Bertha von Suttner Privatuniversität St. Pölten GmbH
Matthias Corvinus-Straße 15, 3100 St. Pölten

The Action Research Summer Camp – Interactive and Engaged Training for Eearly-Stage Researchers and Practitioners

Ziele/Motive/Ausgangslage

Die Idee für das Action Research Summer Camp entstand aus einer Fulbright-Gastprofessur an der Universität Salzburg im Jahr 2018 heraus. Damals nahm Dr. Dolgon, ein US-amerikanischer Soziologieprofessor und Arbeiter-Aktivist, wahr, dass Studierende und Nachwuchswissenschaftler*innen in Österreich wenig Kenntnisse und Ausbildungsangebote in partizipativer Forschung, öffentlicher Soziologie und Community Development haben. Um diese Situation zu ändern, reichte er in Zusammenarbeit mit dem damaligen Koordinator für ERASMUS am Fachbereich Erziehungswissenschaft, Dr. Raithelhuber, einen Förderantrag bei Fulbright Austria ein. Das Fulbright Specialist Project, das ursprünglich 2020 durchgeführt werden sollte, verfolgte zwei Ziele: (1) die Umsetzung eines neuartigen, intensiven Ausbildungsprogramms für Nachwuchsforschende und Praktiker*innen sowie (2) die Evaluation des ersten Durchlaufs.

 

Aus didaktischen Gründen, die sich aus dem partizipativen und aktionsorientierten Anliegen des „hands-on“ Methodentrainings ergaben, wurde ein besonderer Lernort gesucht, der eine realistische und lernförderliche Trainingsumgebung bietet. Das konkrete Kurs-Programm für das einwöchige „Camp“ wurde deshalb in Zusammenarbeit mit einem zivilgesellschaftlichen Partner entwickelt und durchgeführt: einer inklusiven sozialen Basisorganisation in Innsbruck. Das „Waldhüttl“ – ein Vinzi-Projekt – beherbergt seit zehn Jahren u.a. transnational hochmobile Roma aus Südosteuropa. Als regionales, sozio-ökologisches und alternatives kulturelles Zentrum öffnet sich dieser Ort regelmäßig für viele Gruppen und Individuen, die dort solidarisches Handeln und nachhaltiges Wirtschaften erleben. Besucher*innen werden so kurzfristig Teil einer gelebten, hochdiversen Gemeinschaft gegen soziale Ausgrenzung und Rassismus.

 

Der Projektträger Universität Salzburg nahm den interdisziplinären Trainingskurs als englischsprachige Lehrveranstaltung in sein reguläres Doktoratsstudium auf. Teilnehmen konnten aber auch weitere Interessierte: Das Camp wurde weltweit beworben, so dass 25 Personen aus Europa und den USA eine Zusage erhielten – darunter sechs aus Salzburg. Aufgrund der Covid-19 bedingten Hygienemaßnahmen musste die zentrale Präsenz-Woche des Camps 2020 zunächst auf unbestimmte Zeit verschoben werden. In der Zwischenzeit beschlossen die Gruppenmitglieder selbst – zusammen mit den beiden Kursleitern – sich regelmäßig virtuell zu treffen. Das ermöglichte es allen Teilnehmenden in besonderem Maße, sich kennenzulernen und Diskussionen über ihre eigene Arbeit und Grundlagentexte anzustoßen. Die Teilnehmenden wurden so intensiv in die Programmplanung einbezogen. Etliche übernahmen später kleinere Inputs und leiteten Gruppenübungen, aufbauend auf ihren Forschungs- und Praxiserfahrungen. Dies ermögliche in hohem Maße eine studierendenzentrierte und kompetenzorientierte Programmgestaltung. Das intensive Präsenzprogramm – die eigentliche Camp-Woche – startete schließlich im Spätsommer 2021.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Das Action Research Summer Camp ist ein Training in partizipativer Aktionsforschung für eine heterogene Gruppe von Nachwuchsforscher*innen und Praktiker*innen aus der ganzen Welt, das virtuelle Treffen und eine Präsenzphase umfasst. Das Camp wird gemeinsam mit einer sozialen Basisorganisation für hochmobile europäische Roma durchgeführt, der „Herberge“ für eine Woche zum Lernort wird. Der Erstlauf 2021 wurde von der Universität Salzburg veranstaltet und von Fulbright Austria ko-finanziert.

Die ganzheitliche Methodik umfasst Walking Talks, Tagebuchschreiben, künstlerische Gruppenübungen, Workshops und soziokulturelle Aktivitäten. Unser Programm ist von den EHEA-Grundsätzen „Student-Staff Partnership“, „Responsible Research and Innovation“, „Science with and for Society“ sowie „Academic Freedom“ geprägt. Das Pilotprojekt erzielte hervorragende Evaluationsergebnisse. Das kombinierte Doktorats- und extra-curriculare Lehrangebot ermöglicht internationale Mobilität und Teilnehmenden aus Österreich eine internationalization@home. Das Camp zeigt, wie ein Projekt der inklusiven, innovativen und vernetzten Europäischen Hochschulbildung erfolgreich umgesetzt werden kann. Das Programm wird ab 2022 als Zertifikatskurs angeboten und erweitert. Diese Vergabe von Mikro-Credentials auf ECTS-Basis fördert einen inklusiveren Zugang zum Erwerb von Bildungsnachweisen und reflektiert so die EU- und österreichische Strategie zur Sozialen Dimension. Das Kursdesign ist flexibel nutz- und übertragbar.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

The Action Research Summer Camp is a both virtual and in-person training in Participatory Action Research for a diverse group of early-stage researchers and professionals from around the world. It is co-produced with a grassroots organization in Innsbruck. For one week, this home for mobile European Roma is turned into a training site. The first run in 2021 was hosted by the University of Salzburg and co-funded by Fulbright Austria.

Our holistic methodology includes walking talks, journaling, arts-based group exercises, workshops, plenary sessions, and socio-cultural activities. Our program is characterized by the EHEA-principles of Student Partnership, Responsible Research and Innovation, Science with and for Society, and Academic Freedom. The pilot produced excellent evaluation results and outcomes. The combined doctoral and extracurricular teaching allows participants from abroad to move freely and those from Austria to take part in internationalization@home. The Camp demonstrates how an Inclusive, Innovative and Interconnected European Higher Education project can be built successfully. The program will be continued as a Certificate Course in 2022. This award of micro-credentials on an ECTS basis will foster a more inclusive access, in line with the European and Austrian Strategy on the Social Dimension. The tailor-made package is flexible enough to be adapted by other institutions.

Nähere Beschreibung des Projekts

Das Action Research Summer Camp ist ein Training in partizipativer Aktionsforschung, das für eine heterogene Gruppe von Nachwuchsforscher*innen und Praktiker*innen aus aller Welt entworfen wurde. Es umfasst virtuelle Vortreffen und eine Präsenzwoche. Das Camp wird gemeinsam mit einer sozialen Organisation für hochmobile europäische Roma durchgeführt, deren Einrichtung – das Waldhüttl in Innsbruck – für eine Woche zum Lernort wird. Der Erstlauf 2021 wurde von der Universität Salzburg veranstaltet. Die Ko-Finanzierung durch Fulbright Austria als Specialist Project (ID: FSP-P004697) ermöglichte die Entwicklung und Pilotierung des innovativen Methodentrainings.

 

In Einklang mit den Prinzipien unseres lokalen Gastgebers, der Waldhüttl Vinzi-Gemeinschaft, ist unser Programm von den EHEA-Grundsätzen „Student-Staff-Partnership“, „Responsible Research and Innovation“, „Science with and for Society“ sowie „Academic Freedom“ geprägt. Die ganzheitliche Methodik umfasst Walking Talks, Tagebuch-Schreiben, künstlerische Gruppenübungen, Workshops und soziokulturelle Aktivitäten. Das „Action Research Summer Camp“ reflektiert damit in besonderem Maße die vier Querschnitts-Kriterien des „Ars Docendi“ Preises: (I) Innovative Hochschuldidaktik, (II) Studierendenzentrierung und Heterogenität, (III) Kompetenzorientierung, sowie (IV) europäische und internationale Ausrichtung.

 

Wir kombinieren im Kern vier Elemente, um eine leistungsstarke Lernumgebung zu schaffen: (1) Einbeziehung von Organisationen des Dritten Sektors, (2) Student-Staff-Partnership, (3) innovative Didaktik und Blended Learning sowie (4) gemeinsames Lernen von Stakeholdern, Bürger*innen und Studierenden. Dies ermöglicht uns, ein äußerst erfolgreiches Lehren und Lernen forschungsbasiert und extra-curricular und unter Nutzung künstlerisch-musischer Elemente zu realisieren. Unsere maßgeschneiderte Didaktik fördert die Grundsätze „Soziale Verantwortung“ sowie „Wissenschaft mit der und für die Gesellschaft“. Wir ermöglichen einen Kompetenzaufbau durch eine Verankerung des Trainings in einem existierenden sozialen Projekt, das sich mit den globalen Herausforderungen „von unten“ befasst und zentrale Prinzipien der Partizipativen Aktionsforschung reflektiert, wie bspw. Vergemeinschaftung (community buiding) und Solidarität. Unser Kurs verbessert die Fähigkeiten, das soziale Unternehmertum und die F&E-Projekte von Studierenden und Praktiker*innen gleichermaßen.

 

Als Veranstaltungsort haben wir uns daher für ein sozial-ökologisches, innovatives Projekt entschieden, das allen Menschen offensteht, vor allem aber jene willkommen heißt, die sozial ausgegrenzt werden. Das „Waldhüttl“ ist in einem alten Bauernhaus angesiedelt, das während der Nazi-Besatzung Treffpunkt des Tiroler Widerstands war. Das heutige Projekt ist stark von der Theologie und Pädagogik der Befreiung inspiriert, die wiederum eine zentrale Grundlage für partizipative Forschung und Entwicklung bilden. Daher können die Mitglieder dieses Vinzi-Projekts ihre interkulturelle Praxis in unser internationales Training einbringen. Viele der lokalen Akteure haben eine reichhaltige Erfahrung, wie man soziale Veränderungen herbeiführt. Ihre Form des Gedenkens an den antifaschistischen Kampf, ihre Antwort auf die anhaltende Marginalisierung der europäischen Roma und Romnija und ihre biographischen Erzählungen über eine aktivistische, progressive Soziale Arbeit werden so Bestandteile unserer Didaktik. All dies fördert den Aufbau von Future Literacy Fähigkeiten und verfolgt die nachhaltigen Entwicklungsziele der UN (Sustainable Development Goals). Kurz gesagt, das Verständnis der Vergangenheit und Zukunft unseres gesellschaftlichen Auftrags als Forschende und der Aufbau einer starken, nachhaltigen und widerstandsfähigen Lerngemeinschaft bilden die Grundlage für den Erfolg unsers Trainingsprogramms.

 

Wir verwenden bekannte, effektive Tools, die Inhalt und Ziel unseres Kurses entsprechen. Neu ist, wie wir sie untereinander, mit der Örtlichkeit und dem beteiligten sozialen Partner verbinden. Unsere ganzheitliche Methodik umfasst „Walking Talks“, eine Einführung in das Journaling (Forschungstagebücher) und musisch-kreative Gruppenübungen, bspw. aus dem „Theater der Unterdrückten“. Unsere Workshops bauen auf realen Fallstudien und dem Vorwissen der Teilnehmenden auf. Plena bieten Zeit für intensiven Austausch. In Kleingruppen und durch Einzelbetreuung (Tutoring) entwickeln die Teilnehmenden ihre laufenden Forschungen oder zukünftige Projekte, basierend auf dem, was sie im Moment lernen. Am Ende der Trainingswoche werden diese individuelle Projektdesigns öffentlich präsentiert, gemeinsam beraten und die Lernfortschritte kollektiv gewürdigt. Neben diesen Elementen umfasst der Syllabus Gemeinschaftsübungen zu sozialen Problemen und ihren Wurzeln, eine Einführung in den partizipativen und gemeinschaftsbasierten Ansatz des Waldhüttl-Projekts, eine Einführung in die Methode und Theorie der partizipativen Aktionsforschung (PAR) sowie die alternative Stadtführung „Tour der Armut“ durch Innsbruck zur lokalen Geschichte des Umgangs mit sozialen Problemen im Sinne der Befreiungspädagogik und radikaler partizipativer Ansätze. Ebenso auf dem Plan stehen Beispielen von PAR-inspirierten Studien- und Entwicklungsprojekten: Hands-on-Techniken, praktische Fragen und Umgang mit Herausforderungen.

Die Übernahme von Hausdiensten (Kochen, Feuerholz holen, Putzen etc.) ebenso wie das gemeinsame Sitzen und Musizieren am Lagerfeuer bieten zudem alltägliche Gelegenheiten für einen Austausch mit den Projektbewohner*innen und zum informellen Lernen bis spät in die Nacht. Wir fördern diese Selbstorganisation bereits in der Vorpräsenzphase: Dort bilden wir AGs und installieren eine virtuelle Plattform, um die Interaktion und den Datenaustausch zu vereinfachen. Wir stellen Grundlagentexte zur Verfügung und besprechen sie in monatlichen Online-Treffen. Eng an das Interesse unserer Teilnehmenden gebunden laden wir sie ein, Workshop-Einheiten während der Camp-Woche mit zu leiten. Basis dafür sind auch die ausführlichen „Letters of Interest“, mit denen sich Interessierte bewerben. Das Pilotprojekt 2021 erzielte hervorragende Evaluationsergebnisse.

 

Das Camp reflektiert in hohem Maße EU-Policies, wie die Forderung nach verantwortungsvoller Forschung und Innovation. Dies zeigt bspw. die gemeinsame Organisation des Programms mit einem Dritten-Sektor-Partner. Öffentliches Engagement gehört zum Kern der partizipativen Aktionsforschung, als ein Weg zu mehr Demokratie, nutzbarem Wissen und progressivem gesellschaftlichen Wandel. Der Kurs übersetzt das Ministerkommuniqué von Rom für einen integrativen, innovativen und vernetzten Europäischen Hochschulraum (EHEA) in eine konkrete, praktische Aktion. Der off-campus Veranstaltungsort und die innovative Methodik ermöglichen es allen, etwas über nachhaltige Entwicklung zu lernen und das Anliegen akademischer Freiheit in praktischer und ethischer Hinsicht zu erkunden. Das Camp spiegelt insbesondere österreichische und institutionelle Strategien der Sozialen Dimension und der Internationalisierung wider, letztere für Teilnehmende aus Österreich auch in Form einer „Internationalization@home“. Wir ermöglichen ein intensives Zusammenwachsen von heterogenen Menschen zu einer leidenschaftlichen Gruppe, die Aktivismus und Wissenschaft verbindet. Dieser innovative Kurs wird in internationaler Lehrpartnerschaft durchgeführt (cotutelage USA-Österreich). Das Camp bietet ein erreichbares Mobilitätsfenster – auch für etliche unserer Teilnehmenden mit familiären Care-Verpflichtungen – und eine mehrsprachige und lebensnahe Lernumgebung. Die günstige Kursgebühr von 150.- Euro, die v.a. die Versorgungs- und Unterkunftskosten für die Camp-Woche 2021 deckte, ermöglichte auch Menschen aus unterrepräsentierten Gruppen eine Teilnahme.

 

Das Camp stellt ein Beispiel „guter Praxis“ in den Bereichen „studierendenzentrierte Kursdesigns“ und „innovatives Lehren und Lernen“ dar. Vor allem ist es ein originäres Beispiel dafür, wie forschungsorientierte Lehre so gestaltet werden kann, dass sie einen gesellschaftlichen Mehrwert hat und sozial wünschenswerte Zielstellungen effektiv verfolgt (Impact and mission with and for society). So bietet das Training nicht nur Promovierenden ein Lehrangebot (ISCED 8), sondern eröffnet Bürger*innen, Stakeholder und Master-Studierenden eine extra-curriculare Lernmöglichkeit. Berufstätige können den Kurs als Fort- und Weiterbildung nutzen. Teilnehmende werden zum aktiven, bürgerschaftlichen Handeln ermutigt. Ihr Bewusstsein für unterschiedliche sozio-kulturelle und ökonomische Lebensrealitäten sowie – damit einhergehend – soziale Ungleichheiten wird in besonderem Maße geschärft. Garantiert wird dies u.a. durch die Zusammenstellung einer äußerst heterogenen Teilnehmendengruppe, ebenso wie durch die Interaktionen mit den Roma und Romnija am Veranstaltungsort. Die Nutzung von Englisch als Arbeitssprache wird ebenso gefördert wie eine Verständigung in vielen anderen Sprachen. Studierende können sich selbst in hohem Maße in dieses internationale Projekt einbringen und damit identifizieren. Die gemeinsam bestrittene Selbstversorgung mit v.a. veganem Essen sowie die Verwendung von Nahrungsmitteln aus dem Permakultur-Garten des Gastgeberprojekts fördert eine sozio-ökologische Haltung. Als Teil des „geheimen Lehrplans“ können sich Teilnehmende umfassende kooperative Fähigkeiten aneignen, die der Trainingskurs durch alltagsnahe Begegnung mit „Anderen“ bewusst inszeniert. Das Camp im Waldhüttl Projekt in Innsbruck stellt dabei eine besondere Gelegenheit dar, hautnah zu erfahren, wie Nachhaltigkeitsziele auch in kleinen Projekten „von unten“ und „vor Ort“ umgesetzt werden können, mit denen auf übergreifende, globale Herausforderungen reagiert wird.

Mehrwert

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Action Research Summer Camp die hochschulpolitischen Forderungen nach einem gesellschaftlichen Mehrwert von Lehre und nach der Unterstützung sozial wünschenswerte Zielstellungen durch Hochschulbildung hervorragend umsetzen konnten. Das Camp markiert eine Win-Win-Situation auf allen Seiten: (a) für die Teilnehmenden durch einen Zugang zu einer mehrsprachigen, maßgeschneiderten und demokratischen Lernumgebung;

(b) für die beiden Professoren, die sich ebenfalls entwickeln konnten, in dem sie ein innovatives, transnationales Lehrangebot umsetzten;

(c) für die akademischen Trägereinrichtungen, die nun auf ein erprobtes Modell zurückgreifen können; und

(d) für die Vertreter*innen der Zivilgesellschaft, die ihren Aktionsradius und ihre internationale Reichweite erweiterten.

 

Folgende „Lektionen“ hatte wir Organisatoren gelernt, die weitestgehend für die Weiterentwicklung und -expansion ab 2022 berücksichtigt werden konnten (siehe unten Abschnitt „Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit“).

(1) Unser Trainingskurs im Jahr 2021 wurde zu einem einheitlichen Einführungspreis von 150.- Euro pro Person angeboten, der die Unterkunfts- und Verpflegungskosten gerade so deckte. Erst im Verlauf haben wir uns überlegt, wie wir auf die unterschiedlichen finanziellen Kapazitäten von Teilnehmenden reagieren können. Wir sind auf die Idee gekommen, dass Teilnehmende mit ausreichendem Budget einen höheren Preis zahlen können bzw. aus solidarischen Gründen nach Möglichkeit sollen – im Einklang mit dem Grundverständnis unseres sozialen Partners. Wir empfehlen, die Gebühren für solche Kurse flexibel zu halten, um unterschiedlichen finanziellen Verhältnissen gerecht zu werden.

(2) Wir haben unseren Kurs für (forschende) Akademiker*innen und Praktiker*innen gleichermaßen konzipiert. Von letzterem wurden jedoch zahlenmäßig weniger Interesse bekundet. Wir empfehlen für ähnliche Projekte, Strategien zu entwickeln, wie man noch stärker Personen erreichen und einbinden kann, die nicht offiziell an Hochschulen eingeschrieben sind (Professionelle, Aktivist*innen, engagierte Bürger*innen).

(3) Wir konnten allen eine qualifizierte Teilnahmebestätigung ausstellen. Nur reguläre Doktoratsstudierende unseres Veranstalters Universität Salzburg erhielten 6 ECTS-Punkte. Wir schlagen vor, solche Kurse so zu institutionalisieren, dass sie allen Teilnehmern Mikro-Credentials bieten, unabhängig von einer Immatrikulation in einem Hochschulstudiengang.

(4) Wir haben versucht, Teilnehmende aus dem Globalen Süden zu integrieren, aber von dort haben wir nur wenige Rückmeldungen erhalten. Wir schlagen für ähnliche Projekte vor, die akademische Bildung insgesamt stärker zu dekolonialisieren und zu transnationalisieren. Stipendien könnten dafür sorgen, dass Menschen aus dem Global South ihr Wissen in die Teilnehmendengruppe einbringen können.

(5) In unserem ersten Durchgang haben alle Kursteilnehmer*innen dazu beigetragen, durch die Mitausrichtung einer öffentlichen Party (das „internationale Camp Festival“ am letzten Abend) für den Gastgeber und sozialen Partner finanzielle Mittel zu generieren. Wir hätten gerne noch mehr an das sozial innovative Projekt zurückgegeben. Wir empfehlen, die Beteiligung von sozialen Partnerorganisationen finanziell gut zu kompensieren und damit auch Verantwortung für hochinnovative, aber oft unterfinanzierte Projekte zu übernehmen, die wir als akademische Ausbildungs- und Forschungsorte dringend benötigen. Eine aktive Einbindung von Teilnehmenden in solche Prozesse vermittelt Studierenden, was verantwortungsvolle Forschung und Innovation konkret bedeutet.

(6) Wir konnten anfänglich nur Mittel für den ersten Durchlauf des Camps aufbringen. Wir sind der Meinung, dass ähnliche Schulungen eine nachhaltige Entwicklung frühzeitig ins Auge fassen sollten und nach Möglichkeit von Anbeginn an eine institutionelle Unterstützung über mehrere Jahre sichergestellt wird.

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Unser internationales „Action Research Summer Camp“ ist in seiner Art weltweit einmalig. Daher spiegelt es besondere personelle und finanzielle Ressourcen und lokale Gegebenheiten wider. Funktional äquivalente, vergleichbare Bedingungen finden sich aber auch an anderen Orten. Die Programmkomponenten des „Action Research Summner Camp“ können für Trainings mit ähnlichen Zielen einzeln genutzt oder als Ganzes an die Bedürfnisse anderer Institutionen angepasst werden können. Beispielsweise können andere Universitäten ähnliche Module als extra-curriculare oder reguläre Kurse im Rahmen von Mobilitätsfenstern anbieten, die es (nicht-studierenden) Bürgerinnen und Bürgern ermöglichen, gemeinsam mit Studierenden und Promovierenden an einer akademischen Aus- und Weiterbildung teilzunehmen. Unser Rahmen kann besonders gut für ähnliche forschungs- und handlungsorientierte Ausbildungen und Trainings verwendet werden, z.B. in den Bereichen „Public Sociology“, „Soziale Arbeit“, „Service Learning“ / „Citizen Science“ oder „Feldforschung/ Ethnographie“. Unsere Werkzeuge, Techniken und Methoden sind im Prinzip bereits in anderen Kontexten langjährig erprobt – bspw. in Seminaren zur Theologie der Befreiung, im Forum-Theater, in der „Bildung von unten“ (popular education) u.v.m. Was den Unterschied ausmacht, ist, wie wir alles zusammensetzen, um einen einzigartigen, intensiven Lehr- und Lernstil zu schaffen. Dabei setzen wir uns bewusst den Risiken und der Unkalkulierbarkeit eines jeden echten Bildungsprozesses aus. Tatsächlich haben wir viel beim ersten Durchlauf improvisiert, anstatt einem starren Zeitplan zu folgen. Unsere Ressourcen und das Wissen, das wir investieren können, dient nur als ein Ausgangspunkt für Möglichkeiten, die sich erst im praktischen Tun erreichen lassen und nur aus einem kollektiven, partizipativen Prozess und dem Engagement aller Teilnehmenden erwachsen können.

 

Die Weiternutzung, -entwicklung und -expansion des Pilotprogramms ab dem Jahr 2022 betrifft v.a. vier Aspekte:

(1) ein neuer Kurs für Fortgeschrittene wird eingerichtet, der den Basiskurs ergänzt;

(2) beide Trainings werden als Zertifikatskurse mit transferierbaren ECTS-Punkten angeboten;

(3) Teilnehmende aus dem Globalen Süden erhalten eine finanzielle Unterstützung durch ein „transnational grant“;

(4) das „Camp“ wird umfassender beworben und die Erkenntnisse in den wissenschaftlichen Diskurs eingespeist.

 

(1) Aufgrund der hervorragenden Evaluation wird das „Action Research Summer Camp“ ab 2022 an der Bertha von Suttner Privatuniversität St. Pölten angesiedelt, auch bedingt durch die Berufung von Dr. Raithelhuber an diese Hochschule. Die Bertha von Suttner Privatuniversität legt besonderen Wert auf die Soziale Dimension (v.a. auf eine inklusive Gestaltung der Lehrangebote für „non-traditional students“ sowie Berufstätige). Daher ermöglicht sie auch mit eigenen investiven Mitteln eine Erweiterung des innovativen Angebots, das weiter ausgebaut und getestet werden soll. Ab 2022 wird daher der „Basic Course“ durch einen „Advanced Training“ ergänzt.

(2) Beide Trainings sind nun als Zertifikatskurse mit 6 bzw. 5 ECTS Punkten eingerichtet. Sie bieten somit allen Teilnehmenden transferierbare Micro-Credentials, unabhängig von einer Einschreibung in ein reguläres Studium an der Bertha von Suttner Privatuniversität.

(3) Erstmals können ab 2022 Reise- und Teilnahmekosten für Menschen aus dem „Globalen Süden“ über ein „transnational grant“ ganz oder teilweise finanziert werden. Mit dieser transnationalen Öffnung kann ein weiteres Ziel der beiden Projektgründer und -organisatoren, Dr. Dolgon und Dr. Raithelhuber, realisiert werden. Begünstigte sind Studierende, Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen aus wirtschaftlich benachteiligten Ländern und Nationalstaaten sowie politisch, wirtschaftlich und kulturell marginalisieren Regionen aller Länder, die ohne diese Unterstützung nicht am Training teilnehmen könnten. Die Einwerbung dieser Gelder erforderte eine intensive Kontaktarbeit. Als Drittmittel-Geberinnen konnten zwei hervorragende Partner gewonnen werden: die Hans Böckler Stiftung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), eines der größten Studien- und Begabtenförderwerke in Deutschland, sowie die Bertha von Suttner Stiftung der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK).

(4) Die Ergebnisse sowie der Mehrwert des innovativen Trainingsangebots werden der Fachöffentlichkeit weltweit kommuniziert. So wurde bspw. die Außendarstellung des „Action Research Summer Camp“ ab dem zweiten Durchlauf attraktiver gestaltet. Basis dafür sind semi-professionelle Fotos, die während des Erstdurchlaufs 2021 entstanden, ebenso wie die ausführlichen, herausragend positiven Rückmeldungen von Teilnehmenden. Letztere sind nun auf der neuen Website in einer eigenen Rubrik „VOICE OF PARTICIPANTS“ dargestellt (www.suttneruni.at/actionresearch-basic). Die Ergebnisse konnten bereits auf mehreren internationalen und nationalen Konferenzen vorgestellt werden. Zum Beispiel wurde auf dem Jahrestreffen der Association for Humanist Sociology 2021 in den USA unter dem Titel “A Beloved Community Realized: Power, Connection & the PAR Process at the Mentleburg Waldhüttl in Austria” ein Panel veranstaltet, an dem auch Teilnehmende mitwirkten. Die beiden Programmdirektoren Dr. Dolgon und Dr. Raithelhuber präsentieren ihre Erkenntnisse auf der „22nd International Migration Conference“ in Luxemburg (15-17 Juni 2022) mit ihrem Vortrag „Decolonize and Transnationalize the Academy! A Case of How to Co-Organize Research Capacity Building with a Grassroots Project for Highly Mobile Roma in Austria”. Die ausführlichen Evaluationsergebnisse und Schlussfolgerungen dienen als Basis für einen Artikel, der in der Rubrik „Methodenausbildung“ einer internationalen Zeitschrift für qualitative Forschung veröffentlich werden soll (Vorabsprachen sind bereits gelaufen). Dieser Beitrag beleuchtet das „Camp“ als eine innovative Form des Capacity Building im Bereich der Partizipativen Aktionsforschung und Methodenlehre.

 

Die beiden Gründer des Projekts, Dr. Dolgon und Dr. Raithelhuber, verfolgen ihre Zusammenarbeit nun längerfristig als „The PAR Initiative – Transnational Trainings in Participatory Action Research“. Eine Expansion des Projekts für 2023 in Richtung Lateinamerika ist ebenso angedacht wie die Integration geeigneter, internationaler Kolleg*innen in die Leitungsverantwortung. Daher ist für 2023 vorgesehen, einen der Kurse stärker in Richtung eines „Train the Trainer“-Models auszubauen. Des Weiteren wird zurzeit überlegt, den Kurs in einer kontinuierlichen Zusammenarbeit mit europäischen Hochschulen der EHEA weiter zu entwickeln, bspw. unter Nutzung der „Blended Intensive Programmes“ (BIPs) in ERASMUS+.

Aufwand

Die Entwicklung und erstmalige Durchführung des Action Research Summer Camps erforderte großes Engagement seitens der Initiatoren. Beide investierten sehr viel unentgeltliche Zeit und mobilisierten viele Kontakte, um dieses innovative Projekt erstmalig zu erproben, die finanziellen Mittel über die Universität Salzburg (ca. 1.300 Euro) und Fulbright (ca. 4.000 Euro) einzuwerben und auch aufbauend auf den Piloterfahrungen weitere Schritte zu definieren (siehe unten unter „Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit“). Der Fulbright Specialist, Dr. Dolgon (USA), erhielt im Rahmen der programmüblichen Honoraraufwands eine Entschädigung. Gleichermaßen wurden die Reise- und Unterkunftskosten durch die interne und externe Projektfinanzierung abgedeckt. Der nationale Co-Organisator, Dr. Raithelhuber, erbrachte die Lehrleistung als Privatdozent am ursprünglichen Träger, der Universität Salzburg, unentgeltlich.

 

Die Kooperation mit dem sozialen Partner, dem Waldhüttl in Innsbruck (www.waldhuettl.at) war deshalb so erfolgreich, weil sie auf eine bereits länger etablierte Beziehung zu Mitgliedern der Gemeinschaft aufbauen konnte. Hintergrund dafür waren Kontakte, die aus einem Forschungsprojekt zum „transnationalen Betteln“ und zu sozialer Sicherheit unter Bedingungen der (Im-)Mobilität, das einer der Entwickler des Programms (Dr. Raithelhuber) leitete, heraus entstanden waren. Die Solidarität und Freundschaft, die daraus erwuchs – ebenso wie die gegenseitige Wertschätzung der unterschiedlichen Perspektiven von „Wissenschaft“ und „Praxis“ – bildeten eine hervorragende Basis für die gemeinsame Entwicklung eines hochwirksamen Trainingsprogramms.

Positionierung des Lehrangebots

Doktorat / 3. Zyklus des Bologna-Prozesses. Das Angebot, das auf ein gemeinsames Lernen zielt, ist explizit für Praktiker*innen und nicht regulär eingeschriebene Studierende geöffnet, ebenso wie für fortgeschrittene Masterstudierende und Post-docs.

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2022 nominiert.
Ars Docendi
2022
Kategorie: Forschungsbezogene bzw. kunstgeleitete Lehre
Ansprechperson
Peter Pantuček-Eisenbacher, Prof. Dr.
Rektorat
+43 676 847 228801
Nominierte Person(en)
Eberhard Raithelhuber, Univ.-Prof. Dr., Privatdozent
Soziales
Corey Dolgon, Prof. Dr.
Soziales (externer Dozent)
Themenfelder
  • Curriculagestaltung – Inhalt
  • Didaktische Methode
  • Erfahrungslernen
  • Internationalisation@home
  • Neue Medien
  • Sonstiges
  • Wissenschaftliche (Abschluss)Arbeiten
Fachbereiche
  • Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften