Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Innrain 52, 6020 Innsbruck
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Seminar: Spezielle Kommunikations- und Handlungskompetenzen 2: Z'haus in Tirol?!

Ziele/Motive/Ausgangslage

Das Seminar ist in einem Modul angesiedelt, in dem eine intensive Auseinandersetzung mit praxisrelevanten Inhalten pädagogischer Professionalisierung stattfinden kann. Die bis dahin studierten Module hatten sowohl Grundlagen pädagogischen Denken und Handelns zu Thema als auch gesellschaftstheoretische Betrachtungen. Nun stehen die Anforderungen an Pädagogik und Erziehungswissenschaft seitens spezifischer Institutionen im Zentrum. Die Studierenden sind damit aufgefordert, aus einer (theoretischen) fachlichen Perspektive herauszutreten und diese mit den Anforderungen (pädagogischer) Institutionen in ein Verhältnis zu setzen, wobei insbesondere handlungstheoretische Vertiefungen leitend sind.

Das Seminar „Z’haus in Tirol?!“ setzt hier an und fordert die Studierenden auf, bisheriges (theoriegeleitetes) Wissen mit der eigenen (alltäglichen) Erfahrung des Lebens in Tirol zu verknüpfen sowie vor diesem Hintergrund Erfahrungen lokaler Gegebenheiten für Mitstudierende zu planen. Die Studierenden werden aufgefordert, ausgewählte Orte in Innsbruck und Tirol (Landeck) als Erfahrungsraum anderen zugänglich zu machen und auf ihren bildungswissenschaftlichen Gehalt zu befragen. Dafür planen sie in Gruppen eine Führung durch die Stadt, die an einem ausgewählten historischen oder pädagogischen Ort endet. Der Weg durch die Stadt dient der Raumerfahrung in besonderer Weise, denn bekannte, alltägliche Wege werden durch die Führung befremdet: es werden Aufmerksamkeiten geschaffen für Weggestaltung, städtebauliche Entwicklungen und Grenzräume des Alltags in der Stadt. Die ausgewählten Zielpunkte sind Räume in Innsbruck bzw. Landeck die erinnerungskulturell für Tirol besonders bedeutsam sind.

Das Ziel der Stadtführungen, der Befremdung des Eigenen und der Planung von Bildungsmomenten besteht darin, dass die Studierenden am Ende des Seminars in der Lage sind, einen Platz oder einen Stadtteil Innsbrucks zu „lesen“ und diesen vor dem Hintergrund seiner historischen und soziokulturellen Bedeutung Anderen als Erfahrungsraum nahe zu bringen. Sowohl in der theoretischen Auseinandersetzung wie auch in der praktischen Umsetzung nehmen die Studierenden auf erinnerungskulturelle, museologische und bildtheoretische Konzepte Bezug, die für künftige Berufspraxen in ausgewählten pädagogischen Feldern grundlegend sind.

Als Ausgangslage für den Beginn der seminaristische Lehrveranstaltung dienen folgende Fragen: Was macht die Stadt aus? Welche Geschichte hat die Stadt und welche findet sich in der Stadt? Wie spiegelt der Stadtraum Innsbrucks und Tirols bewegte Geschichte wider? Welche bildenden Möglichkeiten bietet der Innsbrucker Stadtraum? Wie werden Erinnerungsorte gestaltet? Welche Mittel, Gegenstände und (räumliche) Anordnungsweisen kommen dabei zum Einsatz?

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Fremdheit und Befremdung sind die zentralen Dimensionen in diesem Seminarprojekt. Vor dem Hintergrund wissenschaftlichen Wissens und alltäglicher Erfahrungen geht es darum, einen (un-) bekannten Ort in Innsbruck in seiner Bedeutung zu erkunden und diesen auf seinen bildungswissenschaftlichen Gehalt hin zu untersuchen. Die Studierenden werden aufgefordert, sich Bekanntes neu anzuschauen und vor dem Hintergrund einer Befremdung des Eigenen Aneignungsmöglichkeiten für andere zu planen. Sie müssen also das eigene Involviertsein in alltäglichen Umgang sowohl im Stadtraum wie auch in der Universität reflektieren und aufgrund dessen neue Handlungsentwürfe für Erfahrungen und Lernen planen. Von der Lehrveranstaltungsleitung werden sie zudem aufgefordert, historische und erinnerungskulturelle Dimensionen zu erarbeiten, museologische und museumspädagogische Anleihen zu nehmen sowie erfahrungsbasierte und handlungstheoretische Konzepte zu nutzen. Die Studierenden planen damit Bildungsangebote im Stadtraum, die auf die enge Verwobenheit von pädagogischen Angeboten mit sozialen, historischen und kulturellen Gegebenheiten verweisen. Neben der praxisreflektierenden Ebene des Seminars im Zusammenhang mit den Stadtführungen wird auch interdisziplinäres und transdisziplinäres Denken und Arbeiten in der Wissenschaft gefordert.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

Foreignness and alienation are the central dimensions in this seminar project. Against the background of academic knowledge and everyday experiences, the aim is to explore the significance of a (un)familiar place in Innsbruck and examine its educational potential. The students alienate themself from taken-for-granted knowledge and reflect new insights and associations to plan possibilities of appropriation for others. Therefore, they must reflect on their involvement in everyday interactions both in the urban space/everyday life and in the university and, based on this, plan new action designs for experiences and learning. They are also asked by the course director to work out historical and memory-cultural dimensions, borrow from museology and museum education, and use experience-based and action-theoretical concepts. The students thus plan educational offers in urban space that refer to the close interweaving of educational offers with social, historical and cultural conditions. In addition to the practice-reflective level of the seminar in connection with the city tours, interdisciplinary and transdisciplinary thinking and working in academia is also required.

Nähere Beschreibung des Projekts

Der Inhalt des Seminarprojekts besteht darin, dass die Student*innen eine Ort innerhalb der Stadt wählen, dem eine historische und/oder symbolische Bedeutung für die Geschichte und die Erinnerung der Stadt Innsbruck bzw. des Landes Tirol zukommt. Der Schwerpunkt sollte dabei auf einerseits „identitätsstiftende“ Orte gelegt werden (beispielsweise dem Bergisel als symbolischer bzw. mythenstiftender Ort rund um die schillernde, historische Figur des Andreas Hofer) und andererseits auf Orte, die an Gewalttaten insbesondere aus der Zeit des Nationalsozialismus erinnern und im Anschluss an A. Assmann als „traumatische Orte“ bezeichnet werden können. Die Aufgabe für die Studierenden besteht darin (mittels Unterstützung durch die Lehrveranstaltungsleiter*innen hinsichtlich Fachliteratur) selbst „den Weg“ zu arbeiten, an dessen Ende der Erinnerungsort als Ziel liegt. Ausgangspunkt war stets das Gebäude des Instituts für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung, selbst ein Ort der Erinnerung: erstes Arbeitsamt der Stadt und Ort der Verteilung von Zwangsarbeiter*innen während des Nationalsozialismus. In der Umsetzung stellen die Studierenden eine Route durch die Stadt zusammen und entlang welcher auf bedeutende Stationen im Zusammenhang mit dem Zielort eingegangen wird. Die planende Gruppe weist mit ihren Darstellungen und Erklärungen der gewählten Stationen auf die historischen und kulturellen Aspekte des Erinnerungszielortes hin und bringt damit den anderen Studierenden sukzessive die Bedeutung des Ortes näher. Während dieses Route wird immer wieder auf die zu Beginn des Seminars erarbeitete theoretische Grundlage Bezug genommen: Erinnern wir als individueller und kollektiver Prozess sichtbar, der aus der Gegenwart und durchaus situativ eine Deutung der Vergangenheit hervorbringt.

In der Vorbereitung der Gruppenarbeiten (Stadtführungen) setzen sich die Studierende intensiv mit „klassischen“ Texten zu Erinnerung und Erinnerungskultur auseinander und gewinnen Einblicke in museales Verstehen von Erinnern. Sie gewinnen damit einen Überblick über den Zusammenhang von individuellem und kollektivem Erinnern und erkennen „identitäts- und gemeinschaftsstiftende“ Elemente der Erinnerung im öffentlichen Raum. Dies reicht von einer Reflexion über den eigenen Erfahrungsraum in der Familie oder Ortsgemeinschaft, über schulische Vermittlung bis zum gegenwärtigen Alltag im öffentlichen Raum. Die Studierenden blicken so auch auf ihre unterschiedlichen Rollen an den genannten Orten und werden angeregt, die jeweiligen Potentiale und Grenzen für sich selbst neu zu denken. Damit wird lehnt sich die Arbeit im Seminar an eine Aufgabe der Pädagogik nach Mollenhauer an: das Erinnern daran was auch möglich gewesen wäre. Aufwachsen und Alltag werden ebenso wie schulische Vermittlung als eine Möglichkeit erkannt, deren pädagogische Legitimation aufgrund gegebener Bedingungen für Möglichkeiten gegründet ist. Der Blick auf die Formierung kollektiver Erinnerung verweist auf Potentiale und Grenzen individueller Bildungsprozesse und deren Bedingungen – ein Moment, dass in pädagogischer Theoriebildung häufig zu kurz kommt. Die Verknüpfung mit psycho-sozialen Denkweisen bindet die Studierenden zugleich zurück an individuelles Erleben, das nicht immer rationalisiert werden kann.

Erinnern wird vor dem Hintergrund der gemeinsamen Lektüren zu einem erfahrungsbasierten Erlebnisraum und zugleich zu einem Querschnittthema wissenschaftlicher Auseinandersetzung. Die Rückbindung an den Stadtraum bzw. an das Land Tirol ver-ortet die Studierenden nun in besonderer Weise: Die vielfältigen individuellen Herkünfte müssen angesichts eines geteilten Raumes (Weg der Stadtführung) reflektiert werden. So entsteht ein gemeinsamer Stadt-Erfahrungsraum, der bisher möglicherweise unbeachtete Orte einer Reflexion unterzieht mit dem Ziel, die Frage nach der Bedeutung des Vergangen im Gegenwärtigen zu beantworten, um damit die Erinnerung in einem pädagogischen Sinne lebendig werden zu lassen. Anders als durch reine Lektüre wird die Erinnerung an vergangene Ereignisse und ihre Bedeutung für die Wahrnehmung und Erkenntnis des Jetzt erfahren und in seiner räumlichen Dimension (spatial turn) gesehen. Am Ende der Lehrveranstaltung werden die gemeinsam „ergangenen“ Erkenntnisse zusammengetragen, reflektiert und mit Blick für die schriftlichen Abschlussarbeiten der Studierenden aufbereitet.

Eine Besonderheit dieses Seminars ist die Institutsübergreifende Zusammenarbeit der Lehrenden: beide beschäftigen sich in ihrer Forschung mit Erinnerungen und Erinnerungskultur, allerdings mit unterschiedlichen Zugängen und disziplinären Herkünften (Politikwissenschaft und Erziehungswissenschaft/Europäische Ethnologie). Die ausgewählten Lektüren im Seminar werden entsprechend in ihren unterschiedlichen Dimensionen mit den Studierenden erarbeitet. Dieses Arbeiten ermöglicht es den Studierenden, die Erziehungswissenschaft in ihren engen Bezügen zu anderen Wissenschaften zu sehen und pädagogisches Handeln bzw. pädagogische Professionalität als vieldimensionales Geschehen zu verstehen. Im Seminar werden kollektivierende soziale und politische Prozesse in den Blick genommen, deren spezifische Historizität und Gegenwart pädagogische und psycho-soziales Handeln rahmt. Darüber hinaus wird insbesondere auf das Verhältnis von Individuum und Sozialität Rücksicht genommen, was am Beispiel des Erinnerns und Tradierens besonders gut verdeutlicht werden kann. Die Studierenden werden zudem aufgefordert „gesellschaftliche Gegebenheiten“ in ihrer Beschaffenheit und historischen Entwicklung in verschiedensten Dimensionen zu verstehen. So wird neben individuellem auch das gesellschaftliche Potential von Pädagogik bzw. erzieherischem Handeln sichtbar. Die Zusammenarbeit der Lehrenden zwischen den Instituten unterstreicht, dass pädagogische Professionalität sich zwischen einschlägigen diversen professionellen Kommunikationsformen und theoretischem Entwurf von Mensch und Welt konstituiert.

 

Mehrwert

Ein Mehrwert des Projektes ist sicherlich die gute Verknüpfung von theoretischem un dpraktischem Arbeiten. Die Studierenden müssen sich theoretisch verorten und zugleich andere im Blick behalten, weil für sie praktische Angebote geschaffen werden. In Hinblick auf den Arbeitsmarkt ist das ein deutlicher Mehrwert des Seminars.

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Wir gehen davon aus, dass dieses Konzept auf andere Lehrveranstaltungen übertragbar ist. Den Schwerpunkt, den wir gesetzt haben, liegt im Bereich identitätsstiftende Orte einerseits, Orte der Erinnerung an Gewalt und Trauma andererseits. Jedoch könnten auch andere Orte pädagogischer Handlungsfelder in den Blick genommen werden: Zu denken wäre an eine vertiefende Auseinandersetzung mit Museen und Ausstellungen ebenso wie an konkrete Orte pädagogischen Handelns wie Einrichtungen für Kinder oder Jugendliche. Auch hier wäre die Kombination aus theoretischer Auseinandersetzung und Besuch der Einrichtung von hohem Interesse. Wobei wir betonen möchten, dass insbesondere der Weg zum Erinnerungsort sich als eigentlich erkenntnisreich gezeigt hat, denn erst damit konnte die Gegenwart der Studierenden – ein Gebäude mit der oben erwähnten Geschichte als ihrem aktuellen Lernort – mit der Vergangenheit der Stadt verbunden werden. Das Konzept wird längerfristig eingesetzt und – nicht zuletzt aufgrund des Feedbacks durch die Studierenden und die Erfahrung der Lehrenden – weiterentwickelt.

Aufwand

Der Aufwand für das Seminar-Projekt war nicht wesentlich höher und hat aufgrund des Gratis-Zutritts in den Museen auch keine Kosten verursacht.

Positionierung des Lehrangebots

Es handelt sich um ein Seminar im Bachelorstudium der Erziehungswissenschaft im Schwerpunktbereich „Kommunikations- und Handlungskompetenzen“ (laut Studienplan im 5. Semester) an der Fakultät für Bildungswissenschaft (bestehend aus dem Institut für Erziehungswissenschaft und dem Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung). Das Modul, in dem dieses SE angesiedelt ist, dient der Vertiefung folgender Themenbereiche: Eingebettet in Fragen nach Intentionen und Konsequenzen des Handelns von Individuen und Gruppen in Organisationen und dem Verhältnis von Bildung und Politik zielt das Modul auf die Problematik „pädagogische Professionalität“ im Zusammenhang mit psychosozialen Interventionsformen (dies umfasst Beratungsformate ebenso wie Vertiefungen hinsichtlich politischer Sozialisation). Dieses Modul dient zudem als Vorbereitung auf das Seminar zur Abfassung der Bachelorarbeit und damit auf den Abschluss des Bachelorstudiums.

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2022 nominiert.
Ars Docendi
2022
Kategorie: Forschungsbezogene bzw. kunstgeleitete Lehre
Ansprechperson
Sabine Krause, Univ.-Prof. Dr.
Institut für Erziehungswissenschaft
0512 507 40031
Nominierte Person(en)
Sabine Krause, Univ.-Prof. Dr.
Institut für Erziehungswissenschaft
Hermann Mitterhofer, assoz. Prof. Dr.
Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung
Themenfelder
  • Didaktische Methode
  • Erfahrungslernen
Fachbereiche
  • Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften