Mit „Lehre im Format der Forschung“ zur Motivation für Methodenkompetenz: Ein interdisziplinäres Lehrforschungsprojekt für die LV „Empirical Research Methods“ des Master-Studiengangs „International Management and Leadership“

Ziele/Motive/Ausgangslage

Die Lauder Business School (LBS) hat eine kulturell sehr diversen Studierendenschaft: Die etwa 370 Studierenden kommen aus über 40 Ländern weltweit, sehr viele davon aus Israel, Russland, Nord- und Südamerika oder aus osteuropäischen Ländern. Entsprechend unterschiedlich sind sowohl die fachlichen Vorkenntnisse der Studierenden, aber auch deren Lebenserfahrungen: Abgesehen von den sprachlichen und kulturellen Unterschieden haben einige von ihnen mehrere Jahre Militärdienst absolviert, manche haben Kriegs- und Konflikterfahrungen, und mitunter auch unterschiedliche Vorstellungen von Demokratie.

 

Vor diesem Hintergrund erweist es sich als bereichernd, diese Unterschiede im Unterricht zu thematisieren und über die klassische Betriebswirtschaftslehre hinaus gesellschaftlich relevante Aspekte in die Lehre einzubeziehen. Dies geschah im Sommersemester 2020 in der neu konzipierten Lehrveranstaltung „Empirical Research Methods“ (ERM), die im 2. Semester des Master Studiengangs „International Management and Leadership“ (IML) stattfindet. Mit 2,5 Semesterwochenstunden und 4 ECTS ist sie die zentrale Lehrveranstaltung im Curriculum, die Kompetenz im Bereich der Methoden der empirischen Sozialforschung vermittelt, sodass die Studierenden im Anschluss die verpflichtende empirische Untersuchung ihrer Master-Arbeit selbständig bewältigen können.

 

Die Lernziele der Lehrveranstaltung beziehen sich darauf, dass die Studierenden (1) unterschiedliche Forschungsdesigns kennen- und darauf basierend eigenständig geeignete Forschungskonzepte erstellen lernen; (2) einen Überblick über die wichtigsten Datenerhebungs- und Auswertungsmethoden* erlangen, und sich mit ausgewählten Methoden in der Tiefe auseinandersetzen; und (3) durch lehrreiche Beispiele und eigenständige Anwendung wesentlicher Komponenten des Forschungsprozesses in die Lage versetzt werden, einen solchen selbständig durchzuführen.

 

Aus hochschuldidaktischer Sicht stellen sich dabei vor allem zwei wesentliche Herausforderungen: Zum einen bedarf es einer sinnvollen Selektion und Strukturierung der Inhalte („didaktischen Reduktion“, vgl. Lehner, 2013): Im Lichte der Zeitknappheit muss eine Auswahl getroffen werden, welche Methoden innerhalb dieses umfangreichen Stoffgebiets explizit behandelt werden müssen, und welche sich die Studierenden bei Bedarf eigenständig aneignen sollen. Dazu bedarf es vor allem auch einer soliden theoretischen Basis, die ein vertiefendes bzw. ergänzendes Selbststudium in diesem Umfang überhaupt ermöglicht. Zum anderen erfordert vor allem Lernziel (3), die selbständige Anwendung des erlernten Stoffes, ein gewisses Maß an Übung sowie Lernmotivation vonseiten der Studierenden; um diese Ziele zu erreichen, wurde in ERM auf das Konzept des „forschungsnahen Lernens“ (Reinmann, 2015), bzw. der „Lehre im Format der Forschung“ (Ludwig, 2020) gesetzt.

 

Dazu wurde ein eigens konzipiertes Lehrforschungsprojekt durchgeführt, welches den Studierenden erlaubte, die theoretisch erlernten Inhalte direkt umzusetzen und sich in der eigenständigen Anwendung der Methoden im anleitenden und unterstützenden Rahmen der Lehrveranstaltung auszuprobieren. Zur Erhöhung der intrinsischen sowie der extrinsischen Lernmotivation wurde eine externe Organisation, die „Social City Wien“, als „Projektauftraggeberin“ hinzugezogen und mit ihr ein interdisziplinäres Projekt im Bereich der Friedens- und kunstgeleiteten Arbeit entwickelt, im Rahmen dessen die Studierenden auch ihre eigenen, interkulturell divergierenden Erfahrungen zum Thema einbringen konnten: Das Kunstwerk „#PeaceBell“, eine aus geschmolzenem Kriegsschrott geschmiedete Friedensglocke des Künstlers Michael Patrick Kelly, sollte einen Standort im öffentlichen Raum der Stadt Wien erhalten, den die Bevölkerung als geeignet empfindet. Die Aufgabe der Studierenden war es, diesen Standort zu ermitteln.

Dazu wurde ein „Mixed-Methods“-Forschungsdesign gewählt, im Zuge dessen die Studierenden unterschiedliche Befragungstechniken erlernen und anwenden sollten. Das Design ließ sich in der Durchführung im Lichte der Einschränkungen durch COVID19 problemlos auf eine telefonische und elektronische Befragungsstudie umstellen. Im Rahmen dieser Projektarbeit erfuhren sich die Studierenden als Teil eines größeren Vorhabens, das auf ihre Kompetenzen, aber auch ihre Selbst- und Gruppenorganisation in Form von pünktlichen und qualitativ hochwertigen Beiträgen angewiesen war, um der „Auftraggeberin“ ein professionelles Ergebnis zu liefern. Sie erlebten zudem, dass sie mit ihrem Fachwissen und einer entsprechenden Methodenkompetenz in sehr breiten Themenfeldern einen Impact erzielen können.

 

Das Ergebnis in Form eines von der Lehrenden verfassten Studienberichts erfuhr positive Resonanz, die Studierenden erhielten individuelle Empfehlungsschreiben von der SCW, wurden zum „Friedensdialog“ ins Österreichische Parlament eingeladen und erfuhren mitunter aufgrund der Bekanntheit des Künstlers mediale Aufmerksamkeit. Die LBS konnte im Anschluss an die Veröffentlichung der Ergebnisse ein weiteres Projekt mit dem Management des Künstlers (ArtStar Verlag, Düsseldorf) entwickeln, an dem dieselbe Studierendenkohorte derzeit im Rahmen der Lehrveranstaltung „Student Consultancy Project“ arbeitet.

 

Die Studierenden evaluierten die Lehrveranstaltung überaus positiv; das Lehrveranstaltungskonzept sowie das Lehrforschungsprojekt sind skalierbar und können im kommenden Sommersemester mit einer neuen Themenstellung unter deutlich reduziertem Aufwand weiterverwendet werden. Zudem werden die im Zuge des Projekts gesammelten Daten in derzeit laufenden Lehrveranstaltungen weiter genutzt, und stehen auch anderen Lehrenden und Studierenden, beispielsweise für einschlägige Abschlussarbeiten, zu Verfügung.

 

* Anmerkung: Hierbei konzentriert sich ERM insbesondere auf qualitative Auswertungsmethoden, da es im Folgesemester eine eigene Lehrveranstaltung zu statistischen Datenanalysen gibt.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Die Lehrveranstaltung ERM soll die Studierenden auf ihre empirische Master-Arbeit vorbereiten. Daher muss das LV-Konzept sowohl eine fundierte theoretische Einführung, als auch eine tiefergehende Auseinandersetzung mit ausgewählten Forschungsmethoden beinhalten. Um ein motivierendes und studierendenzentriertes Angebot zu schaffen, wird auf das hochschuldidaktische Konzept des „forschungsnahen Lernens“ gesetzt und ein eigens konzipiertes Lehrforschungsprojekt durchgeführt.

Im SS2020 war dieses im Bereich der Friedens- und kunstgeleiteten Arbeit angesiedelt und sorgte damit für Abwechslung vom klassisch betriebswirtschaftlich ausgerichteten Curriculum, demonstrierte aber auch die Bedeutung von Interdisziplinarität in der Forschungsrealität. In Partnerschaft mit der Organisation Social City Wien wurde den Studierenden ein Forschungsauftrag gestellt: Sie sollten ermitteln, wo die Wiener Bevölkerung das Kunstwerk PeaceBell von M. P. Kelly im öffentlichen Raum der Stadt Wien platzieren möchte.

Basierend auf einem Mixed-Methods-Design setzten sich die Studierenden selbständig mit Stichprobenziehung sowie unterschiedlichen Befragungs- und Auswertungstechniken auseinander, die ihnen zeitlich abgestimmt zuvor theoretisch vermittelt wurden. Zudem übten sie Projektmanagement, Wissenschaftskommunikation sowie Forschung unter Bedingungen einer Pandemie. Sie konnten der SCW schließlich ein Ergebnis präsentieren und erfuhren somit einen unmittelbaren Impact ihrer eigenen Forschungsarbeit.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

The ERM class is supposed to prepare students for their empirical Master theses. Thus, the course concept must count on a comprehensive theoretical introduction as well as a profound focus on selected research methods. In order to provide for a motivating and student centred approach, the course was based on the didactic concept of “research oriented learning” by conducting a student research project specifically developed for the course.

In summer term 2020, the student research project was focusing on a topic related to peace and art: In cooperation with the organisation Social City Wien, the students received the research assignment to analyse where in the public space of Vienna the Viennese population would like to place the artwork PeaceBell by M. P. Kelly. This research question was an excursus for the students of business and as such stimulated their intrinsic and extrinsic motivation; moreover, it demonstrated the role of interdisciplinarity in research.

Based on a mixed-methods design, the students applied sampling strategies as well as different interviewing/surveying and analysing techniques independently, which they had been given theoretical inputs for just before their practical work. On top of that, they practised project management, science communication as well as research under the conditions of the pandemic. Finally they could present SCW with a qualified result and experienced how their own research could have immediate impact beyond their classroom.

Nähere Beschreibung des Projekts

1. LV-Konzept

Nach einer curricularen Anpassung im Master-Studiengang „International Management and Leadership“ (IML) umfasst die Lehrveranstaltung „Empirical Research Methods“ (ERM) im 2. Semester sowohl die Einführung als auch die vertiefende Auseinandersetzung mit der sozialwissenschaftlichen Methodenlehre. Mit 2,5 SWS und 4 ECTS soll sie damit die Studierenden auf eine eigenständige Anwendung im Rahmen ihrer theoretisch-empirischen Master-Arbeit vorbereiten.

 

Um diesen Erfordernissen gerecht zu werden, wurden für ERM folgende Schwerpunkte gesetzt:

- Eine fundierte theoretische Einführung, um jeweils die Möglichkeiten und Grenzen der qualitativen und quantitativen Forschungsstrategien aufzuzeigen, umfassendes Verständnis für die unterschiedlichen Forschungsansätze zu erzielen und damit den Studierenden eine solide Grundlage für die weitere Vertiefung, ggf. auch im Rahmen des Selbststudiums, zu geben;

- Eine umfassende theoretische Auseinandersetzung mit einer Auswahl in der BWL besonders relevanter Forschungsmethoden im Sinne einer didaktischen Selektion bzw. Reduktion (Lehner, 2013). Im Bereich der Datenerhebung betrifft dies insbesondere qualitative und quantitative Befragungs- und Beobachtungstechniken; im Bereich der Datenanalyse werden inhaltsanalytische und interpretative Methoden behandelt, sowie einfachere statistische Auswertungen (Anmerkung: das Curriculum sieht eine eigene Lehrveranstaltung zu komplexeren statistischen Verfahren im Folgesemester vor);

- Die Übung ausgewählter Methoden sowie des gesamten Forschungsprozesses durch „forschungsnahes Lernen“ (Reinmann, 2015), bzw. „Lehre im Format der Forschung“ (Ludwig, 2020) im Rahmen eines eigens für die Lehrveranstaltung konzipierten Lehrforschungsprojekts.

 

Um mit diesen anspruchsvollen Inhalten eine möglichst hohe Lernmotivation zu erreichen, sollte dem Lehrforschungsprojekt eine besondere Rolle zukommen. In Anlehnung an Deci und Ryan (1993) sollte es so gestaltet sein, dass es den Studierenden Autonomie („ich kann selbst bestimmen, wann ich was mache“), Kompetenzerleben („ich spüre, dass ich etwas kann“) und soziale Eingebundenheit („ich bin Teil einer Gemeinschaft“) ermöglicht. Im Sinne der intrinsischen Motivation sollte es inhaltlich einen möglichst breiten Interessensbereich abdecken und den Studierenden ermöglichen, ihre persönlichen Erfahrungen einzubringen. Daher fiel die Entscheidung auf ein interdisziplinäres Projekt abseits der klassischen BWL. Um auch die extrinsische Motivation zu steigern, wurde zudem eine externe Organisation als „Auftraggeberin“ eingebunden. Als solche wurde für das SS2020 die Organisation „Social City Wien“ (SCW) ausgewählt. SCW bezeichnet sich als „Plattform für gesellschaftliche Innovation“ und ist für ihr soziales Engagement, insbesondere ihre Aktivitäten im Bereich der Friedensarbeit, bekannt. Für ihr neues Projekt suchte die SCW Unterstützung: Eine Friedensglocke des Künstlers Michael Patrick Kelly, welche aus geschmolzenen Kriegswaffen geschmiedet wird, sollte im öffentlichen Raum der Stadt Wien aufgestellt werden; der künftige Standort sollte von der Bevölkerung vorgeschlagen werden. Die Aufgabe der Studierenden war es nun, zu ermitteln, welcher Standort für das Kunstwerk am besten geeignet sei.

 

2. Das Lehrforschungsprojekt

Die Themenstellung eignete sich aus methodischer Sicht für ERM in besondere Weise, da hierzu unterschiedliche Befragungstechniken eingesetzt werden konnten. Auch motivationstheoretisch wurde das Thema als geeignet befunden, was nicht zuletzt auf die diverse kulturelle Herkunft der Studierenden dieser Kohorte zurückzuführen war. Es war abzusehen, dass jede/r Studierende/r eine eigene Erfahrung zu den Themen Krieg/Frieden sowie Kunst im öffentlichen Raum mitbrachte, welche sich auf kreative und konstruktive Weise im Projekt integrieren ließen.

Methodisch wurde es als mehrstufige Befragungsstudie gemäß eines sequentiellen „Mixed-Methods“-Designs aufgestellt, was sowohl den Anforderungen der Standortermittlung, als auch jenen der Lehrinhalte gerecht wurde. Im ersten Schritt wurden explorative Expert/inneninterviews durchgeführt, um eine „short list“ an möglichen Standorten zu erheben, sowie kritische Aspekte abzufragen, die ein solches Kunstwerk im öffentlichen Raum bewirken könnte (diese betrafen etwa die Form der Glocke, die doch eine Nähe zum christlichen Glauben suggerieren könnte, oder auch die Tatsache, dass der Klöppel der Friedensglocke eine ungeschmolzene – also sichtbare – Waffe ist). Die Ergebnisse der qualitativen Expert/inneninterviews flossen in die Entwicklung eines quantitativen Fragebogens – Schritt zwei –, mit Hilfe dessen die von den Expert/innen genannten Standorte, aber auch die von ihnen angemerkten kritischen Aspekte, in einer breiteren Stichprobe der Wiener Bevölkerung abgefragt wurden.

 

3. Projektablauf und -gestaltung

Das Expert/innensample erstellte die Lehrende bereits im Rahmen der LV-Vorbereitung gemäß einer „Purposive Sampling“-Strategie, im Zuge derer 19 Expert/innen aus den Bereichen (Kunst-)Geschichte, Friedensforschung, Friedensarbeit, Stadtplanung und Soziologie ausgewählt wurden, die die Stadt Wien als Arbeits- oder Forschungsschwerpunkt auswiesen. Auch die Interviewtermine wurden im Vorfeld vereinbart. Im Theorieteil der LV wurde die Sampling-Strategie anhand dieses exemplarischen Beispiels besprochen.

Administrativ wurde das Projekt in fünf abzuliefernde Zwischenergebnisse („Deliverables“) aufgesplittet, die teils individuell, teils in Gruppen zu erarbeiten waren. Jedem/r Studierenden wurde zunächst unter Berücksichtigung der eigenen Interessen ein/e Interviewpartner/in zugeteilt, sowie die Aufgabe gestellt, ein Profil über den/die eigene Expert/in zu erstellen (Deliverable 1). Nach einer Einführung erarbeiteten die Studierenden in Kleingruppen einen teilstrukturierten Interviewleitfaden, den jede/r Studierende/r in kleineren Details auf seine/n eigene/n Interviewpartner/in anpassen sollte (Deliverable 2).

Die Interviews selbst wurden zwischen April und Mai 2020 geführt. Trotz der COVID19-Pandemie konnten alle bis auf ein Interview durchgeführt werden, zwar nicht wie geplant persönlich, sondern je nach Präferenz des/r Expert/in elektronisch oder telefonisch. Jede/r Studierende gab ein Interviewtranskript ab (Deliverable 3), und führte eine erste Blitzanalyse in Form von „deduktiver Kodierung“ (siehe z.B. Saldana, 2016) anhand vorab durch die Lehrende definierter Codes durch. Diese Blitzanalyse stellte Deliverable 4 dar, fasste die „short list“ von insgesamt 16 vorgeschlagenen Standorten zusammen und war eine wichtige Grundlage für die Erstellung des Fragebogens.

Deliverable 1 bis 4 waren also individuell zu erstellende Ergebnisse. Jede/r Studierende musste seinen/ihren Beitrag leisten und konnte ihre/seine Arbeit als wichtigen Teil eines größeren Ganzen erleben, der sowohl pünktlich als auch qualitativ hochwertig abzuliefern war, damit das Gesamtprojekt gelänge. Gleichzeitig war es der Lehrenden wichtig, dass alle Studierenden durch die Erfahrung eines qualitativen Interviews als Datenerhebungsinstrument gingen. Sie bekamen dadurch einen Eindruck vom Aufwand und dem tatsächlichen Schwierigkeitsgrad qualitativer Forschung, den generell viele Studierende an der LBS unterschätzen und daher oftmals leichtfertig einen qualitativen Ansatz für ihre Master-Arbeit wählen.

Für Deliverable 5 konnten die Studierenden schließlich entscheiden, ob sie weiter qualitativ oder doch lieber quantitativ arbeiteten. Nach einigen theoretischen Einheiten zur qualitativen Datenauswertung sowie zum quantitativen Sampling und Fragebogendesign entschied sich etwa 60% der Kohorte, sich dem quantitativen Deliverable 5a zu widmen. Sie waren somit mit der Erstellung des Online-Fragebogens basierend auf der Blitzanalyse aus Deliverable 4, als auch mit der Entwicklung einer geeigneten Sampling-Strategie betraut. Dabei blieb es ihnen offen, sich selbst als Gruppe zu organisieren und die Aufgaben untereinander aufzuteilen. Sie wurden angehalten, sich in einem iterativen Prozess in Form von regelmäßigen Feedback-Loops an die Lehrende zu wenden. Der resultierende Fragebogen wurde über die Software „LimeSurvey“ online gestellt. Das Sampling basierte auf strategisch ausgewählten Online-Gruppen und Foren, sodass ein möglichst breites Abbild der Wiener Bevölkerung erzielt wurde (diese beinhalteten etwa auch Senior/innen- oder migrantische Plattformen, um Verzerrungen entgegenzuwirken, die eine reine Online-Erhebungen verursachen kann). Insgesamt nahmen fast 450 Menschen an dieser Befragung teil, was die Erwartungen deutlich überstieg.

Deliverable 5b beinhaltete die vertiefte qualitative Auswertung aller durchgeführten Expert/inneninterviews mittels „induktiver Kodierung“. Diese Aufgabe sollte mit der qualitative Analysesoftware „NVivo“ durchgeführt und in einer gemeinsamen Liste an Codes, Kategorien und Konzepten gemäß Saldana (2016) resultieren. Dabei übte diese Teilgruppe nicht nur die qualitative Auswertung per se, sondern auch die in der Forschungspraxis bedeutende Methode des „member check“, also der gegenseitigen Abstimmung unter den Forschenden, sodass ein möglichst valides und transferierbares Ergebnis erzielt werden kann.

Mit Deliverable 5 waren das Projekt sowie die LV abgeschlossen, und der SCW konnte ein klares Standort-Ranking präsentiert werden. Um den Studierenden ein Beispiel einer Verschriftlichung ihrer eigenen Forschungsergebnisse zu demonstrieren, verfasste die Lehrende einen Bericht über die qualitativen und quantitativen Studienergebnisse. In einem begleitenden Web-Tutorial wurden einfachere statistische Analysen anhand der gesammelten Daten erläutert. (Für eine komplexere quantitative Auswertung wurden die Rohdaten an den Kollegen der Folgelehrveranstaltung weitergereicht.) Sowohl die Auseinandersetzung mit dem Bericht, als auch jene mit dem Web-Tutorial waren gänzlich freiwillig, da beide wie geplant erst im Anschluss an die LV zur Verfügung gestellt wurden. Dennoch kamen von nahezu allen Studierenden positive und interessierte Rückmeldungen.

 

4. Nutzen für die Studierenden

Die Studierenden erlebten einen unmittelbaren Anwendungsbezug ihres theoretisch erlernten Wissens. Dabei konnten sie sich in Selbstorganisation üben und eigene Schwerpunkte setzen („Autonomie“), und erfahren, dass sie mit ihrer Methodenkompetenz eine gewisse Wirkung erzielen können („Kompetenzerleben“). Sie nahmen sich als Teil einer „Forschungsgruppe“ wahr, die an einem gemeinsamen Ergebnis arbeitet („Eingebundenheit“; vgl. Deci & Ryan 1993). Dies führte bei den LV-Teilnehmer/innen zu hoher Motivation und einem guten Verständnis der behandelten Inhalte, wie sowohl die Evaluierungsergebnisse als auch die Leistungsbeurteilung untermauerten.

Darüber hinaus erhielten die Studierenden ein exemplarisches Beispiel eines gesamten Forschungsprozesses sowie dessen organisatorischen Aspekte, die sich auf unterschiedliche Themenstellungen anpassen lassen. Aufgrund der pandemiebedingten Einschränkungen erfuhren sie zudem, wie ein Projektplan in kürzester Zeit an plötzlich auftretende Gegebenheiten angepasst werden kann, und welche Implikationen die elektronische Abwicklung auf einzelne Aspekte im Forschungsprozess hat.

Letztlich setzten sich die Studierenden mit interdisziplinären Themenstellungen auseinander und lernten, ihre eigenen, mitunter sehr persönlichen Erfahrungen diskursiv und konstruktiv einzubringen. Sie erhielten Feedback von der Lehrenden, die im Laufe des Projekts immer mehr die Rolle einer Begleiterin einnahm, als auch von Vertreter/innen der SCW. Letztere stellte abschließend jedem/r Studierenden ein Empfehlungsschreiben aus und bot den Studierenden die Aufrechterhaltung des Kontakts an.

 

5. Impact über die Lernziele hinaus

Aufgrund des abschließenden Studienberichts, der auch an das Management des Künstlers, der ArtStar-Verlag in Düsseldorf adressiert wurde, konnte mit diesem bereits ein weiteres Projekt realisiert werden: Im Rahmen der Lehrveranstaltung „Student Consultancy Project“ arbeiten Studierenden derselben Kohorte derzeit basierend auf ihren eigenen Studienergebnissen, um diese über die bloße Standortermittlung hinaus für weitere Fragestellungen nutzbar zu machen. Darüber hinaus wird derzeit gemeinsam mit dem ArtStar Verlag sowie dem UN NGO Committee of Peace (deren Vorsitzende eine Interviewpartnerin in der Befragungsstudie war) eine strategische Partnerschaft zur Globalen Friedenserziehung geplant, welche ihren Auftakt im Herbst 2021 nehmen soll.

Auch wenn ERM im SS2020 inhaltlich sehr stark vom Thema des Lehrforschungsprojekts geprägt war, das sich voraussichtlich nicht in exakt derselben Form wiederholen lässt, so ist das Konzept sehr wohl auch für die künftige Durchführung der LV nutzbar: Sämtliche Projektschritte wurden dokumentiert und sind auf andere Themenbereiche und Partnerorganisationen unter deutlich reduziertem Aufwand anwendbar.

Mehrwert

- Studierende erhielten Einblicke in die Forschungsrealität, insbesondere im Rahmen der Auftragsforschung

- Studierende erlebten ein konkretes Beispiel für eine Verknüpfung von Forschung und Beratung, was ein mögliches späteres Berufsfeld darstellt

- Studierende erlebten, wie sie ihre methodologische und betriebswirtschaftliche Expertise in einem interdisziplinären Projekt einsetzen können, und konnten dadurch auch neue berufliche Perspektiven gewinnen

- Studierende konnten unmittelbar für sie relevante Kontakte knüpfen (Expert/innen im Rahmen der Interviews; Geschäftsführung und Vorstandsmitglieder der Social City Wien, darunter inbesondere Nationalratsabgeordneten Mag. Engelberg sowie den Social Banking-Vertreter der Erste Bank; Projekt- und Künstlermanagerin des deutschen ArtStar Verlags) und erhielten individuelle Empfehlungsschreiben vonseiten der SCW

- Durch das Lehrforschungsprojekt wurden Daten generiert, die in anderen Lehrveranstaltungen durch dieselbe oder auch andere Studierendenkohorten genutzt werden können (z.B. aktuell in der LV „Student Consultancy Project“ [Arbeitstitel: Managing Arts Projects with Societal Impact: The Case of the #PeaceBell], in der dieselbe Kohorte das #PeaceBell-Projekt weiterbearbeiten kann, sowie potentiell in künftigen Lehrveranstaltungen, in denen qualitative und quantitative Daten ausgewertet werden).

- Die gesammelten Daten sowie die geknüpften Kontakte stehen interessierten Studierenden auch für künftige Abschlussarbeiten zur Verfügung.

- Durch den von der Lehrenden verfassten Studienbericht liegt den Studierenden ein Beispiel für die Verschriftlichung von selbst erhobenen Forschungsdaten für nichtwissenschaftliches Publikum vor (Wissenschaftskommunikation an externe Adressat/innen)

- Ein aufgenommenes Web-Tutorial zur Nutzung der Befragungssoftware LimeSurvey sowie die wichtigsten Aspekte der Auswertung selbst gesammelter quantitativer Daten am Beispiel der #PeaceBell-Online-Survey liegt vor, das künftig auch anderen Studierenden zur Verfügung gestellt werden kann.

- Durch den Studienbericht wurden zwei weitere Projekte für die praxisorientierte Lehre der LBS lanciert, an einem wird bereits aktuell gearbeitet („Student Consultancy Project“ für ArtStar Verlag), ein weiteres befindet sich derzeit gemeinsam mit ArtStar Verlag und UN NGO Committee on Peace in Planung.

- Die LBS erlebte durch das Projekt und die Bekanntheit des Künstlers der #PeaceBell mediale Aufmerksamkeit, die unterschiedlichen Phasen des Projekts wurden von Presseaussendungen begleitet.

- Der Studienbericht wurde im Jänner 2021 unter als Working Paper No. 10 in der „LBS Working Paper Series“ veröffentlicht

 

 

Evidenzen für die Akzeptantz des Projekts vonseiten der Studierenden:

 

- Freiwillige Teilnahme aller Studierenden aus der Kohorte am Projektauftakt im Österreichischen Parlament („Friedensdialog“)

- Positive Rückmeldung über das Lehrforschungsprojekt vonseiten der Studierenden an den Studiengangsleiter während des Semesters

- Positive Evaluierungsergebnisse (durchschnittliche Bewertung über alle Kategorien bei 1,26; positive Zusatzkommentare der Studierenden zum Projekt)

- Reflexionsbeiträge der Studierenden zum Abschlussbericht während der Sommerferien, positive Rückmeldungen per E-Mail an die Lehrende während der Sommerferien zum Bericht und zum Web-Tutorial

- Im Rahmen der Lehrveranstaltung „Student Consultancy Project“ mit derselben Studierendenkohorte, in der auch andere Beratungsprojekte für Firmen und Organisationen angeboten werden, meldeten sich über die Hälfte der Studierenden für das Folgeprojekt mit dem ArtStar Verlag;

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Zwar war ERM im ersten Durchlauf im SS2020 inhaltlich sehr stark vom Thema des Lehrforschungsprojekts geprägt, das sich voraussichtlich nicht in exakt derselben Form wiederholen lässt. Dennoch ist das Konzept sehr wohl auch für die künftige Durchführung der LV nutzbar, bzw. kann in ähnlicher Weise in anderen LVs eingesetzt werden, in denen Anwendungsbezug und eine starke Lernmotivation gefragt sind. Sämtliche Schritte zur Vor- und Nachbereitung sowie zur Durchführung wurden dokumentiert und sind auf andere Themenbereiche und Partnerorganisationen unter deutlich reduziertem Aufwand anwendbar. Auch eine zeitliche Abschätzung sowie Erfahrungen über mögliche auftretende Risiken und Schwierigkeiten liegen vor.

 

Für weitere Projekte mit externen Partner/innen aus der Wirtschaft oder Zivilgesellschaft, welche im Sinne einer praxisorientierten Lehre forciert werden sollen, kann erwartet werden, dass dieses Referenzprojekt von Nutzen sein wird.

 

Das Thema selbst, die generierten Daten, sämtliche Zusatzmaterialien sowie die durch das Projekt generierten Partnerschaften werden bereits und können auch künftig in weiteren Lehrveranstaltungen genutzt werden.

Aufwand

Finanzen:

- Keine zusätzlichen Finanzaufwände, vor allem da aufgrund der COVID19-Pandemie die gesamte Erhebung elektronisch oder telefonisch stattfand

 

Zeit:

- Vorbereitung: Der zeitliche Aufwand der Vorbereitung umfasste die Recherche und Kontaktaufnahme mit der Partnerorganisation, die Projektentwicklung, das Expert/innensampling sowie die Kontaktaufnahme und Terminvereinbarung mit den Expert/innen. Diese erstreckte sich über mehrere Monate im Vorfeld zur Lehrveranstaltung. Aufgrund der Dokumentation und der Skalierbarkeit des Konzepts ist davon auszugehen, dass die Vorbereitung einer weiteren Umsetzung vor allem in der Konzeptualisierung deutlich weniger zeitaufwändig sein wird.

- Durchführung: Die Betreuungstätigkeit während der Durchführung ging über den Aufwand einer regulären (Theorie-)Lehrveranstaltung hinaus, insbesondere in der Phase der Expert/inneninterviews.

- Nachbereitung: Da nach Ende des Semesters ein Abschlussbericht verfasst und ein Web-Tutorial aufgenommen wurde, ging auch hier der Aufwand über jenen einer regulären Lehrveranstaltung hinaus, dieser amortisierte sich allerdings durch die unmittelbare Lancierung von Folgeprojekten, sowie die weitere Nutzung der erstellten Materialien.

 

Positionierung des Lehrangebots

Die Lauder Business School (LBS) ist eine kleine Wiener Fachhochschule (ca. 370 Studierende) mit betriebswirtschaftlichem Schwerpunkt. Die Lehrveranstaltung "Empirical Research Methods" (ERM) wird im 2. Semester des Master-Studiengangs "International Management and Leadership" (IML) angeboten. Dieser Studiengang bietet eine international ausgerichtete Ausbildung in der Betriebswirtschaftslehre; pro Studienjahr zählt er etwa 20-40 Neuanfänger/innen. Um das Studium IML abzuschließen, müssen die Studierenden eine theoretisch fundierte Master-Arbeit mit empirischer Untersuchung erstellen. In dieser Hinsicht kommt der Lehrveranstaltung ERM ein besonderer Stellenwert zu: mit 2,5 SWS und 4 ECTS umfasst sie sowohl die Einführung, als auch die vertiefende Auseinandersetzung mit der empirischen Methodenlehre. Umso bedeutender ist es, die Inhalte sowohl effizient, als auch praxis- und studierendenorientiert zu unterrichten.

Links zu Social Media-Kanälen
Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2021 nominiert.
Ars Docendi
2021
Kategorie: Qualitätsverbesserung von Lehre und Studierbarkeit
Ansprechperson
Dr. Verena Régent
Master-Studiengang "International Management and Leadership"
+43 699 13271361
Nominierte Person(en)
Dr. Verena Régent
Master-Studiengang "International Management and Leadership"
Themenfelder
  • Didaktische Methode
  • Wissenschaftliche (Abschluss)Arbeiten
  • Erfahrungslernen
Fachbereiche
  • Wirtschaft und Recht
  • Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften