Interdisziplinäres Projekt als künstlerische Abschlussprüfung

Ziele/Motive/Ausgangslage

Die Musiklehrer*innenbildung basiert auf einem Fünf-Säulen-Modell mit den Bereichen künstlerische Ausbildung, Fachwissenschaft, Fachdidaktik, Bildungswissenschaften und Schulpraxis, das als gemeinsame Grundlage der österreichischen Kunstuniversitäten für die Planung von Curricula dient. (Gritsch 2021: 157) Dieses Modell leitet sich wiederum von der Trias Kunst–Wissenschaft–Pädagogik ab, welche seit der Kestenberg-Reform im Preußen der 1920er-Jahre als Paradigma der schulmusikalischen Curricula im deutschsprachigen Raum gilt. Kestenberg ist es auch, der die Notwendigkeit einer engen Verbindung der Säulen sowohl in der Ausbildung als auch im Profil des*der Musiklehrenden (Buchborn et al. 2019: 89 f.), einer »Synthese zwischen dem Erzieher, Künstler und Wissenschaftler« (Kestenberg 1924: 35) sieht.

 

Zwar sind einzelne Fächer (v. a. aus der Domäne künstlerische Ausbildung) zumeist durch einen kontinuierlichen, langfristigen – sprich vertikalen – Kompetenzaufbau geprägt, was bei künstlerisch-praktischen Fertigkeiten durchaus zweckmäßig ist, da die Professionalisierung dieser viel Zeit beansprucht (Buchborn et al. 2019: 90 f.), doch wird in der jüngeren Bildungsforschung zunehmend die Forderung nach einer Vernetzung einzelner Bereiche erhoben. Da von einer eigenständigen Verknüpfung des erworbenen Wissens auf Seiten der Studierenden nicht durchgängig ausgegangen werden kann, sollten Lehr-Lern-Gelegenheiten geschaffen werden, die einen systematischen Aufbau und die Vernetzung der Wissensdomänen ermöglichen. (Hellmann 2019: 14) Gefordert ist also die Bildung von Kohärenz – als »systematische Verknüpfung von Strukturen, Inhalten und Phasen des Professionalisierungsprozesses« (Hellmann 2019: 23) – vor allem im horizontalen Sinne. Nicht nur Hellmann (2019: 10) spricht davon, dass Lehrende die »Domänen des Professionswissens bei der Planung, Durchführung und Reflexion von Unterricht systematisch verknüpfen« und sinnvoll einsetzen müssen, auch Krause-Benz (2018: 29) sieht vernetztes Denken und Handeln als unabdingbare Voraussetzung für die spätere Berufspraxis.

 

Das Lehramtsstudium Musikerziehung an der Kunstuniversität Graz hat sich interdisziplinäre Vernetzung von Beginn des Studiums an zum grundlegenden Prinzip gemacht. Diese verwirklicht sich in angeleiteter Projektarbeit durch universitäre und außeruniversitäre Expert*innen während der Interdisziplinären Projektwochen. Künstlerisches Ziel des Bachelorstudiums ist es, dass Studierende – daran anschließend – eigenständig und betreut durch mehrere Universitätslehrende ein eigenes interdisziplinäres Kunstprojekt gestalten. Somit können interdisziplinäre Vernetzung und Projektarbeit Hand in Hand gehen, was sowohl im künstlerischen als auch pädagogischen Berufsfeld geübte Praxis ist.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Das Lehramtsstudium Musikerziehung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz macht sich Interdisziplinarität zu einem Grundprinzip des Curriculums. Finaler Akt der horizontalen Vernetzung im Zuge des Bachelorstudiums vertikal erlangter Kompetenzen ist die künstlerische Abschlussprüfung in Form eines interdisziplinären Kunstprojektes. Zwei Studierende arbeiten in Kollaboration, präsentieren sich im künstlerischen Hauptfach sowie im Gesang und sollen zumindest zwei Fachbereiche verknüpfen. In einem über mehrere Wochen dauernden Arbeitsprozess soll es zur Konzeption, Realisation und Reflexion des Projekts kommen.

Die interdisziplinäre Arbeit beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Abschlussprüfung, sondern durchzieht das gesamte Curriculum. Die Herstellung horizontaler Kohärenz wird durch die curriculare Verankerung einer interdisziplinären Projektwoche außerhalb des Studienortes, die jede*r Studierende dreimal zu absolvieren hat, bereits früh induziert. Im vierten Studienjahr bereitet schließlich ein Modul bestehend aus künstlerischem Hauptfach, Gesangsunterricht, Regiearbeit und Wahlfächern gezielt auf die Abschlussprüfung vor.

Dieses besondere Prüfungskonzept hebt sich von künstlerischen Abschlussprüfungen in vergleichbaren Studien wesentlich ab und entfaltet seine Nachhaltigkeit in der späteren Berufspraxis der Absolvent*innen. Somit kann Interdisziplinarität im Curriculum in der Phase der Ausbildung als Initiator vernetzten Denkens gelten.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

Interdisciplinarity is a basic principle in the curriculum of the music education teacher training programme at the University of Music and Performing Arts Graz. Final act of the horizontal integration of vertically acquired skills in the Bachelor's programme is the final artistic examination. It is an interdisciplinary art project. Two students work in collaboration, present themselves in their artistic main subject as well as in singing, and are expected to integrate at least two subject areas. In a work process lasting several weeks, the project is to be conceptualised, realised and reflected upon.

However, the interdisciplinary approach is not limited to the final examination, but runs through the entire curriculum. The development of horizontal coherence is induced early on through the curricular implementation of an interdisciplinary project week outside the place of study. This has to be completed three times by each student. During the fourth year of study, a module prepares students for the final examination. It consists of the artistic main subject, singing lessons, directing work and elective courses.

This special examination procedure distinguishes itself considerably from artistic final examinations in comparable university programmes and unfolds its sustainability in the professional practice of the graduates. Therefore, the interdisciplinarity of the curriculum can be seen as an initiator of integrated thinking during the training phase.

Nähere Beschreibung des Projekts

Projektarbeit ist gelebte künstlerische Praxis und entspricht gleichermaßen der (musik-)pädagogischen Berufsrealität. Daher ist es konsequent, solche in ein Studium zu implementieren, das sich zwischen pädagogischer und künstlerischer Praxis bewegt. Dies ist mit ein Grund, weshalb bereits seit einigen Jahren im Lehramtsstudium Musikerziehung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz künstlerische Abschlussprüfungen in Form von interdisziplinären Kunstprojekten stattfinden. Bei diesen Prüfungen, welche das Ende des Bachelorstudiums einleiten, können Studierende ihre in der Ausbildung in individuellen Schwerpunktsetzungen ausgeprägten Fähigkeiten und Fertigkeiten vernetzen und in Form einer Performance ganzheitlich verwirklichen.

 

Anhand des Curriculums lässt sich dieses Prüfungsformat als kommissionelle Prüfung, die »aus der Konzeption, Realisation und Reflexion eines künstlerischen Projekts über ein selbst gewähltes Thema« (IMPG 2021: 472) besteht, beschreiben. »Grundsätzlich ist dieses Projekt in einem Team aus zwei Studierenden zu gestalten.« (Ebd.) Wesentliche Anforderung an die Studierenden ist die Interdisziplinarität, weshalb »mindestens zwei der im Folgenden genannten Bereiche berücksichtigt werden [sollten]: Ensemble und Ensembleleitung, Improvisation, Komposition und Arrangement, Medienkunst, Musik und Bewegung, Musik- und Kulturgeschichte, Musikproduktion, zweites […] Unterrichtsfach.« (Ebd.) Zweifelsfrei wird insbesondere der Präsentation der Studierenden im künstlerischen Hauptfach sowie im Gesang während der Performance besondere Bedeutung beigemessen. In einem abschließenden Reflexionsgespräch mit der Prüfungskommission soll das Projekt »im Hinblick auf inhaltliche, methodische und organisatorische Gesichtspunkte« (Ebd.) dargestellt werden.

 

Wie sich zeigt ist die horizontale Vernetzung vertikal erworbener Wissensbestände und Kompetenzen ein wesentliches Grundprinzip der Prüfung, welche einen zentralen Stellenwert in der Ausbildung einnimmt. Das Abschlussprojekt stellt jedoch allein den finalen Akt eines Studiums dar, das Interdisziplinarität als eines seiner Grundprinzipien verwirklicht. So gliedert sich die künstlerische Abschlussprüfung in größere Einheiten des Curriculums ein. Einerseits ist sie Teil eines Moduls, das mit dem künstlerischen Hauptfach, dem Gesangsunterricht, der Regiearbeit sowie Wahlfächern aus einem Fächerbündel besteht, welches der Verwirklichung des Projekts im Dienste steht; andererseits initiieren in den ersten drei Studienjahren zu absolvierende Interdisziplinäre Projektwochen bereits die Herstellung horizontaler Kohärenz, kultivieren diese Arbeitsweise und bereiten auf die Projekt-Abschlussprüfung vor.

 

Dieses Prüfungsformat, das den musikpädagogischen Förderpreis INVENTIO 2008 des deutschen Musikrates in der Kategorie »Innovative musikpädagogische Ausbildung – Hochschulen und verwandte Einrichtungen« gewinnen konnte, hebt sich allein durch die interdisziplinären Anforderungen unverkennbar von künstlerischen Abschlussprüfungen in vergleichbaren Studien ab. Im Bestreben eines ständigen Evaluations- und Optimierungsprozesses, in welchen auch Studierende eingebunden sind, hat sich das Prüfungsformat v. a. in den letzten Jahren verändert. Über das Augenscheinliche hinausgehende Besonderheiten und die Integration des Abschlussprojekts in das Curriculum bedürfen einer näheren Ausführung:

 

Anhand des Protokollblattes (vgl. Link »Protokollblatt der Beurteilung«) der Prüfungskommission und einer genaueren Ausführung der Bewertungskriterien lässt sich der Erwartungshorizont präzisieren: Von den Studierenden wird ein schriftliches Konzept verlangt, in welchem das Projekt detailliert dargestellt werden soll. Weiters fließt in die Beurteilung die künstlerische Umsetzung ein, welche als künstlerische Durchdringung und Verwirklichung des gewählten Themas zu verstehen ist, sich jedoch von der Projektpräsentation (die eigentliche Performance von 30 bis 40 Minuten) als eigenes Bewertungskriterium unterscheidet. Nebst der eigenen Leistungen im künstlerischen Hauptfach und im Gesang, ist es auch die Vernetzung sog. zusätzlicher Qualifikationen, welche die Note positiv beeinflussen können. Dabei ist die Anwendung informell sowie durch Wahlfächer erworbener Fähigkeiten gefragt. (Gritsch 2020: 289-291) Den Abschluss bildet eine Reflexion, welche im Anschluss an die Projektpräsentation coram publico stattfindet und ca. 30 Minuten dauert. Bei diesem Prüfungsgespräch mit der Kommission werden v. a. die »Stringenz der Darstellung der Projektgenese, die Begründung der […] künstlerischen und dramaturgischen Entscheidungen, die Diskursfähigkeit mit der Prüfungskommission, die Reflexion der künstlerischen Leistungen und des zeitlichen und organisatorischen Ablaufs sowie die sprachliche Ausdrucksweise« (Gritsch 2020: 291) bewertet.

 

Die Genese des Prüfungsformats lässt sich anhand einer knappen Interpretation des Curriculums explizieren. Wie oben erwähnt basiert dieses auf einem Fünf-Säulen-Modell (Künstlerische Ausbildung – Fachwissenschaft – Fachdidaktik – Bildungswissenschaft – Schulpraxis) nach Kestenberg, welches in an Kompetenzrahmen orientierten Modulen realisiert wird. Der Begriff Säule impliziert den Aufbau vertikaler Kohärenz – das Übereinanderschichten künstlerischer, fachlicher oder wissenschaftlicher Fertigkeiten und Wissensbestände, die teilweise aufeinander aufbauen. (Gritsch 2021: 157 f.) Da von einer eigenständigen Verknüpfung des in einzelnen Fächern erworbenen Wissens in horizontaler Weise auf Seiten der Studierenden nicht von vornherein ausgegangen werden kann (Hellmann 2019: 14), sollten die künstlerische Abschlussprüfung sowie die darauf vorbereitenden Lehrveranstaltungen und Projektwochen die interdisziplinäre Integration induzieren bzw. kultivieren.

 

Die Idee der Herstellung horizontaler Kohärenz zieht sich (wie erwähnt) auch in einem makrostrukturelleren Sinne durch das Studium in Form der curricular implementierten Interdisziplinären Projektwoche, welche jede*r Studierende im Laufe des Bachelorstudiums dreimal absolvieren muss. Bei diesen Projektwochen außerhalb des Studienortes können Studierende aus einem Angebot verschiedenster Workshops, die von (zumeist universitätsfremden) Expert*innen angeleitet werden, auswählen und sich mit ihrem im Studium (in vertikaler Hinsicht) erlangten Wissen einbringen. Daneben finden (zumeist abends) u. a. fachwissenschaftliche Vorträge und künstlerische Darbietungen statt. Studierende erlangen und vertiefen über das Curriculum hinausgehende Fertigkeiten, werden dazu angehalten bereits Gelerntes zu vernetzen und gelangen mit künstlerischer Projektarbeit in Berührung. Dabei lernen die Studierenden nicht nur von Künstler*innen und Expert*innen unterschiedlichster Fachbereiche, sondern auch voneinander und miteinander, da aufgrund der Organisationsstruktur der Woche zwangsläufig eine »Durchmischung« der Studierenden aus unterschiedlichen Semestern – somit unterschiedlicher Wissensstände bzw. Lernvoraussetzungen – stattfindet. Am Ende der Woche wird eine gemeinsame Abschlussperformance realisiert (Präsentation aus den Workshop-Gruppen), in deren Konzeption und Durchführung Studierende in Absprache mit den Workshopleiter*innen und Organisator*innen seitens der Universität eingebunden sind. Ein positiver Nebeneffekt der Projektwoche ist die Erschließung neuer fachlicher, musikalischer und kultureller Horizonte für die Studierenden, die sich beispielsweise durch die Schwerpunktsetzung der Chorleiter*innen (z. B. afrikanische Chormusik, abendländische Klassik, skandinavische Chormusik, neue Chormusik, Popularmusik etc.) oder Musiker*innen aus unterschiedlichen Kulturkreisen bzw. mit verschiedenen kulturellen Backgrounds (z. B. Balkan-Musik, indische Musik, World Music) auftun.

Mehrwert

Interdisziplinarität, kollaborative und kooperative Arbeit, künstlerische Selbstverwirklichung, Projektarbeit, informelle Entwicklung sozialer Kompetenzen und eine innovative, bidirektionale Prüfungs- und Bewertungskultur sind bloß einige der positiven Effekte der neuen Prüfungsform. Das Hauptaugenmerk des Projekts liegt auf der interdisziplinären Vernetzung: Studierende werden über die gesamte Zeit ihrer Ausbildung hinweg – und nicht nur punktuell – dazu angehalten, vernetzt zu denken, um bei ihrem künstlerischen Abschlussprojekt dergleichen in einer Prüfungssituation zu verwirklichen. Dadurch entwickeln sie Fähigkeiten kognitiver Flexibilität sowie der Transformation von Wissen und Fertigkeiten.

 

Daneben konnte ein sehr differenziertes Prüfungsformat geschaffen werden. Zwar sind Mindestanforderungen konkret definiert, doch ermöglichen die freie Wahl einiger Vertiefungsbereiche und die (vergleichsweise) offenen Prüfungsanforderungen den Studierenden, sich mit ihren persönlichen Stärken zu präsentieren. Dass sich durch die übermäßige Orientierung von Curricula an der Herstellung von Kohärenz, Studierenden weniger Möglichkeit zur freien Entfaltung böte, ist eine häufig geäußerte Kritik (Hellmann 2019: 24). Durch die eher offene, differenzierte Gestaltung der künstlerischen Abschlussprüfung kann dieser Problematik vorgebeugt werden.

 

Eine weitere Neuerung, die 2019 (nach grundlegender Änderung des Curriculums im Studienjahr 2015/2016) zum ersten Mal realisiert wurde, ist die kollaborative Projektarbeit zweier Studierender, was u. a. der Vorbereitung auf den Berufsalltag dienlich sein soll (Gritsch 2021: 160). Die für Studierende zu bewältigenden Organisationsstrukturen sind sowohl die Organisation innerhalb des (Zweier-)Teams, was insbesondere die Ideenfindung, die künstlerische Umsetzung, Arbeitsteilung etc. betrifft, als auch die Organisation des Teams (der Mitwirkenden) sowie jene innerhalb des Jahrgangs, was z. B. die Nutzung der Raumkapazitäten betrifft, um einen für alle Studierenden fairen Ablauf in der Erarbeitungs- bzw. Probenphase zu gewährleisten. Dies führt auch zu einem informellen Erwerb sozialer Kompetenzen.

 

Die Prüfungskandidat*innen arbeiten u. a. als Regisseur*innen, musikalische Leiter*innen, Dramaturg*innen, Regieassistent*innen, Promoter, Graphik-Designer*innen etc. und präsentieren sich künstlerisch bei der Performance. Auf freiwilliger Basis wirken sie bereits in den Jahren davor bei den Projekten ihrer älteren Studienkolleg*innen mit. Diese seit Jahrzehnten gepflegte Kultur am Institut ist als eine Art Generationenvertrag zu verstehen: Studierende der ersten drei Jahrgänge wirken bei den Projekten des Abschlussjahrgangs mit und können damit rechnen, dass auch bei ihrer Abschlussprüfung (neben Jahrgangskolleg*innen und externen Personen) Studierende der ersten drei Jahrgänge mitwirken werden. Gleichzeitig verschaffen sich besonders aktive Studierende einen Vorteil, indem sie Arbeitsweisen kennenlernen, deren Gelingen respektive Scheitern gewahr werden und Ideen sammeln bzw. sich in ihren Talenten verwirklichen können.

 

Ein weiterer Aspekt, durch welchen sich das Prüfungsformat in besonderem Maße auszeichnet, ist eine bidirektionale Prüfungskultur. Diese verwirklicht sich einerseits in dem an die Performance anschließenden Prüfungsgespräch, in welchem Studierende u. a. die Möglichkeit haben, die Darbietung im Diskurs mit der Prüfungskommission zu verteidigen und ihre künstlerische Realisierung in vertiefender (über das schriftliche Konzept hinausgehender) Weise darzulegen. Weiters finden über das reine künstlerische Produkt hinaus auch Arbeitsprozesse (in Absprache mit den künstlerischen Betreuer*innen und dem Lichttechniker) Eingang in die Bewertung. Schlussendlich hat sich auch eine ausgeprägte Rückmeldekultur etabliert: In der an das Prüfungsgespräch anschließenden Beratung der Prüfungskommission werden durch den Vorsitz deskriptive Kommentare der Kommissionsmitglieder gesammelt, die bei der Notenvergabe den Studierenden als (anonymes) Feedback dienen sollen. Quasi als Stimmen der Kommission wird dieses den Studierenden bei der Notenverkündung persönlich nach Abschluss aller Projekte mitgeteilt. (Gritsch 2020: 291f.)

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Die Nachhaltigkeit dieser Lehr- und Prüfungskultur, die sich über das gesamte Bachelorstudium zieht, entfaltet sich in dreifacher Hinsicht:

 

1.

Durch das Erproben-Können von Projektarbeit in der Ausbildungsphase und damit gestärkt in ihrem diesbezüglichen Selbstvertrauen wissen wir von vielen Projekten, die ehemalige Studierende und Absolvent*innen an ihren Schulen durchführen.

 

2.

Die Projektarbeit am Institut für Musikpädagogik wurde von Anfang an umfangreich dokumentiert:

 

a.

Auf der Webseite des Instituts wurden einerseits über 230 Trailer (2003-2021) zu den Projekten mit Flyer, Abstract, Teilnehmenden und Betreuer*innen öffentlich zugänglich gemacht. Zusätzlich liegen die schriftlichen Konzepte zu den Abschlussprüfungen mit Projektidee, Drehbuch, Lichtplänen, Noten und dgl. in der Institutsbibliothek auf. Sie können dort eingesehen und ausgeborgt werden, um z. B. in gleicher oder adaptierter Form als Projekte an Sekundarschulen aufgeführt werden zu können (vgl. Link »Multimediale Dokumentation der künstlerischen Abschlussprüfungen« sowie »Kurzfilm Abschlussprojekte (2003-2013; wird alle 10 Jahre neu erstellt)«).

 

b.

Zu den alljährlichen Interdisziplinären Projektwochen, die außerhalb des Studienorts im Bildungshaus Schloss Seggau bei Leibnitz stattfinden, stehen bis ins Jahr 2001 zurück auf der Webseite des Instituts Trailer sowie Dokumentationen wie Workshopauflistungen, -beschreibungen und Wochenpläne zur Verfügung. Sie dienen als Inspirationsquelle für Workshoparbeit in gleicher oder adaptierter Form für Sekundarschulen oder postsekundäre Bildungseinrichtungen (vgl. Link »Interdisziplinäre Projektwochen«).

 

3.

Wir haben im Sinne der Nachhaltigkeit auch den Dienstgeber unserer Absolvent*innen, im Konkreten die Fachinspektor*innen (FI) für die Unterrichtsgegenstände Musikerziehung und Instrumentalunterricht in unterschiedlichen Bundesländern, in denen Absolvent*innen aus Graz unterkommen, und die unser Ausbildungsmodell kennen, gebeten, ein aktuelles Statement abzugeben. Im Folgenden wörtliche Zitate aus den Mails, die uns erreichten:

 

Fachinspektor Hofrat MMag. Klaus Dorfegger (Bildungsdirektion für Steiermark), Mail vom 4.3.2022, 08:14 Uhr:

»Die Absolvent/innen des IMPG stellen in der Steiermark den Großteil der Lehrpersonen in den Unterrichtsgegenständen Musikerziehung sowie Instrumentalmusik und Gesang an Allgemeinbildenden und Berufsbildenden Höheren Schulen; seit der Einführung des Neuen Dienstrechts bereichern sie auch den Unterricht an Mittelschulen. Bis zur Sistierung des Unterrichtspraktikums konnte ich alle jungen Kolleg/inn/en bei ihrer Unterrichtstätigkeit beobachten und habe dabei durchwegs festgestellt, dass sie sich auf Basis ihrer hochwertigen Ausbildung ausgezeichnet bewähren. Insbesondere die musikpraktischen Anforderungen des Berufs werden mit Engagement, Methodenvielfalt und fachlicher Expertise gemeistert. Immer wieder konnte ich mich bei Schulaufführungen und Projektpräsentationen auch davon überzeugen, dass die Absolvent/inn/en des IMPG [Institut für Musikpädagogik Graz; Anm. d. Verf.] speziell im Bereich des projektorientierten Unterrichts ausgezeichnet auf die beruflichen Anforderungen vorbereitet sind. Ich führe dies auf die intensive Beschäftigung mit diesem Bereich während des Studiums zurück, die in einer interdisziplinären künstlerischen Abschlussprüfung gipfelt. Regelmäßig habe ich solche Prüfungen besucht und war begeistert von der Ideenvielfalt, der offensichtlichen Teamfähigkeit aller Beteiligten und der professionellen Präsentation der Projekte.«

 

Fachinspektor Mag. Martin Waldauf (Bildungsdirektion für Tirol und Vorarlberg), Mail vom 2.3.2022, 11:53 Uhr:

»Es ist mir ein Bedürfnis aus fachlicher Sicht zurückzumelden, wie ich die Absolvent:innen der KUG in den Bildungsdirektionen Tirol und Vorarlberg wahrnehme.

Die Absolvent:innen der Studienrichtung Musikerziehung/Instrumentalmusikerziehung an der Kunst Universität Graz sind für die schulischen Anforderungen hervorragend qualifiziert und vorbereitet. Sie bereichern das Schulleben auf mannigfache Weise und meistern den Berufsalltag im Sinne der Salutogenese.«

 

Fachinspektorin Mag.a Christa Musger (Bildungsdirektion für Salzburg), Mail vom 3.3.2022, 23:25 Uhr:

»Ich konnte mich in meiner Tätigkeit als Fachinspektorin für Musik im Bundesland Salzburg über Jahre und in kontinuierlicher Weise über die enorm hohe Ausbildungsqualität der Absolventen und Absolventinnen der Kunstuniversität Graz, Abteilung Musikpädagogik anlässlich meiner Schulbesuche überzeugen. Sowohl didaktische, methodische, künstlerische, technische und kreative Kenntnisse zeichnen diese Kolleginnen und Kollegen aus.«

 

Fachinspektor Mag. Dr. Bernhard Bayer (Bildungsdirektion für Kärnten), Mail vom 2.3.2022, 16:22 Uhr:

»Die Absolvent*innen der Studiums der Musikerziehung an der Kunstuniversität Graz sowie der mit ihr kooperierenden PH Klagenfurt bzw. Gustav Mahler Privatuniversität zeichnen sich durch ein hohes Maß an Innovationsbereitschaft gepaart mit projektorientiert geprägter Unterrichtstätigkeit aus. Ausgehend von im Curriculum festgesetzten Projektwochen und einer höchst anspruchsvollen Projektpräsentation am Ende ihres Bachelostudiums [sic!] erfahren die angehenden Lehrer*innen eine intensive Auseinandersetzung mit zielgerichteten Unterrichtsmethoden, die sie in ihrem Beruf konsequent und zielgerichtet einsetzen können!«

 

Fachinspektor MMag. Ferdinand Breitschopf (Bildungsdirektion für Wien), Mail vom 3.3.2022, 10:54 Uhr:

»Sehr geehrter Herr Professor Gritsch,

ich darf Ihnen auf diesem Weg zur innovativen Form der Abschlussprüfung im Rahmen des Studiums Musikerziehung an der Kunstuniversität Graz gratulieren. Durch die letzten Jahre sehen wir bei Ihren Absolvent*innen, dass diese sich im Berufsalltag, speziell in der sensiblen Phase des Berufseinstieges gut zurechtfinden und bewähren. Die Verbindung von künstlerischer Profilierung, Kreativität und pädagogischen Fähigkeiten und Fertigkeiten ist eine wesentliches Merkmal der Profession, was sich in den Abschlussprojekten Ihrer Absolvent*innen widerspiegelt.«

Aufwand

Im Laufe der vergangenen Jahre konnte das Institut auf Basis erfolgreicher Zielvereinbarungen mit dem Rektorat der Kunstuniversität Graz kontinuierlich, u. a. auch wegen steigender studentischer Ansprüche an Audio-, Video-, Bühnen- und Lichttechnik, in die Infrastruktur des Performancesaales (der Ort, in dem diese Prüfungen stattfinden) im Gebäude der Reiterkaserne, Leonhardstraße 82-84, investieren.

 

Weiters wurden für die Studierenden im Budget des Instituts anteilige Kostenrückerstattungen für Aufwendungen wie Bühnenrequisiten und dgl. vorgesehen.

 

Schlussendlich wurde jüngst für bevorstehende Curriculaänderungen mit der Studierendenvertretung angedacht, Möglichkeiten auszuloten, diese Abschlussprüfung – wie im UG bereits vorgesehen – als künstlerische Bachelorarbeit zu definieren. Dadurch kann diese Projektarbeit und -prüfung extra mit Titel im Abschlusszeugnis ausgewiesen werden und stellt im Bewerbungsprozess für Schulstellen zusätzliche Informationen für den Dienstgeber bereit.

Positionierung des Lehrangebots

Kommissionelle künstlerische Abschlussprüfung des Bachelorstudiums in der Form eines Interdisziplinären Projekts

Links zu der/den Projektmitarbeiter/innen
Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2022 nominiert.
Ars Docendi
2022
Kategorie: Lernergebnisorientierte Lehr- und Prüfungskultur
Hochschullehrpreis 2009
Kategorie: Innovative musikpädagogische Ausbildung – Hochschulen und verwandte Einrichtungen
Ansprechperson
Roland Magnus Fürst, Univ. Ass. Mag.
Institut für Musikpädagogik
0664-1563396
Nominierte Person(en)
Bernhard Gritsch, Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr.
Institut für Musikpädagogik
Themenfelder
  • Curriculagestaltung – Inhalt
  • Employability
  • Erfahrungslernen
  • Rund ums Prüfen
Fachbereiche
  • Kunst, Musik und Gestaltung