Universität Wien
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Mehrsprachigkeit und sprachenförderliche Unterrichtsgestaltung: Theoretische Grundlagen und praktische Handlungsansätze

Würdigung der Jury

Die Orientierung von Unterricht und Leistungsüberprüfung an relevanten und gut kommunizierten Zielen ist untrennbar verbunden mit einer grundlegenden Reflexion der Studierenden über die Lernziele und den eigenen Bezug dazu. Das von der Jury in dieser Kategorie mit dem Ars Docendi-Preis ausgezeichnete Lehrprojekt erfüllt dies vorbildlich. Zudem adressiert es ein hoch relevantes Thema unseres Bildungswesens, es nutzt innovative Formen und verzahnt neue Forschung mit deren Umsetzung in die Praxis, die wiederum in die Forschung einfließt.
Das Projekt geht von der gut dokumentierten Tatsache aus, dass Schülerinnen und Schüler mit anderen Erstsprachen als Deutsch auch in Österreich besonderen Bildungshemmnissen ausgesetzt sind. Sein Ansatz liegt darin, für die Relevanz der Sprache in jedem Fach zu sensibilisieren und den Reichtum sprachlicher Vielfalt für Lernprozesse zu nutzen, anstatt sie als Handicap zu sehen. Dazu werden in der Arbeit mit den Studierenden Forschungsarbeiten ebenso eingesetzt wie etwa softwaregestützte Analysen von Unterrichtssequenzen, welche die Wahrnehmung schärfen sollen. Die eigenständige Leistung der Studierenden besteht darin, auf der Grundlage ausgewählter Materialien theoriebasiert praktische Umsetzungen zu entwickeln und diese den Peers zu vermitteln. So werden sie vertraut mit neuen Erkenntnissen zu migrationsbedingter Mehrsprachigkeit wie auch zur Sprachbildung, dies mit dem Fokus auf der Entwicklung von Lösungsansätzen in der schulischen Praxis. Der Lernprozess, der von den Studierenden mit beeinflusst wird, erfolgt in einer Varianz von synchronen und asynchronen Elementen in verschiedenen Gruppengrößen. Die transparente und gut zugängliche Dokumentation macht das Lehrprojekt in hohem Maße übertragbar für verschiedene Kontexte.
Der Preisträger ist Universitätsassistent und promoviert am Zentrum für Lehrer/innenbildung der Universität Wien. Die Jury war beeindruckt von der engagierten Verbindung von Forschung und Lehrpraxis, von der mutigen und umsichtigen Adressierung eines hoch relevanten Problems und der souveränen und innovativen Nutzung verschiedener Formen und technischer Mittel in der akademischen Lehre. Sein Zugang ist geeignet, Diversität nicht nur zu thematisieren, sondern auch diejenige der Studierendengruppe selbst aufzunehmen.

Univ.-Prof. Dr. Thomas Grob
Universität Basel

Ziele/Motive/Ausgangslage

AUSGANGSLAGE

Internationale Bildungsvergleichsstudien wie z.B. die PISA-Studie zeigen, dass Schülerinnen und Schüler mit anderen Erstsprachen als Deutsch in Österreich im Vergleich zu einsprachig-deutschsprachigen Schülerinnen und Schülern besonders häufig von frühem Schulabbruch oder Schullaufbahnverzögerungen betroffen sind (OECD/EU, 2018, S. 192). Ein wesentlicher Grund für diesen Unterschied ist zwar der häufig schlechtere sozioökonomische Status mehrsprachiger Schülerinnen und Schüler, allerdings kann der Unterschied nur zur Hälfte durch den sozioökonomischen Status erklären werden (Herzog-Punzenberger, 2019). Dies ist ein Hinweis darauf, dass das österreichische Schulsystem für mehrsprachige Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrem sozioökomischen Status eine große Herausforderung darstellt. Ein Grund dafür ist, dass das österreichische Schulsystem sowie die österreichische Bildungspolitik insgesamt immer noch sehr stark monolingual auf die alleinige Verwendung von Deutsch ausgerichtet sind (Vetter, 2015), was nicht zuletzt auch die immer wieder aufflammenden Diskussionen rund um Sprachverbote und Deutsch als verpflichtende Pausensprache zeigen. Durch diese überwiegend monolinguale Ausrichtung wird die mehrsprachige Lebensrealität und das mehrsprachige Potential von einer zunehmend steigendenden Anzahl von Schülerinnen und Schülern von Lehr-/Lernprozessen ausgeschlossen. Lehrerinnen und Lehrer können dieser Benachteiligung entgegenwirken, indem sie ihren Unterricht so gestalten, dass die Schülerinnen und Schüler alle ihre mitgebrachten Sprachen für Lernprozesse nutzen können und gleichzeitig explizit in der Bildungssprache Deutsch gefördert werden. Die notwendigen Kompetenzen für einen solchen sprachlich inklusiven Unterricht müssen in der Lehramtsausbildung vermittelt werden, um langfristig die Benachteiligung mehrsprachiger Schülerinnen und Schüler abzubauen. Die her vorgestellte Lehrveranstaltung setzt bei der Vermittlung dieser Kompetenzen an.

 

ZIEL DES LEHRKONZEPTS

Ziel der Lehrveranstaltung ist es, Lehramtsstudierenden aller Unterrichtsfächer sowohl theoretisches Wissen zur zentralen Rolle von Sprache als Grundlage für fachliches Lernen als auch konkrete praktische Unterrichtsprinzipien und -methoden zur Berücksichtigung der sprachlichen Dimension im Unterricht zu vermitteln. Die Vermittlung zielt dabei auf möglichst hohe Handlungswirksamkeit ab, d.h. auf einen möglichst großen Einfluss auf die zukünftige Unterrichtstätigkeit der Lehramtsstudierenden. Um diese Handlungswirksamkeit zu erreichen, stehen neben der Lektüre von Fachtexten besonders die darauf aufbauenden Analysen und Diskussionen von exemplarischen Unterrichtsvideos im Zentrum des didaktischen Konzepts der Lehrveranstaltung. Diese Videoanalysen sind fragengeleitet und orientieren sich am empirisch fundierten „Lesson Analysis Framework“ (Santagata & Guarino, 2011). Dabei sollen die Studierenden lernrelevante Aspekte in Unterrichtsvideos beschreiben, sie wissens-/textbasiert begründen, Hypothesen über ihren Lerneffekt generieren und ggf. Handlungsalternativen vorschlagen (siehe Weiterführende Links: Beispiel eines Arbeitsblatts). So soll die Fähigkeit der Studierenden gefördert werden, lernrelevante Aspekte hinsichtlich der sprachlichen Gestaltung von Unterricht wahrzunehmen, da diese Fähigkeit in der empirischen Forschung zur Lehramtsausbildung als Indikator für die wahrscheinliche Umsetzung dieser Aspekte im eigenen Unterricht gilt (Wiens, LoCasale-Crouch, Cash, & Escudero, 2020).

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

INHALTE

In dieser Lehrveranstaltung werden einerseits aktuelle Diskurse und Konzepte rund um den Themenkomplex der migrationsbedingten Mehrsprachigkeit im Schulkontext thematisiert, andererseits werden Methoden und Prinzipien der durchgängigen Sprachbildung bzw. des sprachenförderlichen Unterrichts in allen Fächern vermittelt. (siehe Weiterführende Links: Informationsblatt für Studierende)

 

ZIELE

Die Studierenden kennen und verstehen die zentrale Rolle von Sprache/n für das Lehren und Lernen im Unterricht aller Fächer, können darauf aufbauend Unterrichtsmaterialien und Unterrichtsvideos evaluieren und ggf. Gestaltungsalternativen für die eigene (zukünftige) Unterrichtspraxis entwickeln.

 

LEHR-/LERNMETHODEN

Lektüre und Diskussion theoriebasierter und praxisorientierter Fachtexte, darauf aufbauende Heranführung an Praxis durch strukturierte Analyse und Diskussion von Beispielen aus der Unterrichtspraxis, z.B. in Form von Unterrichtsvideos und -materialien.

 

PRÜFUNGSANFORDERUNG

Studierende stellen eigenständig eine individuelle Verbindung der Seminarinhalte und ihrer zukünftige Unterrichtspraxis her, indem sie 1) ein für eines ihre Unterrichtsfächer passendes Beispiel aus der Unterrichtspraxis (z.B. Unterrichtsmaterial, Unterrichtsvideo) auswählen, 2) es theoriebasiert auf Grundlage der Seminarinhalte evaluieren und 3) konkrete praxisorientierte Adaptionsvorschläge zur stärkeren Berücksichtigung der sprachlichen Dimension von Unterricht entwickeln.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

CONTENT

Throughout this course, we will discuss current discourses and concepts on migration-related multilingualism in the school context as well as explore methods and principles for continuous language development and language-promoting teaching in all subjects.

 

AIMS

Students are familiar with and understand the central role of language/s for the teaching and learning in school of all subjects. On the basis of this knowledge, they are capable of evaluating teaching materials and videos and, if necessary, know how to develop alternative approaches for their own (future) teaching practice.

 

METHODS

This course builds on the reading and discussion of theory-based and practice-oriented texts, to subsequently transition to the analysis and discussion of examples that stem from teaching practice, such as teaching videos and materials.

 

ASSESSMENT

Students autonomously create an individual link between the contents of this course and their future teaching practice by means of 1) choosing an adequate example from teaching practice for one of their subjects (e.g. teaching material or video), 2) evaluating it with the theory-based approach learned in this course and 3) developing specific modification suggestions for a stronger focus on the language dimension in teaching.

Nähere Beschreibung des Projekts

Übergeordnetes Ziel der Lehrveranstaltung ist es, Lehramtsstudierenden aller Unterrichtsfächer theoretisches Wissen und praktische Kompetenzen zu vermitteln, die es ihnen in ihrer späteren Unterrichtspraxis ermöglicht, mit Bedingungen sprachlicher Vielfalt differenziert umzugehen und dadurch Schule mit Blick auf die heterogenen sprachlichen Ausgangsituationen von Schülerinnen und Schülern inklusiv zu gestalten. Um dies zu erreichen, werden in der Lehrveranstaltung „einerseits aktuelle Diskurse und Konzepte rund um den Themenkomplex der migrationsbedingten Mehrsprachigkeit im Schulkontext thematisiert, andererseits werden Methoden und Prinzipien der durchgängigen Sprachbildung bzw. des sprachenförderlichen (Fach-)Unterrichts vermittelt und erprobt. Ziel ist es, einen kritischen Blick für die Widersprüche zwischen der schulischen und lebensweltlichen Sprachverwendung zu entwickeln sowie einige Möglichkeiten kennen zu lernen, Unterricht so zu gestalten, dass er für die mitgebrachten Sprache/n der Schülerinnen und Schüler offen ist, sie aber auch in der Entwicklung der für Bildungserfolg notwendigen Bildungssprache Deutsch fördert.“ (Auszug VVZ, WS 20/21)

 

Grundlage für die Erstellung des didaktischen Konzepts war zunächst die Auseinandersetzung mit der Frage, wie für den Lehrberuf relevantes Wissen und Können in einer universitären Lehrveranstaltung so vermittelt werden kann, dass die Vermittlung möglichst folgenreich für das spätere berufliche Handeln ist. Zur Gestaltung der Lehrveranstaltung wurde daher auf die sehr umfangreiche Literatur aus dem Bereich der Kompetenzforschung zur Förderung der professionellen Unterrichtswahrnehmung (engl. professional vision) von angehenden Lehrpersonen zurückgegriffen, da die professionelle Unterrichtswahrnehmung in der empirischen Forschung zum Lehrberuf als Vorstufe zu und Indikator für eine spätere professionelle Handlungskompetenz gilt (für einen ausführlichen Überblick siehe Weger, 2019). Unter professioneller Unterrichtswahrnehmung versteht man dabei die Fähigkeit, in direkt beobachteten oder videographierten Unterrichtssequenzen lernrelevante Elemente 1) identifizieren und 2) wissensgesteuert verarbeiten zu können (van Es, Cashen, Barnhart, & Auger, 2017). Empirische Befunde legen nahe, dass die professionelle Unterrichtswahrnehmung auch als Indikator für die wahrscheinliche Umsetzung der als lernrelevant identifizierten Unterrichtselemente im späteren eigenen Unterricht gelten kann (Wiens et al. 2020).

 

Konkreter Ausgangspunkt für die hochschuldidaktische Konzeption der Lehrveranstaltung waren Studienergebnisse zur professionellen Unterrichtswahrnehmung, die nahelegen, dass Lehramtsstudierende vor allem am Beginn ihres Studiums kaum lernrelevante Aspekte in Unterrichtssequenzen wahrnehmen, sie es durch strukturierte Unterstützung aber lernen können (Star & Strickland, 2008, S. 121–124). Besonders gut geeignet zur Förderung der professionellen Unterrichtswahrnehmung ist die Arbeit mit videographierten Unterrichtssequenzen, weshalb in dieser Lehrveranstaltung intensiv mit Videoanalysen gearbeitet wird (Seminarübersicht mit Fokus auf Einheiten mit Videoanalysen -->siehe Links). In diesen gemeinsamen Videoanalysen dienen die videographierten Unterrichtssequenzen als „shared texts and common experiences“ (Hatch, Shuttleworth, Jaffee, & Marri, 2016, S. 275), die in verschiedenen Formen und Konstellationen gemeinsam besprochen und analysiert werden. Die Analyse der Videos folgt dabei dem empirisch fundierten „Lesson Analysis Framework“ (Santagata & Guarino, 2011). Der „Lesson Analysis Framework“ strukturiert die Arbeit mit Videos in vier Phasen: 1) die Identifikation der Lernziele der videographierten Unterrichtssequenz, 2) die Analyse der Äußerungen von Schülerinnen und Schülern, die Aufschluss über deren Lernprozesse im Hinblick auf die Lernziele geben, 3) Überlegungen zur Unterrichtsgestaltung und deren positiven und/oder negativen Einfluss auf die Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler sowie letztlich 4) das Generieren potentieller Handlungsalternativen zur Verbesserung der analysierten Unterrichtssequenz (Santagata & Guarino, 2011, S. 134). Die Videoanalysen, die Diskussion in Kleingruppen und im Plenum finden teilweise synchron bzw. vor der Umstellung auf digitale Lehre in Präsenz, teilweise asynchron über Moodle und/oder über eine Videoannotationssoftware statt. Die Anleitung und Moderation der Videoanalysen durch den Lehrveranstaltungsleiter folgt einem evidenzbasierten Konzept zur Anregung produktiver Diskussionen über Unterrichtsvideos (Meschede & Steffensky, 2018, S. 31).

 

Die Leistungsüberprüfung folgt den Lehr-/Lernzielen sowie den Inhalten der Lehrveranstaltung und besteht aus zwei Teilleistungen: Die erste Teilleistung besteht aus einer schriftlichen Seminararbeit, in der die Studierenden ein selbst gewähltes Beispiels aus einem Praxiskontext (z.B. Unterrichtssequenz oder -material) theoriegeleitet dahingehend evaluieren, was daran warum (nicht) gut gelungen ist, um anschließend konkrete praxisorientierte Gestaltungsalternativen auszuarbeiten (Information zur PS-Arbeit -->Link). Die zweite Teilleistung besteht aus einer Posterpräsentation, in der die Studierenden etwa drei Wochen vor Semesterende die Grundstruktur ihrer Seminararbeit vorstellen (Information zur Postersession --> Link). Ziele dieser Posterpräsentation sind die Vermeidung von Drop-Outs zu Semesterende durch eine extrinsische zeitliche Strukturierung des Arbeitsprozesses im Hinblick auf die Ausarbeitung der Seminararbeit, die Förderung des Austausches unter den Studierenden sowie die Unterstützung bei der Ausarbeitung der Seminararbeit durch ein individuelles Feedback des Lehrveranstaltungsleiters zum Poster.

 

INNOVATIVE HOCHSCHULDIDAKTIK

 

In der Hälfte der Lehrveranstaltungseinheiten werden Videos von Unterrichtssequenzen in unterschiedlich strukturierten Formen analysiert und diskutiert, um explizite Bezüge zwischen der Lektüre der Fachtexte und der Praxis im Unterricht herzustellen (Theorie-Praxis-Transfer). Eine solche umfangreiche, gezielte und bewusst auf das evidenzbasierte Konstrukt der professionellen Unterrichtswahrnehmung aufgebaute hochschuldidaktische Vorgehensweise ist für die Ausbildung angehender Lehrerinnen und Lehrer in Österreich neu. Bei der Arbeit mit manchen Unterrichtsvideos wird zudem eine Videoannotationssoftware verwendet, was bisher auch international selten ist. Von den Studierenden wird auch immer wieder die Posterpräsentation drei Wochen vor Ende der Lehrveranstaltung als innovativ benannt, da sie damit einerseits in ihrem Arbeitsprozess unterstützt werden, andererseits erstmals mit diesem in der Wissenschaft etablierten Präsentationsformat in Berührung kommen.

 

STUDIERENDENZENTRIERUNG UND HETEROGENITÄT

 

Die Lehrveranstaltung ist im allgemeinen fachübergreifenden Teil des Bachelorstudiums Lehramt verankert und steht somit Studierenden aller möglichen Lehramtskombinationen sowie internationalen Studierenden, die an ihren Heimatuniversitäten Lehramt studieren, offen. Diese Zusammensetzung ergibt eine große Diversität an Vorwissen und Vorerfahrungen sowie an unterschiedlichen Perspektiven auf und Erwartungen an die Inhalte der Lehrveranstaltung, die es zu berücksichtigen gilt. Um mit dieser Heterogenität produktiv umzugehen, werden sowohl Materialien zur freiwilligen weiteren Vertiefung als auch Hilfestellungen in Form von Scaffolds bereitgestellt. Diese Scaffolds werden über Moodle zur Verfügung gestellt und sind u.a. unterstützende Materialien für

- die Lektüre aller im Seminar besprochenen Fachtexte in Form von Lektüreleitfragen, die den Leseprozess strukturieren und dadurch unterstützen sowie auch als Grundlage für die Diskussionen in den Lehrveranstaltungseinheiten dienen (Beispiel von Lektüreleitfragen-->Link);

- die Erstellung der Poster für die Posterpräsentation in Form von transparenten und konkreten Leistungsanforderungen und Beurteilungskriterien (--> Link), Beispielpostern und einem Handout zur Gestaltung wissenschaftlicher Poster;

- das Schreiben der Seminararbeit in Form von transparenten und konkreten Leistungsanforderungen (--> Link) und Beurteilungskriterien (--> Link), Beispielen für Seminararbeiten, einem Handout zur Gestaltung wissenschaftlicher Texte, Formulierungshilfen fürs Schreiben sowie dem Verweis auf das Angebot der Schreibberatung an der Universität Wien.

 

Eine weitere didaktische Maßnahme, die Studierendenzentriertheit zu erhöhen und mit der Heterogenität der Gruppe produktiv umzugehen, sind regelmäßige Feedbacks. Alle Studierenden erhalten im Laufe des Semesters mindestens zwei ausführliche mündliche oder schriftliche individuelle Feedbacks vom Lehrveranstaltungsleiter. Eines dieser Feedbacks bezieht sich auf die Posterpräsentation, eines auf die abgegebene Seminararbeit. Grundlage beider Feedbacks sind die Beurteilungskriterien für die Posterpräsentation bzw. die Seminararbeit, die zu Lehrveranstaltungsbeginn präsentiert werden und für die Studierenden über Moodle jederzeit zugänglich sind. Bei der Posterpräsentation erhalten die Studierenden zudem auch ein Peer-Feedback auf ihr Poster. Dieses Peer-Feedback bezieht sich ebenfalls auf die Beurteilungskriterien. Darüber hinaus fördert es auch den inhaltlichen Austausch der Studierenden, so kommt es z.B. häufig zu gegenseitigen Literaturtipps für die Weiterarbeit an der Seminararbeit.

 

Bei der Weiterentwicklung der Lehrveranstaltung werden Studierende aktiv beteiligt. Die Studierenden haben im Rahmen einer schriftlichen anonymen Zwischenevaluation nach der ersten Hälfte des Semesters immer die Möglichkeit, Themenwünsche für die zweite Hälfte des Semesters zu äußern. So wurde auf Wunsch der Studierenden zuletzt etwa das Thema der Deutschförderklassen aufgenommen, die 2018 in Österreich eingeführt wurden.

 

Mit den Themen Heterogenität und Inklusion befasst sich die Lehrveranstaltung auch inhaltlich: Die thematische Grundlage bilden die gesellschaftliche Ungleichheit im Hinblick auf die Diskrepanz zwischen dem einsprachig-deutschsprachigen österreichischen Schulsystem und der lebensweltlichen Mehrsprachigkeit vieler Schülerinnen und Schüler sowie deren Konsequenzen im Sinne höhere Bildungsbenachteiligung mehrsprachiger Schülerinnen und Schüler. Als Möglichkeit dieser Benachteiligung entgegenzuwirken, werden in der Lehrveranstaltung Wissen und Kompetenzen vermittelt, Unterricht sprachlich inklusiv zu gestalten.

 

KOMPETENZORIENTIERUNG

 

Das didaktische Konzept der Lehrveranstaltung wurde auf Basis empirischer Befunde aus der Kompetenzforschung zum Lehrberuf entwickelt (detailliertere Ausführungen dazu siehe oben). In der konkreten Umsetzung zeigt sich dies besonders in der Verbindung von Fachlektüre zur Wissensaneignung und der darauf aufbauenden strukturierten Arbeit mit videographierten Unterrichtssequenzen zur Förderung der professionellen Unterrichtswahrnehmung der Studierenden (Theorie-Praxis-Transfer). Die professionelle Unterrichtswahrnehmung ist ein in der Kompetenzforschung etablierter Indikator für professionelle Kompetenz und ihre signifikante Entwicklung im Zuge der Lehrveranstaltung wurde inzwischen auch empirisch nachgewiesen (Weger, in Vorb.). Die Lernziele, Lehr-/Lernaktivitäten und Leistungsüberprüfung sind im Sinne eines Constructive Alignments eng aufeinander abgestimmt: Ziel ist die Vermittlung von Wissen und Können zum Abbau der Bildungsbenachteiligung mehrsprachiger Schülerinnen und Schüler. Dieses Wissen wird in der Lehrveranstaltung über Fachtexte vermittelt und mittels gemeinsamer Analyse und Diskussion von Unterrichtsvideos und -unterrichtsmaterialien an die Praxis angebunden. Zu Lehrveranstaltungsende können die Studierenden alleine solche Unterrichtsvideos oder -materialien in ihren Seminararbeiten wissensbasiert evaluieren und praxisorientiert weiterentwickeln. Die kompetenzorientierten Beurteilungsrichtlinien für die beiden Teilleistungen (Posterpräsentation und Seminararbeit) werden außerdem in der ersten Einheit besprochen und den Studierenden über Moodle zur Verfügung gestellt.

 

EUROPÄISCHE UND INTERNATIONALE AUSRICHTUNG

 

Die Lehrveranstaltung folgt den Prinzipien des Bologna-Prozesses. Der Workload wird im Vorlesungsverzeichnis angeführt und in der ersten Einheit auch im Detail aufgeschlüsselt und besprochen (siehe Informationsblatt für Studierende --> Link). Die einzelnen Lernmodule sind explizit auf den Transfer von theoretischem Wissen aus der Lektüre von Fachtexten in praxisnahe Handlungskompetenz durch strukturierte Analysen von Unterrichtssequenzen ausgerichtet. Sowohl die didaktische Gestaltung der Lehrveranstaltung mit dem Fokus auf die Förderung der professionellen Unterrichtswahrnehmung als auch die inhaltliche Ausrichtung in Bezug auf die sprachliche Dimension des Lehrens und Lernens basiert auf internationalen Forschungsergebnissen, die in der Lehrveranstaltung auch explizit als solche angesprochen und mit dem österreichischen Kontext in Verbindung gebracht werden.

Mehrwert

Ein Mehrwert liegt in der Begeisterung der Studierenden, die durch die enge Verzahnung theoretischer Auseinandersetzung anhand von Fachtexten mit praxisbezogener Diskussion über Unterrichtsvideos entsteht. Die Studierenden erleben die Lehrveranstaltung als sehr sinn- und wertvoll für ihren Professionalisierungsprozess, was zu einer hohen Arbeitsmotivation und damit zu sehr guten Prüfungsleistungen führt. Einen guten Einblick in den Mehrwert der Lehrveranstaltung für die Studierenden selbst geben die Antworten auf die offenen Fragen im Zuge der offiziellen Lehrveranstaltungsevaluation (--> ctl.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/z_ctl/Veranstaltungen/Teaching_Award/Ars_Docendi/2021/Weger/08_S20-Kommunikationsraeume_-_Mehrsprachigkeit_und_sprachenfoerderliche_Unterrichtsgestaltung__Theoretische_Grundlagen_und_praktische_Handlungsansaetze__20S-49-490032-01_.pdf).

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Das Konzept ist grundsätzlich auf andere Lehrveranstaltungen und Lehrsituationen übertragbar, in denen es um die Vermittlung von Handlungsmöglichkeiten in konkreten Praxissituationen einer Profession geht. Das der Lehrveranstaltung zugrunde liegende Konstrukt der professionellen Unterrichtswahrnehmung ist eine für den Lehrberuf weiterentwickelte Form des allgemeineren Konstrukts der professionsspezifischen Wahrnehmung (Goodwin, 1994), das ursprünglich aus dem Bereich der Archäologie stammt und auf unterschiedliche Professionen angewandt werden kann.

 

Im Bereich der Aus- und Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern kann das Konzept in Teilen oder als Ganzes sehr einfach auch in andere Lehrsituationen und Kontexte, z.B. an anderen Hochschulen, übertragen werden. Daher wurde das Seminarkonzept sowie alle im Zuge der Konzeption gestalteten Materialien auch bereits mehrfach im Rahmen von Lehraufträgen und Workshops für andere Hochschullehrende disseminiert und ihnen kostenlos zur eigenen Verwendung zur Verfügung gestellt.

 

Ein längerfristiger Einsatz sowie eine Weiterentwicklung sind grundsätzlich geplant. Konkret soll etwas das Potential der erst seit Sommersemester 2020 eingesetzten Videoannotationssoftware reflektiert und ggf. noch stärker genutzt werden.

Aufwand

Seit der letzten Überarbeitung des Konzepts im Zuge der Umstellungen auf digitale Lehre im Sommersemester 2020 wird eine Videoannotationssoftware verwendet, mit der Videos auch online in Gruppen kommentiert werden können. Für eine Jahreslizenz dieser Software fallen 226,80- Euro an, sie ist im Grunde aber optional und ist kein Muss für die Umsetzung dieses Konzepts.

Positionierung des Lehrangebots

Die Lehrveranstaltung ist im 7. Semester des allgemeinen fachübergreifenden Teils des Bachelorstudiums Lehramt im Modul „Inklusive Schule und Vielfalt: Möglichkeiten und Grenzen“ angesiedelt. Sie kann in diesem Modul als eine von mehreren Lehrveranstaltungen zu verschiedenen Themen gewählt werden. Folgende Passage aus der curricularen Modulbeschreibung ist Grundlage für das didaktische Konzept der Lehrveranstaltung: Die Studierenden „erweitern die zuvor erworbenen Kenntnisse exemplarisch und erwerben die Kompetenz, ausgewählte Voraussetzungen und Folgen heterogener Schule und inklusiver Pädagogik zu erkennen, sowie die Fähigkeit, mit den Bedingungen […] sprachlicher […] Vielfalt differenziert umzugehen. Die Studierenden lernen an Beispielen, wie sich schulische Erfahrungsräume mit Blick auf ihre heterogenen Voraussetzungen […] gestalten lassen.“

Links zu Social Media-Kanälen
Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2021 nominiert.
Ars Docendi
Gewinner 2021
Kategorie: Lernergebnisorientierte Lehr- und Prüfungskultur
Ansprechperson
Denis Weger, Mag. MA
Institut für Lehrer*innenbildung, Arbeitsbereich Sprachlehr- und --lernforschung
+43 1 4277 60019
Nominierte Person(en)
Denis Weger, Mag. MA
Institut für Lehrer*innenbildung, Arbeitsbereich Sprachlehr- und --lernforschung
Themenfelder
  • Didaktische Methode
  • Organisatorische Studierendenunterstützung
  • Employability
  • Erfahrungslernen
Fachbereiche
  • Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften