa über die Aspekte von Leistung, Lernfortschritte oder Reflexionskultur.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

For the first time, this compulsory course of the master's degree in instrumental and vocal pedagogy will be held jointly by experts from the fields of musicology, educational science and music pedagogy from the mdw - University of Music and Performing Arts Vienna and experts from the field of cognitive science and psychology and Medicine at the Medical University of Vienna. The teaching takes place at the Heilstättenschule of the Medical University of Vienna. This new collaboration empowers the participating young patients as they find new ways of expressing their feelings, thoughts, and communications, and develop new skills. Through this very individualized, action-oriented and cooperative field of practice, the students acquire special new experiences, for example about the aspects of performance, learning progress or a culture of reflection.

Nähere Beschreibung des Projekts

An die Literaturrecherche (Thomas Grosse, Raimund Vogels, Jason Firchow) schloss mit den Studierenden die erste Vorbesprechung im Raum der Heilstättenschule an. Auch wenn strenge Eingangsregeln vorgegeben waren, konnten rund drei Viertel der Musiziereinheiten des Semesters in Präsenz abgehalten werden. Entweder erfolgte dies direkt am Bett der Patient*innen oder in den Räumen der Heilstättenschule auf der gleichen Ebene.

 

Verbindlich für jede Seminarteilnahme waren höchst individuell mit der Seminarleiterin vor- und nachbereitete Musiziereinheiten, manchmal am Krankenbett, oft im Schulraum mit mehreren. Das Seminar beinhaltete weiterhin Unterweisungen, Diskussionen und Vorträge, zunächst zu theoretisch-wissenschaftlichen Inhalten des heterogenen Musizierens, etwa zu musikalischer Improvisation, Ensemblemusizieren und Instrumentalpraxis. Aber auch zu didaktischen Methoden bis hin zu beziehungssensibler Pädagogik. Hier brachten sich der mdw-Musikphysiologe Matthias Bertsch und die mdw-Rhythmikerin Helga Neira-Zugasty ein.

 

Jene Inputs, in denen es um psychologische, sozialmedizinische und medizinische Fragen ging, wurden durch die Klinische Psychologin Univ.-Ass. Dr.in Ulrike Leiss, den Klinischen Neurowissenschaftler Dr. Vito Giordani und die Sonder- und Heilpädagoginnen Mag. Susanne Mauss und Nadine Konrad an die Studierenden weitergegeben. Fragen waren jederzeit erwünscht. Etwa als ein Bursche mit einem Berlin Heart teilnahm, einer miniaturisierten Herz-Lungen-Maschine zur Überbrückung der Zeit bis zum Spenderherz, wurde diskutiert, ob die praktizierten Rhythmen der Improvisation Einfluss auf die Herzfrequenz nehmen könnten.

 

Es wurde auf die künstlerische und pädagogische Berufspraxis der Studierenden Bezug genommen. In den von ihnen gewählten Methoden, Themen und Didaktiken konnten sie so Souveränität zeigen. Damit war es möglich, sie ganze Einheiten selbst leiten zu lassen: ein kooperatives Arbeiten auf Augenhöhe. Was die Internationalität anbelangt, so konnte eine Studierende einen Song des nur ungarisch sprechenden Burschen erkennen und für die Situation aufbereiten, ein türkisch sprechender Bub hatte Freude an orientalischen Rhythmen.

 

Regelmäßig wurden die kreativen Handlungsprozesse von den Studierenden selbst untersucht. Zunächst setzten sie sich mit ihrem eigenen musikalischen und sozialen Umfeld auseinander. Es wurden Seminartagebücher geführt und Feld- und Reflexionsnotizen angefertigt. Sie bezogen sich auf Beobachtungen in dem jeweiligen Workshop. Für das kommende Semester sind Expert*innen-Interviews mit den Pädagog*innen und Wissenschafter*innen vor Ort geplant. Begonnen wurde auch mit einem videographischen Erhebungsverfahren. Angeschlossen an die Methode der Teilnehmenden Beobachtung wird dabei versucht, neben verbalen Äußerungen auch Nonverbales zu erfassen. Der Zugang zu den Patient*innen soll damit eine weitere neue Dimension erhalten.

 

Die angefertigten Reflexionen belegen die fortschreitende Souveränität der Arbeitsweise der Studierenden. Hier zeigen sich die Vertiefung und Weiterentwicklung der künstlerisch-pädagogischen Haltung. Bezeichnenderweise werden mehrere Studierende ihre Qualifizierungsarbeiten über ihre Erfahrungen auf der Station schreiben. Die Reflexionen der Klassenvorständinnen Susanne Mauss und Nadine Konrad waren weitere wichtige Komponenten für die Stundenplanungen.

 

Angeregt durch die Fachdiskussionen um das Musizieren mit heterogenen Gruppen, um Inklusion oder Community Music strebt die heutige Musikpädagog*innengeneration nach einer eine neuartige Kreativität einschließende Vielfalt des Musizierens, in der Stilistik, im Repertoire, in den Austragungsorten. Zunehmend sind Musiklehrer*innen gefragt, die über theoretisch fundierte, pädagogische und didaktisch-methodische Kenntnisse im Kontext von Inklusion, über ein reichhaltiges Handlungsrepertoire hinsichtlich der unterschiedlichen musikalischen Umgangsweisen und eines Sozialmanagements verfügen. Es geht um Verantwortung für das Gegenüber. Ebenso sollen sich musikalische und soziale Exzellenz miteinander verbinden.

 

Mit diesem Seminar soll unsere Lehre, den Anforderungen der musikpädagogischen, allgemeinpädagogischen, aber auch sozialen und medizinischen Berufsfelder entsprechend, profilorientiert weiterentwickelt werden. Aus musik- und speziell instrumentalpädagogischer Sicht ist die Erforschung von kreativen und interaktiven Musiziersituationen von Kindern und Jugendlichen im stationärem klinischen Umfeld ein wichtiges Forschungsdesiderat.

 

Aus diesem Grund ist mittelfristig der Aufbau einer professionell geführten und forschungsgeleiteten Musikwerkstatt an der Neuroonkologie der AKH-Kinder- und Jugendklinik in Kooperation von mdw und Medizinischer Universität Wien geplant. Geleitet werden könnte sie von Absolvent*innen dieser Lehrveranstaltung.

Mehrwert

Die Studierenden erwarben höchst spezialisiertes Erfahrungswissen. Dieses wird auch zur Professionalisierung des Berufsbildes beitragen.

 

Einige Studierende planen, ihre Masterarbeiten zu Themen aus dem Projekt zu verfassen, etwa welche Praktiken der Instrumentalpädagogik auf dem Feld der Neuroonkologie besonders sinnstiftend eingesetzt werden konnten. Diese werden ihre Erkenntnisse mit jenen Studierenden teilen, welche über ein Erasmus+-Projekt zu inklusiver Musik- und Kunstpädagogik im Frühjahr 2022 in Wien weilen (ALIISA, www.mdw.ac.at/imp/internationale-vernetzung/; aliisa.savonia.fi/activities/aliisa-continuing-education). Auch die Lehrenden der LTT-Woche werden anwesend sein und an der Diskussion über das Thema teilnehmen.

 

Was die Patient*innen anbelangt, so sollen hier zwei von zahlreichen Empowerment-Beispielen angeführt werden: ein Junge mit Trachealkanüle fand neue Ausdrucksformen für seine Gefühle durch verschiedenen Musikinstrumente, da er kaum sprechen kann. Ein Mädchen reaktivierte erstmals ihre verschlossene Faust wieder, um einen Schlägel zu halten. Es gab zahlreiche weitere Beispiele.

 

Auch Eltern werden dadurch unterstützt. Sie erleben ihre tätigen Kinder in neuen, positiven Situationen, was eine stärkende Sicht auf die langwierige Situation bringen kann.

Nachhaltigkeit

Ja, das Projekt wird weitergeführt, um zahlreiche Studierende an der besonderen Lehrsituation partizipieren zu lassen. Dieses höchst individuelle Musizieren kann in vielerlei Musiziersettings zur Anwendung kommen. Ein Nachfolgeprojekt ist die Musikwerkstatt. Die Lehrveranstaltung wird bleiben.

Aufwand

Durch die Einbeziehung der Kolleg*innen verschiedener Institutionen gestalteten sich bereits die Planungsvorbereitungen recht intensiv. Bei laufendem Lehrbetrieb waren neben der Lehrabhaltung die Vor- und Nachbesprechungen sowie die schriftlichen Reflexionen zeitaufwändig.

Einige Instrumente konnten aus einem Spendenfond des CCP der Medizinischen Universität Wien für die Schule angekauft werden, somit fielen keine Zusatzkosten an.

Positionierung des Lehrangebots

Masterstudium Instrumental- und Gesangspädagogik (IGP)

Links zu Social Media-Kanälen
Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2022 nominiert.
Ars Docendi
2022
Kategorie: Kooperative Lehr- und Arbeitsformen
Ansprechperson
Hennenberg, Beate, Ass.-Prof. Dr. phil. Mag. phil.
mdw - Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, IMP
+43 1 71155 3721, +43 676 9000 798
Nominierte Person(en)
Hennenberg, Beate, Ass.-Prof. Dr. phil. Mag. phil.
mdw - Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, IMP
Themenfelder
  • Curriculagestaltung
  • Lehr- und Lernkonzepte
  • Erfahrungslernen
  • Sonstiges
Fachbereiche
  • Kunst, Musik und Gestaltung