Fachhochschule Joanneum GmbH
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Entrepreneurial and Cross-Cultural Competences Case Challenge (EC5)

Ziele/Motive/Ausgangslage

Das Konzept wurde im Rahmen des Projekts „Rebus - Ready for Business“ entwickelt, einem Erasmus+ Kapazitätsaufbau-Projekt im Bereich der Hochschulbildung. Das Hauptziel war die Schaffung einer praxisorientierten, lebensverändernden, unternehmerischen und interkulturellen Kompetenzentwicklung für Gast-Studierende im Bereich der Wirtschaftswissenschaften aus 3 Ländern. Um dies zu erreichen, wurde ein Ansatz entwickelt, der auf dem Modell des Lernens durch Teilen von Thijssen & Gijselaers (2006) und auf Prinzipien des Konnektivismus basiert und Studierende aktiv in den Ablauf mit einbindet. Zielsetzung war dabei, das Lernen von der Ebene des Zuhörens auf eine Ebene des Erlebens zu transferieren.

 

Bis zu diesem Zeitpunkt wurden unternehmerische und interkulturelle Kenntnisse im Rahmen eines gemischten Seminar- und Vorlesungsbetriebs vermittelt. Gerade aber die genannten Kompetenzen können nicht rein wissensbasierend erlernt werden, sondern erfordern auch Handlungskompetenz, die sich im Tun begründet. Zielsetzung war es, ein studierenden- und ergebniszentriertes Lehrangebot zu schaffen, das Studierende mit einbindet und sie in eine aktive Rolle versetzt.

 

Eine weitere Zielsetzung war die Vertiefung der Beziehungen zwischen den regulären und den Gast-Studierenden des Instituts für Internationales Management, die bis dahin hauptsächlich an jeweils für sie vorgesehenen Lehrveranstaltungen teilnahmen und wenig tatsächliche Durchmischung aufwiesen.

 

Innerhalb des EU-Projekts wurde daher ein Prototyp entwickelt, der in den Partneruniversitäten zum Einsatz kam. Aufgrund der hervorragenden Ergebnisse im Rahmen dieses Prototyps sowie der sehr positiven Bewertung durch die Studierenden wurde beschlossen, diesen anzupassen und in den regulären Lehrplan der FH JOANNEUM aufzunehmen.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Der Kurs basiert auf der Entwicklung unternehmerischer und kulturübergreifender Kompetenzen durch das Lösen von realen Fällen im Team. Unter Berücksichtigung der Heterogenität der Gruppe und um deren bestehendes Wissen anzugleichen, erhalten die Studierenden, die aus unterschiedlichen Studienhintergründen kommen, Training in Geschäftsmodellierung, Projektmanagement und Präsentationsfähigkeiten. Jeder Fall repräsentiert geschäftliche und technische/branchenspezifische Aspekte, die von Unternehmen definiert und geklärt werden. Die Unternehmen sind in den Prozess eingebunden, indem sie den Fall zur Verfügung stellen, Fragen der Studierenden beantworten und Jury-Mitglieder sind. Die Studierendenteams bestehen aus inländischen und internationalen Studierenden von internationalen Wirtschaftsstudien und anderen wirtschafts- oder ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen. Jedes Team entwickelt Lösungen für einen bestimmten Fall und wird dabei von den Lehrenden in regelmäßigen, Team-Beratungssitzungen unterstützt. Beim Abschlussevent präsentieren die Studierenden ihre Lösungen in einem Elevator Pitch, woraufhin die zwei besten Gruppen pro Fall zu einer vollständigen Präsentation eingeladen werden. Zuletzt stellen die Studierenden ihre Ergebnisse den Unternehmern/Unternehmerinnen vor, von denen einige bereits begonnen haben, nach den Empfehlungen der Studierenden zu handeln. Die Jury aus Lehrenden und Fallgebern bewertet jeden Schritt und gibt den Studierenden konstruktives Feedback.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

The course is based on development of entrepreneurial and cross- cultural competences based on teamwork solving of cases based on different real-live problems. Taking into consideration of the heterogeneity of the group, to level-up the incoming skills of the participants, the incoming students coming from different study backgrounds receive training in business modelling, project management and presentation skills. Each case represents business and technical / industry specific aspects, defined and clarified by entrepreneurs. These entrepreneurs are involved in the process through, provision of the case, answering student questions and by being members of the jury. The student teams consist a mix of local and incoming international students from international business and other business or engineering related study programs. Each team develops their own solutions for a designated case, supported by the teaching staff in team-based regular counselling sessions. In the final event students present their solutions in an elevator pitch, after which the two best performing groups per case are invited to provide full presentations. After a final polishing, students provided their results to the entrepreneurs, some of which have already started to act on student recommendations. The jury comprised of the lecturers and the case providers evaluates each step and provides constructive feedback to the students.

Nähere Beschreibung des Projekts

Worum geht es dabei? Etwa 100 Studierende arbeiten im Rahmen eines Wettbewerbs, in Teams von vier bis sechs Personen, an Fällen verschiedener Unternehmer/Unternehmerinnen. Für jeden Fall liefern mehrere Teams Lösungen, die besten Lösungen gewinnen. Beteiligt sind drei verschiedene Gruppen: die Fallanbieter/Fallanbieterinnen, die Vortragenden und die Studierenden.

 

Die Fallanbieter/Fallanbieterinnen sind dabei Unternehmer/Unternehmerinnen aus dem Einzugsbereich der Hochschule, die aktuelle Probleme einbringen. Diese Probleme werden nach Tauglichkeit für das Programm selektiert. Es werden solche Fälle ausgewählt, die eine klare unternehmerische und interkulturelle Komponente beinhalten. Die Rolle des Fallanbieters/der Fallanbieterin umfasst dabei die Bereitstellung des Falles; eine Präsentation des Falles (während COVID-19 via MS Teams) in einer zweistündigen Sitzung; die Teilnahme an einer Frage & Antwort (Q&A)-Session (an der FH JOANNEUM oder über MS Teams) in einer einstündigen Sitzung und die Mitgliedschaft in der Jury bei der Abschlussveranstaltung (Pitches und Präsentationen) (an der FH JOANNEUM - während COVID-19 über MS Teams) im Rahmen einer 3-4 stündigen Veranstaltung.

 

Die Vortragenden sind reguläre Lehrende der Fachhochschule. Sie unterstützen die Unternehmer/Unternehmerinnen bei der Gestaltung der Problemstellung und formen diese zu einem anspruchsvollen, aber realistischen Fall. Sie fungieren als Moderator/Moderatorin zwischen den Fallgebern/Fallgeberinnen und den Studierenden. Sie liefern Inputs, coachen und betreuen die Studierenden-Teams und werten die Ergebnisse aus.

 

Die Studierenden erarbeiten die Ergebnisse in einem gecoachten Teamprozess, für den eine ganze Arbeitswoche zur Verfügung steht. In dieser Woche finden keine anderen Lehrveranstaltungen statt. Dabei arbeiten 20 bis 30 Studierende in Gruppen von vier bis sechs Personen pro Fall. Daher stehen ca. 800 bis 1200 studentische Arbeitsstunden pro Fall zur Verfügung. Die Studierenden erhalten hierbei an jedem Arbeitstag Coaching und Betreuung durch Dozenten/Dozentinnen (eine Unterrichtseinheit pro Tag).

 

Erarbeitete Ergebnisse sind hierbei Pitches, kommentierte Präsentationen und Berichte.

 

Pitches: jedes Team (4 bis 6 pro Fall) stellt seine Lösung in 2 Minuten vor. Nach einer kurzen Fragerunde werden die besten zwei pro Fall ausgewählt.

Präsentationen: Die besten zwei Lösungen pro Fall stellen ihre Methodik und ihre Ergebnisse in 15 Minuten vor, gefolgt von einer Frage- und Antwortrunde.

 

Kommentierte Präsentationen: Alle Teams leiten ihre vorbereiteten Präsentationen (inklusive Kommentare zur Erläuterung der Folien) an die Fallgeber/Fallgeberinnen weiter.

 

Schriftliche Berichte: Jedes Team erstellt einen ausführlichen Bericht inklusive der vollständigen Methodik und der Ergebnisse, welcher etwa ein Monat nach der Fallherausforderung an den Fallanbieter/die Fallanbieterin übermittelt wird.

 

Aus studentischer Sicht dreht sich der Kurs also um einen Wettbewerb, eine studentische Herausforderung. Dieses Lernwerkzeug wurde unter Berücksichtigung der Prinzipien des Konnektivismus eingerichtet und verfolgt die Anpassung des bestehenden Lernparadigmas, um einen interaktiveren Ansatz einzubeziehen. Thijssen & Gijselaers (2006) formulierten ein Modell des Lernens durch Teilen, das drei Lernstile beinhaltet: Lernen durch Üben, Lernen durch Experimentieren und Lernen durch Erforschen. Dieses „Learning by Sharing“ Modell (Thijssen, Maes, Vernooy, 2002) stellt ein Modell für kollaborative Lernaktivitäten dar. "Lehrer, Forscher, Studenten und Praktiker schließen sich zusammen, um Lerngemeinschaften zu bilden. Die wichtigsten Verbesserungen gegenüber bestehenden Lernmodellen sind die systematische Einführung der Außenwelt in den Lernprozess und die wechselseitige Natur der beteiligten Interaktionen" (Thijssen & Gijselaers, 2006). Alle Beteiligten lernen aus der gemeinsamen Erfahrung. Diesem Lernmodell folgend können die wesentlichen Trends des Lernens, wie sie von Siemens (2014) definiert wurden, wesentlich strukturierter und kohärenter angegangen werden. Es werden Communities of Practice (Lave und Wenger, 1991) gebildet und Möglichkeiten der Reflexion der aktuellen Praxis geschaffen.

 

Der vorgestellte Kurs nutzt das oben beschriebene Modell des Lernens durch Teilen, um die gesetzten Lernziele zu erreichen, indem er eine Herausforderung für Studierende schafft und verschiedene Lösungswege ermöglicht. Wie vom Modell des Lernens durch Teilen von Thijssen & Gijselaers (2006) vorgeschlagen, sind Unternehmer/Unternehmerinnen aus Partnerunternehmen direkt involviert und stellen reale Live-Fälle zur Verfügung, für die sie Lösungen benötigen. Das Lehrpersonal der FH JOANNEUM fungiert während des gesamten Kurses als Coaches und Moderatoren/Moderatorinnen und stellt neben den Studierenden die dritte Gruppe von Lehrenden/Forschenden. Die zur Verfügung gestellten Fälle werden von den beteiligten Lehrkräften gesichtet und an das bereits erworbene Kompetenz- und Komplexitätsniveau der Studierenden angepasst, um eine Herausforderung – aber keine unlösbaren Probleme – zu stellen. Der Wettbewerb wird im Rahmen eines zweiwöchigen Intensivkurses aufgebaut. Am ersten Tag werden Teams von fünf bis sechs Studierenden (mit einer proportionalen Mischung aus beiden

Studiengängen) gebildet und die Fälle werden vorgestellt. Eine Kopie jedes Falles (~4 Seiten Information) wird, zusammen mit vorgeschlagenen Links und Dokumenten, auf der Projektplattform zur Verfügung gestellt, um es zu ermöglichen, mit der Recherche zu den angebotenen Themen zu beginnen. Die Einführung der Fälle erfolgt direkt durch die Unternehmer/Unternehmerinnen, die die Fälle entwickelt haben, so dass von Anfang an eine direkte Interaktion mit den Fallanbietern/Fallanbieterinnen gegeben ist. Die nächsten drei Tage sind für jeweils eintägige Trainings zu den Themen Geschäftsmodellierung, Projektmanagement und Präsentationsfähigkeiten reserviert. Durch die Kombination von Theorie und praktischen Aufgaben geht jedes Training auf die individuellen Bedürfnisse der Teilnehmer/Teilnehmerinnen ein. Dieser auf die Teilnehmer/Teilnehmerinnen abgestimmte Ansatz geht auf die erhebliche Heterogenität der Gruppe ein und stellt sicher, dass jede/jeder Einzelne mit den erforderlichen Mindestkenntnissen und -fähigkeiten in den Schlüsselbereichen in den Arbeitsteil des Kurses geht. Am fünften Tag wird eine Teambuilding-Sitzung organisiert, die einige Phasen abdeckt und die Rollen und Verantwortlichkeiten der Teammitglieder festlegt, um das gesamte Team zu stärken. Die zweite Woche der Challenge ist die Arbeitswoche. Die Studierenden-Teams arbeiten selbstständig an ihren zugewiesenen Fällen. Jeder der Fälle hat mehrere gut definierte Fragen. Jedes Team entwickelt seine eigene Strategie, ob es eine breite oder tiefe Herangehensweise wählt, alle Fragen in Angriff nimmt oder sich auf die Lösung einer oder einiger der Fragen spezialisiert. An jedem der vier Arbeitstage ist für jedes der Teams und alle Teammitglieder eine Beratungssitzung mit einem der betreuenden Lehrkräfte obligatorisch. Die Studierenden können für jede Beratungssitzung Lehrende frei wählen, basierend auf den aufgeführten Fachgebieten der beteiligten Lehrenden. Am zweiten Tag der Arbeitswoche wird eine Q&A-Session mit den Fallanbietern vereinbart, entweder persönlich oder in MS Teams, um den Studierenden die Möglichkeit zu geben, alle Fragen zu stellen, die während der Arbeit an den jeweiligen Lösungen aufgetaucht sind. Zu den Aufgaben der Studierenden gehört es, einen „Elevator Pitch“ zu entwickeln - eine Zusammenfassung ihrer Erkenntnisse und Vorschläge, die in maximal zwei Minuten präsentiert werden kann, sowie eine 15-minütige Präsentation. Bei der Abschluss-veranstaltung präsentieren die Studierenden schließlich ihre Elevator Pitches. Eine Jury, bestehend aus Experten/Expertinnen der Fallgeber/Fallgeberinnen und Mitarbeitern/Mitarbeiterinnen der Universität, wählt für jeden bereitgestellten Fall die besten zwei Pitches aus. Die ausgewählten Teams präsentieren ihre vollständigen Präsentationen und für jeden der Fälle wird ein Gewinnerteam ermittelt. Nach der Veranstaltung werden alle Präsentationen mit ausführlichen Kommentaren erweitert, auf die Plattform hochgeladen und natürlich an die Fallanbieter/Fallanbieterinnen geschickt.

Mehrwert

Für Studierende: Dieses innovative Konzept integriert einige didaktische Methoden für einen erfahrungsbasierten, studentenorientierten Unterricht. Dadurch bietet es den Studierenden rasche Kompetenzentwicklung durch reale Problemlösungen unter Verwendung gängiger Kommunikations-plattformen und -werkzeuge. Außerdem wird die Weiterentwicklung der Studierenden nicht am Ende des Kurses bewertet, sondern während des gesamten Prozesses. Darüber hinaus bietet es den regulären Studierenden internationale Erfahrung zu Hause.

Für Lehrende: Die gemeinsame Durchführung des Kurses durch mehrere Dozenten/Dozentinnen bietet einen wichtigen Peer-Evaluierungs- und Peer-Learning-Prozess. Das Coaching von Teams und die Moderation mit den Unternehmern/Unternehmerinnen ist eine praktische Erfahrung, die die anwendungsbezogenen Fähigkeiten der Dozenten erhöht.

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Übertragbarkeit: Dieses Konzept zeigt den Nutzen der Case Challenge / des Wettbewerbs als Motivationsinstrument in einem praxisnahen, studentengerechten Ansatz. Nachhaltigkeit: Das Konzept ist nun in den Curricula des Bachelor-Studiengangs „Management internationaler Geschäftsprozesse“ und des „Global Business Programms“ verankert und wird in jedem Wintersemester durchgeführt.

Aufwand

Die Hauptanstrengung war die Konzeptionierung des Kurses, um eine Nutzenoptimierung sowohl für die Studierenden, als auch für die Unternehmer/Unternehmerinnen zu erreichen und Ergebnisse zu erzielen. Zusätzlichen Aufwand stellte die Ausarbeitung der Wettbewerbsvorlagen dar (zur Bereitstellung der Fälle, Bewertungsbögen für die Pitches und die vollständigen Präsentationen usw.) Bei der Implementierung stellt die Auswahl von Unternehmern/Unternehmerinnen einen zusätzlichen Aufwand dar, der sich bezahlt macht.

Positionierung des Lehrangebots

Der Kurs bezieht Studierende aus zwei Programmen mit ein: aus dem Bachelor-Programm „Management internationaler Geschäftsprozesse“ (MIG) und dem „Global Business Programme“ (GBP) der FH JOANNEUM. MIG ist ein sechssemestriger Bachelor-Studiengang, GBP ein modularer Lehrgang, der speziell auf die Anforderungen von Gast-Studierenden der Wirtschaftswissenschaften zugeschnitten ist. Das Programm ist aber auch für Studierende von Partneruniversitäten und für reguläre Studierende zugänglich.

In MIG ist das Lehrangebot im Rahmen der Lehrveranstaltung „Entrepreneurial and Cross-Cultural Competences“ (3. Semester; 2 ECTS) positioniert, im GBP im Rahmen der Lehrveranstaltung „Cross-Cultural and Entrepreneurial Perspectives (5 ECTS).

Links zu der/den Projektmitarbeiter/innen
Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2021 nominiert.
Ars Docendi
2021
Kategorie: Kooperative Lehr- und Arbeitsformen
Ansprechperson
DI Dr. Bojan Jovanovski, MSc
Institute für International Management
+43 (0)316 5453 6812
Nominierte Person(en)
DI Dr. Bojan Jovanovski, MSc
Institute für International Management
Dr. Rupert Beinhauer
Institute für International Management
Themenfelder
  • Rund ums Evaluieren der Lehre
  • Curriculagestaltung – Organisation
  • Didaktische Methode
  • Kommunikation/Plattform
  • Erfahrungslernen
  • Internationalisation@home
Fachbereiche
  • Wirtschaft und Recht