Fachhochschule Wiener Neustadt GmbH
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Flip²Math

Ziele/Motive/Ausgangslage

Die Erfahrungen, die wir in den vergangenen Jahren beim Unterrichten von Mathematik im ersten Studienjahr mit Studierende mit unterschiedlichem Bildungshintergrund gemacht hatten, haben uns zur Entwicklung und Umsetzung dieses Flipped-Classroom-Konzepts veranlasst. Unsere Hauptidee ist es, die Studierenden in den Mittelpunkt des Unterrichts zu stellen, indem wir sie in selbstgesteuerte Lernaktivitäten einbinden und verschiedene Lerntypen ansprechen. Gleichzeitig haben wir unsere eigenen Erfahrungen als Mathematiklehrende „geflippt“, indem wir unsere Art und Weise, wie wir vor einem sehr unterschiedlichen Publikum unterrichten, verändert haben.

 

Die Struktur des Kurses besteht aus zwei Teilen: dem Selbststudium und der ”Discussion-Group”. Im Selbststudium erhalten die Studierenden zu Beginn der Woche alle Materialien in digitaler Form über die Lernplattform der Universität (Moodle) und setzen sich selbständig damit auseinander. Nach üblicherweise einer Woche treffen sich Studierende und Lehrende in kleinen Gruppen, um die Themen zu diskutieren, Wissen zu vertiefen und zu vernetzen. Die Online-Materialien bestehen aus dem Skriptum und Videoaufzeichnungen, in denen die behandelten Themen erklärt werden, sowie „Self-Checks“ (Online-Quizzes in Moodle), die vor den Treffen der „Discussion-Groups“ ausgefüllt werden müssen.

 

Jedes Thema wird auf verschiedene Arten (Skriptum und Videoaufzeichnungen) eingeführt, um den Lernprozess für unterschiedliche Lernstile zu erleichtern. Außerdem wird der Inhalt in kleinen und „verdaulichen“ Portionen präsentiert.

 

Die „Self-Checks“ stellen sicher, dass jeder Teil gut genug verstanden wird, bevor der nächste Schritt zugänglich ist. Nach der Selbstlernwoche findet ein Treffen von maximal 12 Personen statt, um die verschiedenen Themen zu diskutieren und zu vertiefen. Die Studierenden werden laufend dazu ermutigt in jedem Teil des Kurses in Gruppen zu arbeiten.

 

Zu den festgestellten Vorteilen gehört, dass die Studierenden die Möglichkeit haben in ihrem eigenen Tempo zu arbeiten, während wir sie gleichzeitig unterstützen, wenn Hilfe benötigt wird. Auf diese Weise können sie die Bereiche der Mathematik, die ihnen Schwierigkeiten bereiten, leichter erkennen, und die Lehrenden können sich auf individuelle Schwächen konzentrieren. Außerdem sind die Studierenden aufgrund der Kursstruktur „gezwungen” während des Semesters mit dem Modul Schritt zu halten. Die Zusammenarbeit der Studierenden in digitaler (durch Question and Answer-Posts über Moodle) und physischer Form (durch Studiengruppen) ist ebenfalls ein positiver Effekt. Das unmittelbare Feedback durch die Interaktion mit den Studierenden hat uns geholfen über unsere Lehrmethoden zu reflektieren und zu deren Verbesserung beizutragen. Aufgrund unserer neuen „Rolle“, die sich von reinen Lehrkräften zu Coaches und Moderator:innen gewandelt hat, hat sich auch unsere Erfahrung verändert.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Das Flip²Math-Projekt versucht die Erfahrungen von Studierenden und Lehrenden beim Lernen und Lehren von Mathematik zu „flippen“, indem wir unsere „Rolle” von reinen Lehrkräften zu Coaches und Moderator:innen transformiert haben. Unser Projekt wurde in einem Mathematikmodul des ersten Studienjahres für internationale Studierende durchgeführt die einen Bachelor-Abschluss in Wirtschaftsberatung anstreben. Die zentrale Idee ist einerseits den Studierenden mit unterschiedlichen mathematischen Vorbildungen mittels digitaler Ressourcen die Möglichkeit zu geben die Verantwortung für Ihren Lernprozess zu übernehmen und sich die Kompetenzen aktiv und selbstverantwortlich anzueignen. Andererseits wollen wir ihnen einen sicheren Raum bieten, wo in der Gruppe offen über Mathematik und allfällige Schwierigkeiten im Lernprozess gesprochen werden kann. Diese beiden Aspekte werden durch die Online-Lernperioden und die ”Discussion-Group” abgebildet. Um Studierende den Start zu erleichtern, wurde am Beginn der Lehrveranstaltung das Konzept vorgestellt und der genaue Ablauf der verschiedenen Lernphasen besprochen. Auf diese Weise versuchen wir die Lernphasen zeit- und ortsunabhängig zu machen, die Aktivität und Selbstverantwortung in einem diversen, multikulturellen Umfeld zu fördern, sowie Zeitmanagement- und Kommunikationskompetenzen zu stärken.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

The Flip²Math project attempts to “flip” students’ and teachers’ experience while they are engaging with the learning and teaching of mathematics respectively. Our project was implemented into a first-year mathematics module, taught to international students who study for a bachelor's degree in Business Consultancy. In this context we designed a student-centered course which aimed to engage its participants in the learning of mathematics by giving them space to organize their own study time and by considering their different educational backgrounds. The main idea is to provide a setting, where on the one hand the students are able with the use of digital resources to take responsibility of their own learning and become active learners, and on the other hand to give students a “safe” space where they can bring questions and discuss mathematics with their peers and teachers. This is succeeded through the self-learning period and the discussion groups. To facilitate the start, the “flipped-classroom”-concept was introduced, and the structure of the course (what happens when) was made clear to the students at the beginning of the semester. In this way we aim to make the learning of mathematics independent of time and space, promote active student engagement in a diverse and multicultural learning context and enhance students’ time-management, digital and communication skills.

Nähere Beschreibung des Projekts

Aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen mit dem Unterricht dieses Mathematikkurses für internationale Wirtschaftsstudierende im ersten Studienjahr haben wir die folgenden Probleme beobachtet:

 

Große Unterschiede im mathematischen Vorwissen der Studierenden zu Beginn des Kurses.

 

Studierende, die von der Schule an die Hochschule kommen, sind an eine enge Bindung und eine intensive Interaktion mit ihren Lehrenden gewöhnt. Dieses Lehrmodell finden sie in dem neuen Bildungskontext nicht vor, was sich in vielerlei Hinsicht auf ihre Anpassung auswirkt. Aus Sicht der Bildungseinrichtung verursacht ein kleines Verhältnis zwischen der Zahl der Lehrenden und Studierenden jedoch höhere Kosten aufgrund der größeren Anzahl an benötigten Lehrkräften.

 

Für gewöhnlich sind Studierende in den Vorlesungen sehr passiv, was sich für das Aneignen der Inhalte sehr nachteilig auswirkt.

 

Um diese Herausforderungen zu meistern, haben wir bei der Gestaltung unseres Kurses ein Flipped-Classroom-Konzept entwickelt. Der Kursinhalt wurde in sieben Blöcke (Unterthemen) unterteilt, wobei jeder Block wie folgt aufgebaut war:

 

Selbststudium: Die Inhalte der einzelnen Blöcke wurden über Videos, Skriptum und zusätzliches Schulungsmaterial vermittelt. Moodle wurde verwendet, um das Material zu verteilen. Die Studierenden konnten ihre Lernzeit innerhalb eines bestimmten Zeitfensters von üblicherweise einer Woche flexibel einteilen. Während dieser Zeit wurde die Teamarbeit gefördert.

 

„Self-Checks“: Nach dem Studium des bereitgestellten Materials konnten die Studierenden ihr Wissen mit „Self-Checks“ überprüfen. Diese zielten darauf ab das Grundverständnis der Studierenden für die vorgestellten Themen zu testen. Jeder Block umfasste im Durchschnitt drei „Self-Checks“, wobei es eine Mindestanforderung für das Bestehen jedes Tests gab. Wenn diese Anforderung nicht erfüllt wurde, konnten die Studierenden nicht zum nächsten Test übergehen. Das Bestehen aller Tests war eine Voraussetzung für die Teilnahme an den „Discussion-Groups“. Die Studierenden durften die Tests so oft wiederholen, wie sie wollten. Die erreichten Punkte hatten keinen Einfluss auf die Endnote. Im kommenden Jahr wird es einen erhöhten Anreiz durch Mitarbeitspunkte für erfolgreich durchgeführte „Self-Checks” geben.

 

„Discussion-Groups“: In den physischen Treffen vertieften und festigten wir das Wissen der Studierenden, indem wir die Themen zusammen diskutierten. Für diese Treffen wurde die Kohorte (etwa 90 Studierende) in acht Gruppen aufgeteilt. Die Studierenden brachten ihre Fragen in die Gruppe ein und diskutierten sie untereinander, während die Lehrenden sich um die Koordination kümmerten. Gruppenarbeit, Think-Pair-Share, Diskussionen und Quizzes gehörten zu den eingesetzten didaktischen Methoden. Im Fokus stand immer das Beseitigen von Unklarheiten und das Vertiefen und Vernetzen von Wissen.

 

Während des Semesters fanden drei Tests statt, zwei schriftliche und ein Computertest in MS-Excel. Für einen versäumten Test wurde ein Ersatztermin angeboten. Um den Kurs erfolgreich abzuschließen, mussten einige Mindestanforderungen erfüllt werden (für jeden Test und für alle Tests insgesamt).

 

 

 

Für die Vorbereitung/Verteilung des Studienmaterials und für die „Discussion-Groups“ haben wir die folgende Software und Ausrüstung verwendet:

 

Videoaufzeichnungen: Camtasia und Panopto

 

Vorlesungsnotizen in digitaler Form: LaTex und MS Word

 

Online „Discussion-Groups“ (im Falle eines Lockdowns): MS Teams

 

„Discussion-Groups”: Computer, Beamer, MS Excel

 

Moodle wurde für die Verbreitung der Materialien, für Kommunikationszwecke (Foren), für die Veröffentlichung von Prüfungsergebnissen und für die „Self-Checks“ verwendet

 

Stifttablett (Wacomboard) wurde zum Schreiben während der Videoaufnahmen und der Online-Discussion-Groups verwendet

 

 

 

Schlussfolgerung und Ergebnisse:

 

Sowohl in der Zielsetzung dieses Projektes wie auch in der Reflexionsphase haben wir neben der Leistung und dem Kompetenzerwerb eine Reihe von weiteren Zielen avisiert. Zum einen sind dies Aspekte, welche die individuellen Unterschiede der Studierenden wie Vorbildungsniveau und Lernverhalten ansprechen, zum anderen handelt es sich um sekundäre Fertigkeiten, wie Zeitmanagement, interkulturelle und interdisziplinäre Kommunikation, und nicht zuletzt um digitale Kompetenzen wie sie im europäischen Referenzrahmen festgelegt sind (Informations- und Datenkompetenz, Kommunikation und Zusammenarbeit, Erstellung digitaler Inhalte, Problemlösung). Im Folgenden wird auf diese Bereiche näher eingegangen.

 

 

 

Studierendenzentrierter Fokus

 

Dieses Kursdesign erlaubt es den Studierenden ihr eigenes Lerntempo zu wählen und in einer sicheren eigens gewählten Umgebung zu agieren. Auch die Präsenzphasen („Discussion-Groups”) finden in einer sicheren Umgebung statt: Für Studierende, die sich scheuen vor 100 Personen zu sprechen, ist es einfacher ihre Probleme in einer kleineren Gruppe zu äußern und sich mehr einbezogen zu fühlen, was in der Übergangsphase von Schule auf Hochschule sehr wichtig ist.

 

 

 

Abholen der Studierenden

 

Ein wichtiges Ergebnis ist, dass wir einen besseren Einblick in die mathematischen Kompetenzen und Probleme der einzelnen Studierenden gewonnen haben. In den „Discussion-Groups“ ist es möglich die Bereiche zu identifizieren, die den Studierenden Probleme bereiten und individuell Hilfe durch Lehrende aber auch Peers anzubieten. Die unterschiedlichen mathematischen Hintergründe der Studierenden können effektiv für das Peer-Learning genutzt werden (z. B. können Studierende, die in der Schule Wirtschaftsmathematik belegt haben, denjenigen helfen, die dies nicht getan haben, usw.). Da Studierende vorbereitet zu den „Discussion-Groups“ kommen, haben wir mehr Zeit zu diskutieren, Wissen zu vertiefen und zu vernetzen. Auf diese Weise wollen wir das mathematische Verständnis verbessern und festigen.

 

 

 

Zeitmanagement-Fähigkeiten

 

Aufgrund des flexiblen Lernweges und des hohen Maßes an Selbstorganisation, das in diesem Studiengang erforderlich ist, mussten die Studierenden ihre Zeitmanagementfähigkeiten verbessern und ihre Studienzeit effektiv planen. Da das Arbeitspensum nicht gleichmäßig über das Semester verteilt war, war es für die Studierenden sehr wichtig ihre Aktivitäten rechtzeitig zu planen und zu lernen, Prioritäten bei ihren Aufgaben zu setzen.

 

 

 

Interkulturelle und interdisziplinäre Kommunikationsfähigkeiten

 

Durch die Notwendigkeit, Fragen zu stellen und an Online-Diskussionen teilzunehmen trainierten die Studierenden mathematische Probleme mit ihren eigenen Worten auszudrücken. Dies stellt normalerweise ein großes Problem für sie dar. Diese Fähigkeit ist wertvoll für die interkulturelle und interdisziplinäre Kommunikation. Die Diskussion von mathematischen Problemen in dieser interkulturellen Gruppe kann ihnen in ihrem zukünftigen Arbeitsumfeld von Nutzen sein, das höchstwahrscheinlich ebenfalls interkulturell und auch interdisziplinär sein wird. Unsere Absolvent:innen arbeiten meist in betriebswirtschaftlichen Kernabteilungen wie Controlling, Marketing oder Finanzen, wo sie mit Kolleg:innen kommunizieren müssen, die einen wissenschaftlichen Hintergrund haben und die z.B. in IT- oder F&E - Abteilungen arbeiten.

 

 

 

Unmittelbares Feedback

 

Durch die „Discussion-Groups“ gelang es uns bereits zu Beginn des Semesters ein ausführliches und permanentes Feedback zu den Kursmaterialien zu erhalten. Wir waren in der Lage zu verstehen, welche Teile des Materials die mathematischen Kompetenzen der Studierenden förderten und ihnen halfen, sich als Mathematik-Lernende weiterzuentwickeln, und welche Teile verbessert werden mussten.

 

 

 

Digitale Kompetenzen

 

Durch die digitale Bereitstellung der Inhalte ist der Rahmen für eine digitale Auseinandersetzung mit den Lerninhalten gesteckt worden. Nicht nur die Perzeption, sondern auch die Kommunikation per Moodle (was bei der Diskussion über mathematische Inhalte zusätzliche Fertigkeiten erfordert) oder die Problemlösung (Einsatz von Tabellenkalkulation oder Computeralgebratools) erfolgen zu einem großen Teil digital und sollten die wertvolle Präsenzarbeit sinnvoll ergänzen.

 

 

 

Leistungen der Studierenden

 

Was die Prüfungen betrifft, so waren die Ergebnisse der ersten Prüfung vergleichbar mit denen aus vorangegangenen Jahren. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass sich die Studierenden gleich zu Beginn des Kurses auf einen neuen Lernkontext in kurzer Zeit gleich zu Beginn ihres Studiums einstellen mussten. Die zweite Prüfung wurde mit MS Excel durchgeführt und es war das erste Mal, dass eine Computersoftware in diesem Kurs verwendet wurde. Da MS Excel in verschiedenen Arbeitsumgebungen weit verbreitet ist, wollten wir die Studierenden mit mathematischen Anwendungen vertraut machen, die für sie in ihrer Zukunft nützlich sein könnten. Die Ergebnisse der zweiten Prüfung waren wesentlich besser. Die bessere Leistung der Studierenden lässt sich in diesem Fall durch ihre hohe Beteiligung an Online-Diskussionen und anderen Lernaktivitäten während der Prüfungsvorbereitung erklären. Darüber hinaus vermuten wir, dass die Studierenden eine anwendungsorientiertere Aufgabenstellung mehr zu schätzen wissen, was durch den Einsatz von MS Excel umgesetzt werden konnte. Insgesamt scheint das neue Kurs-Design dazu geeignet zu sein, eine mathematische Grundlage für das Verständnis der Komplexität der heutigen Welt zu schaffen. Die Ergebnisse der dritten Prüfung waren deutlich besser im Vergleich zum vorigen Jahrgang. 57% der Studierenden haben die Anforderungen erfüllt verglichen mit 41% vom letzten Jahr.

 

Mehrwert

Jener Mehrwert, der die Konzeption dieser Lehrveranstaltung motiviert hat, ist die Erhöhung des Lernerfolges bei Studierenden mit höchst heterogenen Lernhintergründen bei gleichzeitiger Aufwandsneutralität.

 

Dieser Mehrwert ist, gemessen an den Ergebnissen der Klausur im Vergleich mit den Vorjahren, auch erreicht worden. Uns ist bewusst, dass die erhöhte Aufmerksamkeit, die in die Neugestaltung der Lehrveranstaltung geflossen ist, sowie die häufige Feedbackerhebung alleine schon einen positiven Effekt erzielt haben könnte. Ob diese Verwässerung der Validität tatsächlich eingetreten ist, werden die nachfolgenden Jahrgänge zeigen.

 

Neben unserem Hauptziel haben sich auch folgende zusätzliche Mehrwerte ergeben:

 

„Spin-Off Mehrwerte“ sind für Lehrende und Studierende zugleich die Präsenzarbeit in den kleinen Gruppen. Das hat ein besseres Kennenlernen aller Beteiligten, begleitet von einer erhöhten persönlichen Bindung, herbeigeführt, sowie daraus folgend eine geringere Barriere verschiedenste Fragen und Belange aufzuwerfen. Nicht zuletzt hat sich durch die Vorarbeit zu Hause die Qualität und das Niveau der besprochenen Fragestellungen und Diskussionen erhöht. Nicht in dem Ausmaß, wie wir uns das erhofft haben, aber zumindest tendenziell.

 

Ein weiterer „Spin-Off Mehrwert“ ist ökonomischer Natur: Der Aufwand, der in die Erstellung des Kursdesigns gesteckt wurde, kann zukünftig voll genutzt werden. Somit kommen die aufgewendeten Ressourcen höchst effektiv zum Tragen. Auch die Einbindung neuer Referent:innen kann mit geringer Einarbeitungszeit und ohne große Aufwendungen erfolgen. Zukünftige Ressourcen können zur Gänze in die Qualitätsverbesserung einfließen.

 

Auf Seiten der Studierenden ist, im Falle von ausreichenden bzw. hohen Mathematik-Vorkenntnissen, von einer Zeitersparnis berichtet worden. Damit konnten in der Lernphase die „Self-Checks” durchgeführt werden, ohne dass zuvor alle Lernunterlagen durchgearbeitet werden mussten. Für Studierende mit niedrigeren Vorkenntnissen stellt sich das genau umgekehrt dar: es konnte bzw. musste mehr Zeit in die Lernphasen investiert werden. Letztlich sollte diese Möglichkeit allerdings dazu führen, trotzdem - also ohne zusätzliche Nachhilfen oder dergleichen - die Lehrveranstaltung zu bestehen.

 

Die übertragbaren Fähigkeiten (z.B. Zeitmanagement, interkulturelle Kommunikation, Software-Nutzen, usw.), die die Studierenden durch das Projekt erlernt haben, können zu ihrer persönlichen Kompetenzentwicklung beitragen und sind für ihre zukünftige berufliche Laufbahn von großer Bedeutung. Außerdem bereitet sie das selbstgestreute und aktive Lernen mithilfe digitaler Ressourcen auf aktuelle und kommende Aufgaben und Herausforderungen in ihrem professionellen und privaten Alltag vor.

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Das Flip²Math Konzept wurde für den Kurs “Mathematics for Business & Economics” erstellt und angewandt. Eine Übertragung auf andere Mathematik- und Statistikkurse in den Wirtschafts- und Ingenieurswissenschaften aber auch in den Naturwissenschaften ist mit minimalen Änderungen des Konzepts möglich. Weiters gibt es in diesen Disziplinen Lehrveranstaltungen mit ähnlichem Aufbau – man denke an Mechanik, Elektrotechnik oder Volkswirtschaftslehre. Für diese Kurse sollte eine Übertragung ebenfalls ohne größeren Aufwand möglich sein. Mathematikkurse im Mathematikstudium sind hier explizit ausgenommen, da durch den sehr unterschiedlichen Zugang (ein Großteil der Zeit wird für die Beweisführung von Theoremen verwendet) einige Änderungen im Konzept vorgenommen werden müssen.

 

 

 

Wird in der Lehrveranstaltung eine spezielle Software gelehrt, so bietet sich dieses Flipped- Classroom- Konzept umso mehr an. Für den Kurs „Mathematics for Business & Economics“ erhalten Studierende Videomaterial zu Microsoft Excel. Studierende können dadurch sehr einfach die Software erlernen, da ein gleichzeitiges Ansehen des Videos und eigenständiges Ausprobieren möglich ist. Die Möglichkeit Videos zu pausieren ist in dieser Situation ein enormer Vorteil. Diese Pluspunkte sind unabhängig von der konkreten eingesetzten Software. Microsoft Excel kann somit sehr einfach durch andere Software wie zum Beispiel SPSS, R oder MATLAB ausgetauscht werden – um nur ein paar Beispiele zu nennen – ohne die erwähnten Vorteile zu verlieren.

 

 

 

Besonders vorteilhaft ist das Flip²Math Konzept, wenn sich der Lehrinhalt nicht im großen Stil über die Jahre ändert. Dies trifft besonders auf Grundlagenvorlesungen in den Bereichen Mathematik, Technik und Naturwissenschaft zu. Videos können somit großteils in zukünftigen Semestern weiterverwendet werden. Eine Effizienzsteigerung kann noch erreicht werden, wenn Materialien (z.B. Videos) mit kleinem Umfang produziert werden. Die Wahrscheinlichkeit ist dann groß, dass dieses Material für andere Kurse verwendet werden kann. Sollten dennoch Änderungen von Zeit zu Zeit anstehen, so ist es meist ausreichend wenige Teile zu überarbeiten bzw. zu ersetzen.

 

 

 

Das Flip²Math Konzept wird für den Kurs „Mathematics for Business & Economics“ in den nächsten Jahren weiter zur Anwendung kommen und weiterentwickelt. Eventuell wird dieses Konzept auf andere Lehrveranstaltungen in den Bereichen Mathematik und Statistik in den Wirtschafts- und Ingenieurswissenschaften eingesetzt. Eine Abstimmung mit den im selben Semester abgehaltenen Lehrveranstaltungen (aus Studierendensicht) ist jedoch angebracht, da ein zu großer Einsatz des Flipped-Classroom-Konzepts nicht mehr alle genannten Vorteile bietet und auch eine gewisse Abwechslung in den Lehrveranstaltungskonzepten gegeben sein sollte.

Aufwand

Bei der Erstellung dieses Lehrveranstaltungs-Konzepts fiel ein nicht unbeträchtlicher zeitlicher Aufwand an. In der ersten Phase wurden Weiterbildungsprogramme zu den Themen Flipped-Classroom und Erstellen/Bearbeiten von Videos besucht bzw. wurden diese Themen im Selbststudium erarbeitet. Falls nicht vorhanden ist es darüber hinaus ratsam sich weiterführende Moodle Skills anzueignen, da Moodle die zentrale Anlaufstelle darstellt.

 

 

 

Phase zwei wurde von der Erstellung der Materialien geprägt. Die Erstellung eines Skriptums und die dafür benötigte Zeit ist kein Alleinstellungsmerkmal für dieses Flipped-Classroom-Konzept. In vielen anderen Lehrveranstaltungen werden Skripten – unabhängig vom Lehrkonzept – erstellt. Anders sieht die Situation bei der Videoerstellung aus. Da für das Flipped-Classroom-Konzept Videos einen deutlich wichtigeren Part einnehmen als es in einer üblichen Situation der Fall ist, entsteht bei der Videoproduktion im ersten Jahr ein sehr hoher Zeitaufwand. Dieser Zeitaufwand kann jedoch wieder relativiert werden, wenn das produzierte Material auch für andere Kurse einsetzbar ist und wenn in den folgenden Semestern immer wieder auf dieses Material zurückgegriffen werden kann. Ein wichtiger Punkt, welcher vor der Videoproduktion bedacht werden sollte, ist wie viel Zeit man für die Bearbeitung der Videos investieren möchte. Aus den Medien im Internet und Fernsehen kennt man meist sehr professionell produzierte Videos, an deren Produktion jedoch meist eine große Anzahl an Professionisten mitwirken Dies ist in der Lehre an Hochschulen meist nicht realisierbar und aus didaktischen Gründen ist der Mehraufwand auch nicht zwingend notwendig. Hat man dennoch den Anspruch hochprofessionelle Videos zu erstellen, so kann man über die Jahre die vorerst einfach produzierten Videos überarbeiten. Ebenfalls denkbar ist die Verwendung von bereits existierenden Videos. Eine Recherche zahlt sich meist aus.

 

 

 

In der letzten Phase vor Semesterstart wurden noch die „Self-Checks“ in Moodle erstellt. Großer Wert sollte hierbei auf die Korrektheit der Lösungen gelegt werden, da Studierende diese Quizzes selbstständig oder in kleinen Gruppen durchführen und Verwirrungen nicht sofort durch Lehrende aufgelöst werden können. Sehr klare Aufgabenstellungen sind aus dem gleichen Grund von Vorteil und auch bei der Eingabe der Antwort sollte Murphys Law (“Anything that can go wrong will go wrong.”) nicht außer Acht gelassen werden. Ein genaues Begutachten durch eine dritte Person ist dafür außerordentlich hilfreich.

 

 

 

Neben den Kosten für etwaige Weiterbildungen und den soeben erwähnten zeitlichen Aufwand entstehen noch Kosten für die Videoproduktion. Für die Videos des Kurses „Mathematics for Business & Economics“ wurde ein Stift-Display (Wacomboard) verwendet und die Videos wurden mit Panopto bzw. Camtasia bearbeitet. Es gibt jedoch auch sehr gute Auswahl an kostenloser Software, wie zum Beispiel Kdenlive.

Positionierung des Lehrangebots

Flip²Math wurde im Wintersemester 2021 im Kurs “Mathematics for Business and Economics” angewandt, welcher im ersten Semester des Bachelorstudiums “Business Consultancy International” angesiedelt ist. Eine moderne Ausbildung in den Bereichen Finanz- und Wirtschaftsmathematik stellt das Ziel dieses Kurses dar. Wie bereits dem Namen des Studiengangs zu entnehmen ist, handelt es sich um einen internationalen Studiengang. Im Wintersemester 2021 starteten 90 Studierende von 32 unterschiedlichen Nationen. Genau dies stellt die Stärke dieses Studiengangs dar. Um diese Vorteile nutzen zu können, muss jedoch zuerst eine Herausforderung gemeistert werden: Unterschiedliche Zugänge und Schwerpunktsetzungen im Schulmathematikunterricht der Studierenden führen zu sehr unterschiedlichen Wissensständen, auf welche in diesem Kurs aufgebaut werden. Diese Herausforderung war der ausschlaggebende Anlass Flip²Math ins Leben zu rufen.

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2022 nominiert.
Ars Docendi
2022
Kategorie: Lehre und Digitale Transformation
Ansprechperson
Mag. Dr. Christian Anzur, MBA
Institut für Mathematik und Statistik
+43 5 0421 1385
Nominierte Person(en)
Dipl.-Ing. Dr. Arno Kimeswenger
Institut für Mathematik und Statistik
Dr. Eirini Kouvela
Institut für Mathematik und Statistik
Barbara Greil Marschoun
Mag. Dr. Christian Anzur, MBA
Institut für Mathematik und Statistik
Themenfelder
  • Didaktische Methode
  • Infrastruktur
  • Internationalisation@home
  • Neue Medien
  • Rund ums Prüfen
Fachbereiche
  • Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik/Ingenieurwissenschaften