MCI - Management Center Innsbruck - Internationale Hochschule GmbH
Universitätsstraße 15, 6020 Innsbruck

Learning through Storytelling

Ziele/Motive/Ausgangslage

„It pains me to have to teach such bilge. I despise the limited way of thinking that says your need two advantages and two disadvantages to everything and you must structure every six-mark answer in the same way. It is boring, stupid and bears no relation to economy.

I will do this because it is my job. But it seems to me that it doesn’t have to be like this. It is perfectly possible that education could serve both functions – to learn useful and interesting things about the world and to get some qualifications that perform the same signalling function“. (Lucy Kellaway, The Financial Times, 5. März 2021)

Strategisches Management ist eine Disziplin, die von Studierenden abstraktes Denken verlangt. Man muss eine Vision haben, man muss für 3-5 Jahre nach vorne denken, und man muss sich vorstellen können, wie die Wettbewerber auf jeden unseren Schritt reagieren. Die Lehrbücher im Bereich strategisches Management bitten eine Reihe von Tools und Theorien. Um diese den Studierenden zu vermitteln, muss man als Lehrende/r Stories erzählen können. Ein gutes Wissen ist ein integriertes Wissen. Die kognitive Psychologie zeigt uns, dass Definitionen, Modelle und Formeln ohne Bezug auf Erfahrungen und bereits bestehende Kenntnisse des Studierenden (d.h. einzeln, nicht integriert in die Assoziationskette) schnell vergessen bzw. vernachlässigt werden. Ein Gegenteil davon, ist die Kenntnisse zu „integrieren“. Als Lehrende/r ist man verpflichtet, Beispiele zu geben, damit die Modelle mit bekannten Situationen (z.B. eigenes Unternehmen, Wirtschaftskrise 2008), berühmten Firmen (z.B. Tesla, Google/Alphabet, Apple), Theorien (z.B. die sehr veraltete aber bekannte Bedürfnispyramide von Maslow), und Konzepten (Motivation, Burnout) assoziiert werden. Ein Schritt weiter gehen die Lehrenden, die von Beispielen aus der Literatur zu Storytelling wechseln. Sowohl Geschichten aus eigener Erfahrung, als auch schön polierte Anekdoten und kurze Geschichten aus der Volksweisheit helfen den Studierenden, die Kenntnisse zu integrieren und dabei eine gewisse „Weisheit“ – ein tiefgehendes Verständnis für komplexe Zusammenhänge in einer Organisation oder auf einem Market – zu entwickeln.

Aber ist Storytelling ausschließlich ein Lehrendenprivileg? Was wenn die Studierenden eine Möglichkeit bekommen, ihre Stories zu erzählen? Solange Lehrende und Manager/innen durch deren Erfahrungen nicht nur fortgeschritten, sondern auch eingeschränkt sind, haben die Studierenden diese Einschränkung nicht. Deren Fantasie und Offenheit kombiniert mit Kenntnissen kann in tollen Ergebnissen resultieren (Abbildung 1: siehe Link unten). Studierende können so ihre Kenntnisse durch Schreiben einer Geschichte integrieren und folglich können ihre Stories auch den anderen helfen, etwas Neues mit viel Spaß zu lernen.

[https://www.researchgate.net/publication/357566129/figure/fig1/AS:1116128285859841@1643117128730/Abbildung-1-Ein-Ausschnitt-aus-der-Geschichte-One-Clever-Cue-zu-dem-Thema-Heuristiken_W640.jpg]

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

In der Lehrveranstaltung „Strategisches Management“ bekommen die Studierenden die -Aufgabe eine Geschichte zu schreiben. Als Input erhalten sie einen einseitigen Text aus einer wissenschaftlichen Arbeit. Die Studierenden sollen in einer einfachen, verständlichen und, wenn anwendbar, lustigen Form eine Theorie oder ein Konzept aus der Lernveranstaltung erklären. Nachdem die Studierenden die Geschichten geschrieben haben, wird ein Experiment durchgeführt, bei dem zufällig ausgewählte externe Teilnehmer/innen entweder die Geschichte der Studierenden oder den ursprünglichen akademischen Text lesen. Anschließend folgt eine Reihe von Fragen zur Geschichte oder zum Text. Das Experiment zeigt, dass 1. die Studierenden mehr über die Theorie lesen, wenn sie darüber erzählen müssen. 2. Die Kenntnisse werden besser integriert. 3. Die externen Teilnehmer/innen lernen aus Geschichten besser als aus akademischen Texten. 4. Die Aufgabe machte allen Beteiligten Spaß.

Die Lehrmethode zeigt, dass die Studierenden mit viel Spaß und Kreativittät die komplexen Themen beherrschen und das Wissen durch „Storytelling“ (Geschichteschreiben) richtig integrieren. Dadurch, dass die Geschichten von externen Teilnehmern gelesen werden, erzeugt dies einen gewissen sozialen Druck („Meine Geschichte wird von jemandem gelesen!“) und man gibt sich Mühe bei der Qualität der Geschichten.

Als zusätzlicher Mehrwert: über 700 zufällige Probanden haben einiges über strategisches Management gelernt.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

In the course "Strategic Management" the students are given the task to write a story. As input they receive a one-page text from a scientific paper. The students have to explain a theory or concept from the learning event in a simple, understandable and, if applicable, funny way. After the students have finished writing the stories, an experiment is conducted in which randomly selected external participants read either the students' story or the original academic text. This is followed by a series of questions about the story or the text. The experiment shows that 1. students read more about the theory/concept when they want to write about it. 2. The knowledge is better integrated. 3. The external participants learn better from stories than from academic texts. 4. The task is fun for all (incl. external) participants.

On the one hand, the task is very creative, yet the students learn the theories and concepts I have pre-selected. Moreover, they have to transform this knowledge into a story, which is then read by the external participants. This creates a certain social pressure ("My story will be read by someone!") leading to a higher effort with regard to the quality of the stories.

On the other hand, the teaching method shows that students enjoy mastering complex topics and properly integrate knowledge through "storytelling" (story writing). As a benefit: more than 700 random test persons have learned a lot about strategic management.

Nähere Beschreibung des Projekts

Die Idee des Storytelling wurde zum Kern der Hausaufgabe in der Lehrveranstaltung „Strategisches Management“. Die Studierenden bilden Teams á 2-5 Personen und bekommen zur Aufgabe eine Geschichte zu schreiben. Die Geschichte kann in deren beliebten Stil geschrieben werden: Science Fiction, Harry Potter, Roman, Märchen o.Ä. Als Input erhalten die Teams eine Theorie oder ein Konzept, was wichtig für die Lehrveranstaltung ist (z.B. dynamische Fähigkeiten, Ambidextrie oder Emergente Strategieentwicklung). Die Studierenden bekommen ca. eine Seite Text aus einem akademischen Artikel. In ihrer Geschichte sollten die Studierenden die Theorie oder das Konzept aus dem Artikel populär (und wenn möglich mit Spaß) erklären.

Im zweiten Teil der Aufgabe wird ein Experiment durchgeführt: die Teams laden externe Teilnehmer/innen zu einer kurzen Umfrage ein. Die Umfrage beginnt mit dem Text. Die Teilnehmer/innen des Experiments sehen ENTWEDER den wissenschaftlichen Text ODER die Geschichte. Nach dem Lesen des Textes/der Geschichte, erhalten sie eine Reihe von themenbezogenen Fragen.

 

Das Lernergebnis für die Studierenden:

Die Aufgabe hat den Studierenden nicht nur Spaß gemacht, sondern sie haben auch mehr über die Theorie oder das Konzept gelernt. Sie gingen die Extrameile und lasen mehr über das Thema, um die Theorie/das Konzept besser zu verstehen. So konnten sie eine bessere Geschichte schreiben.

Die letzte Vorlesung in dieser Lehrveranstaltung war der Präsentation der Konzepte und Theorien gewidmet, damit alle Studierende voneinander lernen konnten.

 

Das Lernergebnis für die Experiment-Teilnehmer/innen:

Die Teilnehmer/innen des Experiments lernten auf lustige und interessante Weise etwas über Theorien aus dem strategischen Management. Die Auswertung zeigte, dass die Teilnehmer/innen aus Geschichten besser lernten als aus akademischen Texten: sie konnten genauso gut bzw. besser die akademischen Fragen zu dem Thema beantworten. Außerdem haben die Teilnehmer/innen nach dem Experiment eingeschätzt, wie sie sich fühlen und wie sie den Text fanden. Dafür wurde das Self-Assessment Manikin von Bradley & Lang (1994) mit den Skalen „Annehmlichkeit“ (Pleasantness), „Erregungsgrad“ (Arousal) und „Unabhängigkeit“ (Independence) und zwei Skalen zur „Informationsgehalt“ (Information/Knowledge) und Nützlichkeit (Usefulness) benutzt. Alle Skalen streckten sich on -50 bis +50. Die Bewertung der „Annehmlichkeit“ und allen anderen Skalen sprachen eindeutig für das Geschichtenerzählen gegenüber akademischer Texte (Abbildungen 2 und 3).

 

Abbildung 2. Angepasste Version von Self-Assessment Manikin von Bradley und Lang (1994). Quelle: Bogodistov et al., 2021

[https://www.researchgate.net/publication/357566129/figure/fig2/AS:1116128399097857@1643117155645/Abbildung-2-Angepasste-Version-von-Self-Assessment-Manikin-von-Bradley-und-Lang-1994_W640.jpg]

Abbildung 3. Items zu Informationsgehalt und Nützlichkeit. Quelle: Bogodistov et al., 2021

[https://www.researchgate.net/publication/357566129/figure/fig3/AS:1116128478801921@1643117174327/Abbildung-3-Items-zu-Informationsgehalt-und-Nuetzlichkeit-Quelle-Bogodistov-et-al-2021_W640.jpg]

 

 

Das Forschungsergebnis:

Gemeinsam mit den Kollegen Martin Dinter (MCI Innsbruck, Österreich) und Moritz Botts (Universität Vechta, Deutschland) wurden die Daten aller Geschichten in einer Metastudie zusammengeführt. Die Auswertung der Ergebnisse zeigt statistisch signifikante Effekte, die die These stützt, dass Storytelling den Wissenstransfer von der Wissenschaft in die Praxis unterstützt. Die Ergebnisse wurden in einem Buchkapitel als Beispiel für neue Studienformate für die Online- und Hybrid-Lehre veröffentlicht, da alle Kurse online abgehalten wurden und die Prüfung der Lehrmethoden mithilfe von Online-Fragebögen erfolgte.

 

Ablauf und Planung:

1. Vor dem Unterricht wird eine Reihe von akademischen Artikeln ausgewählt, die für den Unterricht relevant sind.

2. Danach werden die Theorien/Konzepte ausgewählt, die nicht in den Kursfolien enthalten sind (z.B. Heuristiken in der Entscheidungsfindung von Managern, Emotionen in der Entscheidungsfindung von Managern, Ambidextrie, usw.)

3. Es wird eine Seite mit den grundlegenden Informationen (z. B. Definition, Konzept oder Rahmenbeschreibung) markiert, die für die Aufgabe verwendet werden können.

4. Nachdem die Aufgabe ankündigt wurde, sollen die Studierenden Teams bilden und eine Theorie/ein Konzept von Interesse auswählen. Jedem Konzept folgen 5-6 Fragen, die man auf der Grundlage des Ausgangstextes beantworten kann und nach dem Lesen der Geschichte beantworten können sollte.

5. Im Rahmen der ersten Vorlesung werden die grundlegende Informationen zum Schreiben von Geschichten (z. B. Charaktererstellung, Wahl des Stils usw.) gegeben.

6. Im nächsten Schritt schreiben die Studierenden ihre Geschichten. Die Geschichten sollten eine angemessene Länge haben - man sollte sie in etwa 5 Minuten lesen können (d.h. 1-3 Seiten).

7. Nachdem die Studierenden ihre Geschichten dem Lehrenden geschickt haben, wird ein Online-Experiment durchgeführt. Es wird die Geschichte und der wissenschaftliche Ausgangstext hinzugefügt und eine Randomisierung durchgeführt, d. h. ein/e Teilnehmer/in sieht entweder die Geschichte oder den wissenschaftlichen Text. Anschließend folgen die Bewertungsfragen (siehe (4)). Es werden auch die Fragen zu Emotionen wie „Annehmlichkeit“ (Pleasantness), „Erregungsgrad“ (Arousal) und „Unabhängigkeit“ (Independence) und zwei Skalen zur „Informationsgehalt“ (Information/Knowledge) und Nützlichkeit (Usefulness) gestellt. Die emotionsbezogenen Fragen wurden anhand des Self-Assessment Manikins von Bradley und Lang (1994) entwickelt.

8. Die Studierenden erhalten einen Link, den sie an mindestens 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer (ca. 30 á Versuchsbehandlung) verteilen sollten.

9. Nachdem die Antworten gesammelt wurden, werden die Antworten ausgewertet:

9.1. Vor allem von Interesse waren die Annehmlichkeit, Informationsgehalt und Nützlichkeit, d.h. die Wahrnehmung des Textes durch die Teilnehmer/innen.

9.2. Es wird die Korrektheit der fachbezogenen Antworten nur für die Geschichte (!) evaluiert.

9.3. Aus diesen Ergebnissen wird die finale Note abgeleitet.

10. Die Endnote wird berechnet und mitgeteilt. Die Endnote setzt sich aus Schritt (9) zusammen, wobei es unterschiedliche Gewichtungen gibt, z.B. die Korrektheit der fachbezogenen Fragen ist wichtiger als wahrgenommene Annehmlichkeit.

 

Referenzen

Bogodistov, Y., Botts, M.M. and Dinter, M. (2021) ‘Learning from Home: Can we Learn better from Stories than from Textbooks?’, in Batuk, S. and Torgalöz, A.Ö. (eds) Remote and Hybrid Working: Variants, Determinants, Outcomes. Berlin, Germany: Peter Lang, pp. 187–210.

Bradley, M.M. and Lang, P.J. (1994) ‘Measuring emotion: The self-assessment manikin and the semantic differential’, Journal of behavior therapy and experimental psychiatry, 25(1), pp. 49–59.

Kellaway, L. (2021) ‘Lucy Kellaway: what is the point of schools?’, Financial Times, 5 March. Available at: www.ft.com/content/13231302-8443-4652-b751-4082a936b282 (Accessed: 25 January 2022).

Mehrwert

Von diesem Projekt profitieren drei Gruppen:

1. Die Studierenden. Mit mehr Spaß untersuchen die Studierenden das vorgeschlagene Konzept. Außerdem können die Studierenden Ihre Kreativität zeigen.

 

2. Die Teilnehmer/innen: Die Studierenden verschicken den Link zu dem Experiment an ihre Freunde, Familie, Kollegen, bzw. an das breitere Publikum über deren Facebook, Xing und LinkedIn Kanäle. Über 700 Teilnehmer/innen, überwiegend aus Tirol/Südtirol, haben über Theorien des strategischen Managements gelernt.

 

3. MCI Management Center Innsbruck profitiert durch Vermittlung und Unterstützung der Ziele und Kernkompetenzen in:

a. Innovativer Lehre- die Methode ist neu und fördert die Kreativität der Studierenden

b. Studierendenorientierter Lehre- die Methode erlaubt es den Studierenden, IHRE Geschichte zu erzählen und die Aufgabe in dem Tempo und der Form zu bearbeiten, die sie bevorzugen.

c. Praxisorientiertem Lernen - die Methode zielt auf die "Übersetzung" einer akademischen Theorie in die Sprache der Nicht-Akademiker ab.

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Die Methode kann in jedem Kurs an jeder Einrichtung angewendet werden. Die Themen können von den Lektoren ausgewählt werden. Die Methode wird empfohlen, um Kreativität und Spaß zu wecken, vor allem in Bereichen, in denen es daran mangelt.

Insgesamt kann jeder Fachbereich von dieser Methode profitieren. Ich sehe ein hohes Potenzial für eine institutionsübergreifende Anwendung. Das Schreiben einer kurzen Geschichte mit Studierenden einer anderen Universität würde die Erfahrungen der beteiligten Studierenden bereichern und einen anderen Blickwinkel hinzufügen.

Außerdem ermöglicht die Methode vor allem die Einbeziehung von Teilnehmer/innen, die keinen akademischen Hintergrund haben. Darüber hinaus ermöglicht die Methode den Studierenden, ihre eigenen Erfahrungen zu teilen und ihr Kommunikationstalent unter Beweis zu stellen. So müssen die Studierenden beim Schreiben ihrer Geschichten auf das nichtakademische Publikum in verschiedenen Ländern achten. Die Geschichten sollten so geschrieben sein, dass die Teilnehmer/innen aus unterschiedlichen Schichten und Ländern sie verstehen und sich Wissen aneignen können. Einige Geschichten wurden auf Englisch verfasst und die Daten wurden im Ausland gesammelt (z. B. im Vereinigten Königreich, in Schweden und in den Niederlanden).

Aufwand

Die Methode ist relativ aufwändig in der Planung, Durchführung und Nachbereitung, wie beispielsweise die Auswahl der Artikel und das Erstellen der Experimente. In der nächsten Durchführung des Projektes wird die Erstellung der Experimente vereinfacht und die Artikel sind bereits ausgewählt. Es bestehen somit Skaleneffekte, die mit jedem Jahr wachsen. Die Auswertung der Ergebnisse wird durch Standardisierung der Experimente auch vereinfacht.

Positionierung des Lehrangebots

Das Projekt wurde in der Lehrveranstaltung „Strategisches Management“ (Bachelor, 4. Semester) angeboten.

Die beschriebene Methode ließe sich auch auf Masterniveau anwenden.

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2022 nominiert.
Ars Docendi
2022
Kategorie: Qualitätsverbesserung von Lehre und Studierbarkeit
Ansprechperson
Yevgen Bogodistov, Dr. rer. pol.
Department Betriebswirtschaft Online
+4368110653586
Nominierte Person(en)
Yevgen Bogodistov, Dr. rer. pol.
Department Betriebswirtschaft Online
Themenfelder
  • Curriculagestaltung – Inhalt
  • Didaktische Methode
  • Erfahrungslernen
  • Rund ums Evaluieren der Lehre
  • Rund ums Prüfen
  • Sonstiges
Fachbereiche
  • Wirtschaft und Recht
  • Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften