Teaching Lab "Projektmanagement Maschinen- und Anlagenbau"

Ziele/Motive/Ausgangslage

Das Ziel dieses Teaching Labs ist es, mit Hilfe einer innovativen Didaktik einerseits den Transfer von Lehrinhalten zu verbessern und andererseits durch die Form der Vermittlung eine Emanzipation der Studierenden zu ermöglichen.

 

Der Kern der im Rahmen des Teaching Lab weiterentwickelten emanzipatorischen Didaktik und gleichzeitig auch deren Herausforderung ist, die teils direkte, teils indirekte Vermittlung von Inhalten mittels Nutzung von Interventionen, die zu einer höheren Selbständigkeit auf Seite der Studierenden führen sollen.

 

Mit Emanzipation ist die Herausführung aus einer unbewussten Dependenz gemeint. Diese erfolgt im Dreischritt: Dependenz, Konterdependenz und Interdependenz. Interdependenz steht dafür, dass Bewusstsein über institutionelle Gegebenheiten und eigene Spielräume darin vorhanden sind. Insbesondere in Fachhochschulen ist die Gefahr der Vermittlung bzw. Aufrechterhaltung unbewusster Dependenz auf Grund des hohen Service-Grades u.E. sehr groß. Emanzipierung im Sinne der Gruppendynamik meint hier nicht Unabhängigkeit, weil diese illusionär ist. Das bedeutet, nach gelungener Emanzipation können Betroffene Abhängigkeiten, Freiheitsgrade und eigene Handlungsspielräume wesentlich besser einschätzen. Deshalb auch der Begriff der Interdependenz, der darauf hinweist, dass Dependenz grundsätzlich gegeben ist, jedoch nicht unbedingt einseitig sein muss - wie dies im Fall von Dependenz gegeben ist.

 

Durch bewusste Thematisierung von im Lehrsystem vorhandenen, immanenten Widersprüchen werden unvermeidliche Rollenkonflikte, sowohl auf Seite der Lehrenden als auch auf Seite der Studierenden, thematisiert. Dadurch wird es möglich, in der Lehre zwischenmenschliche Komplexität zu prozessieren und zu reflektieren. Dies ist u.E. deshalb notwendig, weil den Studierenden nur so soziale Komplexität in Wort und Tat transparent vermittelt werden kann. Passiert dies nicht, so werden unter anderem lediglich Tabus tradiert, und anstelle von Anpassungsmöglichkeit durch bewusste Reflexion verfestigt sich nicht reflektierbare Regelgebundenheit.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Die betreffende Lehrveranstaltung wird im Rahmen des Projekts Innovative Lehre als Teaching Lab ausgeführt und beforscht. Das Ziel dieses Teaching Labs ist es, mit Hilfe einer innovativen Didaktik einerseits den Transfer von Inhalten zu verbessern und andererseits durch die Form der Vermittlung, eine Emanzipation der Studierenden zu ermöglichen. Bei der Forschung handelt es sich um eine Unterkategorie der Aktionsforschung, nämlich Interventionsforschung. Interventionsforschung ist einerseits eine Forschung, die Interventionen verschiedener Art beforscht, und andererseits eine, die selbst Interventionen setzen will.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

The relevant course is carried out and researched as part of the Innovative Teaching project as a teaching lab. The aim of this teaching lab is to use innovative didactics to improve the transfer of content on the one hand and to enable the students to emancipate through the form of communication on the other. The conducted research is a sub-category of action research, namely intervention research. Intervention research is, on the one hand, research that researches various types of interventions and, on the other hand, research that aims to set interventions itself.

Nähere Beschreibung des Projekts

Im Rahmen des von der Stadt Wien geförderten Projekts "Innovative Didaktik", durchgeführt an der FH des BFI Wien, wurden sogenannte Teaching Labs etabliert. In der Projektbeschreibung ist ausgeführt, dass mit den Teaching Labs, im Sinne einer Didaktik der Selbstorganisation, vor allem Lehrkonzepte im Vordergrund stehen sollen, die selbstorganisiertes Lernen von Studierenden gefördert werden soll. Eines dieser Teaching Labs war das Teaching Lab Projektarbeit Maschinen- und Anlagenbau (MuA), das unter Anwendung von Interventionsforschung geplant, ausgeführt und beforscht wurde.

 

Das Teaching Lab Projektarbeit MuA wurde ausgeführt als first-, second- and third-person inquiry. Pragmatisch dargelegt und auf die vorliegende Forschung bezogen ist

(1) first-person inquiry die Selbstreflexion der beiden Forscher [RJS und JR],

(2) second-person inquiry die Reflexion im direkten Gespräch mit Kolleginnen, Kollegen und Studierenden; in diesem Fall der Dialog der beiden Autoren [RJS und JR], Gespräche mit, Beobachtungen und Rückmeldungen durch Kolleginnen, Kollegen, Projektleitung und externe Expertinnen und Experten,

(3) third-person inquiry der Diskurs mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft mittels Publikationen; in diesem Fall ausgeführt durch die Publikation des Working Papers „Dokumentation des Teaching Labs zum Lehrveranstaltungstyp Projektarbeit“.

 

In der hier gebotenen Kürze wird ein Grundriss innovativer emanzipatorischer Didaktik aus Perspektive der Interventionswissenschaft gruppendynamischer Prägung dargelegt. Der Kern emanzipatorischer Didaktik und gleichzeitig auch deren Herausforderung ist, die teils direkte, teils indirekte Vermittlung von Inhalten mittels Nutzung von Interventionen, die zu einer höheren Selbständigkeit auf Seite der Studierenden führen sollen. Dies ist deshalb schwierig, weil für die Vermittlung eine Organisation verwendet wird. Allerdings wird Organisation auch benötigt, vor allem dann, wenn die Komplexität der Aufgaben zunimmt. Metaphorisch ausgedrückt ist die Organisation von Lehre das Baugerüst, dass es ermöglicht, das Gebäude der Selbständigkeit zu errichten. Das Gebäude ist jedoch erst fertig, wenn das Baugerüst entfernt und die Stabilität des Bauwerks in der Folge nicht mehr gefährdet ist. Gleichzeitig ist die Organisation von Lehre dem Gesetz, und zwar im konkreten Fall dem österreichischen Fachhochschul-Studiengesetz, unterworfen. Damit wird sichtbar, dass Selbständigkeit – sowohl jene der Studierenden als auch jene der Lehrenden – mittels gesetzlicher Vorgaben begrenzt ist. Demokratische Strukturen wiederum ermöglichen, dass durch selbständige Initiativen Gesetze geändert, Regeln interpretiert und Schwerpunkte gesetzt werden können.

 

Eine weitere Möglichkeit, Gesetze zu beeinflussen, sind auftretende Streitfälle, die entsprechend prozessiert werden. Die Lösung der Streitfälle kann die Schaffung neuer normativer Regeln initiieren, aber auch wenn das nicht der Fall ist, liegt im Prozessieren selbst ein wesentlicher Lerneffekt. Zusammengefasst ist es das Ziel innovativer emanzipatorischer Didaktik, verantwortungsbewusste Selbständigkeit zu vermitteln, die es Absolventinnen und Absolventen unter anderem ermöglicht, sich am demokratischen System verantwortungsvoll zu beteiligen. Dies setzt entsprechend verantwortungsvoll agierende Lektorinnen und Lektoren, Studiengangsleitung etc. voraus. Selbständigkeit meint hier das Bewusstsein, dass eigene Meinung und eigenes Wohlergehen wichtig sind, dass diese jedoch im Kontext mit anderen Meinungen und dem Wohlergehen anderer stehen. Dieser Bezug zu anderen Meinungen und dem Wohlergehen anderer erfordert Verantwortungsbewusstsein. Diese Verantwortung wird nicht immer und gerne angenommen, selbst wenn sie erkannt wird.

 

Die für das Teaching Lab erstellte Hintergrundtheorie bezüglich der Vermittlung von verantwortungsbewusster Selbständigkeit lautet, dass es notwendig ist,

(1) als Lehrkraft die eigene professionelle Verantwortung sich selbst, der Institution Fachhochschule und den Studierenden gegenüber bewusst zu machen und entsprechend zu agieren.

(2) Studierenden dosiert Verantwortung zu übergeben und

(3) gemeinsam mit den beteiligten Studierenden zu besprechen, was während dieser Phase der Selbst-verantwortung geschehen ist, um dadurch Lernen zu ermöglichen (Prozessanalyse, lessons-learned).

 

Eine Hintergrundtheorie im Sinne der Interventionswissenschaft wird mittels des Interventionsforschungsprozesses entwickelt und dient dazu, Interventionen zu entwerfen und das Bewusstsein der Beteiligten bezüglich eigener Verhaltensmuster zu erhöhen.

 

Ein Spannungsbogen, dem diese Form der Didaktik ausgesetzt ist, ist jener zwischen Autoritäten in der Hierarchie der Bildungsinstitution und Selbstorganisation von Mitarbeiterinnen, Mitarbeitern bzw. Studierenden. Dieser Spannungsbogen ergibt sich daraus, dass Hierarchie in ihrer Grundform keine Selbstorganisation akzeptiert, da diese die Position der Autoritäten in der Hierarchie gefährden würde. Hierarchien sind in dem hier beschriebenen Kontext mannigfaltig vorhanden: die Organisation der Bildungsinstitution und der Gesetzgebung, aber auch studentische Organisationen. Dementsprechend ist der Widerspruch zwischen Hierarchie und Selbstorganisation bzw. Selbständigkeit allgegenwärtig. Insgesamt werden immanente Konflikte wie z.B. unterschiedliche Interessen von Lektorinnen und Lektoren, Studenten und Studentinnen und deren Reflexion im Kontext hierarchischer Organisation als Lehr- bzw. Lernmöglichkeit aufgefasst. Darin zeigt sich die Schwierigkeit des Unterfangens, denn im Gegensatz zu einer distanzierten Vermittlung von anerkanntem Wissen geschieht das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Interessen unmittelbar und erfordert – bei dosiertem Verzicht auf hierarchische Macht – einen mühsamen Verhandlungsprozess.

 

Unseres Erachtens ist die Voraussetzung für eine innovative, emanzipatorische Didaktik, dass sich Lektorinnen und Lektoren mit der hierarchischen Struktur der Lehrorganisation und der eigenen Position darin auseinandersetzen. Hier ist insbesondere der Widerspruch beinhaltet, dass Lehrende oft organisationale Entscheidungen oder rechtliche Vorgaben vertreten müssen, die sie als Privatperson ablehnen würden oder denen sie selbst kontrovers gegenüberstehen. Dass dieser Widerspruch bei Lehrenden vorhanden ist, zeigt einerseits die Erfahrung der Autoren aus formellen und informellen Gesprächen mit Kollegen und Kolleginnen und andererseits auch die Selbsterfahrung der Autoren. Speziell der Aspekt potenzieller Widersprüchlichkeiten zwischen Repräsentationsaufgaben und persönlichen Ansichten und der Umgang damit ist ein wichtiger Bestandteil organisationaler Wirklichkeit.

 

Die bewusste Thematisierung solcher Widersprüche ist u.E. deshalb notwendig, weil den Studierenden nur so die Lektorinnen- und Lektoren-Rolle in Wort und Tat transparent vermittelt werden kann. Passiert dies nicht, so werden lediglich Tabus tradiert, und anstelle von Anpassungsmöglichkeit durch bewusste Reflexion verfestigt sich nicht reflektierbare Regelgebundenheit. Außerdem, das zeigt die Erfahrung aus vorhergehender Interventionsforschung, ist es wichtig, die Studierenden in ihrer eigenen Rolle ernst zu nehmen und ihnen dementsprechende Verantwortung zuzumuten. Erschwerend für die Interaktion im Kontext der Lehre ist, dass Studierende, neben dieser Rolle, auch andere, weitere Rollen innehaben (z.B. Mitarbeiterin, Mitarbeiter oder Führungskraft in einem Unternehmen, Mutter bzw. Vater, Beziehungspartner oder -partnerin etc.), die die eigene Wahrnehmung und das Verhalten beeinflussen können. Das bewusste Einbeziehen der Beschaffenheit der Lehrorganisation und der damit verbundenen Über- und Unterordnungen bzw. Weisungsrechte und Folgepflichten ist wesentlich, um den Studierenden für deren Handeln im Rahmen einer konkreten Lehrveranstaltung eine solide Basis zu geben.

 

Eigene Publikationen zur Interventionsforschung:

 

www.researchgate.net/publication/303938379_141_Zum_Verhaltnis_von_Didaktik_und_Intervention_im_Sinne_der_Interventionswissenschaft_Kapitel_aus_dem_Buch_Schuster_R_J_2016_Einfuhrung_in_die_Didaktik_der_Selbstorganisation_Hohengehren_Schneider_V

 

www.researchgate.net/publication/305652236_Essentials_of_the_course_Organisational_and_Group_Dynamics

 

www.researchgate.net/publication/299484593_Lehren_und_Lernen_aus_Erfahrung_Falldarstellung_aus_dem_Bachelorstudiengang_Technisches_Vertriebsmanagement_der_FH_des_BFI_Wien

 

www.researchgate.net/publication/323921443_Lehren_Lernen_und_Emotion_Betrachtung_und_praktische_Anwendung_des_Faktors_Emotion_im_Kontext_von_Lehren_und_Lernen

 

www.researchgate.net/publication/327120491_Facilitated_learning_by_experience_-_exploring_the_boundary_to_unknown_territory

 

www.researchgate.net/publication/316482050_Bridging_Experience_and_Theory_Extending_the_Traditional_Classroom_for_Tangible_Leadership_Learning

 

www.researchgate.net/publication/274711843_Didaktische_Betrachtungen_zur_Lehrveranstaltung_Change_Management

 

www.researchgate.net/publication/272389274_On_teaching_leadership_intervention_science_in_action_theoretical_background_and_design_of_a_lecture_on_leadership

 

 

Mehrwert

Den Student*innen wird Erfahrungslernen ermöglicht. Durch das Lehr- Lernsetting wird organisationale Praxis und soziales Miteinander in geschütztem Rahmen erlebt und aus dem Erlebnis wird mittels Reflexion ein Learning Outcome generiert. Der Mehrwert ergibt sich aus der Unmittelbarkeit der sozialen Situation und der dadurch gegebenen Komplexität. Disziplinäres ist verbunden mit Inter- und Transdisziplinärem.

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Das Konzept ist auf all jene Lehrveranstaltungen und Lehrsituationen übertragbar, die auf Teamarbeit der Student*innen beruhen und eigenständige Ausarbeitungen dieser Student*innenteams als Arbeitsauftrag beinhalten.

Aufwand

Der zusätzliche Zeitaufwand für die beteiligten Lektoren entsteht aus

 

• dem Co-Teaching (hier sind zwei oder mehr Lektor*innen gleichzeitig tätig),

• der Zeit für Reflexion und dem Durcharbeiten relevanter wissenschaftlicher Literatur (Fallreflexionen, publizierte wissenschaftliche Diskussionen),

• der Zeit für Intervision d.h. der Besprechung, Aufarbeitung und Reflexion von Lehrsituationen mit Kolleg*innen zum Erkenntnisgewinn und zur Psychohygiene,

• der Zeit für die Publikation von Fallstudien, Reflexionen, Case Studies etc., sowie

• der Zeit für den Besuch von Fortbildungen und Konferenzen.

Positionierung des Lehrangebots

Die Lehrveranstaltung wird im Bachelorstudiengang Technisches Vertriebsmanagement, 5. Semester, als Vertiefung Maschinen- und Anlagenbau durchgeführt.

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2021 nominiert.
Ars Docendi
2021
Kategorie: Kooperative Lehr- und Arbeitsformen
Ansprechperson
Mag. Dr. Dietmar Paier
Hochschuldidaktik
01-7201286-961
Nominierte Person(en)
Mst. Dipl.-Ing. Dr. R. J. Schuster
Stellvertrender Studiengangsleiter und Fachbereichsleiter Technik im Bachelorstudiengang Technisches Vertriebsmanagement
Prof. Dr. J. Radel
Fachbereich Personalentwicklung und Organisation, HTW Berlin
Themenfelder
  • Didaktische Methode
  • Erfahrungslernen
Fachbereiche
  • Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik/Ingenieurwissenschaften