Virtuelle Journal Clubs zur Erkenntnis- und Kompetenzsteigerung von Bachelorstudierenden der Pflegewissenschaft

Ziele/Motive/Ausgangslage

Verschiedenste Einflussfaktoren, wie der gesellschaftliche Wandel, die Veränderungen der Arbeitswelt oder der Anstieg chronisch erkrankter Menschen, stellen zukünftig neue Anforderungen an die professionelle Gesundheits- und Krankenpflege in der Versorgung von Patient*innen im klinischen Setting dar. Daraus resultierende Aufgaben im Symptom- und Patient*innenmanagement benötigen demnach ein gesteigertes Ausmaß an evidenzbasierten Pflegemaßnahmen. Gerade die Akademisierung kann in diesem Bereich mit Bachelor-, Master- ANP- oder PhD-Studiengängen geeignete Lösungen anbieten. Die Grundlage hierfür bietet das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG) aus dem Jahr 2016. In diesem werden unter § 42 Z. 2 die „Grundlagen der Pflegewissenschaft und Pflegeforschung“ als wesentlicher Ausbildungsinhalt festgelegt. Studierende der Pflegewissenschaft sind folglich auch nach Beendigung der Ausbildung „zur Information über die neuesten Entwicklungen und Erkenntnisse insbesondere der Pflegewissenschaft sowie der medizinischen Wissenschaft (…)“ (§ 63 Abs. 1 Z. 1-2 GuKG) verpflichtet.

Eine Strategie, die angeführten gesetzlichen Verpflichtungen umzusetzen, stellt die Implementierung von Journal Clubs in Kliniken sowie Studiengängen der Pflegewissenschaft dar. Darunter sind Treffen in Kleingruppen zu verstehen, in welchen Studien einer kritischen Bewertung unterzogen und im Anschluss daran präsentiert werden. Durch diese Herangehensweise können nicht nur praxisbezogene Fragestellungen anhand von wissenschaftlicher Literatur gelöst, sondern auch die in der Ausbildung erlernten Kernelemente der wissenschaftlichen Arbeitsweise gefestigt werden. In der Folge wird ein gesteigerter Theorie-Praxistransfer gewährleistet.

Zentrale Zielsetzungen des entwickelten Journal-Club-Konzeptes beziehen sich auf die nachfolgend angeführten Punkte.

Inhaltliche Zielsetzungen: Student*innen wird der Sinn und Zweck des wissenschaftlichen Arbeitens nähergebracht. Student*innen weisen einen adäquaten Umgang mit wissenschaftlicher Fachliteratur auf. Student*innen kennen fachbezogene Journals oder Datenbanken für Literaturrecherchen. Student*innen erkennen wesentliche Qualitätsmerkmale wissenschaftlicher Fachliteratur. Student*innen kennen Instrumente zur Bewertung wissenschaftlicher Fachliteratur. Student*innen sind in der Lage, Fragestellungen aus der Praxis aufzugreifen und anhand von wissenschaftlicher Fachliteratur zu beantworten. Student*innen entwickeln ein Verständnis für die praxisorientierte Wissenschaft. Student*innen diskutieren und reflektieren die in den Journal Clubs herangezogene Literatur. Student*innen können die erlangten Erkenntnisse für Präsentationen oder Abschlussarbeiten heranziehen.

Organisatorische Zielsetzungen: Die Journal Clubs finden in Kleingruppen statt. Die Organisation sowie Moderation werden von einer Person mit ausreichend wissenschaftlichen Kenntnissen übernommen. Journal-Club-Termine werden teilnehmer*innenorientiert angeboten und dementsprechend an Arbeitszeiten oder Prüfungstermine angepasst. Durch das online-Format sind hier vor allem auch Termine am späten Nachmittag oder abends zu realisieren und gut mit einer eventuellen nebenberuflichen Tätigkeit zu vereinbaren. Relevante Fachliteratur wird bereits vor den Journal Clubs ausgehändigt. Es werden Gastdozent*innen (z. B. Forscher*innen oder Statistiker*innen) zu den Journal Clubs hinzugezogen. Es werden Student*innen unterschiedlicher Ausbildungsstufen in einem Journal Club vereint. Die Journal Clubs finden in einem geschützten Rahmen statt. Es können ebenfalls Themen von den Studierenden zur Bearbeitung vorgeschlagen werden. Journal Clubs sind für Teilnehmer*innen mit keinen Kosten verbunden. Durch das Angebot der Journal Clubs kann das curriculare Angebot erweitert und bereits erworbene Kompetenzen vertieft und ausgebaut werden, Teilnehmer*innen der Journal Clubs erhalten nach der erfolgreichen Teilnahme ein Zertifikat (Außercurriculare Lehrveranstaltung).

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Basierend auf den dargelegten Hintergründen wurde am Institut für Pflegewissenschaft und -praxis ein virtuelles Journal-Club-Konzept entwickelt, welches die Erkenntnis- und Kompetenzsteigerung von Bachelor- und Masterstudierenden im Kontext der Pflegewissenschaft fördern soll. Unter Berücksichtigung digitaler Ressourcen wurde ein unverbindliches Angebot für Studierende geschaffen zeit- und ortsunabhängig wissenschaftlichen Diskussionsrunden beizutreten. Grundlage hierfür stellt ein vorab definiertes Thema dar, zu welchem jeweils zwei Studien aus Peer-Review-Journals bearbeitet und innerhalb der Kleingruppe präsentiert werden. Der im Anschluss daran stattfindenden Reflexion wird ein besonders hoher Stellenwert seitens des Instituts zugesprochen. Demnach geht es nicht nur um die kritische Auseinandersetzung mit der zur Verfügung gestellten Fachliteratur, sondern ebenso um Exkurse in das bestehende Arbeitsumfeld der Studierenden, Eigenerfahrungen sowie die Identifikation wichtiger Implikationen für die Wissenschaft und Praxis. Das Konzept wurde vor der offiziellen Ausrollung an fünf kleineren Kohorten getestet. Eine anonym durchgeführte Umfrage zur Evaluation ergab, dass Studierende die absolvierten Journal Clubs als Bereicherung wahrnahmen und eine Bereitschaft gegenüber weiterer freiwilliger Teilnahmen besteht.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

Based on the given background, a virtual Journal Club concept was developed at the Institute of Nursing Science and Practice, which is intended to promote the increase in knowledge and competence of Bachelor's and Master's students in the context of nursing science. Taking into account digital resources, a non-binding offer was created for students to join scientific discussion groups independent of time and place. The basis for this is a predefined topic on which two studies from peer-reviewed journals are discussed and presented within a small group. The institute attaches particular importance to the subsequent reflection. According to this, Journal Clubs are not only about the critical examination of the provided literature, but also about excursions into the existing working environment of the students, their experiences as well as the identification of important implications for science and practice. The concept was tested on five smaller cohorts before being officially rolled out. An anonymous evaluation survey revealed that students perceived the completed Journal Clubs as enriching and that there is a willingness to participate further on a voluntary basis.

Nähere Beschreibung des Projekts

Journal Clubs werden von Personen mit bestehenden wissenschaftlichen Kenntnissen/Kompetenzen geleitet und bieten den Studierenden die Möglichkeit, pflegebezogene Themen sowie Fragestellungen aus der Praxis anhand von Studienergebnissen kritisch zu reflektieren und in einen fachlichen Austausch zu treten. Leiter*innen eines Journal Clubs übernehmen eine organisatorische Verantwortung und achten auf die wissenschaftlichen Inhalte der Themen. Zudem zählen die Wahl des Themas, das aushändigen von Fachliteratur bzw. Arbeitsmaterialien, die Terminkoordination, die Raumplanung und das Sammeln der erarbeiteten bzw. der zu bearbeitenden Beiträge (z. B. Protokolle, Poster oder digitale Präsentationen) ebenfalls zu den Aufgaben der Leiter*innen.

Um einen fließenden Austausch zu gewährleisten, ist die Anzahl der Student*innen auf 4–6 Personen einzugrenzen. Pro Journal Club werden zwei Gruppen gebildet, welche jeweils eine Studie systematisch aufarbeiten. Im Hinblick auf die Gruppendiskussionen werden alle Teilnehmer*innen angehalten, sämtliche Literaturquellen durchzulesen und gegebenenfalls mit Anmerkungen zu versehen. Die Studienbeispiele für Journal Clubs können entweder durch die Teilnehmer*innen vorgeschlagen oder seitens der Leiterin/des Leiters zugeteilt werden. Unabhängig davon empfehlt es sich, dass Leiter*innen eine Ausarbeitungsfrist festlegen, um genügend Zeit für Korrekturarbeiten (z. B. Anmerkungen, Verständnisfragen, Exkurse oder Beispiele) vor dem Journal Club einzuplanen. Das entwickelte Journal-Club-Konzept gliedert sich in zwei Phasen:

Phase I: Zu Beginn erfolgt ein kurzer theoretischer Input (5–10 min) durch Leiter*innen des Journal Clubs. Hierfür eignet sich vorrangig die Darstellung der berufsgruppenbezogenen Themenrelevanz. Nehmen Student*innen das erste Mal an einem Journal Club teil, kann sich der Input auch aus allgemeinen Hintergrundinformationen (z. B. Organisation, Aufbau und Zielsetzungen des Journal Clubs) zusammensetzen.

Phase II: Dem theoretischen Input folgt pro Gruppe eine 10–15-min Präsentation über den Aufbau der herangezogenen Studie, die wesentlichen Forschungsergebnisse sowie die durchgeführte, kritische Bewertung. Die Gliederung der Präsentation orientiert sich an dem EMED-Format (Einleitung-Methode-Ergebnisteil-Diskussion). Nach jeder Präsentation findet eine kritische Diskussion zwischen allen Journal-Club-Teilnehmer*innen statt. Fragestellungen, Standpunkte, Erfahrungswerte, Überlegungen, Zukunftsvisionen oder kritische Anmerkungen können so in einem geschützten Rahmen dargelegt werden, wobei Leiter*innen der wissenschaftlichen Diskussionsrunde darauf zu achten hat, dass das vorgegebene Zeitkontingent pro Gruppe nicht überschritten wird. Das Vermitteln einer themenbezogenen „Take-Home-Message“ seitens der Leiter*innen an die Student*innen stellt das Ende des Journal Club dar.

Mehrwert

Studierenden wird der Sinn und Zweck des wissenschaftlichen Arbeitens mit Hilfe von Studien und daraus resultierenden Diskussionsrunden dargelegt. Studierende weisen einen adäquaten Umgang mit wissenschaftlicher Fachliteratur auf und kennen fachbezogene Journals oder Datenbanken für Literaturrecherchen. Neben dem Aufbau erhalten Studierende ebenso Kenntnisse hinsichtlich wesentlicher Qualitätsmerkmale von wissenschaftlicher Fachliteratur und können diese anhand von Bewertungsinstrumenten einordnen. Daraus resultierendes Wissen kann als solide Basis verstanden werden, um Fragestellungen aus der Praxis aufzugreifen und anhand von wissenschaftlicher Fachliteratur zu beantworten. Zugleich stellt dies eine wertvolle Ausgangssituation für Forschungsprojekte dar. Das Entwickeln eines Verständnisses gegenüber praxisorientierter Wissenschaft, die Freude am gemeinsamen diskutieren und reflektieren sowie das Erlangen von Präsentationfertigkeiten zählen demnach ebenso zu den zentralen Mehrwerten von Journal Clubs.

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Das Konzept kann ebenso auf andere Fachbereiche im Gesundheitswesen (z.B. Diätologie, Medizin, Physiotherapie, etc.) übertragen werden. In der Folge besteht die Möglichkeit Journal Clubs gezielt multiprofessionell auszurichten und so den themenspezifischen Austausch zwischen unterschiedlichen Disziplinen zu fördern. Im Kontext eines nachhaltigen klinischen Versorgungsprozesses darf dieser Strategie ein hoher Stellenwert beigemessen werden. Unabhängig davon wird Studierenden anhaltend die Möglichkeit geboten zeit- sowie ortsunabhängig an wissenschaftlichen Diskussionsrunden teilzunehmen und dadurch die Verschränkung zwischen Ausbildungs- und Arbeitsplatz systematisch zu stärken. Gerade in Zeiten von Covid-19 scheinen Journal Clubs demnach ein probates Mittel der Wahl darzustellen. Zudem handelt es sich bei dem entwickelten Konzept um einen Ansatz, welcher zeitliche und finanzielle Ressourcen (z.B. Vereinbarkeit mit Schichtdiensten, Einsparung von An- und Abreisen oder Hotelkosten) Studierender fördern soll. Des Weiteren bilden Journal Clubs eine solide Plattform, um potentiellen Nachwuchsforscher*innen im geschützten Rahmen erste Einblicke in die Welt der (Pflege-) Wissenschaft zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang steht vor allem der Austausch mit der jeweiligen wissenschaftlichen Leitung sowie den anderen Teilnehmer*innen im Mittelpunkt des Interesses.

Aufwand

Die Dauer eines Journal Clubs beläuft sich auf maximal 90 Minuten. Dieser Umfang wurde bewusst gewählt, um eine Vereinbarkeit mit dem Privat-, Studien- sowie Berufsleben herbeizuführen und die themenspezifische Aufmerksamkeit gezielt aufrechtzuerhalten. Für Vorbereitungsmaßnahmen (z.B. Unterlagen sichten, Fragestellungen entwickeln, Diskussionsbeiträge dokumentieren, etc.) wurden seitens der wissenschaftlichen Leitung bis zu 120 Minuten vorgesehen. Für Studierende resultiert daraus ein maximaler Zeitaufwand von 210 Minuten pro Journal Club.

Positionierung des Lehrangebots

Bachelorstudierende des Studiengangs Pflegewissenschaft (1.-6. Semester). Zukünftig richtet sich das Angebot ebenso an Masterstudierende (ANP, 1.-4. Semester)

Links zu der/den Projektmitarbeiter/innen
Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2021 nominiert.
Ars Docendi
2021
Kategorie: Digitale Transformation in der Lehre
Ansprechperson
Michael Klösch, BSc, MScN
Institut für Pflegewissenschaft und -praxis
+43 6622420-80357
Nominierte Person(en)
Michael Klösch, BSc, MScN
Institut für Pflegewissenschaft und -praxis
Dr. phil. Joachim von der Heide, M.A.
Institut für Pflegewissenschaft und -praxis
Themenfelder
  • Neue Medien
  • Didaktische Methode
  • Organisatorische Studierendenunterstützung
  • Wissenschaftliche (Abschluss)Arbeiten
  • Berufsbegleitend Studieren
  • Erfahrungslernen
Fachbereiche
  • Medizin und Gesundheitswissenschaften