Fachhochschule Wiener Neustadt GmbH
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Sprachsensible Lehre

Ziele/Motive/Ausgangslage

Dass bildungssprachliche Defizite immer häufiger den Studienerfolg beeinträchtigen, beobachten Bildungsforscher im gesamten deutschen Sprachraum. (1) Dies gilt nicht nur für internationale Studierende oder für die wachsende Gruppe der Studierenden mit Migrationshintergrund, respektive einer anderen Muttersprache als Deutsch: Der Rückgang bildungssprachlicher Kompetenzen ist allgemein erkennbar und wirkt sich sowohl beim Wissenserwerb selbst als auch bei der Erarbeitung und (schriftlichen) Wiedergabe eigener wissenschaftlicher Erkenntnisse störend aus.

 

Das im Herbst 2020 gestartete Projekt „Sprachsensible Lehre“ versucht, einen Beitrag zu leisten, diese sprachlichen Hindernisse abzubauen, damit fachlich und intellektuell begabte junge Menschen mit ungünstiger Sprachbiografie einen ihren Fähigkeiten entsprechenden Hochschulabschluss erlangen können. Vorbild ist das Konzept des „Sprachbewussten Unterrichts“ (Josef Leisen), das im naturwissenschaftlichen Unterricht an Sekundarstufe I und II bereits als Standard etabliert ist. (2) Referenzprojekte wie das Forschungsprojekt SpraStu der Universität Leipzig oder das migrationspädagogische Helsfyr-Projekt der Stadt Oslo liefern theoretische Grundlagen und praktische Anregungen für die Umsetzung im berufsbildenden postsekundären Bildungsbereich. (3)

 

Sprachsensible Lehre bedeutet eine durchgängige, gemeinsame Arbeit an der Sprachbildung, eine Anstrengung aller Lehrenden und Studierenden, die erforderlichen sprachlichen Kompetenzen in einer achtsamen Lernumgebung zu entwickeln. Über die konkreten Unterstützungs- und Weiterbildungsangebote hinaus soll „sprachsensible Lehre“ langfristig eine Kultur der sprachlichen Inklusion an unserer Hochschule befördern.

 

Der Begriff „sprachsensibel“ wird hier mit Bedacht anstelle des im schulischen Umfeld verbreiteten „sprachbewusst“ verwendet, um die psychologischen, soziologischen und ethischen Aspekte einer adäquaten Sprachführung dezidiert einzuschließen. Erstens erfordert das internationale Umfeld des Hochschulbetriebes jedenfalls einen subtilen Umgang mit Ausdrucksweisen, Registerwahl und Sprachregelung. Zweitens bedeuten die Überprüfung, Bewertung und Förderung sprachlicher Kompetenzen im Erwachsenenalter einen massiven Eingriff in die Befindlichkeiten der betroffenen Menschen, der mit größtmöglicher Achtsamkeit und Sensibilität erfolgen muss.

 

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(1) Vgl. Wisniewski, Katrin, Möhring, Jupp, Lenhard, Wolfgang und Seeger, Jennifer,

Sprachkompetenzen und Studienerfolg von Bildungsausländer/-innen zu Studienbeginn: Erste Erkenntnisse eines empirischen Längsschnittprojekts, Preprint Oktober 2019

Oberwimmer, Konrad, Vogtenhuber, Stefan, Lassnig, Lorenz und Schreiner, Claudia, Hrsg., Bd 1, Das Schulsystem im Spiegel von Daten und Indikatoren, Salzburg: 2019 (Nationaler Bildungsbericht 2018)

Morris-Lange, Simon, Allein durch den Hochschuldschungel. Hürden zum Studienerfolg für internationale Studierende und Studierende mit Migrationshintergrund, Studie | Mai 2017, www.svr-migration.de/publikationen/hochschuldschungel/, abgerufen am 30. 3. 2020

 

(2) Leisen, Josef, Handbuch Sprachförderung im Fach. Sprachsensibler Fachunterricht in der Praxis, Stuttgart, 2017

 

(3) Zum Projekt SpraStu vergleiche: Wisniewski, Katrin, Möhring, Jupp, Lenhard, Wolfgang und Seeger, Jennifer SpraStu: home.uni-leipzig.de/sprastu/projekt/ (abgerufen am 12. 1. 2021); zum Oslo-Projekt: Torunn Thomassen, The Oslo Model – CLIL for promoting employability and active citizenship (Videovortrag in dt. Sprache) www.cebs.at/service-angebote/clil/clilvoc-2020/videos_nachlese/ (abegrufen am 1. 3. 2021)

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Das Projekt „Sprachsensible Lehre“ an der Fachhochschule Wiener Neustadt beschäftigt sich mit der Entwicklung eines didaktischen Modells einer sprachreflektierten und achtsamen Lehre. Dabei geht es nicht etwa um eine fachspezifische Selbstbehauptung der Sprachdidaktik als einer Schlüsselwissenschaft für erfolgreiche Lehre, sondern darum, kommunikative Kompetenzen der Studierenden und Lehrenden zu beobachten, mögliche Hindernisse abbauen zu helfen und Anregungen für eine sprachsensible Didaktik zu entwickeln. Bevor Maßnahmen angeboten und umgesetzt werden, soll der Bedarf möglichst genau erhoben werden.

 

Das Projekt umfasst im Wesentlichen 3 Schritte:

 

1. Sprachstandserhebung und Ermitteln von möglichen Defiziten,

2. Organisation von gezielten, nicht-diskriminierenden Unterstützungsangeboten für Studierende

3. Fortbildung und Unterstützung für Lehrende (methodisch-didaktische Modell-Lösungen, Entwicklung von entsprechenden Lehrmaterialien)

 

In einem ersten Schritt wurde ein Maßnahmenbündel für zwei Fachhochschulstudiengänge (Allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege AGKP, Bachelorstudium Wirtschaftsingenieur BWIV und BWIB) entwickelt und in einem ersten Durchlauf getestet, um als Beispiel „guter Praxis“ für die Umsetzung der selbstverordneten nachhaltigen Bildungsziele an allen Teilstandorten der Fachhochschule zu dienen.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

The "Language-sensitive teaching" project at the University of Applied Sciences Wiener Neustadt focuses on the development of a didactic model of language-sensitive and regardful teaching. It is not intended to promote language didactics as a key science for successful teaching, but to reflect and analyse communicative competencies of both students and teachers, thus helping to overcome obstacles and developing model solutions for language-sensitive didactics. Before measures are offered and implemented, however, requirements should be assessed as precisely as possible.

 

The project essentially comprises 3 steps:

 

1. Assessment of language proficiency and determination of possible deficits,

2. Organization of targeted, non-discriminatory support offers for students

3. Further training and support for teachers (methodological-didactic model solutions, development of appropriate teaching materials)

 

In a first step, a set of measures for two bachelor's study programmes (General Health and Nursing Practice, Business Engineering -- both full-time and extra-occupational) was developed and tested in a first run to serve as an example of "good practice" for the implementation of the self-imposed sustainable educational goals at all branches of the University.

Nähere Beschreibung des Projekts

Die Fachhochschule Wiener Neustadt wird dank der internationalen Ausrichtung ihrer englischsprachigen Studienprogramme (z. B. Master-Programme Aerospace Engineering und MedTech, Bachelor und Master Business Consultancy International, Airport City Management) und ihrer geographischen Lage von Studierenden aus einer Vielzahl von Ländern und Kulturkreisen frequentiert. Neben dieser deklarierten, bzw. geplanten Internationalität in den englischsprachigen Studiengängen, die mit Vielsprachigkeit und kultureller Vielfalt bewusst umgehen, findet jedoch in den deutschsprachigen Studienprogrammen, die von etwa 85% der Studierenden gewählt werden, eine Form der migrationsbedingten Internationalisierung statt, die von Lehrenden (und den Studierenden selbst) augenscheinlich weniger deutlich wahrgenommen, wenn nicht bisweilen unterschätzt wird.

Obwohl Bildungswissenschaften und Bildungspolitik nicht erst seit der so genannten Flüchtlingskrise von 2015 das Phänomen eines sprachlichen und kulturellen Wandels im Bildungswesen beschreiben und untersuchen, ist es erst in jüngster Zeit zu einem prominenten Thema in hochschuldidaktischen Studienzirkeln und wissenschaftlich begleiteten Projekten geworden.

In beiden am Projekt teilnehmenden Studiengängen sind Ausfallsquoten gerade unter Studierenden mit nicht-deutschem Sprachhintergrund überdurchschnittlich hoch. Da die Studienwerberinnen und Studienwerber vor ihrer Zulassung ein aufwändiges Testverfahren durchlaufen haben, ist anzunehmen, dass weniger fachliche Kriterien oder intellektuelle Leistungsfähigkeit für das Scheitern verantwortlich sind als vielmehr sprachliche und soziale Hindernisse. Nicht zuletzt aus diesem Grund erschien es aussichtsreich, gerade in den zahlenmäßig starken Bachelorstudiengängen AGKP (Allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege) und BWIV/BWIB (Wirtschaftsingenieurwesen -- Vollzeit und Berufsbegleitendes Programm) Maßnahmen zu setzen, die der Überwindung solcher Hindernisse dienen.

Folgende Maßnahmen wurden mit den Studiengangsleitungen AGKP und BWIV/BWIB vereinbart und durchgeführt:

 

1. Bedarfserhebung

Erstsemestrige Studierende nahmen an einer Umfrage zum Thema „Sprache und Studium“ teil. Die Umfrage wurde in Qualtrics erstellt und enthielt neben einigen Fragen zur Vorbildung und persönlichen Angaben eine Erhebung der Erstsprache, sowie einen Link zum onSet-Einstufungstest der Gesellschaft für Akademische Studienvorbereitung und Testentwicklung e. V. Die Teilnehmer*innen wurden gebeten, den Test auszuführen und das Ergebnis (eine zweistellige Zahl) in der Umfrage einzutragen und sie dann abzuschließen. Teilnehmer*innen mit einer anderen Erstsprache als Deutsch wurden außerdem dazu eingeladen, ihre Kompetenz in der deutschen Sprache selbst zu evaluieren. Die Selbstevaluation folgt dem Kompetenzraster des GEFR (Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens) der Europäischen Union. Eine Druckversion des Online-Fragebogens findet sich im Anhang dieser Arbeit. Studierende, deren Testergebnis einen auffällig niedrigen Wert erreichte (Unter 65 von 80 Punkten) wurden direkt kontaktiert und erhielten freiwillige Unterstützungsangebote.

 

2. Maßnahmen für Studierende:

-- Workshop „Effizient Mitschreiben“: Workshop (4 LE) mit gezieltem Training des Hörverständnisses und der Anfertigung strukturierter Notizen

Der Workshop wurde online abgehalten und durch eine Befragung der Teilnehmer*innen evaluiert. Weitere Workshops werden derzeit vorbereitet.

-- Individuelles Tutorings: Beratung bei herausfordernden Aufgaben wie etwa der Abfassung schriftlicher Arbeiten, Vermittlung von Sprach-Tandems (Letztere sind derzeit aufgrund der Covid-19-bedingten Beschränkungen nicht verfügbar.)

-- Sprachkurse (als Freifächer seit mehr als 10 Jahren etabliert)

 

3. Maßnahmen für Lehrende

Für Lehrende an der FH Wiener Neustadt wurde im Rahmen der Mitarbeiter*innen-Fortbildung ein Seminar und Workshop zum Thema „Sprachsensible Lehre“ (4 UE) angeboten. Enthalten waren eine kurze Einführung in die Thematik, die Vermittlung und Reflexion der theoretischen Grundbegriffe, sowie einige konkrete Beispiele für sprachbasierte Lern-Hindernisse, sowie Lösungsmodelle nach dem Prinzip der „guten Praxis“.

Zudem werden interessierte Lehrende eingeladen, Unterstützung für die Erstellung von sprachsensiblem Lehrmaterial anzufordern. Konkret bedeutet das, Mitarbeiter*innen des Instituts für Sprachen machen Vorschläge für eine inklusive (nicht simplizifierende!) sprachliche Gestaltung der Unterlagen, entwickeln Zusatzmaterial etc. In einem ersten Versuch wurde das Skriptum "Aussagenlogik" für Studierende der Informatik um Formulierunshilfen, Erklärungen und Hinführungen zur korrekten mathematischen Sprache erweitert. Es wird derzeit auf seine Praxistauglichkeit getestet.

 

Aufgrund der Covid-19-Pandemie mussten sowohl der Workshop für Studierende online gehalten werden, was sowohl die Bewerbung der Veranstaltungen als auch ihre Durchführung massiv erschwerte. Deshalb wurde eine langjährige Fortbildungsinitiative, der so genannte "Lehrbrunch" genützt, um Lehrende aller Institute und Fachbereiche zu informieren.

 

Im Sommersemester werden die Fragebögen für Erstsemestrige weiter überarbeitet, und das Angebot für Studierende ausgebaut werden. Da das Projekt mit den Studierenden "mitwächst", stehen nun Themen wie die schriftliche Gestaltung von Argumentationen, Exzerpieren und Abschlussarbeiten an, für die es ebenfalls adäquates Unterstütung geben soll.

 

Da sich die FH Wiener Neustadt selbst zu den didaktischen Zielen der Nachhaltigkeit und Inklusivität verpflichtet hat, werden auch Lehrende regelmäßig Fortbildung in didaktischen Mitteln und Sprachreflexion erhalten.

Mehrwert

Es handelt sich um ein Projekt der Inklusion, das die Wahrscheinlichkeit des erfolgreichen Abschlusses erhöht, da kommunikative Barrieren in der Lehre abgebaut werden.

 

Sprachsensible Kommunikation ist nicht zuletzt auch im Bereich der Verwaltung ökonomisch, da sie durch Missverständnisse provozierte Wiederholungen, Erklärungen und Rückfragen reduzieren hilft. Gerade im Umgang mit internationalen Studierenden besteht hier bereits eine hohe Sensibilität -- allerdings vorwiegend im englischsprachigen Austausch.

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Das Konzept ist in den didaktischen Prinzipien Nachhhaltigkeit und Inklusion fundiert, die in den Bildungszielen der FH Wiener Neustadt definiert sind. Die methodischen und organisatorischen Maßnahmen sind universell und bedarfsgemäß in allen Studiengängen einsetzbar (Schritt 1 ist immer die Bedarfserhebung.).

 

Das Konzept geht von einem lernerzentrierten Ansatz aus, bedeutet also eine Kultur der Vermittlung von Fertigkeiten. Unterstützungsangebote sind von Studierenden abzurufen. Dies gilt nicht nur für die "sprachsensiblen" Lehrmaterialien, die durch Anmerkungen, Umformulierungen, Definitionen weiterhelfen, sondern auch um Unterstützungangebote wie Workshops oder Tutoring.

Aufwand

Die personellen Aufwändungen belaufen sich derzeit auf 10 Wochenstunden für den Projektleiter und fallen ansonsten unter laufende Kosten für Fortbildung und Lehre. Man kann deshalb mit gutem Grund davon ausgehen, dass es keine zusätzlichen Kosten verursacht.

Positionierung des Lehrangebots

Bachelor (gesamter Verlauf)

Links zu der/den Projektmitarbeiter/innen
Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2021 nominiert.
Ars Docendi
2021
Kategorie: Qualitätsverbesserung von Lehre und Studierbarkeit
Ansprechperson
Mag. Ulrike Pavelka
Leiterin Institut für Sprachen
0043 2622 89084 660
Nominierte Person(en)
Mag. Michael Krebs
Institut für Sprachen
Themenfelder
  • Didaktische Methode
  • Sonstiges
  • Wissenschaftliche (Abschluss)Arbeiten
Fachbereiche
  • Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik/Ingenieurwissenschaften
  • Medizin und Gesundheitswissenschaften