Social Design

Ziele/Motive/Ausgangslage

Die Lehre in der Abteilung Social Design ist an kollektiv erarbeiteten Projekten ausgerichtet, in denen die Erfahrungen, Kenntnisse und Netzwerke einzelner zu Synergien zusammengeführt werden, um mit den herausfordernden Kontexten städtischer Verdichtungen und gesellschaftlichen Wandels umzugehen und in Bezug darauf neue Denkprozesse auszulösen und zu entwickeln. Die Projekte lassen sich möglicherweise nicht leicht als Kunstwerke („works of art“) beschreiben. Deshalb sprechen wir oft von künstlerischer Arbeit („labour“), die durch gemeinsames Handeln und Planen auf die Veränderung und Infragestellung gesellschaftlicher Bedingungen abzielt.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Die im Social Design Studio entwickelten Projekte zeigen, dass soziale Innovation möglich ist, wenn verschiedene Formen von Wissen und Praktiken zusammenkommen, künstlerisches Denken mit Kreativität aus den sogenannten „hard sciences“ kombiniert wird und Strategien aus den Bereichen Architektur, Bildende Kunst, Design oder Theorie nicht nur koexistieren, sondern miteinander in einen Dialog treten und Koalitionen bilden, die ebenso riskant wie produktiv sind.

Künstlerische Methoden werden in kunstfernen Welten produktiv eingesetzt, und wissenschaftliches Fachwissen bleibt von Bedeutung, auch wenn es sich zunächst einem schnellen Verständnis zu widersetzen scheint. Forschung wie Lehre konzentrieren sich in Ort und Inhalt auf die Theorien und Praktiken der städtischen Realitäten, aus denen die Studierenden stammen. Die Entscheidung, Social Design zu studieren, bedeutet, Prozesse von Urbanisierung als veränderungs“bedürftig“ wahrzunehmen.

 

Die Lehre ist stark forschungsbasiert, verfolgt aktuelle Themen und dringliche Anliegen, stützt sich dabei freilich auf einen Kanon von Methoden und einen etablierten Wissensaustausch. Die Projektteams profitieren von unterschiedlichen Hintergründen und kulturellen Kompetenzen der Teammitglieder. Die Themen werden innerhalb offener Strukturen frei gewählt, während „offen“ flexible Projektstrukturen meint. Fachwissen wird von der Abteilung je nach Arbeitsziel innerhalb oder auch über das Lehrendenteam hinaus bereitgestellt und organisiert.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

The projects developed in the Social Design studio show that social innovation, i.e. unexpected approaches and unusual results, is possible where different forms of knowledge and practices interact, where artistic insightfulness combines with creativity from the so-called hard sciences, and where strategies from the fields of architecture, the visual arts, design or theory not only coexist but also enter into dialog and form coalitions that are as risky as they are productive.

Artistic methods are put to productive use in worlds unrelated to art, and scientific expertise is still significant where it seems at first to defy instant understanding.

Research is focused, in place and content, on the theories and practice of the city, on the urban realities that the students come from. Electing to study Social Design means recognizing cities and processes of urbanization as subject to change, as organisms that react to even the slightest touch of acupuncture.

Teaching is highly research-based, pursues fluidity in changing topics and emergency but relies on a canon of methods and experienced knowledge exchange.

The project teams profit from the different backgrounds and cultural competences of the team members. The topics are freely chosen within open structures, whereas “open” stands for flexible project structures meaning that expertise is provided by the department either from within or also outside the department’s staff depending on the aims of the work.

Nähere Beschreibung des Projekts

DAS SOCIAL DESIGN-MASTERPROGRAMM AN DER ANGEWANDTEN:

 

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Städten, und laut UN-Berichten kommen täglich weitere 200.000 Menschen hinzu. In den kommenden 20 Jahren werden Städte rund um den Globus um 1,5 Millionen Quadratkilometer wachsen und in 25 Jahren werden bereits zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. In dieser globalen Entwicklung ist es nötig, die industrielle und digitale Revolution als auslösende Faktoren solch enormer Umstrukturierungsprozesse zu benennen. Diese Entwicklung setzt Städte als komplexe, sich selbst generierende Strukturen einem enormen Druck aus. Durch die Verdichtung und Konzentration von Bevölkerung, Wirtschaft, Kapital und Medien und nicht zuletzt Kultur und Wissen in städtischen Ballungsräumen werden sowohl deren räumliches als auch soziales Gefüge übermäßigem Druck ausgesetzt.

 

Um dieser globalen Entwicklung Rechnung zu tragen, sind neue Konzepte erforderlich, die sich mit dem Prozess der Wissensproduktion einer Gesellschaft befassen. Insbesondere Kunstuniversitäten sind dazu prädestiniert, neue, unterschiedliche Perspektiven auf die Logik und die entsprechende Dynamik von Städten zu formulieren wie zu entwickeln. Künstlerische Forschung stellt dabei Verbindungen zwischen vielfältigem Fachwissen und den Anforderungen und auch Problemen städtischer Räume her. Die Universität für angewandte Kunst Wien hat daher 2012 ein Masterstudium eingeführt, das sich den Herausforderungen städtischer Sozialsysteme und dem breiten Spektrum verwandter Themen widmet.

 

 

DAS PROGRAMM ALS EIGENSTÄNDIGES PROJEKT:

 

Die Methodik der Lehre ist geprägt von offenen Strukturen, interdisziplinärer Lebendigkeit, kollektiven Auseinandersetzungen, praktischem Mut sowie theoretischen Wagnissen und nicht zuletzt der nötigen Geduld mit und im Prozess.

 

Unsere – ob Studierende oder Lehrende – kulturellen und sozialen Hintergründe sind vielfältig, die Wissensinhalte unterschiedlich, ergänzen einander und fördern im freien Rahmen dieses besonderen Universitätsprogramms immer auch Projekte außerhalb der Institution.

 

Die tägliche Arbeit auf einer solch kooperativen Basis verlangt nach einer nicht- und letztlich antihierarchischen Implementierung. Projekte werden von Studierenden entwickelt oder von Lehrenden vorgeschlagen und gemeinsam mit Studierenden durchgeführt. Wenn inhaltlich sinnvoll, besteht immer die Möglichkeit, persönliche und unkonventionelle Themen in Teams umzusetzen, die auch außerhalb des Social Design-Programms entstanden sind. Bei den Projekten geht es nicht darum, Ereignisse zu positionieren, ein Spektakel zu inszenieren und kurzlebige Effekte anzustreben. Das Programm umfasst Strategien, die mit Geduld und Intensität umgesetzt werden, und nicht allein auf das Ende des Semesters hinarbeiten (müssen). Von großer Bedeutung sind alte und neue Netzwerke, voneinander zu lernen, wie auch nationale Grenzen nicht mit kulturellen Abgrenzungen oder Besonderheiten zu verwechseln. Unser Ziel ist es, Ängste direkt anzusprechen, Respekt (wieder) herzustellen und Unausgesprochenes an die Oberfläche der Gesellschaft zu holen.

 

Der Titel des Programms mag nahelegen, dass Soziales vor Gesellschaftlichem steht, dass Social Designer*innen zugleich Helfer*innen sind, die darauf warten einzugreifen. Individuelles Engagement, empathisches Denken und die Bereitschaft, zu helfen ohne zu zögern, sind zweifellos persönliche Anforderungen für Studierende, die sich diesem Programm widmen möchten. Im Social Design-Studio wird Solidarität jedoch immer auch als gesellschaftspolitische Kategorie angesehen, die neue Antworten erfordert, ein Umdenken provozieren und neue Ideen generieren sollte, die zu gesellschaftlichen Veränderungen führen müssen.

 

Studierende und Lehrende reagieren auf aktuelle Bedürfnisse durch Interventionen, Programme und Veröffentlichungen, die unter dem Druck (immer) schwierigerer Zeiten und (nicht allein) städtischer Bedürfnisse erstellt werden. Social Design-Studierende verfolgen ein erklärtes Interesse daran, eine aktive und kritische Wirkung auf die Gesellschaft auszuüben und dabei eigene Möglichkeiten zu testen und einzusetzen.

 

Die im Social Design-Studio entwickelten Projekte bieten keine Blaupausen für eine schöne neue Welt. Sie stellen vielmehr Produkte kollektiver Prozesse dar, können nicht über denselben Kamm geschoren werden, suchen nicht nach Legitimation durch einzelne Expert*innenmeinungen, schärfen mitunter Theorie durch die Zwänge konkreter Umsetzungen und können durch praktischen Mut an neue Sichtweisen heranführen.

 

Das innovative und offen gehaltene Curriculum des Masterstudiengangs bietet die Freiheit, Projekte in einem interdisziplinären Team zu entwickeln, in der Realität umzusetzen und sich so auch auf die Flexibilität externer Kooperationen einlassen zu können.

 

Das Studium bedient sich des Englischen als Code, der sich über Grenzen hinwegsetzt und zugleich Unterschiede respektiert, als Medium der Verständigung, das als „Fremdsprache“ unvoreingenommen neue Themen angreift und an Umsetzungen heranführt. Die Studierenden arbeiten zwei intensive Jahre lang zusammen und entwickeln Projekte, die sich mit städtischen Räumen, urbanen Lebensweisen, stadtgebundenen Konflikten oder Freiheiten beschäftigen. In ihren Arbeiten machen sie sich gemeinsam mit anderen stark gegen provinzielle Enge im öffentlichen Leben, treten ein für Selbstermächtigung in Umständen, die Resignation, Ungleichheit oder Unfreiheit nach sich ziehen.

 

Der Standort Wien wird zum exemplarischen Inhalt wie Ausgangspunkt der Untersuchungen. So bildet die Stadt beispielsweise mit ihren historischen Projekten zum sozialen Wohnbau, die international noch immer als vorbildlich wahrgenommen werden, ein lebendiges Forschungsfeld. Durch das schnelle Wachstum der Stadt ist hier auch aktuell spürbar, was es bedeutet, wenn die Zweimillionengrenze in wenigen Jahren überschritten sein wird, mit allen damit verbundenen Maßnahmen, Überlegungen und auch Schwierigkeiten, mehr Wohnraum zu schaffen, die Stadt zu verdichten, zu regulieren und dabei die historischen Ideale zur „Wohnungsfrage“ nicht aus dem Blick zu verlieren. Dieser Prozess eröffnet für das Masterprogramm zugleich konkrete Möglichkeiten der Ideenfindung und Gestaltung.

 

 

SOCIAL DESIGN ALS LEHRE

 

Das Masterstudium Social Design begreift sich als Katalysator universitärer Arbeit, kommt doch einer Universität immer eine wesentlich gesellschaftspolitische Verantwortung und Aufgabe zu, manifestiert sie sich doch exemplarisch als Ort wie Inhalt urbaner Verdichtung. Die Arbeit an einer Universität wirkt – gezielt oder indirekt – immer auf die Institution zurück, geht über diese hinaus, antwortet auf gesellschaftlichen Wandel oder verantwortet diesen mit.

Künstlerische Hochschulen sind keine Enklaven, um die herum sich ein Leben „draußen“ abspielt.

Das Social Design Curriculum beschreibt Ziele und Prinzipien des Masterstudiengangs, die Grundlage wie Realität unserer täglichen Arbeitspraxis bilden und als Struktur unserer Produktivität dienen. Die realisierten Projekte und gelebten Strukturen zielen darauf ab, die vorgegebenen Ziele zu erreichen, die von Arbeitsherausforderungen innerhalb städtischer sozialer Systeme (städtische Innovation) reichen, die sich auf Interdisziplinarität in Bezug auf Methodik, Kommunikationsformen und Wissenstransfer konzentrieren, bis hin zu neuen Formaten als „Produkte“ künstlerischer Arbeiten und Zugänge.

 

Die im Masterstudiengang entwickelten Projekte benötigen Gruppenkonstellationen, um den beschriebenen Notwendigkeiten nachzukommen. Solche Strukturen arbeiten auf einer nicht hierarchischen Basis. Die Netzwerke und Kontakte sind lokal wie international, externes wie intern vorhandenes Fachwissen wird durch geladene Gäste, das Team der Lehrenden und durch die wechselnden Gruppen von Studierenden und Absolvent*innen in die Abteilung eingebracht.

 

Die Lehre ist forschungsbasiert, verfolgt aktuelle wie dringliche Themen, stützt sich freilich auch auf einen Kanon von Methoden und einen eingeführten Wissensaustausch. Dabei gilt es, die methodische Diversität innerhalb eines Teams zu wahren und nicht auf einen gemeinsamen allzu kleinen Nenner zu reduzieren.

 

Die Projektteams profitieren von den unterschiedlichen Hintergründen und kulturellen Kompetenzen der Teammitglieder. Die Themen werden innerhalb offener Strukturen frei gewählt, wobei „offen“ für flexible Projektstrukturen steht und nötiges Fachwissen durch immer neue, interne wie externe Teamkonstellationen bereitgestellt wird.

 

Die Projekte wenden künstlerische Strategien an und forschen in unterschiedlichen Bereichen. Wien bildet nicht selten Kontext wie Forschungsgebiet, die Stadt bietet dabei gleichsam ein Reallabor. Die künstlerischen Strategien werden außerhalb von Kunstinstitutionen angewendet und zusammen mit Akteur*innen bzw. Interessengruppen in der Stadt entwickelt. Viele Projektideen werden durch ein persönliches Anliegen bzw. den Wunsch ausgelöst, Einfluss auf gegebene Bedingungen zu nehmen.

Um Projekte zu realisieren, geht die Abteilung (Studierende wie Lehrende) Kooperationen beispielsweise mit Einrichtungen der öffentlichen Verwaltung oder NGOs ein. In diesem Rahmen trägt auch das Netzwerk der Alumnae/i wesentlich zu Umsetzungen bei. Detaillierte Informationen zu Projekten wie Lehrinhalten der Abteilung (Studierende wie Lehrende) finden sich in den Jahresberichten („Fanzines“) sowie auf der Website der Abteilung.

 

Dieses Masterstudium basiert auf der Realisierung von Projekten: Die von Team, Gästen und Studierenden angebotenen Fachkenntnisse ermöglichen eine Reflexion sowie theoretische und praktische Einblicke in unterschiedliche Disziplinen. Lehrende liefern die notwendige Unterstützung bei der Konzeption und Realisierung von Projekten, die auf anstehende bzw. aktuelle Themen reagieren, basierend auf den Fachkenntnissen, die von den Studierenden mitgebracht werden. Daher variiert jedes Semester in Bezug auf Programmierung und Gäste. Auch das Streben nach einer laufenden Aktualisierung der Methodik und die Erarbeitung origineller künstlerischer sowie neuer trans- und interdisziplinärer Ansätze formen das Programm jedes Semester neu. Da „Social Design“ nicht als eigenständige Disziplin betrachtet werden kann, sind Lehrende und Studierende gefordert, innovative Projekte zu entwickeln und sich gleichzeitig der ständigen Notwendigkeit bewusst zu sein, kontinuierlich einen Kanon von Methoden in den Bereichen Kunst, Städtebau, Architektur, Urbanistik, Design usw. zu erlernen, auf den sie ihre Konzepte stützen, um mit kreativen Konzepten fortfahren zu können. Durch die Zusammenarbeit im „realen Leben“ versuchen wir außerdem, das in diesem Programm entwickelte Fachwissen sichtbar zu machen und Modelle für zukünftige Arbeitsmöglichkeiten unserer Alumni/ae zu erarbeiten. Das offene Curriculum wir die interdisziplinäre Praxis des Programms sind im Kontext der Universität wohl als modellhaft

Mehrwert

• Herausbildung von beständigen Netzwerken zwischen Lehrenden und Studierenden, zwischen Alumni/ae und Studierenden, • Etablierung von Kooperationen mit Institutionen städtischer Verwaltung, • höchste Motivation, Projekte und Vorhaben umzusetzen, • solidarische Strukturen und starkes Zugehörigkeitsgefühl, • offenen Strukturen, die produktiven Wissenstransfer erlauben

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Die Universität für angewandte Kunst Wien wendet vergleichbar freie und interdisziplinäre Projekt- und Lehrstrukturen bereits seit einigen Jahren auf neue Studiengänge an, da sich die Anwendung und Weiterentwicklung künstlerischer Methoden für die kritische Wahrnehmung gesellschaftlicher Themen als höchst relevant und notwendig erweist.

Akzeptanz

Die Zahl der Bewerbungen steigt stetig, ebenso die Nachfrage nach Kooperationsprojekten. Die Abteilung hat sich erst im Jänner 2020 einer umfassenden Evaluierung durch externe Kolleg*innen unterzogen. (Das Ergebnis steht noch aus.)

Positionierung des Lehrangebots

Es umfasst das gesamte Masterstudium "Social Design" am Institut für Kunst und Gesellschaft der Universität für angewandte Kunst Wien

Links zu der/den Projektmitarbeiter/innen
Links zu Social Media-Kanälen
Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2020 nominiert.
Ars Docendi
2020
Kategorie: Forschungsbezogene bzw. kunstgeleitete Lehre
Ansprechperson
Martina Schöggl, MA
Büro des Rektors
+43 1 71133 2006
Nominierte Person(en)
Brigitte Felderer, Associate Professorin Mag. phil.
Institut für Kunst und Gesellschaft, Abteilung Social Design,
Themenfelder
  • Curriculagestaltung – Inhalt
  • Curriculagestaltung – Organisation
  • Didaktische Methode
  • Erfahrungslernen
Fachbereiche
  • Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften
  • Kunst, Musik und Gestaltung