Universität Wien
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Vorlesung (VO) Essential Scientific Writing

Ziele/Motive/Ausgangslage

Der Autor ist in der Grundlagenforschung tätig und betreut seit mehreren Jahren Bachelor- und Masterstudierende sowie Wahlbeispiele (6-8wöchige Laborpraktika, in denen Studierende Methoden zur Bearbeitung konkreter, fokussierter Forschungsfragen erlernen). Immer wieder tauchten Fragen zur Datenpräsentation, zur Beschreibung empirischer Ergebnisse oder zum Inhalt der Einführungs- und Diskussionsabschnitte von Manuskripten auf, wenn die Studierenden einen schriftlichen Bericht oder eine Qualifikationsarbeit vorlegen mussten, was auf einen erheblichen Mangel an formaler Ausbildung in diesen wichtigen Kompetenzen hinweist. Um dem entgegenzuwirken bot der Autor im Sommersemester 2017 die Vorlesung Essential Scientific Writing erstmals an und erwartete lediglich eine kleine Anzahl Studierender (höchstens 10), die gerade ihre Abschlussarbeiten verfassten. Ursprünglich sollte die Lehrveranstaltung bei der Entwicklung von spezifischen technischen Fertigkeiten unterstützen, die für die Erstellung schriftlicher Dokumente, wie im Curriculum erfordert, nötig sind (z.B. Führen von Laborbüchern, Datenpräsentation, Erstellen von Illustrationen, Verfassen von Bachelor- und Masterarbeiten usw.). Überraschenderweise haben sich mehr als 130 Studierende für diese erste Lehrveranstaltung angemeldet, was die dringliche Notwendigkeit einer solchen Einführung in das akademische Schreiben in den Naturwissenschaften verdeutlicht. Mithilfe direkten Feedbacks der Studierenden konnte der Lehrveranstaltungsleiter die Vorlesung relativ schnell in ihre aktuelle Form weiterentwickeln, die bei den Studenten nach wie vor sehr beliebt ist.

 

Schreiben ist ein wesentlicher Teil des wissenschaftlichen Diskurses und ermöglicht es den Forschern, wissenschaftliche Konzepte zu kommunizieren und auszuloten. Im Gegensatz zu den Geisteswissenschaften wird das Schreiben in den Naturwissenschaften jedoch häufig lediglich als eine der „übertragbaren“ Fähigkeiten angesehen; eine Tätigkeit, die dem Erwerb des derzeit geltenden Wissensstandes in einem Themenbereich sowie der Beherrschung von fachspezifischen Methoden nachgeordnet ist. Wissenschaftliches Schreiben wird häufig entweder passiv (z.B. in Journal Clubs, durch das Lesen wissenschaftlicher Literatur usw.) oder durch ad hoc-Schreibaufgaben geübt, um Argumente und Resultate abschließend zu Papier zu bringen. Ohne vorherige Ausbildung haben viele Studierende Schwierigkeiten, reichhaltige und überzeugende Argumente zu entwickeln und empirische Ergebnisse zu beschreiben. Dieser Bedarf an formaler Ausbildung im naturwissenschaftlichen Schreiben ist zwar international anerkannt, jedoch werden im vorliegenden lokalen Kontext Schreibkurse, wenn überhaupt, eher für Doktorand/innen angeboten.

Zusätzlich zu seiner kommunikativen Funktion hilft das Schreiben, das eigene Verständnis eines Themas einzuschätzen und das eigene Wissen zu erweitern. Die genaue Formulierung eines spezifischen Ziels, die Identifizierung der Wissenslücken und die kritische Synthese des neu erworbenen Materials, das durch Schreiben erklärt und kontextualisiert wird, sind die bestimmenden Merkmale sowohl der wissenschaftlichen Methode als auch des aktiven Lernens. Eine systematische Ausbildung im akademischen Schreiben wäre daher für die Entwicklung metakognitiver Fähigkeiten und die Förderung des aktiven Lernens bei Studierenden der Naturwissenschaften bereits in der Frühphase von Vorteil.

Eine große Herausforderung besteht darin, dass die meisten Studierende in der frühen Post-STEOP-Phase noch keine konkreten, individuellen wissenschaftlichen Interessen entwickelt haben, wodurch sie Kurse im akademischen Schreiben als etwas zu abstrakt erleben könnten. Darüber hinaus verfügen die meisten Studierende zu diesem Zeitpunkt nur über sehr wenig Kontakt und Erfahrung mit wissenschaftlicher Literatur oder sie sind von deren Umfang überfordert. In der Lehrveranstaltung „Essential Scientific Writing“ entwickeln die Studierenden Kompetenzen im kritischen Lesen und im strategischen Schreiben, die sie nutzen, um ihre eigenen Forschungsinteressen auszuloten und sie in einen individuellen Entwicklungsplan („Individual Development Plan“, IDP [1]) zu übersetzen. Das vorliegende Lehrkonzept soll Studierende dabei unterstützen, das Schreiben als metakognitives Instrument zu entdecken und aktives Lernen durch Selbstreflexion, Festlegung spezifischer Lernziele und Entwicklung des strategischen Denkens zu fördern. Weiterführende spezifische Schreibkompetenzen zur Erstellung der Bachelor- und/oder Masterarbeiten können im ergänzenden und separat angebotenen Seminar weiterentwickelt und angewendet werden.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Wissenschaftliches Schreiben erfordert kontinuierliche Einschätzung und Bewertung des eigenen Verständnisses eines Themas, um das eigene Wissen erweitern zu können. Dadurch ähnelt es der wissenschaftlichen Methode und stellt ein wesentliches metakognitives Instrument dar, das zur Förderung der aktiven Lernfähigkeiten der Studierenden genutzt werden kann. In dieser Vorlesung erwerben Studierende am Zentrum für molekulare Biologie der Universität Wien Kompetenzen zum kritischen Lesen und strategischen Schreiben. Das Unterscheidungsmerkmal dieser Lehrveranstaltung ist, dass die Studierenden die erworbenen Fähigkeiten nutzen, um ihre eigenen Forschungsinteressen zu reflektieren und diese in zielorientierte, umsetzbare individuelle Entwicklungspläne zu überführen. Dieses Lehrkonzept verbindet das Einüben aktiver Lese- und Schreibkompetenzen mit der Selbstreflexion der Studierenden und fördert unter Einbeziehung ihrer Motivation aktives, selbstgesteuertes Lernen.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

Academic writing requires continuous assessment of one’s understanding of the subject matter in order to extend one’s knowledge. As such, it is similar to the scientific method and represents an essential metacognitive instrument, which could be harnessed to promote students’ active learning skills. In this course, students at the Center of Molecular Biology at the University of Vienna acquire critical reading and strategic writing skills. The distinguishing feature of this course is that students use the acquired skills to reflect on their own research interests and transform them into goal-oriented, actionable individual development plans. This teaching concept couples training of active reading and writing competences with students’ self-reflection, making use of their motivation and promoting active, self-driven learning.

Nähere Beschreibung des Projekts

Die Vorlesung besteht aus zwei Phasen, in denen sich die Studierenden dem wissenschaftlichen Schreiben aus verschiedenen Perspektiven annähern. In der ersten Phase entwickeln sie kritische Lesekompetenzen, lernen relevante Literatur zu suchen und abzurufen, erkennen die Elemente wissenschaftlicher Argumentation und die spezifischen Funktionen der verschiedenen Teile eines Artikels. In der Lehrveranstaltungseinheit artikulieren Studierende durch Lernaktivitäten und kleine Schreibaufgaben schriftlich ihren inneren Monolog (Knoeller, 2004) und entwickeln eine eigene Stimme. Konkret lernen die Studierenden, ihre Interessen zu verbalisieren, indem sie vom Allgemeinen in fokussierte Themen und Forschungsprobleme hineinzoomen, diese als Forschungsfragen oder Arbeitshypothesen formulieren und deren praktische oder konzeptionelle Bedeutung herausarbeiten. Als nächstes lernen sie, relevante Primärliteratur abzurufen, die sie verwenden, um kritische Lesekompetenz und die Fähigkeit, einen Text kursorisch zu lesen, zu entwickeln. Sie werden mit Elementen des wissenschaftlichen Argumentierens vertraut, um Behauptungen und logische Fehlschlüsse in Artikeln zu identifizieren und eigene (Gegen-)Argumente zu entwickeln. Nach der Diskussion der Funktionen von Textabschnitten lernen die Studierenden mittels „Guided Reading“, wie die Autor/innen empirische Ergebnisse beschreiben, um ihre Behauptungen zu stützen und sie zu neuem Wissen zusammenzuführen. Schließlich verwenden die Studierenden die abgerufene Literatur, um Wissenslücken in den sie interessierenden Forschungsthemen zu identifizieren. Diese erste Phase schließt mit einer offenen Diskussion möglicher Strategien, wie man mit der eigenen Forschung Wirkung („Impact“) erzielen und diese veröffentlichen kann.

 

Aufgrund der Anzahl an Anmeldungen (> 100 pro Semester) bot sich das Vorlesungsformat an. Um sowohl Schreibaufgaben als auch Feedback in die Vorlesungen einzubeziehen, wurde eine Kombination von Methoden verwendet, mit denen die Studierenden ihren inneren Monolog in Geschriebenes umwandelten. In der Regel werden „Freewriting“ oder Forumsdiskussionen zu kurzen, einfachen Fragen (z.B. „Was hat Sie zum Studium der Molekularbiologie motiviert?“) verwendet, um das Vorwissen der Studierenden zu aktivieren, Diskussionen zu den Vorlesungsthemen anzuregen und gleichzeitig Textmaterial für die weitere Bearbeitung in der Lehrveranstaltung (LV) zu generieren. Als nächstes stelle ich als LV-Leiter häufige Probleme und spezifische Beispiele vor oder wir untersuchen diese mittels “Guided Reading“ genauer. Dies regt die Studierenden an, ihren ursprünglichen Text zu überarbeiten und weiterzuentwickeln (z.B. durch Hilfestellungen wie „Formulieren Sie Ihre Motivation neu, indem Sie die folgende Vorlage ausfüllen: ‚Ich untersuche [Forschungsthema], weil ich [konzeptuelle Frage] so verstehen möchte, damit [praktische oder konzeptionelle Bedeutung]'”). Schließlich werden Peer-Feedback oder Perspektivenwechsel verwendet, um das Argumentieren praktisch zu üben und Feedback zu geben bzw. zu erhalten. Die Regeln und Kriterien dafür werden von mir bereitgestellt. Mit dieser Feedbackaktivität versuche ich die Studierende auch darauf aufmerksam zu machen, dass sie ihre Texte für die Kollegen/innen klar und verständlich halten. Dieser dreigliedrige Ansatz hilft den Studierenden, ihren inneren Monolog in konkrete Angaben (z.B. langfristiges Ziel, spezifisches Ziel, Arbeitshypothese, konzeptionelle Bedeutung usw.) zu überführen, bietet unmittelbares Feedback und bringt den Studierenden den explorativen, iterativen Charakter des Schreibens nahe. Die kurzen Aufgaben in der LV-Einheit können auf zusätzliche, nicht benotete schriftlichen Aufgaben auf Moodle ausgeweitet werden, auf die ich ein kurzes schriftliches Feedback gebe.

 

In dieser ersten Phase scheuen sich Studierende oft davor, ihre Interessen mit anderen zu teilen. Die zweite Phase konzentriert sich daher darauf, ihre Interessen und Ideen in zielorientierte, umsetzbare Projekte zu übersetzen. Nun lernen sie, ihre Schreib-, Illustrations- und Präsentationskompetenzen weiterzuentwickeln, um ihre Ideen effizient zu kommunizieren. Sie verwenden die zuvor entwickelten Materialien (Freewriting, usw.), um kurze ad hoc-Projektanträge zu formulieren, die sie dann in Kleingruppen diskutieren und auf die sie sich gegenseitig konstruktives Feedback geben. In dieser Phase werden iteratives Schreiben und Peer-Feedback als metakognitive Instrumente eingesetzt, um die Beziehung zwischen Forschungszielen, Strategie und erwarteten Ergebnissen zu untersuchen und die Studierenden bei der Priorisierung ihrer Lernziele zu unterstützen. Konkret formulieren die Studierenden 2-3 Forschungsziele, skizzieren erwartete Ergebnisse und bewerten diese hinsichtlich ihrer Auswirkungen, Aktualität und Durchführbarkeit. Dann entwickeln die Studierenden einen kurzen Projektantrag, den sie in Kleingruppen kurz und prägnant mündlich präsentieren, wobei die anderen Gruppenmitglieder die Rollen von Unterstützer/innen, Kritiker/innen und Vertreter/innen eines Fördergebers einnehmen. So loten die Studierenden ihre Forschungsinteressen interaktiv weiter aus und üben wissenschaftliches Argumentieren aus wechselnden Perspektiven. Am Ende der zweiten Phase bekommen die Studierenden die Aufgabe, ihr eigenes Studium als Strategie zur Erreichung eines identifizierbaren persönlichen Ziels zu betrachten, die sie als nicht benoteten „individuellen Entwicklungsplan“ (IDP) ausformulieren.

 

Die Vorlesung endet mit einer schriftlichen Prüfung, in der die Beherrschung der Hauptkonzepte (Elemente des wissenschaftlichen Arguments, logische Fehlschlüsse, Absatzstruktur, Funktionen von Artikelabschnitten, Prinzipien der Textüberarbeitung usw.) sowie strategische Schreibfähigkeiten überprüft werden.

 

Die LV verwendet Moodle. Es enthält Vorlesungsmaterialien, empfohlene Literatur, Aufgabenstellungen und Links zu Online-Ressourcen für akademisches Schreiben. Auch das Feedback zu nicht benoteten schriftlichen Aufgaben (mit Ausnahme der IDP, die die Studierenden mit ihren akademischen Betreuer/innen besprechen) wird dort bereitgestellt.

 

Innovative Hochschuldidaktik

Wissenschaftliches Schreiben wird häufig entweder passiv (in Journal Clubs oder durch das Lesen von Originalliteratur), durch ad hoc-Schreibaufgaben oder in speziellen Kursen geübt. Schreibfähigkeiten allein reichen jedoch zum besseren Erwerb von neuem Wissen nicht aus: Die Konzeptualisierung der eigenen Forschung muss explizit erlernt und geübt werden, um metakognitive Fähigkeiten zu entwickeln (Armstrong et al., 2008). In dieser LV ist wissenschaftliches Schreiben das Lernziel und zugleich ein metakognitives Instrument, mit dem die Studierenden ihre Forschungsinteressen ausloten und in ihrem aktiven, selbstgesteuerten Lernen gefördert werden. Obwohl letztlich die Qualität der Forschungsinteressen und/oder IDP je nach persönlichem Hintergrund und Erfahrung unterschiedlich ist, halten die meisten Studierende die LV sowohl als Einführung in das wissenschaftliche Schreiben als auch in die Praxis der Forschung für nützlich. In den Evaluationen schlugen mehrere Studierende vor, einen ähnlichen Kurs auf Bachelor-Ebene verpflichtend einzurichten.

 

Die Praxis des „Low-Stakes“-Schreibens entwickelte sich als natürliche Erweiterung des Konzepts „Schreiben um zu Lernen (writing to learn)“ (Elbow, 1997; Moskowitz und Kellogg, 2011; Reynolds et al., 2012) und umfasst kurze, typischerweise nicht benotete Schreibaufgaben, die den Studierenden helfen, die hohe Aktivierungshürde für das Schreiben zu überwinden, die Internalisierung komplexer Konzepte erleichtern und auf die „High-Stakes“-Schreibaufgaben (wie z.B. Abschlussarbeiten) vorbereiten. „Low-Stakes“-Schreiben kann problemlos auch in größeren LV eingesetzt werden. Die daraus resultierenden Texte dienen als Ausgangspunkt für die weitere Erarbeitung der ausgewählten Themen. Mehrere Studierende betonten den Nutzen solcher Schreibübungen zur Reduzierung von Stress, der mit „High-Stakes“-Aufgaben verbunden ist: „[nicht benotete Aufgaben] ermöglichten es mir, sie zu machen, ohne endlosem Stress und Sorgen ausgesetzt zu sein“; "[Studierende] können gleich anfangen zu schreiben, ohne den Druck zu versagen" usw.

 

Studierendenzentrierung und Heterogenität

Die LV wird auf Englisch angeboten und richtet sich an Studierende mit unterschiedlichem kulturellen und sozialen Hintergrund. Oft sind in einer LV unterschiedlich erfahrene Studierende, auch aus verschiedenen Hauptfächern, was unterschiedliche Erfahrungen und Lebensperspektiven gewährleistet. Authentische Lebenssituationen und Beispiele aus der Praxis, eingebracht sowohl vom Kursleiter als auch von den Studierenden, sowie die Auswahl der Beispieltexte, lassen die Studierenden in eine ehrliche Diskussion über die akademische Realität, Arbeitszufriedenheit, Chancengleichheit und alternative Karrierewege usw. eintreten. Zum Beispiel vergleichen die Studierenden die trockene Sprache von Gender-Mainstreaming-Statements der Industrie mit den lebhaften Essays der Neurowissenschaftlerin Indira Raman oder sie treten mit dem Zellbiologen Ron Vale in Dialog über die Vorteile einer akademischer Karriere (Raman, 2016, 2019; Vale, 2010). In den Evaluationen schätzen die Studierenden diese offenen Diskussionen und Beispiele, weil sie ihnen bei der Entwicklung einer eigenen Stimme helfen und die Bedeutung ihres persönlichen Beitrags zur Wissenschaft und zum aktiven Dialog zwischen Wissenschaftlern und der Gesellschaft hervorheben.

 

Kompetenzorientierung

Die LV zielt auf die Entwicklung strategischer Schreibkompetenzen ab, die auf verschiedene Disziplinen der Naturwissenschaften anwendbar sind (z.B. wurde eine gekürzte Version der Lehrveranstaltung für die Studierenden des Doktorand/innenprogramms „Atoms, Light and Molecules“ an der Universität Innsbruck angeboten; [2]). Die Studierenden lernen, möglichst objektives und produktives Feedback zu geben und zu erhalten die Möglichkeit, ihre Ideen und Gedanken mittels Text, Illustrationen und mündlichen Präsentationen zu kommunizieren und ihre Forschung zu veröffentlichen. Der iterative Charakter des wissenschaftlichen Schreibens und die fundamentale Rolle konstruktiven Feedbacks, das sie in der Vorlesung veranschaulicht bekommen und selbst praktizieren, bereitet die Studierenden auf die Realität der Er- und Überarbeitung von Abschlussarbeiten, schlussendlich aber auch auf die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen vor. In den Evaluationen wiesen viele auf die Relevanz der Vorlesungsinhalte für andere LV und die Vorbereitung von BA- und MA-Arbeiten hin: „[Betreuer/innen] vergessen oft, dass die Studierenden [akademisches Schreiben]nicht [gelernt haben]“. Mehrere Studierende berichteten, dass ihnen die erworbenen Fähigkeiten geholfen haben, in anderen Fächern Berichte zu erstellen und Präsentationen zu halten. Darüber hinaus wurden in der LV die höchstrelevanten Themen Autor/innenschaft, Plagiat und ethisches Verhalten explizit diskutiert. Die Studierenden lernen und üben das Suchen und Abrufen von Primärquellen mithilfe professioneller Datenbanken (Pubmed, UniProt, PDB usw.), machen sich mit den Prinzipien der Wissensorganisation mithilfe von Online- und persönlicher Referenz- und Bibliografiemanagementsoftware vertraut und lernen die aktuellen Praktiken der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen (Open Access, Preprints, Datenrepositorys, DOI, ORCiD usw.).

 

Europäische und internationale Ausrichtung

Die LV hilft Studierenden, die Englisch nicht als Erstsprache haben, wissenschaftliches Schreiben auf Englisch zu üben, eine Brücke zwischen der eigenen studentischen Forschung und der internationalen akademischen Gemeinschaft zu schlagen und die gemeinsamen Werte des in der European Charter for Researchers dargelegten Forschungsverhaltens zu fördern. Dies geschieht insbesondere durch Erörterung der Autor/innenkriterien des International Committee of Medical Journal Editors, der CRediT-Taxonomie, der Veröffentlichungskriterien usw. Moodle enthält zahlreiche Links zu den relevanten Online-Materialien (z.B. NIH, ERC, iBiology usw.), wodurch die Studierenden die vielfältigen Online-Bildungs- und Forschungsressourcen eigenständig erkunden können.

Mehrwert

Die Studierenden berichten, dass der Kurs ihnen geholfen hat, Präsentationen vorzubereiten und Texte (z.B. Berichte) auch in anderen Fächern und Lehrveranstaltungen zu schreiben. Elemente des vorgestellten Projekts wurden als schriftliche Richtlinien für die Vorbereitung von Bachelor- und Masterarbeiten für Teilnehmende des Großpraktikums Molekulare Biologie (301850) im Labor des Autors verwendet. Die kürzlich eingeführte Seminarreihe half den Teilnehmer/innen laut ihrer Angaben direkt bei der Vorbereitung ihrer Masterarbeiten.

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Das Konzept scheint für die Lehre wissenschaftlichen Schreibens in anderen Umgebungen geeignet zu sein. Ein positives Beispiel ist die Anwendung für die Studierenden des Doktorand/innenprogramms „Atoms, Light and Molecules“ an der Universität Innsbruck [2]. Die Hauptüberarbeitung dafür umfasste nur die Änderung der Beispiele wissenschaftlicher Texte von der Molekularbiologie zur Physik.

Seit dem WS 2019 wird die Vorlesung durch ein Seminar für Studierende, die an ihren BA- oder MA-Arbeiten schreiben, ergänzt. In den Einheiten und den begleitenden Aufgaben konzentrieren sich die Studierenden nicht auf das Ausloten von Forschungsinteressen, sondern auf ihre konkreten Laborprojekte, um sowohl langfristige Ziele als auch spezifische Wissenslücken in Bezug auf das Projektes zu identifizieren, Arbeitshypothesen und spezifische Forschungsziele zu formulieren und ihre eigenen Daten zu beschreiben. Der Schwerpunkt liegt auf der Beschreibung und Interpretation empirischer Ergebnisse, der internen Textstruktur, der thematischen Kohärenz und Klarheit, dem Zitieren von Primärquellen sowie dem Geben und Empfangen von Peer-Feedback. Die Studierenden verwenden grafische Abstracts und strukturierte Präsentationen, um ihre Forschungsprojekte auf einer Studierendenkonferenz vorzustellen, bei der jedem Projekt ein Peer Reviewer zugewiesen wird. Die Schreib- und Präsentationskompetenzen der Studierenden werden in einer Teilleistung und einer Abschlussarbeit zum Thema ihres Forschungsprojekts explizit bewertet.

Als neueste Entwicklung im kommenden Semester steht die Umwandlung verschiedener Themenbereiche (z.B. Manuskriptelemente und ihre Funktion, Quellenangaben, wissenschaftliche Illustrationen usw.) auf das Flipped Classroom-Format (Lernvideos und/oder interaktive Online-Präsentationen) mithilfe der Articulate360 Storyline- und Rise-Software an. Dies macht wertvolle Zeit in der Einheit sowohl für zusätzliche Diskussionen als auch interaktive Übungen frei und kann auch problemlos in andere schreibbezogene Lehrveranstaltungen integriert werden. Langfristig könnte die Vorlesung besser mit dem Curriculum verknüpft werden und zu strategisch wichtigen Zeitpunkten im Bachelor- und Masterstudium angeboten werden. Um die tatsächliche Wirkung auf die Leistung der Studierenden nachzuweisen, sind allerdings Längsschnittstudien erforderlich.

Akzeptanz

Über einen Zeitraum von drei Jahren (SS2017-SS2019) haben sich insgesamt 384 Studierende für die Lehrveranstaltung angemeldet, von denen 155 (40%) in der schriftlichen Prüfung beurteilt wurden. Insgesamt 73 Studierende (19%) nahmen an der anonymen Papier- (SS2017) oder Online-Evaluierung (SS2018, SS2019) teil, die von der Qualitätssicherung der Universität Wien durchgeführt wurde. Von den 73 Befragten stimmte die absolute Mehrheit (>95%) nachdrücklich zu, dass die Lehrveranstaltung für ihren Beitrag zu zur Zielerreichung in ihrem Programm sehr wichtig war, schätzte die Inhalte als sehr interessant (>80%) ein und bewertete den Gesamtkurs als sehr gut (>93%). Die Evaluierungsergebnisse zum LV-Leiter, der LV-Struktur und der Materialien waren auch sehr positiv. Die stärkste Kritik bezog sich auf die Erwartungen der Studierenden an die Prüfung in der ersten Durchführung der LV im SS2017, wobei nur ~56% der Befragten eine klare Vorstellung davon hatten, was sie in der Prüfung erwarten sollten. In den folgenden Jahren stieg diese Zahl auf >85%. Bei den Bewertungen mit offenen Fragen waren die Antworten der Studierenden im Allgemeinen sehr positiv. Die Hauptkritik betraf die Notwendigkeit einer weiteren Schreibpraxis, die durch die Einführung des ergänzenden Seminars im WS2019 realisiert wurde.

Für Evaluierungsergebnisse im Detail siehe: ctl.univie.ac.at/ars-docendi/yudushkin/evaluierungen/

Aufwand

Der Zeitaufwand zur Konzipierung und Gestaltung einer völlig neuen Lehrveranstaltung war ziemlich hoch. Im Vergleich zu einer herkömmlichen Vorlesung benötigt diese, eine gute Vorbereitung der diversen Aktivitäten in der Präsenzzeit und vor allem auch das Feedback auf die nicht benoteten Aufgaben der Studierenden viel Zeit. Auch die Überarbeitung der LV nach den Rückmeldungen der Studierenden ist zeitintensiv. Ein individuelles jährliches akademisches Articulate360 Abonnement beträgt 499 USD.

Positionierung des Lehrangebots

Diese Lehrveranstaltung ist ein Wahlfach für Studierende des Zentrums für molekulare Biologie der Universität Wien (ZMB) und wird nach Abschluss der Einführungs- und Orientierungsphase (STEOP) empfohlen. Sie wird in englischer Sprache angeboten und richtet sich in erster Linie an Studierende mit Schwerpunkt Molekularbiologie und Biowissenschaften. Die Lehrveranstaltung wird in zwei sich ergänzenden Formaten angeboten: einer Vorlesung und ein Seminar. Die hier beschriebene Vorlesung richtet sich in erster Linie an Studierende im Frühstadium und soll ihnen helfen, ihre Forschungsinteressen zu erkunden und sich aktiv an der Gestaltung ihres eigenen Curriculums zu beteiligen. Zusätzlich wurde kürzlich ein ergänzendes Seminar entwickelt, um den Bedürfnissen der Studierenden zu entsprechen, die ihre Bachelor- oder Masterarbeiten beginnen oder abschließen.

Links zu Social Media-Kanälen
Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2020 nominiert.
Ars Docendi
2020
Kategorie: Forschungsbezogene bzw. kunstgeleitete Lehre
Ansprechperson
Ivan YUDUSHKIN, Dr.
Dept. For Structural and Computational Biology, Universität Wien
+43 1 4277 74340
Nominierte Person(en)
Ivan YUDUSHKIN, Dr.
Dept. For Structural and Computational Biology, Universität Wien
Themenfelder
  • Wissenschaftliche (Abschluss)Arbeiten
  • Didaktische Methode
Fachbereiche
  • Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik/Ingenieurwissenschaften