Universität Wien
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„The Crowd in History“ (Die Masse in der Geschichte)

Ziele/Motive/Ausgangslage/Problemstellung

„The Crowd in History“ ist ein Bachelor-Seminar im Institut für Geschichte an der Universität Wien, das am Verfassen einer eigenständigen schriftlichen Arbeit (Bachelorarbeit) orientiert ist. Die Studierenden kommen gegen Ende ihres Geschichts-BA in die LV, und das Lernprojekt ist als Leitfaden für die letzten Phasen dieses Studiums konzipiert. Die Lehrveranstaltung hat drei Hauptziele:

1. Menschenmassen als historische Phänomene verstehen: Indem ich die Studierenden auffordere, über Massen in der Geschichte zu lesen, zu sprechen und zu schreiben, möchte ich, dass sie ein besseres Verständnis für ein vielschichtiges Thema entwickeln, das für Politik, Religion, Nation, Geschlecht, Rasse und soziales Leben von zentraler Bedeutung bleibt.

2. Beherrschung des Handwerks der wissenschaftlichen Geschichte: Die Studierenden üben i) kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, ii) Kenntnisse über historische Quellen und über die Verwendung von Beweismitteln, iii) respektvolle, aber kritische Beherrschung der bestehenden Wissenschaft, iv) effektives Schreiben (in einer englischen Wissenschaftssprache mit internationalem Nutzen) und v) Verteidigung eines originellen Arguments. Das Endergebnis ist eine ausgefeilte Bachelorarbeit in wissenschaftlichem Englisch, auf die die Studierende stolz sein können.

3. Kritische Kollegialität praktizieren: Im Laufe eines Semesters möchte ich, dass sich ein Raum von Studierenden als Team kritischer Denker*innen versteht, die gemeinsam an verschiedenen Aspekten desselben wichtigen Themas arbeiten.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Das BA-Seminar „The Crowd in History“ konzentriert sich auf die Masse als historisches Thema (mit Fokus auf Europa, aber mit globaler Perspektive). Die Lehrveranstaltung verläuft chronologisch, von prähistorischen Jagdbänder bis zu den sozialen Netzwerken von heute, behandelt römische Gladiatorenmassen, mittelalterliche Kreuzzugsarmeen, revolutionäre Massen in Europa, die Massenpolitik totalitärer Regime des 20. Jahrhunderts, Demonstranten der Nachkriegszeit und Konzertbesucher, Bürgerrechtsproteste, und bedeutende Massentheoretiker (Seneca, Marx, Le Bon, Canetti, Rudé, Tilly). Ein Hauptziel der LV lautet, die Geschichte der vormodernen Massen aufzudecken sowie Licht in die modernen Massen zu bringen. Jede Woche konzentrieren wir uns auf ein anderes historisches Umfeld und besprechen die erforderlichen primären und sekundären Lesarten. Das Ziel dieser Lesungen ist es, den Umgang mit unterschiedlichen Arten der Wahrnehmung bzw. Analyse kollektiven Verhaltens in einem historischen Kontext zu maximieren. Die LV schließt mit einer großen Forschungsarbeit.

Das Seminar konzentriert sich auf die Entwicklung und Verfassung der semesterlangen Bachelorarbeit. Sie kann zu jedem Thema sein, das mit kollektivem Verhalten zu tun hat. Die anderen Aufgaben sollen die Studierenden auf die Forschung zu diesem Papier vorbereiten.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

This BA-Seminar examines the crowd as a historical subject (with a focus on Europe but a global purview). The course moves chronologically, from prehistoric hunting bands to present-day social networks, treating gladiatorial crowds in Rome, crusader armies in the Middle Ages, revolutionary crowds in Europe, the mass politics of twentieth-century totalitarian regimes, postwar protesters and concert-goers, civil rights protests, and important crowd theorists (Seneca, Marx, Le Bon, Canetti, Rudé, Tilly). A major aim of the course is to uncover the history of the premodern crowd as well as to shed light on modern crowds. In each week we focus on a different historical setting, discussing required primary and secondary readings. The aim of the readings is to maximize exposure to different ways of perceiving and analyzing collective behavior within a historical context. The course culminates in a major research paper.

As a seminar, this course centers on the development and writing of a term-long research paper. This can be on any subject related to collective behavior. The other assignments are designed to prepare students to research this paper.

Nähere Beschreibung des Projekts

Das beschriebene Lehrprojekt „The Crowd in History“ ist ein Bachelor-Seminar, das ich viermal an der Universität Wien angeboten habe. Ich habe es 2015 als Undergraduate Seminar an der Harvard University entwickelt und 2019 mit dem Antritt meiner Tenure-Track-Stelle an der Universität Wien nach Österreich gebracht. Diese Lehrveranstaltung verbindet meine Lehr- und Forschungsinteressen. Meine eigene Forschung befasst sich mit der Geschichte der Massen im europäischen Mittelalter. Deswegen war diese LV von Anfang an auf forschungsgeleitete Lehre ausgerichtet. Während sich meine wissenschaftliche Forschung auf die Zeit von 500 bis 1000 n. Chr. konzentriert (eine Zeit, in der es tatsächlich eher weniger Menschenmassen gab als davor oder danach), deckt diese LV die gesamte Menschheitsgeschichte ab (einschließlich der Geschichte der Hominini, da wir über Neandertaler-Fußabdrücke sprechen, die uns erlauben, das Gruppenverhalten dieser alten Verwandten zu rekonstruieren). Das Seminar fängt mit der Vorgeschichte an und endet mit den heutigen sozialen Netzwerken. Die Studierenden beginnen relativ früh im Semester mit der Entwicklung eigener Forschungsprojekte, die in eine Bachelorarbeit münden. Diese Projekte können zu jedem Thema in Bezug auf jede Art von Masse (physisch, virtuell, konzeptionell, aktiv, passiv, revolutionär, rituell usw.) in jedem historischen Umfeld sein. Über die vier Male, die ich dieses Seminar unterrichtet habe, haben die Studierende Bachelorarbeiten verfasst, die jeden Kontinent abdecken (mit Ausnahme der Antarktis, zumindest vorerst) und jeden Zeitraum von der Antike bis zur Gegenwart. Jedes Jahr ist mindestens eine Bachelorarbeit zu einem Thema, das so aktuell ist, dass es nach der letzten Version der Lehrveranstaltung selbst datiert (z.B. 2021 Wall Street Bets und Black-Lives-Matter-Protesten). Gleichzeitig gibt es aber auch viele Projekte zur antiken und mittelalterlichen Geschichte. Für mich ist das ein Segen, weil ich ständig neuen Themen in meinem größeren Forschungsgebiet ausgesetzt bin.

 

Meine Ziele in dieser LV sind wie folgt:

 

1. Menschenmassen besser verstehen: Die Studierenden sollen ein vollständigeres Verständnis für dieses vielschichtige und wichtige Thema entwickeln.

2. Beherrschung des Handwerks der Geschichte: i) kritische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen historischen Epochen, ii) Beweisanalyse, iii) respektvolles, aber kritisches Engagement mit der Wissenschaft, iv) effektives Schreiben und mündlicher Vortrag und v) Verteidigung eines originellen Arguments.

3. Kritische Kollegialität praktizieren: kritische, aber respektvolle und freudvolle Diskussion und Zusammenarbeit unter den Teilnehmern*innen.

 

Wie ich diese Ziele erreiche:

 

1. Ich sende wöchentlich E-Mails mit Anleitungen und Fragen. Ich verwende einen 1-seitigen Unterrichtsplan mit Aufforderungen und Zitaten, um die Diskussion zu führen. Oft baue ich aktuelle Ereignisse ein (Massen sind immer in den Nachrichten).

2. Die Aufgaben führen die Studierenden achtsam durch den Forschungsprozess, von der Themenfindung bis zum Verfassen einer Bachelorarbeit in spritzigem akademischem Englisch. Sie beginnen mit niedrigen Einsätzen (3-4 „Themen-Brainstormings“) und werden allmählich anspruchsvoller. Jeder erhält detaillierte schriftliche Richtlinien. Zu jeder Aufgabe gebe ich detailliertes schriftliches Feedback.

3. Strenge Diskussionen und Peer-to-Peer-Feedback ermöglichen es meinen Studierenden, die Arbeit der anderen kennenzulernen und sich als Historiker*innen respektvoll miteinander auseinanderzusetzen.

 

Das LV bietet eine fokussierte Lernerfahrung. Die maximale Teilnehmer*innenanzahl ist 25. Normalerweise liegt die Zahl zwischen 15 und 25. Wir bewegen uns chronologisch. Die Lektüre umfasst archäologisch nachweisbares prähistorisches kollektives Verhalten, römische Gladiatorenmassen, Kreuzfahrerarmeen, frühneuzeitliche Unruhen, totalitäre Kundgebungen, Nachkriegsproteste, und virtuelle Massen. Nebenbei lesen wir Massentheorie (Seneca, Marx, Le Bon, Canetti, Tilly) und Klassiker*innen der Geschichtsschreibung (Davis, Rudé, Thompson). Die Treffen beinhalten eine eingehende Diskussion der Lektüre und Peer-to-Peer-Feedback zu den eigenen Arbeiten der Studierenden. Die Aufgaben (Brainstorming, Bibliografie, Entwurfsarbeit, mündliche Präsentationen) sollen die Studierenden Schritt für Schritt zu einer erfolgreichen Abschlussarbeit führen.

 

Für die Studierenden ist der Lauf dieser LV als eine Art Metamorphose konzipiert. Die Teilnehmer*innen beginnen als relativ fortgeschrittene BA-Studierende in der Geschichte und enden als, wie ich sage, „echte Historiker*innen“. Sie sind am Anfang ein Raum (oder Zoom-Raum, je nachdem) von Studierenden, die meistens zu mir als „Autorität“ blicken. Sie enden, im Idealfall, als Wissenschaftler*innen, die gemeinsam an einem gemeinsamen Thema arbeiten. Für mich bedeutet dies eine subtile pädagogische Verwandlung. Wenn ich zu Beginn des Semesters Kommentare zu die Projekt-Brainstorms gebe („Geben Sie mir drei bis fünf Beispielprojektideen mit kurzen Bibliographien“), ist mein Kommentar der des LV-Leiters für Studierende. Am Ende, wenn ich ihre Entwürfe kommentiere, antworte ich, wie ich es mit Kolleg*inen tun würde.

 

Die Aufgaben sind daher darauf ausgerichtet, diese Transformation zu unterstützen. Wir beginnen mit niedrigen Einsätzen und enden schrittweise mit dem Hauptprojekt. Konkret bedeutet dies die folgende Rubrik:

 

1. Partizipation (25 %) - Partizipation beinhaltet die Anwesenheit und Pünktlichkeit bei den wöchentlichen Meetings, das Erscheinen in den Sprechstunden, um die Arbeit zu besprechen, Feedback zur Arbeit der Kommiliton*innen und das Halten von 5-7-minütigen, mündlichen Forschungsreferaten. Wir diskutieren jede Woche Artikel und Primärquellen, die sich mit der Masse in der Geschichte befassen. Ich neige dazu, die Lesarten und Einstellungen von Jahr zu Jahr zu ändern, aber ich behalte immer bestimmte historiographisch bedeutsame Lesarten (Natalie Davis, E. P. Thompson) im Lehrplan. Die Diskussionen sind breit gefächert und offen. Ich zirkuliere einige Ideen und große Fragen in einer wöchentlichen E-Mail vorab, aber es ist die Pflicht der Studierenden, diesen Lesarten Ideen und kritische Aufmerksamkeit zu schenken.

 

2. Forschungsaufträge (25%) - Zwei Forschungsaufträge sollen Studierenden helfen, über ihre Bachelorarbeit nachzudenken:

 

I. Themenfindung. Schon zu Beginn des Studiums machen sich die Studierenden Gedanken über ihre Forschungsthemen. Der erste Schritt ist eine Aufgabe, bei der sie basierend auf ihren Interessen 3-5 mögliche Ideen für ein Projekt zum Thema Menschenmassen sammeln. Dies gibt mir die Möglichkeit, ihnen zu sagen, ob ihre Themen zu weit gefasst sind (was normalerweise der Fall ist). Das gibt den Studierenden die Möglichkeit, über Interessensgebiete nachzudenken und sich mit ihrem Thema wohl zu fühlen.

 

II. Bibliographischer Essay und Bibliographie. Ein ein- bis dreiseitiger bibliografischer Aufsatz ermutigt die Studierenden, die wichtigsten historiografischen bzw. theoretischen Ansätze zu ihrem Forschungsthema zu recherchieren und zu beschreiben sowie methodologische Ansätze zu der Masse, die sie untersuchen, kombiniert mit einer Bibliografie von nicht weniger als 15 Einträgen in richtigen Stil, zu finden.

 

3. Abschlussarbeit (50%) - Die Bachelorarbeit ist eine Arbeit von 20-30 Seiten zu einem Thema nach Wahl der Studierenden. Die Arbeit kann sich auf jedes Thema konzentrieren, solange sich die Studierenden substanziell mit in der LV diskutierten historiographischen Zugängen oder Quellen auseinandersetzen. Das Herzstück dieser Arbeit ist eine Thesenaussage (ein interpretatives Argument), die sie verteidigen und der Gruppe in 5-7-minütigen Präsentationen präsentieren. Es gibt zwei vorbereitende Aufgaben darauf:

 

I. Outline. Eine detaillierte Gliederung, die die Thesenaussage zum Ausdruck bringt und die Struktur ihrer Arbeit vorwegnimmt. (Obwohl es in Ordnung ist, wenn sich dies ändert)

 

II. Grober Entwurf. Ein erster Entwurf der Bachelorarbeit, mindestens 15 Seiten. Die Idee ist, ein großes Stück Arbeit zu haben, das ich kommentieren kann.

 

Diese Aufgaben und die Vorbereitung der Diskussion sind die Aufgabe der Studierenden. Meine Aufgabe ist es, Orientierung zu geben. Aus diesem Grund biete ich von Anfang bis Ende viel schriftliches und mündliches Feedback. Ich ermutige meine Studierenden, an den Sprechstunden teilzunehmen (und jeder muss zu mindestens einer kommen), um ihre Arbeit zu besprechen. Ich gebe für jede Aufgabe schriftliches Feedback zur Angemessenheit des Themas, der Verwendung von Beweisen, der Argumentation sowie zu Themen wie Zitation, Struktur und guter englischer Stil. 

Mehrwert

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Nachhaltigkeit

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Positionierung des Lehrangebots

Bachelor-Seminar im Institut für Geschichte an der Universität Wien: prüfungsimmanente Lehrveranstaltung. Darin üben die Studierenden das Verfassen einer eigenständigen schriftlichen Bachelorarbeit (20–25 S.), in diesem Fall auf Englisch. Regelmäßige Teilnahme und schriftliche Übungen im Vorfeld der Bachelorarbeit sind die Leistungskriterien.

Links zum Projekt
Links zu der/den Projektmitarbeiter/innen
Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2022 nominiert.
Ars Docendi
2022
Kategorie: Forschungsbezogene bzw. kunstgeleitete Lehre
Hochschullehrpreis 2020
Kategorie: Lehren & Prüfen – gut aufeinander abgestimmt
Link zum Hochschulpreis
Ansprechperson
Shane Bobrycki, PhD
Institut für Geschichte, Universität Wien
+43-1-4277-27259
Nominierte Person(en)
Shane Bobrycki, PhD
Institut für Geschichte, Universität Wien
Themenfelder
  • Lehr- und Lernkonzepte
  • Rund ums Prüfen
  • Wissenschaftliche (Abschluss)Arbeiten
Fachbereiche
  • Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften