Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Innrain 52, 6020 Innsbruck
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Gemeinsame Lehrveranstaltung im Masterstudium Germanistik/Vergleichende Literaturwissenschaft mit Team Teaching: »Vertiefung Germanistik: Literatur und Film zum Mauerfall 1989« und »Vergleichende Literaturwissenschaft Seminar«

Ziele/Motive/Ausgangslage

Anlässlich des 30. Jahrestags des Falls der Berliner Mauer sollte eine Lehrveranstaltung im Master-Bereich angeboten werden, in der wesentliche Werke aus Literatur und Film behandelt werden, die sich mit diesem historischen Ereignis auseinandersetzen. – Aufgrund des gemeinsamen Interesses für dieses Thema, dem komplementären biographischen Hintergrund (West- und Ostdeutschland) und der vermuteten Attraktivität für die jeweiligen Studiengänge (Germanistik incl. Lehramt sowie Vergleichende Literaturwissenschaft) haben Thomas Wegmann und Sebastian Donat die Lehrveranstaltung als fächerübergreifendes Team-Teaching konzipiert. Die Integration filmischer Werke legte eine Zusammenarbeit mit dem örtlichen Programmkino (Leokino) nahe.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Im WiSe 19/20 führten Prof. Th. Wegmann (Germanistik) und Prof. S. Donat (Vergleichende Literaturwissenschaft) ein gemeinsames Seminar zum Thema „Literatur und Film zum Mauerfall 1989“ durch, an dem 30 Studierende teilnahmen, zur Hälfte aus germanistischen Fächern (MA Germanistik und MA Lehramt Sekundarstufe) und aus dem MA Vergleichende Literaturwissenschaft. Behandelt wurden Erzähltexte und Filme, die sich in ganz unterschiedlicher Weise mit dem Thema des Mauerfalls auseinandersetzen. Zum Kurs gehörten weiterhin eine Filmreihe in Kooperation mit dem Innsbrucker Leokino und ein Gastvortrag von Thomas Geiger vom Literarischen Colloquium Berlin.

Der Kurs folgte dem Prinzip des Team-Teaching (gemeinsame Organisation und Sitzungsleitung durch beide Lehrenden) und der Studierenden-Tandems (Teams von 2-3 Studierenden, jeweils unter Beteiligung beider Fächer).

Durch die Veranstaltungsform und die Hintergründe der Beteiligten – Innsbrucker Studierende aus der Generation ›nach dem Mauerfall‹, Th. Wegmann mit Herkunft aus der BRD, S. Donat mit Herkunft aus der DDR – wurde eine Perspektivenvielfalt erreicht. Das führte zu einer ausgeprägten Dialogizität inclusive konstruktiv geführter Kontroversen.

Der Kurs fand große Akzeptanz bei den Studierenden.

Wichtig war die Unterstützung seitens der Universität Innsbruck: Format Team-Teaching an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät, finanzielle Zuschüsse zur Filmreihe seitens der Fakultät und des VR Forschung.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

In winter semester 19/20, Prof. Th. Wegmann (German Studies) and Prof. S. Donat (Comparative Literature) held a joint seminar on "Literature and Film on the Fall of the Berlin Wall 1989", in which 30 students participated, half of them from German studies (MA German Studies and MA Secondary School Teacher Training) and half from the MA Comparative Literature. The focus was on narrative texts and films that deal with the fall of the Berlin Wall in very different ways. The course also included a film series in cooperation with the Innsbruck Leokino and a guest lecture by Thomas Geiger from the Literary Colloquium Berlin.

The course followed the principle of team-teaching (joint organisation and chairing of the meeting by both teachers) and student tandems (teams of 2-3 students, each with the participation of both subjects).

Due to the form of the course and the backgrounds of the participants - Innsbruck students from the generation 'after the fall of the Berlin wall', Th. Wegmann with origins in the FRG, S. Donat with origins in the GDR - a diversity of perspectives was achieved. This led to a pronounced dialogicity including constructively led controversies.

The course found great acceptance among the students.

This event was also made possible by the support from the University of Innsbruck: programme for Team-Teaching at the Faculty of Language, Literature, and Culture, financial contributions to the film series from the Faculty and the Vice Rectorate for Research.

Nähere Beschreibung des Projekts

Im Fokus des Seminars, das fächerübergreifend im MA Germanistik, im MA Unterrichtsfach Deutsch und im MA Vergleichende Literaturwissenschaft angeboten und gemeinsam von Univ.-Prof. Dr. Thomas Wegmann und Univ.-Prof. Dr. Sebastian Donat im Wintersemester 2019/20 an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck durchgeführt wurde, stand die Auseinandersetzung mit dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 in Literatur und Film.

Im Herbst 2019 jährte sich das politische Ereignis, das sinnbildlich geworden ist für den weltpolitischen Umbruch im Zusammenhang mit dem weitgehend friedlich verlaufenden Sturz der kommunistischen Regimes in Zentral- und Osteuropa, zum 30. Mal. Dieses Jubiläum lieferte einen herausgehobenen Anlass für die Beschäftigung mit dieser Thematik, die sich in Form einer ins Seminar integrierten Filmreihe in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Programmkino (Leokino; drei Filme mit Einführungen und einer Podiumsdiskussion) auch an ein breites Publikum richtete. Als weiterer, diesmal hochschulöffentlich zugänglicher Programmpunkt wurde ein Gastvortrag von Thomas Geiger (Literarisches Colloquium Berlin) zum Thema »Ein deutscher Literaturstreit – Christa Wolf und was bleibt« integriert.

Die seit dem Mauerfall vergangenen drei Jahrzehnte sorgen dafür, dass inzwischen eine deutliche Distanz zum historischen Ereignis und seinen unmittelbaren Folgen vorliegt (die zudem in Österreich im Vergleich zu Deutschland naturgemäß stärker ausgeprägt ist). Dies ermöglichte es auch, die zahlreichen und dabei sehr unterschiedlichen literarischen und filmischen Auseinandersetzungen mit dem Mauerfall mit dem nötigen wissenschaftlichen Abstand zu analysieren. Gefragt wurde dabei einerseits nach der Rolle von Literatur als zeitgeschichtlichem Reaktions- und Reflexionsmedium sowie wesentlichem Bestandteil des gesellschaftlichen Diskurses. Andererseits galt es aber auch, dem spezifischen literarischen bzw. filmischen Potential des Mauerfalls nachzuspüren, z.B. mit Blick auf Raumstrukturen, Figurenkonstellationen und Handlungsmuster.

Das Format des fächerübergreifenden Seminars im Team Teaching ermöglichte es den Studierenden, ihre Curriculum-spezifischen wissenschaftlichen Profile (z.B. literaturgeschichtlich fundiertes Wissen zur deutschsprachigen Literatur im MA Germanistik und im MA Unterrichtsfach Deutsch sowie Kenntnisse im Bereich der literarischen Dispositive und der Intermedialität im MA Vergleichende Literaturwissenschaft) einzubringen, miteinander zu kombinieren und dadurch voneinander zu lernen – und zwar in gemischten Gruppen aus Studierenden der Germanistik und der Vergleichenden Literaturwissenschaft, die jeweils gemeinsam ein Thema bzw. eine Sitzung vorbereiteten.

Auf der Seite der Lehrenden ergab sich mit den Seminarleitern Thomas Wegmann und Sebastian Donat die interessante und im besten Sinne spannungsreiche Kombination von zwei Wissenschaftlern, die auf unterschiedlichen Seiten des Eisernen Vorhangs aufgewachsen sind (Wegmann: BRD, Donat: DDR), im Zuge der Wende aber ihre Positionen gewissermaßen getauscht haben (Wegmann: Berlin, Donat: München) und demzufolge die politischen Ereignisse, aber auch die literarischen und filmischen Reaktionen darauf aus sehr unterschiedlichen Perspektiven wahrgenommen haben. So konnte beispielsweise Thomas Wegmann die Nacht des 9.11.1989 und die Atmosphäre rund um den Mauerfall aus einem typischen Westberliner Blickwinkel schildern, und Sebastian Donat gab anhand von Dokumenten der Stasi-Unterlagenbehörde einen Einblick in das Überwachungssystem in der ehemaligen DDR.

Mehrwert

Der Mehrwert des Projekts besteht gerade nicht in einer Ersparnis, sondern im Gegenteil in einem Zuwachs, der den nicht unbeträchtlichen zusätzlichen Aufwand (s.u.) mehr als rechtfertigt. Der Mehrwert betrifft insbesondere folgende Punkte:
•    Umfang und Tiefe des zu behandelnden Themas: Die beschriebende mehrfache Kombination (Team-Teaching, Studierenden-Tandems, Kooperation mit Kino, externer Gastvortrag) führt zu einem deutlichen Zuwachs an Kompetenzen mit Blick auf den Gegenstand des Seminars wie auch auf die methodologischen Zugänge. Im vorliegenden Fall erwies sich insbesondere die fachliche Anbindung der beiden LV-Leiter sowie ihr biographischer Hintergrund als sehr förderlich: Thomas Wegmann als Germanist mit einem Forschungsschwerpunkt in der Beziehung zwischen Literatur und Zeitgeschichte und Herkunft aus der Bundesrepublik Deutschland sowie Sebastian Donat als Komparatist mit einem Forschungsschwerpunkt in der Theorie von Raum und Konstellationen und Herkunft aus der DDR.
•    Arbeitsweise: Für die Studierenden wie auch das Seminar als ganzes war die kontinuierliche Mehrfachperspektive (West- und Ostdeutschland sowie Österreich) sowie die jeweilige Konstellation in den Tandems (für Referate und Sitzungsgestaltungen) fruchtbringend. Sie ermöglichte und erforderte die Überschreitung der gewohnten Blickwinkel und eine konstruktive Zusammenarbeit über Fächergrenzen hinweg. Für die Lehrenden erwies sich die Ergänzung der fachlichen und individuellen Forschungs- und Lehrperspektiven als ausgesprochen fruchtbringend.
•    Kommunikation: Die Lehrveranstaltung war von der ersten Idee bis zur Abschlusssitzung durch eine hohe Dialogizität und entsprechend intensive und dabei durchwegs kontruktive Kommunikation gekennzeichnet.

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Die Übertragbarkeit betrifft strukturelle Elemente, wie das Prinzip des Team-Teaching und der Studierenden-Tandems sowie die Aufteilung der insgesamt sehr umfangreichen Werkbasis (8 Romane, 3 Erzählungen, 4 Kinofilme) auf teils allgemein verbindliche, teils für jeweils die Hälfte des Kurses obligatorische Lektüre bzw. Rezeption. – Ebenfalls übertragbar (und in hohem Maße empfehlenswert) ist die Integration von Filmvorführungen inclusive studentischer Einleitung und anschließender Podiumsdiskussion in Lehrveranstaltungen in Zusammenarbeit mit lokalen Programmkinos. – Dasselbe betrifft die Einbeziehung eines Gastvortrags, und zwar von vornherein als wesentliches Element in der inhaltlichen Gesamtkonzeption. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit einer inhaltlichen und auch perspektivischen Horizonterweiterung.

Das Format des geförderten Team-Teaching (jährliche Ausschreibung unter Vorlage eines Konzepts, Zusage beinhaltet die volle Anrechnung des Deputats für beide LV-LeiterInnen) existiert an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Uni Innsbruck seit mehreren Jahren. Es sollte unbedingt weitergeführt und ggf. auch im Umfang erweitert werden.

Akzeptanz

Die Akzeptanz des Projekts kann bis zum Vorliegen der Auswertung der freiwilligen Lehrveranstaltungsanalyse durch die hohen Belegungszahlen (je 15 Studierende aus der Germanistik – incl. Lehramt – und der Vergleichenden Literaturwissenschaft, was für beide Fächer klar überdurchschnittlich ist), die Kontinuität der Anwesenheit der Studierenden (ungewöhnlich geringe Zahl von Fehlstunden), das offenkundige Interesse für eine Themenübernahme im Tandem (jeweils 2er bis 3er Teams aus Germanistik- und Komparatistik-Studierenden), die bemerkenswert intensive Vorbereitung sowie durchwegs sehr hohe Qualität der Referate und Sitzungsgestaltungen, die ganz außergewöhnliche intensive und engagierte Diskussion, nicht zuletzt basierend auf der ganz erfreulichen Bereitschaft, vorbereitend ein hohes Lektürepensum zu absolvieren (5 teils umfangreiche Romane plus Erzählungen und Theorie-Texte) und mündliche wie schriftliche Rückmeldungen einzelner SeminarteilnehmerInnen während und nach der Lehrverantaltung belegt werden.

Aufwand

Der (zusätzliche) zeitliche Aufwand betrifft die Felder Konzeption, Kooperationen, Antragstellungen, kontinuierliche Begleitung, besondere Elemente und Öffentlichkeitsarbeit.
Konzeption: Ca. ein Jahr vor LV-Beginn entstand die Idee eines gemeinsamen Seminars; es folgten 3-4 längere Vorbesprechungen zur generellen Anlage, zum Untersuchungsgegenstand, zur Methode und zur Programmgestaltung.
•    Kooperationen: Die Kooperation mit Thomas Geiger vom Literarischen Colloquium Berlin betraf zum einen die vorausgehende Tagung am LCB und am Österreichischen Kulturforum Berlin »Klagenfurt revisited. 30 Jahre später – Der Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis als Ort des deutsch-deutschen Literaturaustauschs« (18./19.9.2019), zum anderen seinen Gastvortrag im Rahmen des Seminars am 16.1.2020 zu Thema »Ein deutscher Literaturstreit – Christa Wolf und was bleibt«. – Eine zweite Kooperation mit außeruniversitären Einrichtungen war sehr wesentlich für die konkrete Gestaltung der Lehrveanstaltung: eine gemeinsam mit dem Leokino Innsbruck organisierte dreiteilige »Filmreihe zu Wende und Mauerfall«. Hierzu fanden zwei ausführliche Vorgespräche und eine Nachbesprechung statt.
•    Antragstellung: Um die Lehrveranstaltung studiengangübergreifend als Team-Teaching anbieten zu können, musste die Lehreplanung entsprechend organisiert werden; zudem war eine Antragstellung im Rahmen der jährlichen Team-Teaching-Ausschreibung der Fakultät erforderlich. Zur finanziellen Absicherung der Filmreihe wurden Anträge auf Veranstaltungsförderung beim Vizerektorat für Forschung und bei der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät eingereicht und bewilligt.
•    Kontinuierliche Begleitung: Die Lehrveranstaltung wurde von beiden LV-Leitern zusätzlich zur üblichen inhaltlichen Vorbereitung und der Beratung der jeweiligen Referatsgruppen kontinuierlich durch Vorbesprechungen und Nachbesprechungen unmittelbar vor und nach den einzelnen LV-Sitzungen begleitet.
•    Besondere Elemente: Zusätzlicher Zeitaufwand entstand durch die dreiteilige Filmreihe im Leo-Kino und den Gastvortrag von Thomas Geiger.
•    Öffentlichkeitsarbeit: Die Bewerbung der Lehrveranstaltung bzw. einzelner Elemente erfolgte einerseits universitätsintern durch die Gestaltung einer Seite für den Newsroom der Universitäts-Homepage (https://www.uibk.ac.at/newsroom/mauerfall-in-literatur-und-film.html.de) und andererseits durch Informationen zur Filmreihe, die in Zusammenarbeit mit dem Leokino erstellt wurden (Texte und Fotos zu den Filmen, die über Newsletter und die Homepage des Kinos verbreitet wurden).
•    Die Zusatzkosten betreffen den Gastvortrag von Thomas Geiger (Reise- und Übernachtungskosten, übernommen vom Institut für Germanistik im Rahmen der Gastvortragsmittel) und die Ko-Finanzierung der Filmreihe im Leokino (Antrag beim Vizerektorat für Forschung und Bewilligung von 880,-€ plus 440,-€ aus der Veranstaltungsförderung der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät).

Positionierung des Lehrangebots

Masterstudium Germanistik laut Curriculum 2009, Pflichtmodul 3: Vertiefung Germanistik + Masterstudium Lehramt Sekundarstufe (Allgemeinbildung) laut Curriculum 2018, Unterrichtsfach Deutsch, Pflichtmodul 1: Vertiefung Germanistik / Masterstudium Vergleichende Literaturwissenschaft laut Curriculum 2009, Pflichtmodul 5: Wissenschaftliche Vertiefung

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2020 nominiert.
Ars Docendi
2020
Kategorie: Kooperative Lehr- und Arbeitsformen
Ansprechperson
Sebastian Donat, Univ.-Prof. Dr.
Institut für Sprachen und Literaturen, Vergleichende Literaturwissenschaft
+43 512 507 4115
Nominierte Person(en)
Sebastian Donat, Univ.-Prof. Dr.
Institut für Sprachen und Literaturen, Vergleichende Literaturwissenschaft
Thomas Wegmann, Univ.-Prof. Dr.
Institut für Germanistik
Themenfelder
  • Didaktische Methode
  • Internationalisation@home
Fachbereiche
  • Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften