VRR – Virtual Rehearsal Room

Ziele/Motive/Ausgangslage

Ziele/Motive:

Entwicklung und Erweiterung von neuen technologischen Tools für den Einsatz in der künstlerisch musikalischen Online-Gruppenlehre und im künstlerischen Bereich generell

Symbiotische Synergien zwischen wissenschaftlicher Forschung und künstlerischer Lehre zur Entwicklung und Erschließung der Künste (EEK).

 

Ausgangslage:

Auf Grund der im Frühjahr 2020 eingeführten Covid19-Maßnahmen musste die künstlerische Gruppenlehre vollständig in den Online-Modus wechseln. Existierende Konferenztools (z.B. Skype, Zoom…) sind jedoch im musikalischen Bereich bzw. in der künstlerischen Lehre und hier vor allem im Bereich des Gruppenunterrichts völlig ungeeignet. Ein kompletter Ausfall von künstlerischer Gruppenlehre für die Musikstudierenden musste vermieden werden.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Für die Lehrveranstaltung PPCM (Performance Practice in Contemporary Music) der Klangforum-Professur des Instituts 1, in deren Rahmen Musikstudierende gemeinsam mit den LV-Leiter*innen neue Werke der zeitgenössischen Musik erarbeiten, einüben und aufführen, wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut für Elektronische Musik und Akustik (IEM) eine „Streaming-Software“, der Prototyp VRR – ein virtueller Proberaum – entwickelt. Dies geschah durch eine Zusammenstellung von Server und Client-Software aus der Notwendigkeit heraus, den Studierenden zu ermöglichen, von „zu Hause“ aus mit den Lehrenden gemeinsam in einem virtuellen Proberaum mit virtueller Akustik zu arbeiten.

Dazu wurde „VRR“ als Betriebssystem-unabhängige freie Applikation mit den Musiker*innen als Zugang zum virtuellen Proberaum eingerichtet und wenn notwendig, die Studierenden mit entsprechender kostengünstiger Hardware, wie geeignete Mikrofone, Kopfhörer, Audio-Interfaces etc. versorgt.

Parallel wurde mit Unterstützung des Zentralen Informatikdienstes (ZID) ein virtueller Proberaum mit virtueller Akustik auf einem Server am Institut für Elektronische Musik und Akustik (IEM) eingerichtet, welcher in das universitäre Internet eingebunden wurde.

Durch die parallel stattfindende intensive Zusammenarbeit mit Musiker*innen in der Entwicklung der Software, wurde das Projekt darüber hinaus zur Entwicklung und Erschließung der Künste (EEK) genutzt.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

A streaming-software – the prototype VRR, a virtual rehearsal room – was developed for the course PPCM (Performance Practice in Contemporary Music) of the Klangforum Professorship, in which music students develop, practice and perform together with their teachers new works of contemporary music. VRR was developed in cooperation with the Institute of Electronic Music and Acoustics by combining server and client software out of the necessity to enable the students to work from "home" with their teachers in a virtual rehearsal room with virtual acoustics.

For this purpose, VRR was set up with the musicians as an operating system-independent free application to access the virtual rehearsal room and, if necessary, the students were provided with appropriate inexpensive hardware, such as suitable microphones, headphones, audio interfaces, etc.

At the same time, with the support of the Central IT Services, a virtual rehearsal room with virtual acoustics was set up on a server at the Institute of Electronic Music and Acoustics (IEM), which was integrated into the university Internet.

Due to the contemporaneous intensive collaboration with the musicians in the development of the software, the project was also used for Arts-based Research.

Nähere Beschreibung des Projekts

Im üblichen Setting eines Ensembles oder einer Gruppe freier Musiker*innen, trifft man sich zuerst im akustisch geeigneten Proberaum, wo ein*e Dirigent*in oder ein*e Bandleader ins Spiel kommt, der die Organisation und Proben leitet, was dann in die Aufführung in einem Konzertsaal mündet.

 

Ein gemeinsames Spielen über ein digitales Netzwerk oder in einem privaten Proberaum unterscheidet sich zwar von einem Präsenz-Setting, kann dem aber durchaus hinsichtlich Qualität des künstlerischen Prozesses und Outcomes nahe kommen. Erste Überlegungen betreffen das Setting: das Spielen mit Mikrophonen, wie es auch bei Live-Verstärkung gemacht wird oder wie bei einer Studio-Session ist heutzutage verbreitete Praxis und notwendiger Skill von Musiker*innen. Insofern ist das Zwischenschalten eines Computers für die Verbindung über das Internet anstatt von Audio-Kabeln eine Lösung für eine vergleichbare Situation. Doch die Studierenden zu Hause müssen dadurch zu ihren eigenen Tontechniker*innen werden; eine Kompetenz, die erst erlernt werden muss.

Anders als bei Konferenzsystemen, sollte es also sowohl keine automatische Laustärkenregelung, keine Kompressionseffekte, Filter oder andere Qualitätsänderungen als auch sich verändernde Zeitverzögerungen (Latenzen) geben, wenn alle Musiker*innen und der Dirigent / die Dirigentin in einem virtuellen Proberaum verbunden sind. Nachdem sich das Hören und Spielen von Musik von dem Erfassen gesprochener Worte hinsichtlich der Art der Hirnaktivität unterscheiden, da es nicht darum geht, rational sinnerfassend zu denken, sondern die Musik zu fühlen und darauf zu reagieren, ist eine voraussehbare Rausch- und Geräusch-arme Klangumgebung, auf die man sich verlassen kann, essentiell.

Es geht nicht nur um die Latenzzeit – wir können Audio nicht schneller übermitteln, als das Internet die Voraussetzungen dafür bietet – aber es gibt Methoden, um ein Gefühl zu vermitteln, dass man sich im gleichen Raum befindet: zuerst werden für die akustischen Reflexionen eines Raumes die Internet-Latenzen eingerechnet und der virtuelle Hall macht die Dimensionen des Raums hörbar in dem gespielt wird; wir erwarten kein Flüstern in die Ohren, sondern das spatialisierte Hören der anderen Musiker*innen. Diese einfachen Anforderungen führen uns zu einer Lösung: den „Virtual Rehearsal Room“, ein „real life“-Experiment basierend auf den Erfahrungen mit realen Proberäumen. Mit diesen Ideen wurde die gemeinsame Entwicklung und Umsetzung gestartet.

 

Dazu wurde ein akustisches Simulacrum eines Proberaums als Echtzeit-Renderer auf einem Server am IEM als sogenanntes „Auditory Virtual Environment“ mit virtueller Akustik gehostet, der als Streamserver, mit dem sich die Musiker*innen verbanden, ihnen einen individualisierten Stereo-Stream als binaurales Rendering des Auditory Environment zurück schickte. Dabei konnten bis zu 50 Personen als Ensemble parallel gehostet werden.

 

Zur Entwicklung dieser, für den Einsatz in der musikalischen Online- Gruppenlehre geeigneten neuen Software, beteiligte das Klangforum Wien die ganze PPCM Klasse und Studierende der Konzertfächer von verschiedenen Instituten, die als Wahlfach „Neue Musik“ gewählt hatten, nicht nur als „Probanden“ sondern auch als Ideenbringer.

 

Das musikalische Semesterprogramm wurde zum diesen Zweck thematisch umgestellt und die Entwicklung des Projektes gezielt als inhaltlicher Schwerpunkt ausgewählt.

 

Allerdings konnten wegen der Pandemie einige der Studierenden nicht nach Österreich einreisen. Aus diesem Grund musste in Echtzeit über den VRR nicht nur mit Wien, sondern auch mit Orten in Norwegen, Deutschland, Serbien und Slowenien vernetzt werden. Das Experiment fand gleichzeitig in fünf verschiedenen Ländern statt.

 

Aus diesen Bedingungen ergab sich folgende Win-Win Situation:

 

• Die technischen Entwickler vom IEM Graz hatten eine ganze Klasse zur Verfügung, um das neue Tool zielgenau zu entwickeln, die Studierenden waren in Konzeption und Durchführung der LV einbezogen und durch gezielte Förderung durch Bereitstellung günstiger Hardware wurde auf unterschiedliche Lebensrealitäten der Studierenden Rücksicht genommen.

• Die PPCM Studierenden nutzten diese Möglichkeit, ein sonst schwer zugängliches Repertoire zu ergründen und durch die Mitarbeit beim Feedback für das Projekt ein Team-Feeling aufzubauen und damit zum Ensemble werden.

• Darüber hinaus erforderte diese spezielle Situation ein vordefiniertes Kompetenzprofil: Durch die Verbindung von Theorie und praktischer Anwendung waren die Studierenden in der Lage, sich ein umfangreiches Know-how über die Nutzung von neuen Technologien und Wissen über das Verhalten des Internet anzueignen, die im künstlerischen wie im pädagogischen Bereich in Zukunft unverzichtbar sein werden.

• Zudem konnten sie ihr Semester zeitgerecht im vollen Umfang abschließen, was sonst kaum möglich gewesen wäre!

• Für die Dozent*innen des Klangforum Wien, war es ebenfalls eine wertvolle Erfahrung, da sie musikalische Konzepte für die Lehre in der gegebenen Situation neu ausformen mussten und sich auch selbst einiges an technischem Know-how für die Zukunft aneignen konnten.

 

Aus der internationalen Rezeption des Streaming-Konzerts vom 5.6.2020 ergab sich ein guter Feedback-Prozess aus der globalen Musiker*innen-Community für die Projektbeteiligten und vor allem die daraus resultierende Weiterentwicklung der Software-Bibliotheken kommt weiteren internationalen Projekten zu Gute.

Mehrwert

Die Entwicklung dieses neuen Streaming-Tools kommt Lehrenden und Studierenden weiterer Studienrichtungen zu gute. Darüber hinaus ist es Teil des VRR Konzepts, eine Low-Budget-Lösung (betreffend Equipment) für eine relativ hochqualitative Leistung zu ermöglichen. Dadurch wird eine „Demokratisierung“ im musikalischen Ausbildungsbereich erreicht, da auch Studierende mit einer billigen Standard-Streaming-Hardware die Vorteile dieses Tools im vollen Umfang nutzen können.

Ein allgemeiner Kompetenzerwerb der Studierenden in den Bereichen Umgang mit Tontechnik sowie Vorbereitung und Organisation von Online-Veranstaltungen stellt einen weiteren Mehrwert für mehrere Institute der KUG dar.

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

VRR wurde bereits bei weiteren Lehrveranstaltungen der Instrumentalmusik und Liveelektronik eingesetzt. Als Open Source Projekt mit Open Access sind zahlreiche weitere Anwendungen möglich. Der VRR richtet sich als Open Source Projekt an die globale Musiker*innen-Community und die Kunstuniversität Graz bringt den VRR in die europäischen Initiativen zur Digitalisierung im Musik- bzw. Musikausbildungsbereich als Speziallösung für ein hochqualitatives virtuelles Audiosetting bei geringen Latenzanforderungen ein.

Aufwand

Zusätzlich notwendig war ein Online Betreuer und Programmierer (Studienassistent/Tutor) für die LV, welcher die Software und Hardware betreute; eingespart werden konnten durch physikalische Reisen verursachte Kosten.

Positionierung des Lehrangebots

Master - alle Semesterstufen

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2021 nominiert.
Ars Docendi
2021
Kategorie: Methoden des Distance Learning und deren nachhaltiger Einsatz
Ansprechperson
Dimitrios Polisoidis
Institut für Komposition, Musiktheorie, Musikgeschichte und Dirigieren
+436505247000
Nominierte Person(en)
Dimitrios Polisoidis
Institut für Komposition, Musiktheorie, Musikgeschichte und Dirigieren
Ao.Univ.Prof. DI Winfried Ritsch
Institut für Elektronische Musik und Akustik
Themenfelder
  • Neue Medien
  • Infrastruktur
  • Kommunikation/Plattform
  • Erfahrungslernen
  • Employability
Fachbereiche
  • Kunst, Musik und Gestaltung