Zuletzt aktualisiert am 01.06.2026
Narrativierung des Student-Lecture-Cycle mithilfe der Held:innenreise
Patrick Schlauer
Visualisierung des Student-Lecture-Cycle
Kurzzusammenfassung des Projekts
Um 1950 von Mythenforscher Joseph Campbell beschrieben und später von Drehbuchautor Christopher Vogler adaptiert, hat das Modell der Heldenreise schnell Anwendung in Literatur und Film gefunden. Große Geschichten wie Star Wars, Harry Potter oder König der Löwen haben sich daran orientiert. Aber auch Lehrveranstaltungen funktionieren als Held:innenreise – und lassen sich in Anlehnung an das Originalmodell als Student-Lecture-Cycle visualisieren und planen: eine Reise, in der Schwellen überwunden werden, Lehrende als Mentor:innen auftreten, Prüfungen absolviert werden und die Studierenden gestärkt in ihre Welt zurückkehren. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf den ritualisierten Einstiegen der LV-Termine („Ruf des Abenteuers“), den Mikro-Übungen („Weg der Prüfungen“) und der Mentor:innenrolle, die ganz im Sinne des Lehr-Lern-Dreiecks ist. Das Modell des Student-Lecture-Cycle kann sowohl dazu dienen, eine Lehrveranstaltung über ein gesamtes Semester hinweg als auch einzelne LV-Termine zu strukturieren. Konkret erprobt wurde dieses Konzept in der Einführungslehrveranstaltung „Grundlagen der Public Relations“ am Studiengang Journalismus und Public Relations (PR) an der FH JOANNEUM. Es hat sich gezeigt, dass sich diese studierendenzentrierte didaktische Herangehensweise sehr gut eignet, um Studierende am Beginn ihres Studiums abzuholen und gut in und durch das – anfangs fordernde – Abenteuer Hochschule zu begleiten.
Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache
Developed around 1950 by mythologist Joseph Campbell and later adapted by screenwriter Christopher Vogler, the hero's journey model quickly found application in literature and film. Great stories such as Star Wars, Harry Potter, and The Lion King have been based on it. But courses also function as a hero's journey—and can be visualized and planned as a student-lecture cycle based on the original model: a journey in which thresholds are crossed, teachers act as mentors, tests are taken, and students return to their world stronger and wiser than before. Particular attention is paid to the ritualized introductions to the course sessions (“call to adventure”), the micro-exercises (“path of trials”), and the role of the mentor, which is entirely in line with the teaching-learning triangle. The student-lecture cycle model can be used to structure both: a course over an entire semester and individual course sessions. This concept was tested in practice in the introductory course “Basics of Public Relations” in the degree program Journalism and Public Relations (PR) at FH JOANNEUM. It has been shown that this student-centered didactic approach is very well suited to engage students at the beginning of their studies and accompany them well on the adventure of university life.
Nähere Beschreibung des Projekts
Narrativierung des Student-Lecture-Cycle (mithilfe der Held:innenreise)
Das Konzept des Student-Lecture-Cycle lässt sich auf eine Vielzahl an Lehrveranstaltungen (sowohl Seminare als auch Vorlesungen mit Übungsanteil) umlegen. Konkret erprobt wurde es in der Lehrveranstaltung Grundlagen der PR am Studiengang Journalismus und Public Relations (PR) an der FH JOANNEUM. Die Lehrveranstaltung ist Teil des Einführungsmoduls im ersten Studiensemester. Wie der Name vermuten lässt, erwerben Studierende in dieser LV Basiskompetenzen des Praxis- und Forschungsfelds Public Relations. Ziel der Lehrveranstaltung ist es, Studierenden ein fundiertes Verständnis von PR zu vermitteln, sie für das Berufsfeld zu begeistern und durch die Vermittlung zentraler Theorien und Modelle die Basis für vertiefende PR-Lehrveranstaltungen in höheren Semestern zu legen. Die Lehrveranstaltung ist als Vorlesung konzipiert, wird aber um (Mikro-)Übungen in Einzel- und Gruppenarbeit und Kurzdiskussionen (sowohl in Kleingruppen als auch im Plenum) ergänzt, um das theoretische Wissen zu festigen und Raum für Reflexion zu schaffen.
Vorbild für den Student-Lectury-Cycle ist die Heldenreise (Originalbezeichnung), ein Storytelling-Modell, das von Mythenforscher Joseph Campbell in der Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde und Anwendung in Film, Literatur, darstellender Kunst und Werbung findet. Die Held:innenreise (wie das Modell im Folgenden bezeichnet werden soll) ist ein eingelerntes Muster, das uns Menschen seit Jahrtausenden begleitet und deshalb als Rahmen für Geschichten, die die Aufmerksamkeit der Menschen entzünden und sie begeistern sollen, funktioniert. Blockbuster wie Harry Potter, Findet Nemo oder Herr der Ringe funktionieren nach dem Schema der Held:innenreise. Trotz der tiefenpsychologischen Komponente, die Campbell nach Vorbild von C. G. Jung in sein Modell integriert hat, ist der Kern der Held:innenreise schnell erklärt: Ein:e Held:in erhält den Ruf des Abenteuers, begibt sich in eine fremde Welt, bekommt Mentor:innen und Gefährt:innen zur Seite gestellt, mit deren Hilfe sie:er Prüfungen überwindet, und kehrt schlussendlich gestärkt in die vertraute Welt zurück. Campbells Modell mit 17 Stationen wurde von Drehbuchautor Christopher Vogler adaptiert und auf 12 Stationen vereinfacht. Voglers Modell bildet die Basis für das Konzept des Student-Lecture-Cycle.
Auch Lehrveranstaltungen funktionieren als Held:innenreise und lassen sich entsprechend als Kreis visualisieren: eine Reise, in der Schwellen überwunden werden, wir Lehrende als Mentor:innen auftreten, Prüfungen absolviert werden und die Studierenden gestärkt in ihre Welt zurückkehren. Sowohl eine gesamte Lehrveranstaltung als auch eine einzelne Einheit einer Lehrveranstaltung lässt sich als Held:innenreise bzw. Student-Lecture-Cycle begreifen und gestalten. Die Erfahrungen und Rückmeldungen der Studierenden haben gezeigt, dass sich diese studierendenzentrierte Herangehensweise sehr gut eignet, um Studierende am Beginn ihres Studiums abzuholen und gut in und durch das – anfangs fordernde – Abenteuer Hochschule zu begleiten. Studierende starten dieses Abenteuer vom selben Punkt aus und haben dasselbe Ziel vor Augen. Dass von Beginn an klar benannt wird, welche „Hürden“ (Mikro-Übungen, Prüfungen, Diskussionsfragen) im Lauf der LV auftauchen werden, die (gemeinsam) überwunden werden müssen, nimmt etwas Druck. Das kann gerade für die Unterstützung und Förderung von First-Generation-Students entscheidend sein.
Im Folgenden werden die wichtigsten Stationen des Student-Lecture-Cycle näher beschrieben:
Ruf des Abenteuers: Am Beginn der LV werden die Themenblöcke und Fragestellungen besprochen, die über das gesamte Semester hinweg erarbeitet bzw. beantwortet werden – dieser Schritt entspricht der Besprechung des Syllabus. Gleiches gilt aber auch für einzelne LV-Termine: Zu Beginn jeder Einheit werden die Teilfragen besprochen, die für die Studierenden im Lauf der Einheit beantwortet werden sollen. So haben sie ein klares Ziel vor Augen und wissen immer, wohin die Reise geht. Diese Fragen beantworten zu können, bildet zudem eine gute Basis für die Vorbereitung auf die abschließende Prüfung.
Überschreiten der Schwelle ins Abenteuer: Um Studierende zu motivieren, die Schwelle ins „Abenteuer Lehrveranstaltung“ zu überschreiten, arbeite ich mit realen Cases, die ins Thema reinziehen und Aufmerksamkeit wecken. Das bietet sich vor allem für meinen Fachbereich, die professionelle Kommunikation, an. Ein Beispiel: Nehmen wir an, es geht um Krisenkommunikation. Ein beispielhafter Case wäre Gwyneth Paltrows Auftritt im Video von Astronomer, dem Unternehmen, dessen CEO und Personalchefin beim Fremdgehen auf einem Coldplay-Konzert gefilmt wurden („Kiss-Cam-Skandal“). Das Video weckt Aufmerksamkeit, knüpft an die Lebenswelten junger Menschen an (der Kiss-Cam-Skandal wurde auf Social Media thematisiert, Gwyneth Paltrow ist eine bekannte Schauspielerin) und bildet die Grundlage für die folgenden theoretischen Ausführungen zur Krisenkommunikation in Organisationen.
Mentor:innen: Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Lehrendenrolle als Mentor:in, die:der Studierenden etwas mitgibt – Wissen, Basics, Modelle, Best Practices –, das sie selbst noch nicht besitzen. Die Mentor:innenrolle ist dabei ganz im Sinne des Lehr-Lern-Dreiecks (Böss-Ostendorf und Senft, 2018): Ähnlich wie Dumbledore aus Harry Potter sind wir Lehrende Expert:innen unseres Fachs und gleichzeitig nah an den Studierenden. Über Themen wird so offener diskutiert, Fragen werden eher gestellt, Unsicherheiten oder Hemmungen entstehen nicht bzw. nur sehr selten und können rasch ausgeräumt werden. Zentral ist deshalb, dass Studierende sich – gerade in Einführungslehrveranstaltungen zu Beginn des Studiums – gehört und gesehen fühlen. Die Grundvoraussetzung dafür ist, Studierende ernst zu nehmen, ihre Namen zu kennen (bei Gruppen von bis zu 50 Personen problemlos möglich) und sich für sie als Menschen zu interessieren. Ich halte es wie Aristoteles: „Eine Rede besteht nämlich aus dreierlei: einem Redner, einem Gegenstand, worüber er spricht, und einem Publikum; und der Zweck der Rede ist nur auf ihn, den Zuhörer, ausgerichtet.“ Umgelegt auf eine LV heißt das: Es geht niemals (nur) um uns Lehrende, auch nicht ausschließlich um das Thema, wofür wir Lehrende im besten Fall brennen, sondern vor allem um die Studierenden und ihre Beziehung zum jeweiligen Thema.
Der Weg der Prüfungen: Mentor:in zu sein, bedeutet aber nicht, den Studierenden alles abzunehmen. Hürden sollen sie selbst überwinden. Deshalb baue ich Mikro-Übungen ein, die helfen, Wissen rasch zu festigen und Theorie in die Praxis zu transferieren. Allerdings enthalten diese kleinen Hürden auch immer Punkte, die wir noch nicht im Detail besprochen haben. Etwas, auf das die Studierenden im besten Fall selbst kommen müssen. Das garantiert Anschlusskommunikation und schlägt eine Brücke zum nächsten Thema. Die Mikro-Übungen funktionieren zum Großteil nach der Vier-Stufen-Methode, wie sie Lehner (2019) beschreibt: erklären/zuhören, vormachen/zuschauen, korrigieren/nachmachen, üben.
Ein Beispiel: Nehmen wir an, in einer Einheit geht es darum, ein fundiertes Verständnis von professioneller Pressearbeit zu erlangen. Im Theorieteil der Einheit werden Nachrichtenfaktoren im Journalismus bzw. Nachrichtenwert-Ebenen in der PR besprochen. Anschließend sollen die Studierenden drei Presseaussendungen anhand dieser Nachrichtenfaktoren analysieren. Allerdings versteckt sich unter diesen Aussendungen eine, die keinen dieser Nachrichtenfaktoren erfüllt – das sollen die Studierenden selbst herausfinden und in der anschließenden Plenumsdiskussion (im besten Fall) einbringen und diskutieren.
Die abschließende schriftliche Prüfung, die das Ende der LV markiert, stellt die „größte Hürde“ dar, die es schließlich selbst zu meistern und überwinden gilt.
Rückkehr mit dem Elixier: Der gemeinsame „Weg der Prüfungen“ hat ein Ziel: die Studierenden bestmöglich auf ihre Rückkehr in die „reale Welt“ vorzubereiten. In Storytelling-Sprache: sie ein Elixier gewinnen zu lassen. Heißt konkret: ihnen Wissen mitzugeben, ihre Skills zu schärfen und ihre persönlichen Attribute wie kritisches Denken zu adressieren, damit sie die angestrebten Kompetenzen erwerben. Daraus ergibt sich das Kompetenzverständnis, das dieser Lehrveranstaltung zugrunde liegt und sich wie folgt kurz zusammenfassen lässt: Kompetenzen = Wissen + Skills + persönliche Attribute.
Nutzen und Mehrwert
Nutzen für die Studierenden:
Für Aristoteles gab es 3 zentrale Elemente eines (gelungenen) Vortrags: das Thema, die:den Vortragende:n sowie das Publikum. Kernelement der aristotelischen Rhetorik: „[...] der Zweck der Rede ist nur auf ihn, den Zuhörer, ausgerichtet.“ Diesem antiken Grundsatz folgt das Konzept des Student-Lecture-Cycle, indem Studierende in den Mittelpunkt gestellt werden („Held:innen im Abenteuer Hochschule“). Es geht also nie nur um das Thema, sondern um die Beziehung des Publikums zum jeweiligen Thema. Lehrende nehmen die Mentor:innenrolle ein, die für Studierende Brücken zum LV-Thema bauen und sie gemeinsam mit ihnen beschreiten. Dieser Ansatz eignet sich gut, um Studienbeginner:innen abzuholen und auf ein „gleiches Level“ zu bringen, auf dem dann in fortführenden Lehrveranstaltungen aufgebaut werden kann. Zudem hat sich gezeigt, dass vor allem First-Generation-Students durch diese studierendenzentrierte Herangehensweise, die Menschen und ihre Ziele, Träume, aber auch Ängste in den Mittelpunkt stellt, abgeholt werden und sich gut begleitet fühlen.
Nutzen für die Hochschule:
Das Konzept des Student-Lecture-Cycle zahlt auf das strategische Ziel der Studierendenzentrierung ein, das sich die FH JOANNEUM gesetzt hat.
Übertragbarkeit und Langlebigkeit
Das Projekt läuft seit 2024
Das Schöne an diesem Konzept: Es lässt sich leicht auf fast alle Lehrveranstaltungen umlegen und funktioniert in fast allen Themenfeldern, sowohl für Vorlesungen als auch für Seminare oder praktische Übungen. Es mag banal klingen, aber: Radikale Zentrierung auf die Menschen und ihre Beziehung zum jeweiligen Thema wirkt seit Aristoteles.
Institutionelle Unterstützung
Geeignete Räumlichkeiten und adäquate LV-Zeitblöcke sind eine Grundvoraussetzung. Ansonsten erfordert die Umsetzung des Konzepts keine spezielle institutionelle Unterstützung.
Studierendenzentrierung ist eines der vier strategischen Leitziele der FH JOANNEUM. Das eingereichte Konzept soll dazu beitragen, dieses Ziel zu verfolgen und erfolgreich zu erreichen.