Fachhochschule St. Pölten GmbH
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(Medien-)Soziologie – Die Soziologie des Coronavirus. Sozialwissenschaft im Distance Learning

Ziele/Motive/Ausgangslage

Die Lehrveranstaltung „Sozialwissenschaft I: (Medien-)Soziologie“ ist ins erste Semester des Bachelorstudiengangs Marketing & Kommunikation eingebettet. Das heißt, in der einführenden Phase eines an und für sich wirtschaftlichen Studiengangs sollen den Studierenden soziologische Grundlagenkompetenzen vermittelt werden. Es kann also zu Beginn des Semesters nicht davon ausgegangen werden, dass viele Studierende mit von Vorneherein ausgeprägtem soziologischem Interesse in der LV sitzen – angemeldet haben sie sich schließlich für etwas anderes: ein wirtschaftliches Studium –, sondern die Studierenden müssen erst für die Thematik gewonnen werden.

 

Dass die LV bei den Studierenden sehr gut ankommt und dass sie das Gefühl haben, viel Relevantes aus der LV für ihr (Berufs-)Leben mitnehmen zu können, ist daher nicht selbstverständlich. Diese besondere Herausforderung wurde bislang jedes Jahr erfolgreich gemeistert, was auch die alljährlich begeisterten Evaluierungen belegen können.

 

Eine spezifische Ausgangslage heuer war die Herausforderung ein Konzept, das stark auf Interaktion, Diskussion und Möglichkeiten der Beteiligung für die Studierenden setzt, in den digitalen Raum zu überführen und die bewährte Dynamik auch dort herzustellen. Es war das erste Mal, dass die LV digital abgehalten wurde. Der Erfolg der bisherigen Präsenzlehre bei den Studierenden setzte sich auch unter veränderten, rein digitalen Bedingungen fort, und die Studierenden machten bei der Studiengangsleitung den Vorschlag, dass diese LV für den Ars Docendi eingereicht werden solle.

 

Ziele/Motive:

Das übergeordnete Ziel der LV ist es, die soziologische Vorstellungskraft der Studierenden zu fördern – die „sociological imagination“, wie Mills (1963) und Giddens (1999) es ausgedrückt haben. Dies bedeutet die Studierenden dazu anzuregen eine vielseitige und sehr reflektierte Perspektive auf die Dinge einzunehmen – wie und durch den Einsatz welcher Methoden dies konkret geschieht, wird in den übrigen Textteilen der Einreichung noch ausführlicher erläutert. Leitend ist dabei jedenfalls die unmittelbare Verknüpfung des Stoffes mit bzw. dessen unmittelbare Anwendung auf die Lebenswelt und spätere Berufswelt der Studierenden. Sowohl die Auswahl der Themen als auch das didaktische Vorgehen orientieren sich also daran, welche Bedürfnisse die Studierenden haben und welche Kompetenzen sie benötigen – a) in ihrer aktuellen Lebenssituation als junge Menschen in der Gegenwart (z.B. Medienkompetenz in einer digitalen Gesellschaft) und b) im Hinblick auf ihr späteres Berufsleben.

Lebensweltlicher Bezug bedeutet dabei auch eine starke Studierendenzentrierung – viel Raum für die Studierenden ihre Perspektiven, Erfahrungen, Erlebnisse, Empfindungen und Meinungen hinsichtlich der besprochenen Themen einzubringen. Auch in diesen Diskursen zeigt sich immer wieder die praktische Relevanz des Stoffes, wenn etwa Studierende im Zusammenhang mit Bourdieus Kapitalsorten eigene Diskriminierungserfahrungen aufbringen (z.B. die eigene Erfahrung, es ohne soziales Kapital schwerer bei der Suche nach Praktikumsplätzen zu haben). Die Begriffe und Konzepte der Soziologie dienen dann auch dazu, dass eigene Erfahrungen in einen größeren Zusammenhang eingeordnet werden können. Heuer bestand ein zusätzliches, aus den aktuellen Umständen abgeleitetes Ziel darin, die zentralen Prinzipien der Lehrveranstaltung – u.a. Studierendenzentrierung, Interaktion/Dialog/Diskussion, Anwendungsorientierung, lebens- und berufsweltlicher Bezug – auch unter digitalen bzw. pandemischen Bedingungen weiterhin zu realisieren.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

In der LV Sozialwissenschaft I: (Medien-)Soziologie für Erstsemestrige im Bachelor Marketing & Kommunikation wird die theoretische Soziologie aus dem Curriculum anwendbar gemacht – auf die Lebenswelt junger Menschen in der Gegenwart, aber auch auf ihre spätere Berufswelt als Marketing- und Kommunikationsexpert*innen. Soziologische Konzepte und Begriffe werden erlebbar, indem sie mit aktuellen Trends und Ereignissen der Medien-, Arbeits-, Leistungs- und Konsumgesellschaft verbunden und mit anwendungsorientierten Methoden umgesetzt werden, etwa der Erstellung einer soziologischen Playlist oder eines Kommunikationskonzepts, um Awareness für ein soziales Problem zu schaffen. Heuer spielte zudem die gemeinsam entwickelte „Soziologie des Coronavirus“ eine wichtige Rolle. Übergeordnetes Ziel ist die soziologische Vorstellungskraft der Studierenden zu fördern, um mithilfe von Perspektivenvielfalt Phänomene auf gesellschaftliche Bedeutungen, Auswirkungen und Ursachen reflektierend hinterfragen zu können. Interaktion wird aktiv angeregt, um einen lebendigen Austausch zu schaffen – gerade auch unter digitalen Bedingungen. Gruppenarbeit wird durch MS Teams Subchannels und Padlets auch im digitalen Raum ermöglicht und die bewusste Nutzung des Besprechungschats schafft eine besondere Dynamik. Die Anwendung soziologischer Perspektiven auf die Pandemie und viel Raum für Erfahrungen, Erlebnisse, Empfindungen und Meinungen der Studierenden unterstützen bei der Bewältigung der Krisensituation.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

The course Social Science I: (Media) Sociology for first-semester students in the Bachelor's program Marketing & Communication makes the theoretical sociology from the curriculum applicable – to young people’s lifeworld in the present age, but also to their future professional world as marketing and communication experts. Sociological concepts and terms are brought to life by linking them to current trends and developments in media, work, performance and consumer society. Furthermore, this year the "Sociology of the Corona Virus", which was jointly developed in this course, was a central pillar. The focus of the course on life- and work-related issues and on application is also reflected by the chosen methods, e.g. when students create a sociological playlist or a communication concept to raise people’s awareness for a social problem. The overriding objective is to foster the students’ "sociological imagination" which enables them to adopt a variety of perspectives and to scrutinize phenomena with regard to social meanings, causes and effects. Interaction is actively encouraged in order to create a lively exchange also under digital conditions. Group work is made possible in the digital space with the aid of MS Teams subchannels and padlets, and the systematic use of the chat creates a special dynamic. The application of sociological perspectives to the pandemic and plenty of room for students’ experiences, perceptions and opinions contribute to coping with the crisis.

Nähere Beschreibung des Projekts

Zur Veranschaulichung soll der Einstieg in die LV näher beschrieben werden, der interaktiv mit konkreten Beispielen erfolgt. Zunächst wird ein Foto einer Roboterbiene eingeblendet, verbunden mit der Frage, worum es sich bei diesem kleinen Gerät handelt und welches Einsatzgebiet dafür von seinen Entwickler*innen vorgesehen ist. Die Studierenden äußern Ideen, dann wird aufgelöst: Infolge weltweiten Insektensterbens wird (z.B. am Harvard Microrobotics Lab) geforscht, wie die Ernährung der Weltbevölkerung sichergestellt werden kann. Schon heute gibt es in China Gebiete, in denen Menschen händisch Baumblüten bestäuben müssen, um den Insektenmangel auszugleichen; Roboterbienen könnten künftig hierzu eingesetzt werden. Wir sehen: Ein auf den ersten Blick rein technologisches Thema hat einen gesellschaftlichen Hintergrund. Es folgt das VR-Projekt „Thousand Cut Journey“ von Columbia University und Stanford University. Dieses lotet die Potentiale von VR aus, um Awareness für rassistische Diskriminierung von Menschen mit schwarzer Hautfarbe zu schaffen. Nutzer*innen schlüpfen in die Rolle des jungen Schwarzen Mike Sterling und erleben Rassismus aus 1st Person Perspektive. Fazit: Technologien wie VR haben ein hohes gesellschaftspolitisches Potential, sie können dazu eingesetzt werden, gesellschaftliche Problemlagen für Nicht-Betroffene besser begreifbar zu machen. Anschließend wird Anthony Giddens‘ (1999) „Soziologie des Kaffees“ besprochen: Was ist an etwas Alltäglichem wie einer Tasse Kaffee gesellschaftlich? Nachdem die Studierenden Ideen gesammelt haben (vom sozialen Ritual über globale ökonomische Beziehungen bis hin zur sozialen und ökologischen Ausbeutung), wird das Prinzip von Giddens auf die aktuelle Lage angewandt: Eine „Soziologie des Coronavirus“ wird gemeinsam entworfen: Inwieweit ist das Coronavirus nicht nur ein medizinisches Phänomen, sondern auch ein gesellschaftliches? Mittels Subchannels auf MS Teams werden die Studierenden in Gruppen unterteilt, um zu diskutieren und ihre Überlegungen in einem Padlet festzuhalten. Gruppensprecher*innen stellen die Padlets vor, ergänzend gibt die Lehrende Inputs. Die Vielfalt gesellschaftlicher Auswirkungen wird dabei deutlich (siehe „weiterführende Links“).

Wie kann Interaktion unter digitalen Bedingungen hergestellt bzw. wie kann digital Interesse geweckt werden?

Die LV wurde 2020 erstmals digital abgehalten. Als zentraler Schlüssel, um auch digital Interaktion und Dynamik herzustellen, erwiesen sich 3 Faktoren:

1) Allgemein anregende Gestaltung durch regelmäßiges aktives Einholen der Perspektiven der Studierenden

2) Inhaltliche Aufbereitung des Stoffes entlang der Lebenswelt der Studierenden, wodurch diese viele Anknüpfungspunkte für eigene Inputs finden

3) Bewusste und gezielte Nutzung des Besprechungschats: Digitale Abhaltung hat den Vorteil nicht nur Wortbeiträge, sondern auch schriftliche Beiträge im Chat zu ermöglichen. Die Lehrende ging regelmäßig den Chatverlauf durch und übernahm die Rolle einer Moderatorin, um die Chatbeiträge in den allgemeinen Diskurs zu bringen bzw. mit den Wortbeiträgen zu koordinieren. Jeder Chatbeitrag wurde einzeln aufgegriffen und wertgeschätzt. Die Verfasser*innen wurden durch weiterführende Fragen direkt in den Dialog geholt bzw. wurde dadurch die Plenumsdiskussion weiter angeregt. Das Angebot fand starken Anklang, der Chat wurde intensiv genutzt und schuf eine spezifische Dynamik. Oft posteten die Studierenden auch konkrete Beispiele zu vorgetragenen Inhalten, mit Links zu Websites oder Newsbeiträgen, und bereicherten damit die LV-Inhalte.

Auch Möglichkeiten der digitalen Kollaboration (Padlet, Etherpad) wurden genutzt. Auf Moodle wurden Materialien zur freiwilligen Vertiefung (Links zu Videos und Berichten) platziert, die in der LV angeteasert worden waren.

Konzepte und Begriffe erlebbar machen, Studierendenzentrierung, Lebensweltbezug

Im Zentrum steht die Beschäftigung mit der Gegenwartsgesellschaft als Medien-, Arbeits-, Leistungs- und Konsumgesellschaft. Ausrichtung an aktuellen Entwicklungen bedeutet z.B., dass Phänomene wie Internet of Things/Internet of Toys, VR, AR & MR, Games, Hass und Gewalt im Netz (z.B. Cybermobbing, Sextortion, Revenge Porn, Cybergrooming) beleuchtet werden – immer mit Blick auf gesellschaftliche Auswirkungen, z.B. die Sozialisation von Kindern/Jugendlichen, die Reproduktion von Stereotypen, usw. Nicht nur am Beispiel der „Thousand Cut Journey“ spielen auch bewusstseinsbildende Potentiale von Medien(technologien) durchgehend eine zentrale Rolle (ein weiteres Beispiel sind 360°-Dokumentationen, u.a. „The Displaced“ der New York Times, bei der Kinder aus Kriegsgebieten im 360°-Modus begleitet werden). Berufsbezogene Botschaft: Wer an der Gestaltung von Medien-/Kommunikationsinhalten beteiligt ist, gestaltet auch Gesellschaft und hat soziale Verantwortung. Gerade im Hinblick auf die Mediengesellschaft geht es aber auch darum die Medienkompetenz der Studierenden als junge, onlineaffine Menschen zu stärken: Welche Potentiale und Risiken gibt es? Worauf kann man präventiv achten, um nicht zum Opfer von Risiken zu werden? Was kann man unternehmen, wenn man selbst oder jemand anderes betroffen ist? Das Phänomen des Zoombombings etwa, aktuell geworden im ersten Lockdown, war den Studierenden bislang nicht bekannt.

Da die Coronakrise die Lebenswelt aller Menschen prägt, wurden bei allen LV-Themen immer wieder spezifische Corona-Bezüge gesetzt. Gerade in Zeiten einer Pandemie, die den Alltag tiefgreifend verändert, kann Soziologie vieles erklären und einordnen helfen. So sprachen wir im Zusammenhang mit Sozialisation über den Menschen in seiner Grundkonstitution als soziales Wesen, das andere Menschen benötigt, weshalb Social Distancing besonders schmerzlich empfunden wird. Wir sprachen darüber, wie sich soziale Interaktionen und Beziehungen infolge veränderter Normen gewandelt haben. Während Normen, die wir bei der Sozialisation verinnerlichen, üblicherweise „Reduktion von Komplexität“ ermöglichen und Handlungsfähigkeit gewährleisten, sind unter pandemischen Bedingungen viele Abläufe unklar. Während wir also sonst in den meisten Situationen nicht mehr entscheiden/herausfinden müssen, was von uns erwartet wird, was wir von anderen erwarten können oder was angemessen ist, ist genau das in der Pandemie immer wieder der Fall. Oder es gibt neue Normen, die erst verinnerlicht werden und bewusst abgerufen werden müssen, wo es vorher keiner Überlegung bedurfte (z.B. wie eine Begrüßung abläuft). All dies erklärt, warum Alltag in der Pandemie belastend ist: Anstelle reduzierter Komplexität befinden wir uns in hochkomplexen Umständen, auch im sozialen Sinne.

Zur Mediengesellschaft besprachen wir u.a. den Kontrast zwischen Digitalisierungsschub infolge von Corona und verschärfter digitaler Exklusion. Aktuelle Studienergebnisse zur Lage von Schüler*innen und Lehrer*innen im Homeschooling wurden eingebunden, ebenso Beobachtungen zur Onlineausstattung von Jugendlichen in eigenen Projekten. Zur Arbeitsgesellschaft wurde aufbauend auf arbeitssoziologischen Befunden zur allgemeinen Krise der Arbeitsgesellschaft auch auf die coronabedingte zusätzliche Krise eingegangen. Soziale Ungleichheit wurde weiter verschärft, das große Spektrum von Lebenslagen (z.B. vom Einkauf der einen im Sozialmarkt bis zur kaum veränderten Sommerurlaubsplanung der anderen) untermauert die Wichtigkeit der „sociological imagination“ über die eigene Erfahrung hinaus. Bei der Konsum- und Wegwerfgesellschaft machen z.B. die aktuellen Diskurse um Mode als „verderbliches Gut“ Begriffe wie psychologische Obsoleszenz sehr konkret. Die Beschäftigung mit der Leistungsgesellschaft war für die Studierenden von besonderem Interesse. Bewusst wurde ihnen besonders großer Raum gegeben mit Bezug zu Konzepten der Leistungsgesellschaft ihre Erfahrungen als Maturant*innen und Erstsemestrige in einer Pandemie zu reflektieren. Viele äußerten z.B. die Sorge, dass ihre Matura gesellschaftlich nicht als „Leistung“ anerkannt würde und befürchteten in einer wettbewerbsgeprägten Gesellschaft langfristige Nachteile bei Job- und Praktikumssuche.

 

Studierendenzentrierung heißt auch sensibles Vorausdenken von Bedürfnissen und kurzfristiges Reagieren. Letzteres war z.B. erforderlich, als die Auseinandersetzung mit First Person Shootern in der VR zufällig in den Zeitraum knapp nach den Terroranschlägen in Wien fiel. Ein eigentlich als Anschauungsmaterial geplantes Let’s Play Video, das zeigt, wie erschreckend realitätsnah das Hantieren mit Waffen in der VR ist, wurde bewusst nicht im Plenum vorgeführt. Stattdessen wurde nur angekündigt, dass es zum explizit freiwilligen Vertiefen auf Moodle verlinkt wird und schon in der LV mit einer Triggerwarnung versehen, denn man weiß nie, ob Studierende den Terroranschlag vor Ort miterleben mussten und traumatische Erfahrungen wachgerufen werden.

Im Laufe der Jahre sammelt man zudem Erfahrungswerte über Detailinteressen der Studierenden, die LV wurde sukzessive daran angepasst. Beispielsweise erkundigen sich die Studierenden beim Thema Hass im Netz meist detailliert nach rechtlichen Regelungen, z.B. warum bestimmten Taten keine stärkeren Konsequenzen folgen oder wie oft Mobbing stattgefunden haben muss, damit es als „fortgesetzte Belästigung“ gilt. Bewusst Raum für Selbstäußerung und Diskussion zu geben, bedeutet auch für tiefgehende Fragen im Feld angrenzender Disziplinen gerüstet zu sein. Für solche Details hat sich die Lehrende über die Jahre intensiv in rechtliche Fragen eingearbeitet und aktualisiert den Stand der Rechtslage jedes Jahr (zuletzt zum aktuellen Gesetzespaket der Regierung gegen Hass im Netz). Auch hier ist neben Wissenserwerb die Stärkung der Studierenden als Internetnutzer*innen intendiert: Welche Möglichkeiten habe ich, mich zu wehren?

Ein wichtiges aktuelles Querschnittsthema der LV ist zudem Gender & Diversity, von (u.a.) Equal Pay Day (Arbeitsgesellschaft) und Matilda Effekt (Leistungsgesellschaft) über misogynen/rassistischen/antisemitischen/homophoben Hass im Netz (Mediengesellschaft) bis hin zu Gender & Diversity im Zusammenhang mit Corona: Ziel ist erneut die Schärfung der soziologischen Vorstellungskraft, auch im Sinne der Dekonstruktion scheinbarer Gegebenheiten: Gesellschaftliche Strukturen – auch solche, die bestimmte Gruppen diskriminieren – gelten oft als fix und natürlich, sind aber de facto irgendwann in diese Form gebracht worden und damit veränderbar. Die Soziologie weist auf diesen Konstruktionscharakter hin.

Anwendungsorientierte Leistungsnachweise

Der erste Leistungsnachweis ist ein Lerntagebuch, in dem die Studierenden das Erlernte in eigenen Worten dokumentieren, v.a. aber reflektieren. Reflexion bedeutet die eigene Auseinandersetzung mit dem Stoff, z.B. durch die Verknüpfung mit eigenen Erfahrungen und Wissensbeständen, eigene Beispiele, die Herstellung von Zusammenhängen zwischen den Themen oder mit anderen LVs, eigene Recherche, eigene Meinungen, u.v.m. Um die soziologische Perspektive zusätzlich an einem konkreten lebensweltlichen Beispiel zu trainieren, wird außerdem ein Beitrag zu einer „soziologischen Playlist“ geleistet. In zahlreichen Songs steckt eine gesellschaftliche Botschaft. Auftrag an die Studierenden ist Songs auszuwählen, in denen sie eine solche Botschaft wahrnehmen, und diese Songs aus soziologischer Perspektive zu analysieren (zur Orientierung stellt die Lehrende ein Beispiel einer eigenen Songanalyse zur Verfügung). Die Songanalysen werden nicht nur in die Lernunterlage selbst, sondern auch in ein gemeinsames Etherpad eingetragen, damit am Ende tatsächlich eine Playlist entsteht, mit der alle ihr Musikrepertoire und ihre soziologische Sichtweise auf Musik erweitern können. Abschließend ist mit Blick auf die spätere Berufstätigkeit die Frage zu beantworten, warum eine soziologische Perspektive für Personen in Marketing und Kommunikation relevant ist. Während dieser erste Leistungsnachweis eine eigenständige Auseinandersetzung mit der Breite der besprochenen Themen anregt, wird in einer Vertiefungsarbeit ein Thema ausgewählt. Im wissenschaftlichen Teil wird das gewählte Phänomen umfassend soziologisch beschrieben: Worum handelt es sich? Wie verbreitet ist es? Welche Ursachen und Auswirkungen hat es? Im Praxisteil Marketing & Kommunikation wird eine Kommunikationsmaßnahme für das Thema konzipiert. Bereits beim ersten Termin der LV wurde besprochen, dass Medien und Kommunikation das Potential haben Awareness für soziale Problemlagen zu schaffen, benachteiligten Gruppen Gehör zu verschaffen, zur Hinterfragung von Stereotypen beizutragen, usw. Mit welchen Marketing-/Kommunikationsstrategien könnte dies für das gewählte Thema erreicht werden? Zu verfassen ist ein schriftliches Konzept, d.h. eine kurze Beschreibung der Kommunikationsmaßnahme mit Bezug zu Erkenntnissen aus dem wissenschaftlichen Teil.

Mehrwert

Den Studierenden wird durch die Anwendungsorientierung und den lebensweltlichen Bezug die Aneignung von soziologischem Wissen erleichtert. Immer wieder gibt es Rückmeldungen von Studierenden, dass die LV das Interesse an Soziologie angeregt habe, dass sie auch nach den LV-Einheiten weiterhin über besprochene Inhalte nachdenken würden, dass die LV ihren Horizont erweitert habe und die Inhalte sehr lebensnah seien, dass es ihnen leicht falle sich die LV-Inhalte zu merken und dass der gewählte Leistungsnachweis ihnen entgegenkomme (dass sie z.B. vorhätten auf ihr Lerntagebuch auch später zum Nachschlagen zurückzugreifen und dass sie froh seien, den Stoff nicht für eine Prüfung „auswendig lernen“ zu müssen, sondern ihn durch die Anwendung verstanden zu haben).

Dies belegen auch die Rückmeldungen der Studierenden aus der LV-Evaluierung, die im Folgenden auszugsweise wiedergegeben sind. Weiterer Mehrwert, der von Studierenden hier angesprochen wurde, ist z.B. auch, dass sie sich durch die Interaktivität der LV gegenseitig besser kennenlernen konnten. Eine Person äußerte sogar den Wunsch nach einem weiterführenden Freifach im Stil dieser LV.

 

„Feedback:

• Hoch interessante, zum Denken anregende, Horizont erweiternde LVs. Vielen lieben Dank!

• bestes Fach, beste Lehrerin! Es gibt nichts weiteres zu sagen. Sehr wichtig für die Branche, aber vor allem find ich für die persönliche Entwicklung und den Horizont. Man lernt so viel Neues und kann mit ihr über alles im gemütlichen Kreis reden. Ganz wichtig um eine neue Perspektive für neue Dinge zu erlangen. Plus man lernt irgendwie die anderen Studenten dadurch besser kennen.

• Zweites Lieblingsfach. Frau Ebner-Zarl schafft die Balance zwischen Informationsübermittlung und Diskussion, welche es extrem leicht macht sich die Themen zu merken. Ich erwisch mich oft dabei, wenn ich noch nach den ILVs über Besprochenes reflektiere und ich denke, dass ILV genau das bezwecken sollten. Die Themenauswahl ist super und komplett aus dem Leben gegriffen!!! Ich freu mich jede Woche auf die ILV.

• Soziologie war unglaublich toll! Frau Ebner-Zarl hat die LV sehr interessant gestaltet und uns viel mit einbezogen (egal wie viele Hände gehoben waren). Die Themenauswahl war phänomenal und auch das Lob, welches wir zwischendurch ihrerseits erhalten haben, hat uns sehr gefreut und uns auch wirklich gepusht (weil es mitten in der Prüfungszeit vor Weihnachten war). Ich bin traurig, dass die LV vorbei ist, da ich auch viel für mein persönliches Leben mitgenommen habe.

• Unfassbar interessantes Fach und sehr gute LV!

• Sehr spannende Themen und Diskussionen. Gruppenarbeiten wie das Corona-Padlet sind sehr cool, gerne mehr von solchen.

• Super LV. So viele interessante neue Blickwinkel. Gut finde ich, dass wir keine Prüfung schreiben sondern uns selbst mit diesen Themen in Form eines studydiary beschäftigen sollen. Danke.

• Gut aufgebaute Lehrveranstaltung, viel Interaktion, spannende Themen und viel Bezug zwischen den Themen aus dem Unterricht und dem Alltagsleben

• Sehr spannend, sehr positive Art, macht Spaß zuzuhören. Vorschlag: ein Freifach, in dem man über aktuelle soziologische Themen diskutieren kann. Fände ich spannend.

• Wirklich toller und spannender Unterricht. Die Aufbereitung aktueller Themen und Ihre nette, sympathische Art machen Soziologie selbst an einem Freitagnachmittag spaßig und toll.

• Sehr angenehmes und interaktives Fach. Nichts auszusetzen! Danke auch an Frau Ebner-Zarl, dass keine Prüfung nötig ist, sondern wir uns wirklich mit dem Stoff auseinandersetzten sollen, statt diesen auswendig zu lernen.

• Sehr gut strukturierte LV! Ich habe echt viel Neues lernen können und es war einfach sehr interessant jedes Mal, daran teilzunehmen. Es gab immer die Möglichkeit, sich zum behandelten Thema zu äußern und von den anderen etwas Neues zu hören bzw. zu lernen. Außerdem finde ich die Dozentin als sehr nett, motiviert, vorbereitet und engagiert. Sie hat uns jedes Mal etwas Neues beigebracht, oft mit Bezug auf die aktuelle Situation samt Reflexion. Unser Lerntagebuch, das wir als Semesterleistung abgeben sollen, ist meiner Meinung nach sehr hilfreich, um die gelernten Inhalte zu verschriftlichen und sie auch in der Zukunft zur Verfügung zu haben. Im Laufe der LV habe ich das Gefühl gehabt, dass dieses Fach ihr wirklich Spaß macht, was mir das Folgen (SELBST WENN ONLINE) leichter gemacht hat - hab sehr gern an jeder Einheit teilgenommen

• Die beste LV!!! Frau Ebner-Zarl ist extrem bemüht und kennt sich unglaublich gut aus in ihrem Fachgebiet. Macht sehr viel Spaß.

• War alles toll! :)

• Die LV ist sehr interessant!

• sehr spannend, man hört gerne zu und passt dann automatisch mehr auf, LV auch sehr interaktiv

• interessanter Unterricht, sehr interaktiv

• sehr interessanter Unterricht und auf Aktuelles bezogen, interaktiver Unterricht

• Super Unterricht, viele Einbringungsmöglichkeiten und spannende Gruppendiskussionen!

• Mega interessante Vorlesung! DANKE

• Frau Ebner-Zarl ist sehr engagiert und geht auch immer auf unsere Wortmeldungen ein.

• Sehr gute, praxisnahe Aufbereitung. Abwechslungsreich, durch Videos und Diskussionen. Danke.

• Sehr nette und herzliche Lektorin, bringt auch sehr zeitgerechte und zukunftsorientierte Themen. Ist mit ganzem Herzen bei der Sache dabei.

• super vorgetragen und interessante relevante Themen

• sehr spannender Unterricht mit sehr spannenden und vor allem aktuellen Inhalten, sehr viel Interaktionsmöglichkeit, man kann gut über verschiedene Dinge diskutieren und seine eigenen Erfahrungen / sein eigenes Wissen miteinbringen

• Die Frau Ebner-Zarl ist eine sehr umsichtige Lektorin und erklärt das Fach sehr gut. Es wird immer aktueller Bezug genommen und wir können uns immer aktiv einbringen. Daher ist ihre Lehrveranstaltung sehr interaktiv und interessant!

• Wirklich angenehme Heranführung an die Themengebiete. Immer interessant gestaltet und angeregter Dialog mit dem Kurs. Die LVs bringen mich oft noch mehrere Tage später zum Nachdenken. Vielen Dank!

• Sehr spannend aufbereitet und verständlich. Mag es auch sehr, dass auf Input der Studierenden eingegangen wird und so interessante Diskussionen entstehen.“

 

Wie sowohl die Evaluierung als auch Rückmeldungen im Besprechungschat (siehe Link) zeigen, ist es gelungen, eine Online-Variante der LV zu schaffen, der die Studierenden genauso gut folgen können wie der Präsenzvariante. Sie macht, wie jemand es in den Evaluierungen formulierte, „selbst an einem Freitagnachmittag“ nach einem ganzen Tag am Bildschirm noch Freude. Zudem brachte die Online-Variante auch spezifischen Mehrwert, was die Interaktion betrifft. Die gezielte Nutzung des Besprechungschats und seine permanente Verknüpfung mit der laufenden LV brachten eine spezifische Lebendigkeit in jede Einheit. Ein Vorteil des Chats ist vermutlich, dass die Beteiligung niederschwelliger erfolgen kann: Es kostet weniger Überwindung einen Input im ersten Schritt in den Chat zu schreiben als vor allen die (virtuelle) Hand zu heben und zu sprechen. Der mündliche Diskurs ergibt sich durch Rückfragen zu den Chatbeiträgen dann ganz natürlich. Studierende, die sonst vielleicht mehr Scheu gehabt hätten, sich zu beteiligen, hatten es dadurch leichter am Diskurs teilzunehmen. Zudem konnten andere Studierende ihre Zustimmung zu einem Chatkommentar unmittelbar durch Likes etc. ausdrücken, wodurch stets ein Stimmungsbild zu den einzelnen Themen vorhanden war. Der Besprechungschat ermöglichte außerdem, laufend Beiträge zu posten – in dem Moment, wo die jeweilige Idee oder Frage aufkam – und sie auf diese Weise unmittelbar festzuhalten und zu sammeln. Diese Chatbeiträge konnten dann in regelmäßigen Abständen von der Lehrenden durchgegangen werden, wurden von ihr aufgegriffen, wertschätzend kommentiert und in den Plenumsdiskurs gebracht.

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Die Lehrende hält die LV in Präsenzform seit 2013 und passt sie seither innerhalb der Grundkonstanten regelmäßig an aktuelle Entwicklungen an (die LV ist also auf aktuelle Umstände hin adaptierbar, kann dabei aber ihr Grundgerüst behalten). 2020 wurde die LV erfolgreich an digitale bzw. pandemische Bedingungen angepasst.

 

Erfahrungsgemäß tragen die Studierenden das in der LV erworbene Wissen in andere LVs oder Projekte weiter. Nicht selten ist im auf die LV folgenden Semester eine SUMO-Ausgabe zu entdecken, welche die beteiligten Studierenden einem Schwerpunktthema aus der LV gewidmet haben (Anm.: SUMO ist ein Ausbildungsmedium der FH St. Pölten, eine von Studierenden gestaltete Zeitschrift). Zudem werden immer wieder Seminar- und Abschlussarbeiten zu Themen aus der LV verfasst.

 

Der zusätzliche Mehrwert, der sich aus der LV in digitaler Form ergeben hat, ist in sämtliche Zukunftsszenarien, die aufgrund des weiteren Verlaufs der Coronakrise stattfinden könnten, integrierbar:

 

Sollte aufgrund von Mutationen des Virus länger als geplant Digitallehre notwendig sein, ist die LV auch für weitere Abhaltungen in dieser Form bestens aufgestellt. Rückmeldungen der Studierenden zeigen, dass die Online-Lehre in Form dieser LV für sie spannend und angenehm war (Zitat aus dem Besprechungschat, siehe Link: „Vielen Dank für das coolste Fach, das auch online nicht seinen Reiz verloren hat!“)

 

Sollte im Herbst aufgrund weiterhin notwendiger Vorkehrungen insgesamt ein Mischbetrieb aus Präsenz- und Fernlehre stattfinden (manche LVs der Curricula in Präsenz-, manche LVs in Fernlehre), kann guten Gewissens in der Digitallehre verblieben werden, um anderen LVs, die stärker von physischer Abhaltung abhängig sind, die Hörsäle überlassen zu können. Wenn aufgrund des Virus Abstand gehalten werden muss, sind ausreichend große Räume knapp – die LV kann dann verlustfrei im digitalen Raum verbleiben, damit andere Zugang zu den räumlichen Ressourcen haben, die diese dringender benötigen.

 

Für die Zeit nach der überwundenen Coronakrise ist in Überlegung, die LV zu einer Hybrid-Variante weiterzuentwickeln, die den gewonnenen Mehrwehrt der Online-LV beibehält und mit den Stärken der analogen Variante zusammenführt. So kann das Beste aus beiden Welten – analog und digital, Präsenz- und Fernlehre – kombiniert werden.

 

Besondere Vorzüge der Digitalvariante, die sich gezeigt haben, sind in etwas abgewandelter Form aber auch in ein reines Präsenzsetting integrierbar. Als besonders fördernd für die Dynamik hat sich digital die Nutzung des Besprechungschats herausgestellt, in den laufend Fragen und Inputs (Erfahrungen, Erlebnisse, Meinungen, etc.) gepostet werden konnten. Die Beiträge wurden in regelmäßigen Abständen durchgegangen und durch Rückfragen an die Verfasser*innen, wertschätzendes Kommentieren seitens der Lehrenden und Fragen an die anderen Studierenden in den Plenumsdiskurs gebracht. Die Beteiligung via Chat war sehr hoch und schuf eine ausgeprägte Lebendigkeit. Falls künftig die LV wieder in Präsenzlehre (oder in einer Hybridvariante aus Präsenz- und Fernlehre) abgehalten wird, können alternativ zum Chat in den Präsenzeinheiten Tools wie ein Padlet permanent im Hintergrund laufen, wo Fragen und Inputs live gesammelt, auch gegenseitig kommentiert und gelikt, und immer wieder von der Lehrenden aufgegriffen und ins Plenum gebracht werden können.

Aufwand

Sowohl die Integration von Projektergebnissen als auch die Aufbereitung des Stoffes entlang aktueller Trends und Entwicklungen erfordern eine regelmäßige Aktualisierung der LV (Aussortieren und Neuaufnahme von Inhalten, Updates auf den neuesten Stand) innerhalb der Grundkonstanten – viel Arbeit, die bei weitem nicht durch klassische Vorbereitungszeit abgedeckt ist. Die LV wird von Jahr zu Jahr an – gerade im Bereich der Mediengesellschaft – rasch veränderliche Umstände angepasst. Um dies zu ermöglichen, werden das ganze Jahr über aktuelle Themen im Hinblick auf die nächste LV-Abhaltung gesammelt. Um die Digitallehre optimal umsetzen zu können, wurden im Vorfeld auch Weiterbildungsangebote in Anspruch genommen, um die Funktionen verschiedener Tools kennenlernen und bestmöglich nutzen zu können.

Positionierung des Lehrangebots

Die LV Sozialwissenschaft I: (Medien-)Soziologie ist Teil des Bachelorstudiengangs Marketing & Kommunikation und findet im 1. Semester statt.

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2021 nominiert.
Ars Docendi
2021
Kategorie: Methoden des Distance Learning und deren nachhaltiger Einsatz
Ansprechperson
Mag.a (FH) Mag.a Dr.in Astrid Ebner-Zarl
Department Medien und Digitale Technologien, Institut für Creative\Media/Technologies
+43/2742/313 228 420
Nominierte Person(en)
Mag.a (FH) Mag.a Dr.in Astrid Ebner-Zarl
Department Medien und Digitale Technologien, Institut für Creative\Media/Technologies
Themenfelder
  • Neue Medien
  • Didaktische Methode
  • Sonstiges
Fachbereiche
  • Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften