Kirchliche Pädagogische Hochschule der Stiftung der Diözese Graz-Seckau
Lange Gasse 2, 8010 Wien

Reflexive Praxisbegleitung online

Ziele/Motive/Ausgangslage

In der folgenden Darlegung beziehe ich mich auf meine Rolle als Lehrende an der KPH Graz im Bereich Reflexionsseminar, ein Coachingformat im Rahmen der Pädagogisch-Praktischen Studien. Teilnehmer*innen sind Studierenden vom dritten bis siebten Semester.

Die KPH Graz verfolgt ein innovatives Praxiskonzept. Studierende sollen von vornherein Verantwortung für das Lernen der Schüler*innen übernehmen, an den Schulen möglichst hierarchiefrei als junge Kolleg*innen betrachtet werden und im Sinne einer Community of Practice (Lave & Wenger) von der Peripherie ins Zentrum der Teilhabe hineindiffundieren. Im Zentrum steht das Co-Planning und Co-Teaching von Studierenden mit ihren Ausbildungslehrer*innen. Die Hochschule als Ort der Wissenschaftspraxis (Neuweg) und die Schule als Ort der schulischen Praxis sollen dabei weitgehend entkoppelt werden, um das Lernen in und an der Wisdom of Practice (Schön) möglichst selbstständig zur Geltung kommen zu lassen. Die Reglementierung der Praxis seitens der Hochschule durch starre Vorgaben wird auf ein Minimum reduziert, insbesondere gibt es keine Praxisberater*innen, die an die Schulen kommen. In dieser Situation kommt der individuellen Begleitung der Studierenden seitens der Hochschule hohe Bedeutung zu. Begleitformate sichern auf fachwissenschaftlicher und fachdidaktischer sowie auf pädagogischer Ebene den Kompetenzerwerb ab. Das Pädagogische Reflexionsseminar steht dabei im Zentrum.

Die Konzeption des Reflexionsseminars ist auf Präsenz der Studierenden und Lehrenden ausgerichtet. Themen aus der Praxis werden aufgegriffen, in Gruppen oder im Plenum diskutiert, Peer-Coaching, aber auch persönliche individuelle Beratung stehen auf dem Programm. Die plötzliche Umstellung beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 brachte eine doppelte Herausforderung mit sich. Zum ersten mussten Studierende ihre Praxis, wo dies möglich war, in den Homeschooling-Betrieb einbringen oder individuelle Lösungen finden, zum zweiten war das Reflexionsseminar online zu gestalten. Das Ziel der Innovation, die hier beschrieben wird, war ursprünglich, die plötzlich entstandene Ausnahmesituation zu meistern. Nach kurzer Zeit war einerseits abzusehen, dass es sich nicht um eine kurzfristige Überbrückung, sondern um ein längeres Online-Lehre Intermezzo handeln würde, andererseits erwiesen sich die digitalen Möglichkeiten durchaus als vielversprechend. Somit wurde das Ziel verfolgt, diese Möglichkeiten für ein tragfähiges Konzept der Online-Begleitung auszuloten.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Die Aufgabe war, ein Reflexionsseminar, ein spezielles Coachingformat in den Pädagogisch-Praktischen Studien, in dem es um intensive persönliche Auseinandersetzung der Studierenden mit ihren Praxiserfahrungen ging, ad hoc in ein Online-Format zu übersetzen. Dabei musste in synchronen Veranstaltungen eine Vertrauensatmosphäre aufgebaut werden, bestehende Coaching-Formate in entsprechende Online-Formen übersetzt und an die besonderen Bedingungen der Online-Kommunikation angepasst werden. Es zeigte sich, dass für das Gelingen klare Strukturen und Kommunikationsregeln erforderlich sind, und dass Online-Beratungsgespräche unerwartete Qualitäten bezüglich Nähe und Reflexionstiefe aufweisen, bei gleichzeitiger Distanz in einer Art durch mediale Vermittlung erzeugten Schutzraum. Diese Erkenntnisse gilt es in Zukunft in den Regelbetrieb zu übernehmen bzw. weiter zu entwickeln.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

The task was to transform a reflection seminar, a special format to coach students in their pedagogical-practical studies, which involved intensive personal discussions, into an online format. An atmosphere of trust had to be built in synchronous events, and existing coaching formats had to be translated into corresponding online forms and adapted to the special conditions of online communication. It turned out that clear structures and communication rules are required, and that online counseling discussions have unexpected qualities in allowing depth of reflection and closeness in a sheltered environment induced by the use of media. In the future, these findings will have to be developed further and incorporated into regular practice.

Nähere Beschreibung des Projekts

Im Anschluss an Lehrveranstaltungen im ersten Studienjahr zur eigenen Schulbiographie bzw. zur grundsätzlichen Orientierung im Berufsfeld besuchen die Student*innen der KPH Graz vom dritten bis zum siebten Semester in immer gleichbleibenden Kleingruppen das Pädagogische Reflexionsseminar. Begleitet werden sie dabei von Hochschullehrpersonen, sog. Pädagogische Coaches. Verortet an der Hochschule, ganz bewusst in zeitlicher und räumlicher Distanz zum Schul- und Unterrichtsgeschehen an den Praxisschulen, werden im Seminar Praxiserfahrungen reflektiert.

Die Aufgabe als Leiterin dieses Reflexionsseminars war es, dieses Coaching von der Präsenzform in eine Online-Form zu bringen. Wesentlich war dabei, die Kontinuität zu wahren, um in einer Zeit großer Verunsicherung eine Konstante zu etablieren, die Verlässlichkeit ausstrahlte. Die Gruppen mit 11 bis 13 Personen wurden beibehalten, es wurden ausschließlich synchrone Einheiten angeboten, um möglichst nahe an der Präsenzsituation zu bleiben.

Es zeigte sich schnell, dass Sicherheit und Struktur sehr relevante Parameter für das Schaffen einer vertrauensvollen Atmosphäre sind, in der man aus sich herausgehen und Persönliches thematisieren kann. So wurden z.B. Gesprächsregeln im virtuellen Raum sowie Prinzipien der Netiquette explizit angesprochen und umgesetzt. Es gelang damit einerseits eine hohe Disziplin und dadurch Rücksichtnahme aufeinander zu erzielen, ohne dass die Regeln als einschränkend erlebt wurden. Für bestimmte Situationen, z.B. eine Studentin stellt ein Anliegen vor, die anderen Student*innen geben Feedback, wurden neue, der Situation angemessene ritualisierte Abläufe eingeführt. So wurde z.B. die Rolle der Feedbackgeber*innen explizit angesprochen, Präsentationsdauern vereinbart, u.v.m.

Als Nebeneffekt zeigte sich, dass die Sprache sich dadurch verbesserte – offensichtlich legt das freigeschaltete Mikrofon und die damit verbundene ungeteilte Aufmerksamkeit eine präzisere Sprachverwendung nahe. So bewirkte das Onlineformat das Bemühen um Sprache, die deutliche Artikulation und Sprachverständlichkeit. Folglich zeigten sich bei den Studierenden Fortschritte bezüglich dieser Kompetenzen.

Darüber hinaus konnte sich durch die durchgängige, gleichberechtigte Präsenz auf dem Schirm und die dauernde Sichtbarkeit auch niemand hinter der Gruppe „verstecken“, die Verteilung der Gesprächsbeiträge war ausgewogener als in Präsenzeinheiten.

Die parallele Nutzung mehrerer Kommunikationskanäle erwies sich als hilfreich: Alle Teilnehmer*innen waren im Bild zu sehen, konnten Audiobeiträge hören, den Chat nutzen, eine Präsentation mitverfolgen und live auf diversen interaktiven Boards Anregungen, Hinweise, Ideen … posten bzw. die Antworten aller Teilnehmer*innen mitverfolgen. Die so entstandenen Dokumente wurden anschließend an die gesamte Seminargruppe zur möglichen weiteren Bearbeitung verschickt. Persönliche Nachrichten, mitunter auch erforderliche Erinnerungen an die vereinbarten Spielregeln, konnten über den Chat ohne öffentliche Bloßstellung „dezent“ abgewickelt werden.

Als Bereicherung stellten sich auch die Breakout-Rooms dar, die ad hoc gebildet werden konnten und in denen z.B. Kleingruppenberatungen und Peer-Beratungen ohne wechselseitige Störung und aufwändige Raumwechsel durchgeführt werden konnten. Voraussetzung war allerdings, dass ein klarer Auftrag damit verbunden war und die Ergebnisse der Beratung bzw. eine Conclusio im Plenum kompakt präsentiert werden mussten.

In kollaborativen Aktivitäten z.B. mit Hilfe von Padlets, konnten Phasen der Ideenfindung oder die gemeinsame Bearbeitung eines Dokuments mitunter sogar besser realisiert werden als in Präsenz.

Auch die Verteilung von Unterlagen und Beiträgen via Lernplattform oder Padlet ließ sich im Bedarfsfall sofort realisieren, ohne einen Kopierer in Anspruch nehmen zu müssen. In vielen Fällen war auch das Protokollieren in einem geteilten Dokument hilfreich für eine strukturierte Weiterführung der gemeinsamen Überlegungen.

Kreative Arbeitsformen bereicherten die Online-Seminareinheiten und kompensierten gelungen die fehlende Face-to-Face Kommunikation. So bereiteten Studierende z.B. ihren persönlichen Semesterrückblick in selbstverfassten Geschichten vor, ergänzt durch ein Foto, das aus ihrer Sicht die Praxis im abgelaufenen Semester symbolisierte und gestalteten damit eine Lesung im virtuellen Raum.

Den Abschluss des Reflexionsseminars bildet im Präsenzbetrieb ein aufwändiger Rückmeldeprozess. Die Studierenden verfassen eine schriftliche Reflexion ihrer Praxiserfahrungen. Diese wird von den Pädagogischen Coaches gelesen und mit Anmerkungen versehen, über die dann mit den Studierenden gesprochen wird. Die Studierenden arbeiten die Rückmeldungen eigenverantwortlich ein und übermitteln diese schriftliche Selbsteinschätzungen an ihre Ausbildungslehrer*innen. Diese führen dann mit den Studierenden ein abschließendes Gespräch über die persönlichen Entwicklungsschritte in den Pädagogisch-Praktischen Studien und diese schriftliche Reflexion.

In der Online-Form wurden Impulse für die -schriftlichen- Reflexionen diskutiert, Studierende begaben sich anschließend in den individuellen Schreibprozess. Das so entstandene Dokument wurde auf einer Lernplattform hochgeladen und von der Lehrenden im Überarbeitungsmodus bearbeitet bzw. mit Kommentaren versehen. Dieses Dokument wurde dann an die Studierenden übermittelt und stand jenen bereits für die Vorbereitung auf das Feedbackgespräch mit der Lehrenden zur Verfügung. Das persönliche Feedback an die einzelnen Student*innen erfolgte dann in individuell vereinbarten halbstündigen Einzelbesprechungen. Diese Vorgehensweise brachte zwar einen hohen zeitlichen Aufwand für die Vortragende mit sich, führte aber zu einer neuen Qualität der Auseinandersetzung und Kommunikation. Zum ersten wäre es wohl kaum möglich gewesen, so flexibel mit Raum- und Zeitressourcen umzugehen, zum zweiten wies das Onlineformat erstaunliche Qualitäten in Bezug auf dieses Setting auf:

Distance-Learning zeigt sich hier von einer interessanten Seite. Der / Die Studierende ist zu Hause, in einem vertrauten Raum, in einer gewohnten Umgebung, die dazu angetan ist, Sicherheit zu schaffen. Der Austausch zwischen Lehrenden und Studierenden erfolgt gefühlt sehr nahe, da ist nicht viel mehr als ein halber Meter Abstand zwischen Person und Person am Bildschirm. Diese „Nähe“ formt eine neue Art von Beziehung. Dennoch bleibt durch die Teilung des Raumes die nötige Distanz gewahrt. Hinter dem Monitorglas entsteht ein Schutzraum. Studierende können offensichtlich in dieser Symbiose von Nähe und Distanz gut auch über sehr Persönliches sprechen. Das macht das Coaching in dieser Form sehr ertragreich.

Es spricht vieles dafür, wesentliche Elemente dieser Online-Phase in den Regelbetrieb zu übernehmen. Es wird die Aufgabe sein, ohne in den Fehler zu verfallen, eine Notfallmaßnahme zum Modell für Digitalisierung zu stilisieren, die sichtbar gewordenen Qualitäten zu übernehmen und weiter zu entwickeln. So liegt es z.B. nahe, Podcasts zur Reflexion und Videos zur persönlichen Präsentation oder als Belegmaterial aus der Praxisklasse vermehrt einzusetzen, mediale Komponenten, die sich in Online-Formaten ohne großen Aufwand realisieren lassen, jedoch einen große Mehrwert versprechen.

 

Mehrwert

Intensivierung des Austauschs, Individualisierung des Beratungsprozesses

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Ein langfristiger Einsatz ist geplant. Aufgrund des speziellen Formats ist eine direkte Übertragung kaum gegeben, da es sich in diesem Bereich um ein sehr spezielles persönlichkeitsbezogenes Lehr- und Lernformat handelt. Wohl aber könnte es ein Modell für Begleitlehrveranstaltungen für alle "Schulpraktischen Studien" der Lehramtsausbildungen werden.

Aufwand

Die Adaption des Begleitformats brachte einen zeitlichen Mehraufwand von ca. 40 Stunden mit sich.

Positionierung des Lehrangebots

Lehramt Primarstufe, Bachelorstudium, drittes bis siebtes Semester

Links zu der/den Projektmitarbeiter/innen
Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2021 nominiert.
Ars Docendi
2021
Kategorie: Digitale Transformation in der Lehre
Ansprechperson
Hubert Schaupp, Dr.
Institut für Forschung und Entwicklung
06767845851
Nominierte Person(en)
Elisa Kleißner, MMag.
KPH Graz
Themenfelder
  • Neue Medien
  • Didaktische Methode
  • Employability
  • Kommunikation/Plattform
Fachbereiche
  • Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften