Zuletzt aktualisiert am 15.05.2025
LONG PLAY - Das lange Werk
Kurzzusammenfassung des Projekts
Musik hat als Zeitkunst ein besonderes Verhältnis zu ihrer klingenden Existenz, die von der Dauer ihrer Aufführung sowie ihrer Vernehmbarkeit abhängt. Als Reaktion auf diese Abhängigkeit entstanden in der jüngeren Musikgeschichte Werke, die die Zeit außer Kraft zu setzen versuchten und eine (imaginierte) Unendlichkeit als kompositorisches Konzept verfolgten wie Erik Satie, "Vexations" (1893), Terry Riley, "in C" (1964), John Cage, "As slow as possible" (1987) oder Max Richter, "Sleep" (2015).
Das Seminar reagierte auf eigene Beobachtungen der Gegenwart, die von Schnelllebigkeit, Streben nach Kurzweiligkeit und einer sinkenden Aufmerksamkeits- und Konzentrationsspanne geprägt ist. Die (Wieder-)Entdeckung der Langsamkeit und des Sich-Einlassens auf zeitintensive Prozesse sowie die Auswirkungen von zeitintensiven Konzepten auf die Musik, die Hörenden und ihre Hörerfahrungen standen im Mittelpunkt. Die Kombination musikwissenschaftlicher und musikpädagogischer Methoden waren essenzieller Bestandteil des inter- und transdisziplinären Seminars.
Ziel war es, Studierendenden und Lehrenden eine Plattform der Interkulutralität zu bieten, sich selbstständig zu organisieren und durch eigene Ideen und Kreativität Wissen in neuen Formaten (Podcast) an die Seminargruppe zu vermitteln. Die Lehrenden übernahmen erste Anleitungen zu den Arbeitsprozessen und zur Wissensvermittlung. Nachfolgend wurden die Studierenden fördernd begleitet und der Raum für ihre eigenen Erfahrungen geöffnet.
Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache
Music has as a form of time-art, a special relationship to its audibility like sound and fade away. In response to this, works have been composed during century which attempt to suspend time and pursue an (imagined) infinity as a compositional concept, f.ex. Erik Satie, "Vexations" (1893), Terry Riley, "in C" (1964), John Cage, "As slow as possible" (1987) or Max Richter, "Sleep" (2015).
The seminar responded to our own observations , that our present might be characterized by a fast pace, the pursuit of brevity and a declining attention and concentration span. The focus was on (re)discovering slowness, engaging in time-intensive processes as well as the effects of time-intensive concepts on music as "music in slow motion". Listeners, their listening experiences and reactions in regard to that "slow music", were interesting to observe and recognise, too. The combination of musicological and music pedagogical methods was an essential component of the inter- and transdisciplinary seminar.
The aim was to offer students and teachers a platform to work together interculturally, to organize themselves independently and to convey knowledge to the seminar group in new, digital formats (podcast) using their own ideas and creativity. The lecturers provided initial guidance on the work processes and knowledge transfer. Subsequently, the students received supportive guidance by the teaching team. Afterwords the space was opened up for their own experiences , ideas and cooperations.
Nähere Beschreibung des Projekts
Musik hat als Zeitkunst ein besonderes Verhältnis zu ihrer klingenden Existenz, die von der Dauer ihrer Aufführung sowie ihrer Vernehmbarkeit abhängt. Als Reaktion auf diese Abhängigkeit entstanden in der jüngeren Musikgeschichte Werke, die die Zeit außer Kraft zu setzen versuchen und eine (imaginierte) Unendlichkeit als kompositorisches Konzept verfolgen wie Erik Satie, "Vexations" (1893), Terry Riley, "in C" (1964), John Cage, "As slow as possible" (1987) oder Max Richter, "Sleep" (2015).
Die Themenwahl für das Seminar erfolgte aus Beobachtungen in der Gegenwart, die von Schnelllebigkeit, Streben nach Kurzweiligkeit und einer sinkenden Aufmerksamkeits- und Konzentrationsspanne geprägt ist. Die (Wieder-)Entdeckung der Langsamkeit und des Sich-Einlassens auf langwierige Prozesse in großen Zeiträume sowie die Auswirkungen von zeitintensiven Konzepten auf die Musik, die Hörenden und ihre Hörerfahrungen standen im Mittelpunkt. Die Integration und Kombination musikwissenschaftlicher und musikpädagogischer Methoden war essenzieller Bestandteil des inter- und transdisziplinären Seminars. Darüber hinaus trug die enorme Heterogenität der Gruppe zu vielfältigen Diskussionsansätzen bei:
- Beteiligte Studiengänge: Musiktheorie (Master), Instrumental- und Gesangspädagogik (Gesang, Master), Lehramt für Musik (Schulmusik), Künstlerisches Schwerpunktfach (Ensembleleitung)
- Internationalität der Institutionen sowie der Studierenden und Lehrenden aus Österreich, Deutschland und China
In fünf über das Semester platzierten Modulen mit verschiedenen Lehr- und Lernsituationen wurden den Studierenden diverse Kompetenzen vermittelt bzw. sie gestärkt:
- Mediengestützte Wissensvermittlung
- Teamwork und Partizipation in der künstlerischen Praxis und Rezeption
- Asynchrones Lehren und Lernen
- Digitalität von Musik
- Reflexion und Selbstreflexion
Ziel war es, Studierendenden und Lehrenden eine Plattform zu bieten, um interkulturell zusam-menzuarbeiten, sich selbstständig und untereinander zu organisieren und durch eigene Ideen und Kreativität Wissen in neuen Formaten (Podcast) an die Seminargruppe zu vermitteln. Die Rolle der Lehrenden konzentrierte sich dabei auf eine erste Anleitung zu den Arbeitsprozessen und zur Wissensvermittlung, um im nächsten Schritt Raum für eigene Erfahrungen und Reflexionen zu geben und die Studierenden dabei kritisch-fördernd zu begleiten. Als gemeinsames Arbeitstool diente die Internet-Plattform „padlet“ mit den Speicher- und Downloadmöglichkeiten von Texten, Musik, Videos, Podcasts, Chatgruppen und der Möglichkeit von synchrone und asynchronen Arbeitsphasen.
Semesterverlauf, Arbeitsphasen und Methodik:
Modul 1 (März/April 2023): mediengestützte Wissensvermittlung
Lokale Lehre und Podcast-Produktion
Studierende und Lehrende trafen sich präsent in ihrer jeweiligen Universität/Hochschule, um Grundlagen zu den Themen zu erarbeiten. Ein Themenpool war vor Semesterbeginn durch die Lehrenden zusammengestellt worden. Dieser diente als Basis und Anregung, denn er blieb offen für weitere Ideen der Studierenden. In dieser Phase wurden musikwissenschaftliche Grundlagentexte zum Komplex „Musik und Zeit“ gelesen und diskutiert sowie Inhalte und Fakten zur Entstehung entsprechender Werke erarbeitet. Dies bereitete die Podcasts vor, die die Studierenden eigenständig zu einem selbstgewählten Thema für die Seminargruppe produzieren sollten. Tech-nisch konnte dies niedrigschwellig mit dem eigenen Smartphone geschehen. Aufbau und Zweck eines Podcasts wurden besprochen. Ziel der Podcast-Produktion war die Stärkung von Vermittlungskompetenzen, Strukturierung von Wissen, Schreiben und Sprechen für das Hören und Erweiterung technischer Kompetenzen (Aufnahme, Schnitt, Tonqualität, Produktion mit verschiedenen Medien wie Sprachaufnahme, Zusammenschnitt mit Musikbeispielen).
Modul 2:Teamwork und Partizipation in der künstlerischen Praxis und Rezeption
Exkursion 1: 17.-20.4.2023, hmt Rostock am Mozarteum: Aufführung der "Vexations" von Erik Satie im "Solitär", dem Haupt-Konzertsaal der Univ. Mozarteum (18.-19.4.) als „24 hours open concert“, partizipatives Musizieren mit Live-Stream und Publikumsbefragung
Das erste präsente Zusammentreffen der Gesamtgruppe und der Lehrenden erfolgte in der Woche ab dem 17.4.2023 am Mozarteum. Die Seminarsitzungen fanden sowohl in der Universität als auch in musikalischen Rundgängen durch Salzburg statt, um Musikgeschichte vor Ort erfahrbar zu machen. Im Seminarraum gab es als Peer Learning Feedbackrunden zu den Podcasts sowie Proben und Vorbereitungen des Hauptaktionspunkts der Woche, die Aufführung des Klavierwerks "Vexations" von Erik Satie. 840 Mal muss eine kurze Akkordreihe wiederholt werden, geschätzte Auffüh-rungsdauer zwischen 16 und 24 Stunden (Aufführung am Mozarteum:18.-19.4.2023: 1 Tag, 3 Stunden, 37 Minuten, 29 Sekunden, ohne Unterbrechung).
Involviert waren in die Aufführung die Seminarteilnehmer/innen, Studierende aus zwei weiteren Lehrveranstaltungen von Yvonne Wasserloos sowie Freiwillige, die sich im Vorfeld melden konnten. Aufgabe der Seminargruppe war es, die höchst aufwändige Aufführung zu bewerkstelligen, d.h. zu spielen und selbstorganisiert dafür zu sorgen, das stetig gespielt wurde. Als Übung im Teamwork war es vorgesehen, sich gegenseitig in den langen Nachtstunden zu unterstützen oder ggf. einzuspringen, was das soziale und respektvolle Miteinander und die Übernahme von Ver-antwortung sowohl für die Aufführung als auch das anwesende Publikum förderte.
Um später zur Rezeption und zur Aufführungserfahrung der Hörenden Aussagen treffen zu können, erfolgte eine Publikumsbefragung vor Ort (Papierfragebogen mit Sammelbox) und alternativ online. Die Antworten wurden am nächsten Tag mit der Seminargruppe gemeinsam ausgewertet. Ziel war es, eine direkte Resonanz auf das Musikhören evaluieren und diskutieren zu können. Die Studierenden sollten erkennen, welche Reaktionen Musik hervorrufen kann und wie subjektiv sie sind, um den kritischen Blick auf die Musikwahrnehmung zu schärfen.
Modul 3 (Mai 2023): Asynchrones Lehren Und Lernen
Der Wechsel von synchronen und asynchronen Lehr- und Lerneinheiten sollte es den Studierenden ermöglichen sowohl andere Lehr-/Lernsituationen zu erfahren als auch Studium und berufliche Tätigkeiten, denen sie im Master-Level bereits nachgehen, besser miteinander zu vereinbaren. Die Arbeit mit den Studierenden des Mozarteums fand eine Fortsetzung durch musikwissenschaftliche Textarbeit und Musikanalyse zur Vorbereitung der Exkursion an die hmt Rostock. Darüber hinaus war es Aufgabe der Studierenden, selbstständig das Werk "in C" von Terry Riley spielfertig zu üben, um es in Rostock aufführen zu können.
Modul 4: Digitalität Von Musik
Exkursion 2: 4.-8.6.2023, Mozarteum an der hmt Rostock, synchrone Lehre und Konzert-Praxis: Aufführung von Terry Riley in C und Liegekonzert mit digitalisierter Musik
Wie auch die Rostocker Studierenden im April nach Salzburg per (Nacht-)Zug angereist waren, erfolgte die Reise nach Rostock als Beitrag zur Klimaproblematik mit der Bahn. An der hmt fanden Arbeitsphasen in der Hochschule statt. Ergänzt wurden sie durch einen Stadtrundgang zur Musikgeschichte Rostocks. Als zusätzlicher Aspekt kam in den Seminarsitzungen der interkulturelle Austausch zum Tragen wie Fragen zur Musikausbildung in den beteiligten Ländern und Heimatländern (Österreich, Deutschland, China). Die Studierenden diskutierten mit kleineren Impulsen durch die Lehrenden z.B. Fragen zu den Methoden der Gehörbildung, Übetechniken und Bedeutung „westlicher“ Musik inklusive der Berufsfelder. In Kleingruppen (zu zweit) erarbeiteten sie weiterführende Texte zum Seminarthema und legten innerhalb der Gruppe die nachfolgende Präsentation der Ergebnisse fest (Gruppen-Sprecher/in).
Zur Stärkung des Umgangs mit digitalisierter Musik fand eine Übungseinheit mit der Software „Ableton“ und „Audacity“ statt. Die Studierenden konnten ein selbstgewähltes Werk mit Hilfe der Software auf das 800fache verlangsamen. Zwei Kollegen aus dem Bereich „Digitale Lehre“ der hmt unterstützten die Studierenden dabei. Die pädagogische Idee war es, das Seminarthema in der Erfahrung einer gedehnten, entgrenzten Zeit anhand eines vertrauten Werks selbst produzieren und die Dehnung und Verwandlung direkt mitverfolgen zu können. Die Produktionen wurden am Abend in einem Liegekonzert – offen für Alle hmt-Angehörigen – präsentiert. Bestandteile waren eine kurze Begründung zur Wahl des Werks, Hinweise zum Inhalt des Stücks und eigene Beobach-tungen während des Bearbeitungsprozesses. In einer ungewöhnlichen Konzertsituation, auf dem Boden liegend und hörend, wurden die Audiofiles rezipiert.
Der musikalische Abschluss fand in einer Aufführung von Terry Rileys "in C" der Seminargruppe gemeinsam mit dem Orchester der Schulmusik-Studierenden der hmt statt. Dieses Werk der minimal music setzt die Idee des demokratischen, selbstbestimmten Musizierens ohne Dirigenten um. Verständigung, Achtung und Beobachtung der Musizierenden untereinander sind wesentlicher Bestandteil für eine gelungene Aufführung, in diesem Fall mit einer Dauer von 2 Stunden ohne Pause.
Am letzten Tag wurden die beiden Konzertabende und -erfahrungen in der Seminargruppe reflektiert, wobei die Studierenden als Mitwirkende die Innenperspektive, die Lehrenden als Beobachter/in die Außenperspektive mit einbrachten. Aufführungs- und Rezeptionsprozess konnten mehr-dimensional eingeordnet werden. Eine letzte Feedbackrunde zum gesamten Seminarverlauf beschloss die Exkursion zur hmt.
Modul 5: Reflexion und Selbstreflexion (14.6.)
Einige Tage nach der Exkursion fand für die Mozarteums-Studierenden eine letzte Seminarsitzung statt. Mit etwas Abstand sollte das Seminar erneut reflektiert und in der Zwischenzeit gemachte, weitere Erfahrungen mit der Digitalisierung von Musik geteilt werden. Der Blick fiel auch auf eine Selbstverortung in den Gruppen- und Kooperationsprozessen zu unterschiedlichen Situationen und Stationen des Seminars im Semesterverlauf.
Die Arbeit mit digitalisierter und dadurch extrem dehnbarer Musik brachte als Ergebnis, dass die extreme Verlangsamung ein hilfreiches Mittel bei der Analyse von Musikstrukturen bietet. Verläufe z.B. in der Harmonik sind deutlicher zu hören und nachzuvollziehen als im Originaltempo. Die Studierenden stimmten zu, neben dem Vorwissen durch musikwissenschaftliche Literatur in der Arbeit mit der Software eine sinnvolle Hilfe zum Erlernen eines Werks und eine Bereicherung für ihr künstlerisches Studium gefunden zu haben.