Tiergestützes Leadership Design

Ziele/Motive/Ausgangslage

Lehrveranstaltungen über Mitarbeiter*innenführung konzentrieren sich vordergründig auf theoretische Ansätze in der Führung, Führungsstile, Konfliktpotenziale etc. Ziel dieser Lehrveranstaltung ist das praktische Entwickeln und Testen von Führungsansätzen mit dem Einsatz von geeigneten Tierarten, die eine unmittelbare Reaktion auf das Führungsverhalten zeigen. Diese Reaktionen werden mittels Videoanalyse analysiert und auf das Führen von Mitarbeiter*innen übertragen. Um ein komplexes Führungsziel zu erreichen, werden mittels Designprozesse einzelne Führungsschritte entwickelt, getestet und weiterentwickelt. Dafür eingesetzte Tierarten sind Kaschmirziegen, American Minipigs und Hunde. Die Ergebnisse der Arbeit mit den Tieren werden auf Führungsansätze von Menschen übertragen.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Das Erlernen der Führung von Mitarbeiter*innen stellt Studierende vor das Problem, dass praktische Führungserfahrung im Rahmen von Lehrveranstaltungen schwer gesammelt werden kann. In der Lehrveranstaltung Tiergestütztes Leadership Design werden drei Bereiche zusammengeführt: die Theorie der Führung, das Entwickeln von Führungsansätzen mit dem Design Thinking-Ansatz und das praktische Erleben/Erfahren von Führungssituationen sowie deren Evaluierung hinsichtlich Zielerreichung. Für die praktischen Führungsübungen werden als Proband*innen drei verschiedene Tierarten eingesetzt: Kaschmirziegen, American Minipigs und Airedale Terrier. Mit diesen tierischen Proband*innen können Führungsziele erarbeitet und praktische Führung durchgeführt sowie evaluiert werden. Die erlebten Erfahrungen werden in der Lehrveranstaltung diskutiert und der Versuch angestellt, diese Erfahrungen auf die Führung von Menschen zu übertragen.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

Gaining experience in practical employee management and leadership in a conventional learning environment can pose a serious problem for students. The lecture on animal assisted leadership design combines three parts: leadership theory, developing new leadership approaches by means of design thinking and the practical experience in real management and leadership situations, as well as evaluation with regard to target achievement. In the practical training three animal species are used: Kashmir goats, American mini pigs and Airedale Terriers. With these test animals, management objectives and approaches can be developed by students, and practical management can be trained and evaluated. The experience gained by the students in the course of this lecture will be discussed and a test, whose results can be applied to the leadership of human beings, will be carried out.

Nähere Beschreibung des Projekts

I. Ziele:

Die Lehrveranstaltung Tiergestütztes Leadership Design (Animal assisted Leadership Design) hat zwei Ziele:

1. Die eigenständige Entwicklung von Führungsmodellen mit dem Design Thinking-Ansatz.

2. Die praktische Anwendung der entwickelten Führungsmodelle und deren Evaluierung sowie die Verbesserung und Optimierung des Modells mit dem Design Thinking-Ansatz.

 

Die Lehre über Mitarbeiter*innenführung konzentriert sich bisher vor allem auf das Erlernen von Führungstheorien und Führungsstilen. Die Schwierigkeit in der Lehre zeigt sich jedoch in der praktischen Erprobung der jeweiligen Ansätze.

Ob ein entwickelter Führungsansatz erfolgreich ist, zeigt sich erst in der tatsächlichen Führungssituation, die nur unter realen Führungsbedingungen getestet werden kann. Dazu können Fallbeispiele in Unternehmen herangezogen werden, in denen Studierende Führungsaufgaben übernehmen oder in simulierten Führungsbeispielen. In beiden Fällen ist die Validität zu hinterfragen, da in beiden Beispielen die geführten Proband*innen wissen, dass es sich um ein Lehrbeispiel handelt. Es kann in dieser Situation von einer Beeinflussung des eigenen Handelns ausgegangen werden. Einerseits ist es schwierig, Unternehmen zu finden, die im Rahmen von Lehrveranstaltungen Studierenden Führungsaufgaben überantworten, andererseits ist die Reaktion der Proband*innen zu hinterfragen. Da Führung in realen Situationen nur durch Erfahrung in ebendiesen Situationen ohne Voreingenommenheit der geführten Proband*innen erlernt und geübt werden kann, ist eine Lehrveranstaltung „Führung“ betreffend Erfahrungslernen sehr eingeschränkt. Die Lehrveranstaltung Tiergestütztes Leadership Design setzt genau an diesem Punkt an. Studierende sollen dadurch Folgendes erlernen und erfahren:

1. Aufstellen von Führungszielen

2. Schaffen des organisationalen Rahmens für Führung

3. Planung des Handelns in der operativen Führung

4. Handlungen in der operativen Führung – Interaktion mit den Proband*innen

5. Evaluierung des Führungserfolges

6. Schrittweise Verbesserung durch situative Anpassung von Zielen, Planung und Handlungen (Interventionen)

Die Studierenden durchlaufen mit den tierischen Proband*innen die Schritte 1 - 6 in mehreren Zyklen, um damit eine ständige Verbesserung der Führung zu erzielen und das zu Beginn aufgestellte Führungsziel zu erreichen.

 

II. Unterschiedliche Tierarten als Proband*innen in der Führungslehre:

Der Vorteil von Tieren als Proband*innen in der Führungslehre begründet sich wie folgt:

Tiere zeigen ein Verhalten unmittelbar auf eine Interaktion. Auf eine Handlung durch die Führende/den Führenden erfolgt unmittelbar eine Reaktion durch das Tier. Diese Reaktion kann von Tierart zu Tierart durchaus unterschiedlich sein, da die sich die Wahrnehmung der Tiere unterscheidet. Kaschmirziegen nehmen die Führungsperson vordergründig optisch wahr und beobachten extrem genau die Körpersprache der Führungsperson, American Minipigs nehmen die Führungsperson vordergründig akustisch und olfaktorisch wahr und reagieren extrem auf Stimme und Lautstärke sowie auf Gerüche. Eingesetzte Hunde reagieren sowohl auf optische, akustische und olfaktorische Reize, haben im Einsatz jedoch den Nachteil, dass sie durchaus strategisch zum eigenen Vorteil agieren können und besonders bei Einsteiger*innen im Führungstraining, die Führungsrolle übernehmen können – Proband führt die Führungsperson.

 

Unterschiedliche Tierarten zeigen unterschiedliches Verhalten. Studierende, die mit unterschiedlichen Tierarten arbeiten erhalten auf ihr Führungsverhalten oft sehr unterschiedliche Reaktionen. Während Kaschmirziegen durchaus rasch Erfolge in der Führung von Teams und Gruppe erkennen lassen, stellt sich die Situation bei American Minipigs aufgrund der höheren Individualität der Tiere deutlich schwieriger dar. Hunde wiederum kennen den Führungsumgang mit Menschen aufgrund der evolutionären Entwicklung sehr gut und weisen im Verhalten den „will to please“ auf – sie wollen dem Menschen gefallen. Hunde erkennen sehr rasch die Schwachstellen der Führungsperson und nutzen diese zum eigenen Vorteil aus – oftmals ohne dass es die Führungskraft erkennt.

 

Die Zusammenarbeit in dieser Lehrveranstaltung erfolgt mit einem Unternehmen, das diese drei Tierarten für tiergestützte Intervention unterhält. Die Tiere sind für die Studierenden daher im Rahmen der Lehrveranstaltung zugänglich. Die fachliche Unterstützung erfolgt durch eine ausgebildete Tiertrainerin, ebenfalls ausgebildet in tiergestützter Intervention, die beruflich am Institut für kognitive Verhaltensforschung an der Veterinärmedizinischen Universität Wien tätig ist.

 

III. Ablauf der Lehrveranstaltung:

Einleitung in die Theorie und Praxis der Mitarbeiter*innenführung:

In einer Einleitung erfahren die Studierenden Grundlagen über die Führungstheorien, die Führungsstile und einen Überblick über situative, operative Führung. Dabei wird vor allem auf das operative Führungsverhalten, Körpersprache, Kommunikation, Stimme im Detail eingegangen.

Einleitung in die Methoden des Design Thinkings in Hinblick auf Führungsdesign:

Die Kernbereiche im Design Thinking sind Beobachtung, Vorstellungkraft/Fantasie und Konfiguration. Diese einzelnen Bereiche werden in einer theoretischen und praktischen Einführung genau gelehrt und diskutiert. Auf diese drei Kernbereiche baut in der Folge auch die praktische Arbeit mit dem jeweiligen Tier auf.

 

Die Kernbereiche des Design Thinkings:

Beobachtung: Genaue Beobachtung der Rahmenbedingungen und des Verhaltens der tierischen Proband*innen in ihrem alltäglichen Umfeld in der Herde, Rotte oder im Rudel. Wie verhalten sich die Tiere in der Gruppe, welche Stellung nehmen die Tiere in der jeweiligen Rangordnung ein. Wie interagieren die Tiere in der jeweiligen Herde, Rotte im Rudel.

Rückschluss auf Menschen: Was kann ich durch diese genaue Beobachtung der tierischen Probanden in der Führung von Menschen erlernen.

Die Beobachtungen des tierischen Verhaltens werden dokumentiert und für die weitere Arbeit verschriftlicht.

Vorstellungkraft/Fantasie: Die genaue Beobachtung ergibt Indizien wie ein*e tierische*r Proband*in auf Führungsverhalten reagieren könnte oder sollte. Hier wird ein abduktiver Schluss gezogen. Ideen, die aus abduktiven Schlüssen gezogen werden, können im Vorhinein nicht überprüft werden, sondern müssen durch tatsächliches Verhalten überprüft werden. Daher ist das Kreislaufdenken im Design Thinking von großer Wichtigkeit. Austesten der Idee – Evaluierung – Verbesserung/Veränderung – neuerliches Austesten.

Das Interessante im Tiergestützten Leadership Design ist, dass diese Kreisläufe in sehr kurzen Abständen erfolgen können und ein verändertes Verhalten der Proband*innen sofort feststellbar ist.

Konfiguration: Das ist die Übertragung einer entwickelten Idee auf ein System. Nachdem eine Idee in mehreren Zyklen an einem Einzelindividuum getestet wurde, kann sie in der Folge auf ein System übertragen werden, z.B. das System Herde, Rotte, Rudel. Wie kann nun die entwickelte Führungsidee auf das gesamte System übertragen werden und so ein Führungserfolg erzielt werden.

 

Dokumentation der einzelnen Schritte:

Die einzelnen Schritte werden laufend dokumentiert, einerseits durch ein schriftliches Dokument und anderseits durch eine laufende Videodokumentation. Durch diese Dokumentation haben alle Studierenden die Möglichkeit, die Entwicklung, die Reaktion und den Führungserfolg von allen Gruppen zu verfolgen.

 

IV. Organisation und Ablauf der Lehrveranstaltung:

Einführung in die Theorie der Führung und des Design Thinkings / gesamte Gruppe der Studierenden. Teilung in Kleingruppen zu je drei Personen. Die drei Personen haben wechselnde, jedoch genau zugeteilte Aufgaben. Eine Person arbeitet mit einem Tier, eine Person schreibt alle Beobachtungen mit, eine Person filmt am Handy die einzelnen Aktionen und Interaktionen.

 

Schritt 1: Genaues Kennenlernen der Tierarten und deren Verhalten.

Schritt 2: Auswahl einer Tierart und eines Individuums. Die Gruppe entscheidet sich z.B. mit Minipigs zu arbeiten und wählt ein bestimmtes Individuum für die weitere Arbeit aus.

Schritt 3: Festlegen eines Führungszieles: Was genau soll in welchem Zeitrahmen in welchem organisationalen Rahmen erzielt werden und wie wird das Ziel gemessen.

Schritt 4: Erster Loop des Design Thinkings planen und Durchführung.

Schritt 5: Evaluierung der Ergebnisse des ersten Loops. Die Evaluierung erfolgt nur gruppenintern.

Schritt 6: Start, Planung, Durchführung des zweiten Loops.

Schritt 7: Evaluierung des zweiten Loops. Die Evaluierung erfolgt zuerst gruppenintern, dann mit Hilfe der Tiertrainerin plus Lehrenden gemeinsam mit allen Gruppen. Dadurch haben alle Gruppen die Möglichkeit, aus den Erfolgen und Misserfolgen aller anderen Gruppen Schlüsse auf die eigene, weitere Arbeit zu ziehen.

Schritt 8: Start, Planung, Durchführung des dritten Loops. Im dritten Loop soll das Führungsziel erreicht werden.

Schritt 9: Evaluierung des abschließenden dritten Loops. Feststellung, was ist gelungen, in welchem Ausmaß wurde das gestellte Ziel erreicht. Wie weit ist die Abweichung Soll/Ist. Feststellung der Ursachen. Warum wurde das Ziel erreicht bzw. nicht erreicht. Dieser Schritt wird in der Gruppe durchgeführt und eine Kurzpräsentation für die anderen Gruppen vorbereitet.

Schritt 10: Übertragung des Erlernten auf mögliche Führungssituation von Menschen – was könnte gleich, ähnlich oder komplett anders bei Führung von Menschen ablaufen.

 

V. Abschluss und Beurteilung:

Verfassen einer Seminararbeit über das Thema pro Dreiergruppe und erstellen des begleitenden Dokumentationsvideos.

 

VI. Mehrwert für die Studierenden:

Führungsverhalten nicht nur in der Theorie, sondern praktisch zu erlernen und zu testen. Führung durch unmittelbare Reaktion zu erfahren.

Durch eigene Erfahrung das Verhalten zu verändern und zu optimieren.

Erlebtes, Erfahrenes und Gefühltes auf die Führung von Mitarbeiter*innen übertragen.

Mehrwert

Durch die Erfahrung des Lehrenden in der Wirtschaft und dem didaktischen Ansatz Design Thinking mit Führungsansätzen zu verknüpfen, erlernen und erfahren Studierende wie Führung "funktioniert" und welche emotionale Erfahrungsauswirkung Führung auf die Führungskraft hat. Dies führt zu einer deutlichen Lernerleichterung für die Studierenden und zu einem erlebbaren Gefühl sowie Einfühlungsvermögen für die zu Führenden (in diesem Fall für die eingesetzten tierischen Proband*innen).

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Die erlernten Ansätze sind auch für andere Wirtschaftsvorlesungen anwendbar, aber vor allem für die spätere Funktion als Führungskräfte in der Wirtschaft. Dieses Konzept wurde bereits im laufenden Studienjahr weiterentwickelt, es wird nun eine weitere Tierart eingesetzt. In Zukunft wird eine dichtere Zusammenarbeit mit der Vet. Med. Universität Wien angestrebt.

Aufwand

Für die New Design University entsteht kein zusätzlicher Aufwand, da Co-Trainerin und Tierarten sowie externe Trainingsmöglichkeiten von einem Unternehmen in der tiergestützten Intervention kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Positionierung des Lehrangebots

Diese Lehrveranstaltung an der Schnittstelle von Design und Führungsansätzen ist als Wahlfach für alle Studierenden der Bachelorstudiengänge der New Design University positioniert.

Links zu der/den Projektmitarbeiter/innen
Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2021 nominiert.
Ars Docendi
2021
Kategorie: Lernergebnisorientierte Lehr- und Prüfungskultur
Ansprechperson
Josef Wanas, Mag.
Fakultät Technik & Wirtschaft
+43 2742 890 2415
Nominierte Person(en)
Josef Wanas, Mag.
Fakultät Technik & Wirtschaft
Themenfelder
  • Didaktische Methode
  • Kommunikation/Plattform
  • Erfahrungslernen
Fachbereiche
  • Wirtschaft und Recht