"Ausatmungen" - ein künstlerisches Kooperationsprojekt anlässlich des 50. Todestags der Dichterin Nelly Sachs

Ziele/Motive/Ausgangslage

In ihrem Studium stehen für Studierende der Studienfächer „Komposition“, „Dirigieren“, „Chordirigieren“, „Gesang“, „Schauspiel und Regie“ und „Bühnengestaltung“ vielfältige fachspezifische Herausforderungen im Mittelpunkt. Dieses Projekt, das mit der Uraufführung von drei von Studierenden an der Universität Mozarteum Salzburg komponierten Kammeropern einen künstlerischen Abschluss finden konnte, sollte im aktiven Tun den Blick über die prinzipiell notwendigen Grenzziehungen der eigenen Disziplin hinaus ermöglichen, und gleichzeitig auf die vielfältigen Ansprüche, die ein professionelles Arbeiten auf unterschiedlichen Bühnen an Akteur*innen stellt, vorbereiten.

Als Ausgangsthese für das aufwendige Projekt fungierte die folgende Grundannahme: Auch wenn die Universität Mozarteum Salzburg mit circa 1700 Studierenden einen 'überschaubaren' Rahmen bietet, wissen die Studierenden und vielfach auch die Lehrenden unterschiedlicher Studienrichtungen wenig über die Herausforderungen, denen sich ihre Kolleg*innen je nach gewählter Studienrichtung stellen müssen. Ganz unterschiedlichen Problemen gemeinsam zu begegnen, fokussierend um künstlerische Darstellung einen Konsens auszuhandeln, stellte – abgesehen von den fachlich hohen Ansprüchen an angehende Dirigent*innen, Komponist*innen, Librtettist*innen, Regisseur*innen und Bühnenbildener*innen, Sänger*innen und Schauspieler*innen – eine große Herausforderung dar.

Durch den Einbezug des œnm (österreichisches ensemble für neue musik) sollte auch die Perspektive von 'bereits' im professionellen Musikbetrieb verankerten Personen mit ins Spiel gebracht werden. Darüber hinaus sollte auch die Perspektive von Jugendlichen auf das Werk Nelly Sachs᾿ durch die Einladung an Lehrende und Schüler*innen des Art-ORG St. Ursula in Salzburg, sich mit einer Ausstellung am Projekt zu beteiligen, mit einbezogen werden.

Zielsetzungen des Projekts korrelieren mit wesentlichen Anforderungen der unterschiedlichen Curricula, die alle Kompetenzorientierung in den Mittelpunkt rücken. So fordert das Curriculum des derzeit noch gültigen Diplomstudiums Dirigieren mit den Studienzweigen Chordirigieren und Orchesterdirigieren (Version 2008) anzustrebende Schlüsselqualifikationen wie „Künstlerische Ausdrucksfähigkeit, Motivationsfähigkeit, Fähigkeit zur Aneignung neuer Arbeits- und Lerntechniken, Fähigkeit zu fächerübergreifendem Denken und zu spezifischen Problemlösungen, Kommunikationsfähigkeit und Erkennen gruppendynamischer Prozesse, Sensibilität und menschliches Einfühlungsvermögen“ (S. 5): Aspekte, die in der Arbeit mit einer in vielerlei Hinsicht heterogenen Gruppe an den Tag gelegt werden mussten.

 

 

 

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Zum Höhepunkt eines in seiner Planung bis ins Jahr 2019 zurückreichenden Projekts wurde die in "Crossroads", ein internationales Festival zeitgenössischer Musik integrierte Aufführung der drei Kammeropern "Choreographie der Leichtigkeit" (Komposition: Seungyon Kim, Libretto: Evelyn Innerbichler), "Im Geheimnis" (Komposition: Jean Baptiste Marchand, Libretto: Vera Essl), "Salz ist mein Erbe" (Komposition: Raimonda Zukaite, Libretto: Franz Jäger) im Theater im Kunstquartier am 28. und 29. Oktober 2021 aufgeführt. Vorangegangen waren Monate intensiver Vorbereitung und Zusammenarbeit von Lehrenden- und Studierendenseite.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

The culmination of a project that dates back to 2019 was the performance of three chamber operas, integrated into "Crossroads", an international festival on contemporary music. "Choreographie der Leichtigkeit" (composition: Seungyon Kim, livretto: Evelyn Innerbichler), "Im Geheimnis" (composition: Jean Baptiste Marchand, libretto: Vera Essl) and "Salz ist mein Erbe" (composition: Raimonda Zukaite, libretto: Franz Jäger) were performed in Theater im Kunstquartier on October 28th and 29th. The presentation had been preceded by months of thorough preparation and cooperation between students and teachers.

Nähere Beschreibung des Projekts

PHASEN DES HERANGEHENS

Phase der Ideenfindung

Eine erste Planungsphase reicht zurück in das Jahr 2019. Die Überlegungen von Michaela Schwarzbauer, den 50. Todestag der Dichterin Nelly Sachs im Jahr 2020 zum Anlass für eine Veranstaltung zu machen, wurde von den Kollegen Alexander Drčar, Achim Bornhoeft an der Universität Mozarteum Salzburg sowie von Clemens Peck, Professor am Fachbereich Germanistik der Paris Lodron Universität Salzburg, mit großem Interesse aufgegriffen. Peck verwies damals auf die Bezüge zu vielfältigen künstlerischen Ausdrucksformen, die sich im Werk der Dichterin auftun. Die an den Erziehungswissenschaftler und Schriftsteller Konrad Wünsche gerichteten Worte Sachs᾿ wurden zum Motto für unser Projekt: „Schwer, über das Theater von Morgen, was ich erträume, Bestimmtes zu sagen. […] In der Frühzeit […] war die Bewegung der erste Ausdruck des Suchens, wofür man noch keine Sprache hatte; für mich ist [es] das Wort, das schöpferisch wird und nach seiner Ausatmung in Mimus und Musik verlängert wird. Auf der Bühne soll der ganze Mensch leben. Ohne das Wort zu stören, soll diese Ausatmung geschehen.“

 

Phase der Konkretisierung

• Herbst 2019: Festlegung von Rahmenbedingungen (insbesondere Besetzung) für drei Kammeropern von jeweils maximal 30 Minuten, die von Studierenden der Kompositionsklassen erstellt werden sollten.

• Auswahl von drei Komponist*innen und drei Librettist*innen (Studierende bzw. ehemalige Studierende im Fachbereich Germanistik).

• Spätherbst 2019: Erstes Treffen der drei Komponist*innen und Librettist*innen in einem von Drčar, Bornhoeft, Peck und Schwarzbauer moderierten Treffen. Bildung von Paaren, die in der Entstehung der Werke zusammenarbeiten würden.

 

Phase der Durchführung

• Ab Winter 2020 Arbeit an den drei Kammeropern durch Komponist*innen und Librettist*innen.

• Frühjahr 2020: erste Gespräche unter Lehrenden, um die organisatorischen Rahmenbedingungen für die Durchführung des Projekts abzustecken.

Coronabedingt musst das ursprünglich für Herbst 2020 geplante Projekt um ein Jahr verschoben werden.

• Frühjahr 2021: Sicherung der Räume, um ausreichend Probenmöglichkeiten für das Projekt zu schaffen.

• Koordinationsgespräche zwischen den für die Planung und Durchführung des Projekts verantwortlichen Lehrenden an den verschiedenen Departments.

• Regie: Vorbesprechungen ab dem Frühjahr 2021, Probenbeginn im Herbst 2021.

• Frühjahr 2021: Kontakt mit Natalie Cortiel, Lehrende am Art-ORG St. Ursula. In einer Kooperation von Deutschunterricht und Bildnerische Erziehung sollen insbesondere von Schüler*innen einer 6. Klasse künstlerische Annäherungen an das Schaffen von Nelly Sachs in Wort, Bild und Foto entstehen, die im Oktober in einer Ausstellung zusammengeführt werden.

• Sommer 2021: Casting für die Gesangspartien / Studium der Partien

• Vorbereitende Arbeiten

• Herbst 2021: Intensive Probenphase

• 28. und 29. Oktober: zweimalige Aufführung der Opernproduktionen, am 29. Oktober begleitet von einer kleinen wissenschaftlichen Tagung und der Eröffnung der Ausstellung des Art-ORG St. Ursula.

 

Phase der Ergebnissicherung

• Eine größere Feedbackrunde ist geplant, konnte coronabedingt bislang noch nicht durchgeführt werden. Sie soll auch der Diskussion möglicher Folgeprojekte dienen.

• Ergebnisse werden darüber hinaus in einer Publikation im LIT-Verlag, die im Verlauf des Jahres 2022 entstehen wird, zusammengeführt.

Mehrwert

Mehrwert in der Zusammenarbeit zwischen Studierenden und Lehrenden:

- Gewinn an Perspektivenvielfalt für Lehrende und Studierende in der Planung, Diskussion und Reflexion der einzelnen Schritte einer künstlerischen Erarbeitung: Lernen und Lehren in einer heterogenen Gruppe verbunden mit höchsten künstlerischen Anprüchen.

- Interdisziplinarität.

- Kooperatives, kompetenzorientiertes Lernen.

- Erfahrungsgeleitetes Lernen, das unmittelbar an die berufliche Praxis mit ihren vielfältigen Herausforderungen für Künstler*innen in ihren jeweiligen Tätigkeitsfeldern heranführt.

 

Mehrwert für den Einzelnen

- Kontinuierliche Überprüfung des eigenen künstlerischen Selbstkonzepts in einem professionelle Ansprüche stellenden künstlerischen Prozess.

- Übernahme von Verantwortung durch die einzelnen Ausführenden, Unterordnung der eigenen 'Performance' unter ein Gemeinsam.

- Steigerung des künstlerischen Selbstwertgefühls angesichts der Integration des Projekts in ein internationales Festival zeitgenössischer Musik.

 

Mehrwert in der Organisation universitären Arbeitens

- Bündelung von Leistungen, die in einzelnen Studienrichtungen als konstitutiv für einen Abschluss erachtet werden [Im Studiengang Komposition konnte die Arbeit der Studierenden im Rahmen der Pflichtveranstaltung "Ensembleprojekt" als Studienleistung honoriert werden; in Orchester- und Chordirigieren flossen die erbrachten Leistungen in die Gesamtbeurteilung der Studierenden ein].

- Lernprozess in der Strukturierung organisatorischer Abläufe.

 

gesellschaftlicher Mehrwert

- Third Mission in der Vermittlung der Auseinandersetzung mit Texten von Nelly Sachs an eine große Öffentlichkeit [vgl. dazu etwa den Einsatz der Opernmitschnitte in die Lehre von Chiara Conterno].

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Ein Nachfolgeprojekt ist auf Grund der positiven Erfahrungen für das Jahr 2023 geplant.

Aufwand

DIe Kosten (insbesondere Gagen für die professionellen Musiker*innen des "österreichischen ensembles für neue musik", Materialkosten) wurden primär durch entsprechende, zeitgerecht vorgesehene Budgetposten im Department für Dirigieren / Chorleitung / Blasorchesterleitung aufgebracht.

Positionierung des Lehrangebots

Studierende im Bachelorstudium und Studierende im Masterstudium

Links zu der/den Projektmitarbeiter/innen
Links zu Social Media-Kanälen
Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2022 nominiert.
Ars Docendi
2022
Kategorie: Kooperative Lehr- und Arbeitsformen
Ansprechperson
Michaela Schwarzbauer, ao. Prof.in Dr.in
Institut für Gleichstellung und Gender Studies
+4369910717264
Nominierte Person(en)
Alexander Drcar, Dr.
Department für Dirigieren / Chorleitung / Blasorchesterleitung
Achim Bornhöft, Univ. Prof.
Department für Komposition und Musiktheorie
Bernd Valentin, Univ. Prof.
bernd.valentin@moz.ac.at
Amélie Niermeyer , Univ. Prof.in
Department für Schauspiel, Regie und Applied Theatre - Thomas Bernhard Institut
Michaela Schwarzbauer, ao. Prof.in, Dr.in
Institut für Gleichstellung und Gender Studies
Clemens Peck, ao. Prof. Dr.
Fachbereich Germanistik Paris Lodron Universität Salzburg
Themenfelder
  • Erfahrungslernen
Fachbereiche
  • Kunst, Musik und Gestaltung