Fachhochschule Wiener Neustadt GmbH
Johannes Gutenberg-Straße 3, 2700 Wiener Neustadt
Weitere Beispiele der Hochschule

Wissen.Schafft.Pflege.Praxis.

Ziele/Motive/Ausgangslage

Auf der einen Seite ist Pflegewissenschaft eine junge Disziplin, die in Österreich erst seit wenigen Jahren etabliert ist. Seit 2008 findet die Ausbildung der „Diplomierten Gesundheits- und Krankenpflege“ in Österreich auch im tertiären Bereich statt. Die Studierenden müssen innerhalb ihrer Ausbildung nun auch wissenschaftlich arbeiten und zum Studienabschluss eine Bachelorarbeit verfassen.

Auf der anderen Seite ist die Pflegepraxis durch die steigende Lebenserwartung und die Zunahme an chronischen Erkrankungen sehr hohen Belastungen ausgesetzt. Mehr als ein Drittel der Österreicher*innen ab 15 Jahren ist von einem chronischen Gesundheitsproblem betroffen (Statistik Austria, 2016). Für die Pflege ergibt sich dadurch eine hohe Arbeitsbelastung, die Aufgaben werden immer herausfordernder und die Fragestellungen im Praxisalltag immer spezieller. Komplexe Entscheidungen können nicht immer schnell beantwortet werden und bedürfen einer hohen Expertise.

Somit schien es als logische Konsequenz, dass sich die Bereiche Pflegepraxis und der Studiengang der Allgemeinen Gesundheits- und Krankenpflege miteinander vernetzen. Die Studierenden benötigen Fragestellungen, die praxisnah und interessant sind, damit sie den Sinn und Zweck von Pflegeforschung verstehen. Die Pflegepraxis hat gleichzeitig die Möglichkeit, Fragestellungen, die einer intensiven Recherche und Fähigkeiten der kritischen Bewertung bedürfen, an die Studierenden weiterzugeben und von deren Recherchen zu profitieren. Ziel ist die Wissenszirkulation zwischen Praxis und angewandter Pflegeforschung zu fördern. Dadurch ergibt sich nicht nur für die Teilnehmer*innen des Projektes eine Win-Win-Situation, sondern langfristig profitieren vor allem pflegebedürftigen Menschen, indem evidenzbasiertes Wissen für die Pflege generiert und umgesetzt wird.

Kurzzusammenfassung des Projekts in deutscher Sprache

Evidence based Nursing (EBN) ist ein Konzept, das pflegerische Expertise mit Präferenzen von Patient*innen und aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Praxis vereint. Ziel des Projektes ist es, dass die Studierenden im Rahmen ihrer Bachelorarbeit die ersten Phasen dieses Konzeptes praktisch umsetzen und so dazu beitragen, wissenschaftliche Erkenntnisse in die klinische Pflegepraxis zu integrieren.

Dazu erhalten die Studierenden pflegerische Fragestellungen, die von einer Reihe von kooperierenden Institutionen in der stationären Akutversorgung und aus dem Langzeitpflegebereich eingebracht werden. Die Fragestellungen werden im Rahmen eines gemeinsamen Gespräches zwischen Studierenden, Partnerorganisationen und Betreuer*in der Bachelorarbeit bzgl. Problemstellung und Wissenschaftlichkeit abgestimmt. Die Studierenden führen dann eine strukturierte Literaturrecherche in Datenbanken und Journals durch, beurteilen die gefundene Literatur, strukturieren die Ergebnisse und bereiten diese für die Praxis auf.

Schließlich präsentieren die Studierenden ihre Ergebnisse im Rahmen einer 2-tägigen Veranstaltung interessierten Kolleg*innen aus der Praxis. Darüber hinaus werden den Partnerorganisationen alle Ergebnisse in Form von „Praxisdokumenten“ welche die jeweiligen Ergebnisse und Handlungsempfehlungen zusammenfassen, zugänglich gemacht. Das Projekt wird von den Studierenden sehr positiv aufgenommen und erlebt einen steten Zuwachs an interessierten Praxispartnern.

Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache

Evidence based Nursing (EBN) is a concept that combines current scientific knowledge with patient preferences and nursing expertise. The project “Pflegepraxis trifft Wissenschaft” enables students to put the first phases of this concept into practice and thus contributes to integrating scientific evidence into clinical nursing practice. As part of their Bachelor thesis, the students receive research questions from a number of cooperating hospitals and long-term care institutions. In a joint discussion between the student, the partner organization and the responsible supervisor the question gets further specified regarding the explicit problem and the investigative approach. The students then conduct a structured literature search in scientific databases and journals and assess the literature found in terms of its scientific quality. The results of the selected studies are structured and summarized for practice. As part of a 2-day event, the students then present their findings to interested colleagues from the field. In addition, all results are made available to the partner organizations in form of a "practical document" which sums up the results and recommendations for action. The project is very well received by the students and is experiencing a steady increase in practice partners articulating their interest to participate.

Nähere Beschreibung des Projekts

Schon im Sommersemester werden die Praxisinstitutionen im Akut- und Langzeitpflegebereich in der Region Wiener Neustadt regelmäßig über das Projekt informiert. Im Zuge dessen werden Sie eingeladen, Fragestellungen zu sammeln, die sich im Rahmen des klinischen Alltags oder in der Betreuung von Patient*innen oder Heimbewohner*innen ergeben haben, die sehr komplex sind und zu deren Beantwortung eine intensive Recherche und eine kritische Bewertung notwendig wären. Die Praxispartner*innen werden gebeten, die Fragestellungen per Mail an die Lehrveranstaltungsverantwortlichen zu schicken. Diese Fragestellungen werden unter dem Blickwinkel der Relevanz für die Praxis gesammelt. Auch muss der Umfang des Projektes mitbedacht werden. Einige Fragestellungen sind zu komplex, um sie im Rahmen dieses Projekts zu beantworten und müssen gegebenenfalls noch adaptiert werden. Spätestens zu Studienbeginn werden die Fragestellungen nach Anzahl der Studierenden gegliedert und nach Institution und Kontaktmöglichkeit aufgelistet.

Die Studierenden starten zu Beginn des 5. Semesters mit der Lehrveranstaltung „Bachelorarbeit und Bachelorseminar 1“, deren Ziel es ist, die Studierenden ausführlich über die Rahmenbedingungen und den Prozess des Projektes zu informieren. Gleich beim ersten Termin erhalten sie die Fragestellungen aus der Praxis. Eine Fragestellung wird von einem 2er-Team bearbeitet. Sowohl Fragestellung, als auch Teampartner*innen werden gelost, um personenbezogene Bias zu reduzieren. Des Weiteren wird die soziale Kompetenz der Studierenden durch diesen Prozess gefordert und gefördert. Durch die Teamarbeit profitieren die Studierenden im Sinne des Peer-Gedanken von der beiderseitigen Kompetenz. Dies bereitet sie optimal auf die Arbeit in Teams in der Pflegepraxis vor.

Im Rahmen des „Kooperationgespräches“, welches auch innerhalb der Lehrveranstaltung „Bachelorarbeit und Bachelorseminar 1“ stattfindet, sollen Studierende ein Treffen zwischen Studierenden, Praxispartner*innen und ihrer wissenschaftlichen Betreuung organisieren. Bei diesem Gespräch soll sichergestellt werden, inwieweit das Thema richtig verstanden wurde, welche Schwerpunkte behandelt werden sollen und inwieweit das Thema wissenschaftlich bearbeitbar ist. Gemeinsam wird die Fragestellung adaptiert und festgelegt, damit die Studierenden mit dieser Fragestellung in die Recherche gehen können.

Wurde die Lehrveranstaltung „Bachelorarbeit und Bachelorseminar 1“ abgeschlossen, erhalten die Studierenden in der Lehrveranstaltung „Evidence based Nursing“ wichtige Informationen über das Konzept des „Evidence based Nursing“, ein Konzept, das dazu entwickelt wurde um den Forschungsstand zu einem Thema zusammenzufassen und in die Praxis zu integrieren.

Insgesamt besteht die Methode aus 6 Schritten:

1. Aufgabenklärung

2. Fragestellung

3. Recherche

4. kritische Bewertung

5. Implementierung und Adaptierung und

6. Evaluierung

Schwerpunkt sind für die Studierenden die ersten 4 Schritte des Prozesses, da diese von den Studierenden durchgeführt werden können. Die Schritte 2 bis 4, Fragestellung, Recherche und kritische Bewertung, können themenspezifisch bearbeitet werden. Ziel ist es, eine transparente Dokumentation der Literaturrecherche sowie der Bewertung abzugeben.

Die Schritte 5 und 6 richten sich an die Praxis. Im Rahmen der Lehrveranstaltung erhalten die Studierenden intensive wissenschaftliche Begleitung und Unterstützung.

Das Dokument der Literaturrecherche und Literaturbewertung wird von den jeweiligen individuellen Betreuer*innen intensiv begutachtet. Die Studierenden erhalten umfangreiches Feedback zu ihrer Arbeit.

Gegen Ende des Semesters werden die im Projekt beteiligten Partner*innen der Praxisinstitutionen zu einer 2-tägigen Veranstaltung „Praxis trifft Wissenschaft“ eingeladen, bei der alle Studierenden ihre Ergebnisse präsentieren. Die Teilnehmer*innen erhalten ebenso einen Link zu den Praxisdokumenten. Diese Praxisdokumente fassen die Ergebnisse und Handlungsempfehlungen für die Praxis verständlich und transparent zusammen, damit die Ergebnisse auch tatsächlich in der Praxis angewendet werden können.

Mehrwert

Die Studierenden erkennen durch den Praxisbezug, dass Pflegeforschung ein integraler Bestandteil der Pflegepraxis ist. Die Studierenden wiederholen die Gesamtheit der pflegewissenschaftlichen Inhalte und verstehen die Notwendigkeit dieser. Die Motivation zum Schreiben der Bachelorarbeit wird enorm gesteigert, da es nicht eine rein theoretische Abhandlung einer Thematik ist, die ausschließlich eine Qualifikationsarbeit darstellt, sondern ein direkter Nutzen für die Pflegepraxis ist. Des Weiteren entsteht durch das Projekt ein enger Austausch mit der Praxis, was zu einer Steigerung der gegenseitigen Wertschätzung und Akzeptanz führt. Bereits während des Studiums öffnen sich durch dieses Projekt Türen zu Karrieremöglichkeiten für die Studierenden. Im Rahmen der Veranstaltung „Praxis trifft Wissenschaft“ nützen Praxispartner*innen die Gelegenheit um auf Studierende zuzugehen und Ihre Institutionen als zukünftige Arbeitsstätte anzubieten.
Studierende erhalten Visitenkarten von interessierten Praxispartner*innen als mögliche zukünftige Arbeitgeber*innen.
Auch erhalten die Praxispartner*innen für den Besuch der Veranstaltung Fortbildungspunkte.
Das regional mediale Interesse an der Veranstaltung bringt dem Studiengang einen Werbenutzen und es wird ein Theorie-Praxis-Transfer in der Pflege ermöglicht.
Durch dieses didaktische Konzept sind die Studierenden in der Lage Ihre Bachelorarbeit II selbstständiger zu verfassen, was zu einer hohen Reduktion des Betreuungsaufwandes für wissenschaftliche Mitarbeiter*innen führt, sowie eine Qualitätssteigerung der Bachelorarbeiten II mit sich bringt.

Übertragbarkeit/Nachhaltigkeit

Das Konzept wird über drei Lehrveranstaltungen (vom 2. bis 5. Semester) langfristig aufgebaut. Das Projekt läuft bereits seit 2017 und erhält einen steten Zulauf an Interessenten. Das Projekt wurde bereits von der stationären Akutversorgung auf den Langzeitpflegebereich ausgeweitet. Für das kommende Jahr ist ein Ausrollen auch auf den extramuralen Pflegebereich geplant. In enger Rücksprache mit den Praxispartnern der FH Wiener Neustadt wird das Konzept immer wieder evaluiert und die praktische Umsetzung bezüglich Themenfindung, Kommunikation und Wissensgewinn weiterentwickelt.

Akzeptanz

Das Projekt erzeugt eine hervorragende Resonanz bei den beteiligten Partnerorganisationen sowie Studierenden. Der unmittelbare Nachweis dafür ist die steigende Anzahl der Institutionen die sich an dem Projekt beteiligen wollen. Durch die begrenzte Zahl der Studierenden war es heuer das erste Mal, dass nicht alle Fragestellungen aus der Praxis im Projekt bearbeitet werden konnten.

Aufwand

Die Planung des Projektes ist mit einem zeitlichen Aufwand verbunden, da sie sie durch die die notwendige frühzeitige Information der Praxispartner*innen bereits im Semester davor beginnt. Die Koordination der Betreuer*innen vor und während des Projektes ist mit einem zeitlichen Aufwand verbunden. Der Organisationsablauf ist strukturiert und verschriftlicht und stellt somit keinen zusätzlichen Aufwand mehr da. Die Veranstaltung „Praxis trifft Wissenschaft“ stellt einen Kostenaufwand dar (Personal, Buffet, Materialien).

Positionierung des Lehrangebots

Das Projekt findet im Studiengang der Allgemeinen Gesundheits- und Krankenpflege im 5. Semester statt, in dem 2 Lehrveranstaltungen (Bachelorarbeit 1 und Bachelorseminar 1 & Evidence based Nursing) integriert wurden.

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2020 nominiert.
Ars Docendi
2020
Kategorie: Kooperative Lehr- und Arbeitsformen
Ansprechperson
Irina Elisabeth Igerc, BSc, MSc
Allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege, Fakultät Gesundheit
02622-89084-585
Nominierte Person(en)
Irina Elisabeth Igerc, BSc, MSc
Allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege, Fakultät Gesundheit
Mag. Maria Schweighofer
Allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege, Fakultät Gesundheit
Marten Schmied, BA, MA
Allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege, Fakultät Gesundheit
Themenfelder
  • Sonstiges
  • Wissenschaftliche (Abschluss)Arbeiten
  • Erfahrungslernen
Fachbereiche
  • Medizin und Gesundheitswissenschaften