Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Innrain 52, 6020 Innsbruck
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Nuklearwaffen und internationale Ordnung: Ein multi-perspektivischer Zugang

Ziele/Motive/Ausgangslage

Die Erforschung und Nutzung der Kernenergie wurde von Beginn an von einer Debatte über die Möglichkeiten und Risiken dieser Energieform sowie über die Notwendigkeit und Gestalt einer politischer Ordnung zu ihrer Kontrolle begleitet. Ein zentrales Wesensmerkmal dieser Debatte ist ihre Multi-Perspektivität – die Herausforderungen der Kernenergie und ihrer Kontrolle wurden und werden stets aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. So haben sich eine Reihe von wissenschaftlichen Disziplinen wie die Physik, die Politikwissenschaft, die Geschichtswissenschaft oder die Anthropologie mit diesem Thema auseinandergesetzt, aber gleichzeitig auch Kulturschaffende, Praktiker*innen aus Politik und Diplomatie und nicht zuletzt Betroffene, die von den Langzeitfolgen der zivilen und militärischen Nutzung der Kernenergie betroffen sind. Die historische Entwicklung der internationalen Ordnung zu Kontrolle der Kernenergie hat gezeigt, dass die Kenntnis unterschiedlicher Perspektiven und deren Integration ein wichtige Impulsgeber für die Weiterentwicklung dieser Ordnung sind.

 

Dies Lehrveranstaltung verfolgt drei übergeordnete Ziele:

1) Sie soll die Studierenden an verschiedene Perspektiven auf den Gegenstand heranführen und sie zur kritischen Reflexion und Integration dieser Perspektiven anleiten.

2) Sie soll es den Studierenden ermöglichen, diese Perspektiven für die Lösung wissenschaftlicher und praktischer Probleme anzuwenden.

3) Sie soll insgesamt das Bewusstsein der Studierenden für die Relevanz des Gegenstands stärken. Dass dies wichtig ist, zeigen die derzeitige Debatte über die Zertifizierung der Kernenergie als „grüne Energie“, die Erosion der nuklearen Rüstungskontrolle zwischen den USA und Russland und nicht zuletzt die zunehmende Wahrscheinlichkeit eines Einsatzes von Nuklearwaffen.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Die Lehrveranstaltung beschäftigt sich mit der internationalen Ordnung zur Kontrolle der Kernenergie. Sie ist hierbei bestrebt, die Studierenden mit verschiedenen wissenschaftlichen, kulturellen und praktischen Perspektiven auf diesen Gegenstand vertraut zu machen, ihnen die Anwendung verschiedener Perspektiven zur Lösung wissenschaftlicher und praktischer Problemen zu ermöglichen und ihr Bewusstsein für die Relevanz des Themas zu erhöhen. Um dies zu ermöglichen, kombiniert die Lehrveranstaltung vier didaktische Elemente: i) flipped classrooms mit selbst erstellten Webcasts und anschließenden Diskussionen in Präsenzeinheiten bieten einen Einstieg in einzelne Themenbereiche, ii) weiterführende Ressourcen (Bücher, Filme, wissenschaftliche Beiträge, Podcasts) eröffnen zusätzliche Perspektiven, iii) Projekte zu wissenschaftlichen und praktischen Problem ermöglichen die Anwendung und Vertiefung des Wissens, iv) ein von den Studierenden zu führendes Portfolio dient der Reflexion über das angeeignete Wissen und den Prozess der Wissensaneignung.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

This course addresses the international order for the control of nuclear energy. It seeks to introduce students to different scientific, cultural, and practical perspectives on this topic, to enable them to use these perspectives for addressing scientific and practical problems, as well as to raise their awareness regarding the relevance of the topic. To do so, the course combines four didactic elements: i) flipped classrooms with self-created webcasts and follow-up, in-class discussions introduce students to the different perspectives, ii) additional material (books, movies, academic literature, podcasts) open-up additional perspectives, iii) projects on scientific and practical problems allow students to apply and deepen their knowledge, iv) a learning portfolio enables students to reflect on the knowledge that they have developed throughout the course as well as on the process of building knowledge.

Nähere Beschreibung des Projekts

Die Erforschung und Nutzung der Nuklearenergie wird seit ihren Anfängen von einer Debatte über die Notwendigkeit, Möglichkeit und Gestalt politischer Ordnungen zu ihrer Kontrolle begleitet. So führte bereits die beginnende Erforschung der Radioaktivität am Ende des 19. Jahrhunderts zu einer intensiven Auseinandersetzung über die Frage, ob und wie diese neue Energieform zum Wohle der Menschheit genutzt und gleichzeitig zu ihrem Schutz kontrolliert werden könne. Ein prominentes Beispiel für dieses frühe Nachdenken über die Kontrolle der Kernenergie ist die im Jahr 1914 erschienene Novelle "The Last War: A World Set Free", in der ihr Autor H.G. Wells bereits eine weltpolitische (Neu)Ordnung in Form eines Weltstaates auf den Trümmern eines globalen Nuklearkriegs beschreibt. Diese Debatte wurde durch die Zerstörung Hiroshimas und Nagasakis wiederbelebt und erheblich beschleunigt. Neben politischen Entscheidungsträger*innen waren es vor allem Naturwissenschaftler*innen, Sozialwissenschaftler*innen und Philosoph*innen, die sich über nationale, inter- und supranationale Ordnungsformen austauschten. In der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart richtet(e) sich diese Debatte schließlich vor allem auf die Effektivität und Gerechtigkeit der bestehenden, internationalen Ordnung sowie auf die (Un)möglichkeit ihrer Transformation.

 

Die Lehrveranstaltung (VU, Vorlesung-Übung im Umfang von 7,5 ECTS, BA Politikwissenschaft) beschäftigt sich mit dieser internationalen Ordnung zur Kontrolle der Kernenergie und hat sich dabei drei Ziel gesetzt. Erstens soll sie die Studierenden an wissenschaftliche, kulturelle und praktische Perspektiven auf die Nutzung von Nuklearenergie und ihrer politische Kontrolle heranführen und zum kritischen Nachdenken über diese Perspektiven anregen. Zweitens soll sie es den Studierenden ermöglichen, diese Perspektiven zur Lösung von wissenschaftlichen und praktischen Problemen zu verwenden. Drittens soll sie das Bewusstsein der Studierenden für die Relevanz des Gegenstands stärken.

 

Um diese Ziele zu erreichen, untergliedert sich die Lehrveranstaltung in zwei Phasen, die jeweils die Hälfte eines Semester umfassen: eine Vorlesungsphase, in der die Studierenden an den Gegenstand und die verschiedenen Perspektiven auf diesen herangeführt werden, und eine Projektphase, in der die Studierenden an Problemstellungen aus der Wissenschaft und der politischen Praxis arbeiten.

 

Am Beginn der Vorlesungsphase stehen vier erkenntnisleitende Fragen, die den Studierenden als roter Faden dienen und damit die Orientierung in der Thematik erleichtern sollen: 1) Warum sollten wir uns mit diesem Thema beschäftigen? 2) Was ist politische Ordnung? 3) Warum existiert eine (internationale) politische Ordnung zur Kontrolle der Kernenergie? 4) Wie ist die internationale Ordnung zur Kontrolle der Kernenergie beschaffen?

 

Bei der Behandlung dieser Fragen kommen drei didaktische Elemente zum Einsatz: i) flipped classrooms, ii) weiterführende Ressourcen und iii) ein Portfolio. Die flipped classrooms umfassen 11 selbst erstellte Webcasts (mp4-Format, erstellt in Camtasia, insgesamt 5h 30 min), die den Studierenden auf der Lernplattform OLAT (lms.uibk.ac.at) zur Verfügung stehen. In diesen Webcasts erhalten die Studierenden einen ersten, strukturierten Überblick über die einzelnen Themenbereiche der Lehrveranstaltung. Zusätzlich zu den Webcasts müssen die Studierenden wöchentlich Pflichtliteratur lesen. Diese dient der Vertiefung und Erweiterung der Webcasts und schult die Studierenden in der Beschäftigung mit (überwiegend Englischsprachiger) wissenschaftlicher Literatur.

 

Die Inhalte der Webcasts und der Pflichtliteratur werden danach in Präsenzeinheiten zu je 45 Minuten nachbereitet. Diese Einheiten werden genutzt, um Fragen der Studierenden zu den Webcasts und der Literatur zu beantworten, Bezüge zu anderen Bereichen des Themas herzustellen und das jeweilige Thema kritisch zu reflektieren.

 

Nach den Präsenzeinheiten stehen den Studierenden weiterführend Ressourcen auf der Lernplattform OLAT und vor allem auf dem Lehrveranstaltungsplan zur Verfügung. Hierbei wurde darauf geachtet, ein möglichst großes Spektrum an Perspektiven und Medien von wissenschaftlichen Quellen über Dokumentationen, Spielfilme, Podcasts, eLearning Ressourcen und Web-Applikationen bis zu Romanen abzudecken. Die Studierenden werden dabei angehalten, sich nach eigenem Interesse mit diesen weiterführenden Ressourcen zu beschäftigen.

 

In einem Lernportfolio reflektieren die Studierenden über ihr Wissen und den Prozess der Wissensaneignung. Da die allermeisten Studierenden keine Erfahrung mit dieser Methode haben, erhalten sie am Beginn der Lehrveranstaltung einen Leitfaden für die Gestaltung eines Portfolios, der den Erwartungshorizont absteckt. Dieser Leitfaden beschreibt, was ein Portfolio ist, und wie es funktioniert. Bei ihren Einträgen können sich die Studierenden an mehreren Leitfragen orientieren: Welche Inhalte habe ich gelernt? Was habe ich noch nicht ausreichend verstanden? Wo/wie habe ich mich über die Pflichtinhalte (Webcasts, Literatur) hinausbewegt? Worüber möchte ich mehr erfahren? Was hat mich überrascht, erschüttert, berührt, ...? Welche neuen Fertigkeiten konnte ich lernen? Wie kann ich die Inhalte und/oder Fertigkeiten jenseits der Lehrveranstaltung/des Studiums zur Anwendung bringen?

 

Dieses Portfolio ermöglicht es der Lehrveranstaltungsleitung nachzuvollziehen, ob und inwieweit sich die Studierenden mit den Inhalten der Lehrveranstaltung auseinandergesetzt haben und zum eigenständigen Nachdenken angeregt wurden.

 

Am Beginn der Projektphase werden den Studierenden Problemstellungen für Projektarbeiten vorgestellt, in denen das erlernte Wissen durch Anwendung gefestigt und erweitert werden soll. Entsprechend ihrer Vorkenntnisse, Interessen und/oder Karrierepläne können die Studierenden aus Problemstellungen in drei Bereichen auswählen: 1) eine wissenschaftliche Problemstellung (z.B. Warum haben Staaten nuklearwaffenfreie Zonen gebildet?), 2) eine Problemstellung im Bereich der public policy (z.B. Wie kann der Prozess der Rüstungskontrolle zwischen den USA und Russland gestärkt werden?), und schließlich 3) eine Problemstellung im Bereich der Zivilgesellschaft (z.B. Wie kann das Engagement der österreichischen Bevölkerung für nukleare Abrüstung gestärkt werden?).

 

Die Arbeit an den Projekten vollzieht sich in Arbeitsgruppen (3-4 Personen) und über mehrere Feedback-Runden. Diese finden zunächst ausschließlich zwischen der Gruppe und der Lehrveranstaltungsleitung statt, um das Wesen des jeweiligen Problems und Möglichkeiten seiner (wissenschaftlichen oder politischen) Lösung zu diskutieren. In den letzten beiden Einheiten der Lehrveranstaltung wird schließlich der jeweilige Zwischenstand der Projektarbeit vorgestellt und diskutiert. Um die Diskussion zu starten, muss sich jeweils eine nicht präsentierende Gruppe mit Fragen zum Entwurf auf den Termin vorbereiten. Diese Mini-Konferenzen führen schließlich dazu, dass die Studierenden sich nicht nur mit dem eigenen Projekt sondern auch mit den Projekten und Perspektiven anderer Gruppen auseinandersetzen.

 

Durch die mehrfachen Zyklen des Feedback und der Überarbeitung sollen die Studierenden ihre Fertigkeit im Bereich des argumentativen Schreibens und der kritischen Reflexion über dieses ausbauen. Die Erfahrungen mit der Projektarbeit werden von den Studierenden ebenfalls in ihren Portfolios dokumentiert.

 

Für die Leistungsbeurteilung werden schließlich die Qualität des Portfolios und die Qualität der Projektarbeit herangezogen.

Mehrwert

Die Lehrveranstaltung hat in vierfacher Hinsicht einen Mehrwert:

 

1) Da die Webcasts der Vorlesungsphase wiederholt eingesetzt werden können, ergibt sich aus der Lehrveranstaltung mittel- bis längerfristig eine Zeitersparnis für den Lehrenden.

 

2) Während die Vorlesungsphase hinsichtlich ihrer Struktur und der didaktischen Instrumente relativ statisch ist (wobei die Webcasts im Anlassfall überarbeitet werden und die Pflichtliteratur laufend ergänzt wird), kann die Projektphase flexibel gestaltet werden. Dies ermöglicht es dem Lehrveranstaltungsleiter zu variieren und damit auch auf aktuelle politische Entwicklungen zu reagieren sowie mit neuen didaktischen Methoden zu experimentieren (siehe hierzu auch den Abschnitt „Nachhaltigkeit“).

 

3) Aus dem flipped classroom und den Projektarbeiten ergibt sich für die Studierenden ein höheres Maß an zeitlicher Flexibilität. Zudem wird die (verringerte) Zeit der Anwesenheit in der Lehrveranstaltung für intensive Diskussion und Reflexion der Inhalte genutzt.

 

4) Die Projektphase mit ihren unterschiedliche Problemstellungen ermöglicht es den Studierenden, ihre jeweiligen Fähigkeiten und Interessen zu konsolidieren und sich damit besser auf zukünftige Karrierewege vorzubereiten. So können sich sowohl Studierenden mit einem Interesse an weiterer akademischer Ausbildung als auch Studierende mit einem Interesse für die politische und zivilgesellschaftliche Praxis von diesem Teil der Lehrveranstaltung profitieren.

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Die Lehrveranstaltung und das ihr zugrunde liegende Konzept soll in den nächsten Jahren weiterentwickelt werden. Hierbei sind zwei Entwicklungsrichtungen angedacht:

 

1) Die schrittweise Umstellung der Webcasts auf englische Sprache, um die Lehrveranstaltung auch jenseits von Österreich (online) anwendbar zu machen.

 

2) Vor allem soll aber in den nächsten Jahr mit der Projektphase experimentiert werden. Nach den genannten Problemstellungen aus dem Bereich der Wissenschaft, der public policy und der Zivilgesellschaft soll in dieser Phase im kommenden Sommersemester ein Brettspiel zur Weiterverbreitung von Nuklearwaffen entwickelt werden. Die Problemstellung wird also im Bereich der politischen Bildung, bzw. der Wissenschaftskommunikation angesiedelt sein.

 

Das Spiel mit dem Arbeitstitel „The Next Proliferator“ soll zeigen, von welchen Faktoren (z.B. innerstaatliche Machtverteilung , Wissen, Zugang zu Ressourcen, Verhältnis zu einer Großmacht) es abhängt, ob ein Staat in der Lage ist, sich Nuklearwaffen anzueignen. Die Studierenden werden in Kleingruppen verschiedene Aufgabenbereiche in der Entwicklung dieses Spiels abdecken und im Laufe des Semesters einen Prototypen des Spiels entwickeln. Diese Entwicklung kann ggf. auch über mehrere Semester und Durchläufe der Lehrveranstaltung stattfinden, bei denen die Studierenden die Vorarbeiten ihrer Kolleg*innen weiterentwickeln.

Aufwand

Der Aufwand für die Erstellung der Lehrveranstaltung hielt sich in Grenzen. Die Webcasts wurden mit der Software Camtasia aufgenommen und geschnitten. Der Aufwand für die Aufnahme und Bearbeitung betrug in Summe circa 2 Wochen. Die Inhalte der Webcasts wurden aus einer früheren Vorlesung übernommen, angepasst und aktualisiert.

Positionierung des Lehrangebots

Bachelor, Vertiefungsphase (i.e. ab ca. drittem Semester)

Links zu der/den Projektmitarbeiter/innen
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Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2022 nominiert.
Ars Docendi
2022
Kategorie: Lernergebnisorientierte Lehr- und Prüfungskultur
Ansprechperson
Martin Senn, Dr., assoz. Prof.
Institut für Politikwissenschaft
0512 507 70124
Nominierte Person(en)
Martin Senn, Dr., assoz. Prof.
Institut für Politikwissenschaft
Themenfelder
  • Didaktische Methode
  • Erfahrungslernen
  • Neue Medien
Fachbereiche
  • Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften