Zuletzt aktualisiert am 01.06.2026
Das digitale Ich - Medienbildung zwischen persönlicher Mediennutzung, professioneller Rolle und pädagogischer Verantwortung
„Mein Detox-Moment“ - Meme von Sophie Preinerstorfer, entstanden im Rahmen der Lehrveranstaltung Das digitale Ich (SoSe 2025). Veröffentlichung mit Genehmigung der Urheberin.
Zweiteiliges Comic-Meme. Im oberen Bild streckt eine weiß Figur mit lachendem Gesicht und ausgebreiteten Armen ihre Hände nach einer großen gelben Kugel aus. Auf der Figur steht das Wort „Studentinnen“, auf der Kugel steht „Smartphone“.
Kurzzusammenfassung des Projekts
Das Projekt ist Teil der Lehrveranstaltung „Das digitale Ich“ in der Primarstufen-Lehrer*innenbildung und thematisiert digitale Lebenswelten. Lehrpersonen bewegen sich dabei in einem Spannungsfeld zwischen eigener Medienpraxis, Unterrichtsgestaltung und pädagogischer Verantwortung. Ziel ist es, Studierende zu einem reflektierten und selbstbestimmten Umgang mit digitalen Medien zu befähigen.
Im Zentrum steht ein erfahrungsbasiertes Lernsetting. Studierende analysieren zunächst ihre Smartphone-Nutzung anhand eines mehrtägigen Medientagebuchs und formulieren darauf aufbauend individuelle Ziele für eine einwöchige Detox-Phase. In der anschließenden Reflexion werden die Erfahrungen gemeinsam ausgewertet und auf die zukünftige Rolle als Lehrperson übertragen. Dabei diskutieren die Studierenden Fragen der Erreichbarkeit, gesundheitsförderlicher Medienpraxis und ihrer Vorbildfunktion sowie mögliche didaktische Umsetzungen im Unterricht.
Das Projekt verbindet persönliche Erfahrung, medienpädagogische Konzepte und professionelle Rollenreflexion und versteht Medienbildung als Beitrag zur verantwortungsvollen Gestaltung digitaler Kommunikationskulturen in Schule und Gesellschaft.
Kurzzusammenfassung des Projekts in englischer Sprache
In contemporary educational contexts, teachers navigate a complex interplay between their own media practices, the design of technology-mediated learning environments, and their pedagogical responsibility. The project therefore aims to foster a reflective and self-determined, approach to digital media use among teacher students.
The project is structured as an experience-based learning process. In an initial phase, students analyze their media habits using a media diary, allowing them to critically examine their everyday media practices and usage patterns. Based on this analysis, they formulate individual goals for a one-week digital detox phase, which they implement in their daily lives. The subsequent reflection phase enables students to collectively discuss their experiences and to relate them to their emerging professional role as teachers. Particular attention is given to questions of availability and digital boundaries, well-being, and the pedagogical implications of teachers’ media use as role models for students. These reflections are further linked to didactic approaches for classroom practice.
Overall, the project integrates personal experience with theoretical perspectives from media education and structured reflection on professional identity. Media education is thus conceptualized not only as the development of individual competencies, but also as a contribution to shaping responsible and sustainable digital communication cultures in schools and society.
Nähere Beschreibung des Projekts
Ausgangslage und bildungspolitischer Kontext
Digitale Medien sind selbstverständlicher Bestandteil privater Lebenswelten, beruflicher Praxis und schulischer Lernprozesse. Lehrpersonen bewegen sich dabei in einem komplexen Spannungsfeld: Sie nutzen digitale Medien selbst, gestalten damit Unterricht und tragen zugleich Verantwortung für die pädagogische Vermittlung eines bewussten, reflektierten Umgangs mit Medien an Kinder und Jugendliche.
Das Projekt positioniert sich bewusst gegen pauschale Verbotslogiken und polarisierende Mediendebatten. Im Zentrum steht die Stärkung selbstbestimmten Handelns: Studierende sollen digitale Medien nicht meiden, sondern kompetent, reflektiert und verantwortungsvoll gestalten.
Der Grundsatzerlass Medienbildung (2024) formuliert Medienbildung als übergreifende Bildungsaufgabe, die nicht auf technische Fertigkeiten reduziert ist, sondern kritische Urteilsfähigkeit, Selbstbestimmung, Verantwortungsbewusstsein und aktive Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen stärkt. Medien sollen dabei weder unkritisch idealisiert noch pauschal problematisiert werden, sondern in ihren Potenzialen und Herausforderungen reflektiert betrachtet werden.
Der Grundsatzerlass knüpft in seinem Verständnis von Medienbildung an etablierte medienpädagogische Konzepte an, insbesondere an die von Dieter Baacke formulierten Dimensionen von Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung. Das Projekt greift diese Dimensionen integrativ auf und übersetzt sie in ein erfahrungsbasiertes Lernsetting: Studierende analysieren ihre Medienpraxis, reflektieren ihre Nutzung, gestalten mediale Ausdrucksformen und entwickeln eine verantwortungsbewusste professionelle Haltung.
Einbettung und Rahmenbedingungen
Das Projekt ist Teil der Lehrveranstaltung „Das digitale Ich“ im Gesundheitsschwerpunkt der Lehrer*innenausbildung. Die Lehrveranstaltung ist prüfungsimmanent konzipiert und richtet sich an Lehramtsstudierende der Primarstufe.
Das Projekt ist mehrphasig aufgebaut und verbindet individuelle Erfahrung, gemeinschaftliche Reflexion und professionellen Transfer. Es orientiert sich an einem kritisch-optimistischen Verständnis von Medienbildung, das digitale Medien als gestaltbaren Teil gesellschaftlicher Realität begreift.
Zielgruppe
Die Zielgruppe sind Studierende mit sehr heterogenen Medienerfahrungen, Lebenssituationen und beruflichen Verpflichtungen. Das Projekt ist bewusst so gestaltet, dass es diese Heterogenität berücksichtigt und nicht normativ bewertet, sondern individuelle Zugänge ermöglicht.
Ziele des Projekts
Folgende Ziele stehen im Fokus:
- Studierende setzen sich kritisch-reflexiv mit ihrer eigenen Mediennutzung auseinander und erkennen Potenziale, Grenzen und Ambivalenzen digitaler Medien(welten).
- Studierende entwickeln einen reflektierten und selbstbestimmten Umgang mit digitalen Medien, der nicht auf Verzicht, sondern auf bewusste, auf ihre individuelle Situation bezogenem, Entscheidungen abzielt.
- Studierende erleben Medienbildung als gesundheitsrelevantes Thema im Lehrberuf, etwa im Hinblick auf Erholung, Erreichbarkeit und Wohlbefinden.
- Studierende reflektieren ihre professionelle Rolle als Lehrpersonen sowie ihre pädagogische Verantwortung gegenüber Schüler*innen.
- Studierende verstehen Medienbildung als gesellschaftliche Aufgabe, die individuelle Praxis, schulisches Handeln und gesellschaftliche Teilhabe verbindet.
Das Projekt versteht Medienbildung nicht nur als individuelle Kompetenzentwicklung, sondern als Beitrag zur Gestaltung digitaler Kommunikationskulturen in Schule und Gesellschaft.
Lehr- und Lernmethoden
Im Zentrum des Projekts stehen erfahrungsbasierte, partizipative und reflektierende Lehr- und Lernmethoden, die den didaktischen Prinzipien des Grundsatzerlasses Medienbildung entsprechen.
- Bewusstmachung der eigenen Medienpraxis
Zu Beginn dokumentieren die Studierenden ihre Smartphone-Nutzung über mehrere Tage in einem Medientagebuch. Dabei werden Nutzungsmuster, Situationen und Motive auf individueller Ebene begreifbar. Die Methode dient nicht der Kontrolle oder Bewertung, sondern der Selbstbeobachtung und Bewusstmachung.
- Individuelle Zielsetzung und Selbstbestimmung
Auf Basis dieser Analyse formulieren die Studierenden ein persönliches Ziel für die 7-tägige Detox-Phase. Die Zielsetzung erfolgt selbstbestimmt, realistisch und unter Berücksichtigung der individuellen Lebenssituation, wie beispielsweise Betreuungspflichten. Die individuellen Ziele werden entsprechend formuliert und umfassen beispielsweise pauschale zeitliche Begrenzungen oder die Nutzung oder auf die bewusste Reduktion bzw. den temporären Verzicht bestimmter Apps. Damit wird Selbstverantwortung gestärkt und ein zentraler Aspekt von Medienbildung praktisch erfahrbar.
- Erfahrungsbasierte Projektphase
In einer zeitlich begrenzten Phase setzen die Studierenden ihr individuelles Ziel um. Die Lehrveranstaltung wird in dieser Zeit bewusst analog gestaltet. Diese didaktische Reduktion digitaler Mittel ist Teil des Konzepts und unterstützt die Wahrnehmung eigener Gewohnheiten, Bedürfnisse und Herausforderungen in Bildungskontexten.
Die 7-tägige Projektphase wurde gerahmt durch zwei Lehrveranstaltungsblöcke (Workshops):
- Pre-Detox Workshop In der Vorbereitungsphase der Detox-Einheit erfolgt eine strukturierte organisatorische und inhaltliche Einführung. Die Studierenden setzen sich mit ihrem Medientagebuch auseinander, analysieren eigene Nutzungsmuster und formulieren ein individuelles, realistisches Ziel für die Projektphase. Dabei werden persönliche Bedürfnisse identifiziert sowie Handlungsstrategien daraus abgeleitet. Gleichzeitig erfolgt eine Sensibilisierung für mögliche Veränderungen und deren Konsequenzen. Abschließend wird ein geeignetes Dokumentationsformat für die Projektphase festgelegt; der Tag endet symbolisch mit dem bewussten Ausschalten des Smartphones.
- Detox-Phase Begleitend dokumentieren die Studierenden ihre Erfahrungen regelmäßig. Der Fokus liegt auf Wahrnehmung, Umgang mit Spannungen sowie der Entwicklung alternativer Handlungsstrategien. Methodisch standen den Studierenden dafür mehrere Lernpfade offen, die sie individuell wählen bzw. kombinieren konnten.
- Post-Detox Workshop In der Nachbereitungsphase wird die Detox-Erfahrung zunächst auf persönlicher Ebene reflektiert; das symbolische Wiedereinschalten des Smartphones markiert den Übergang in einen bewussten und selbstbestimmten Umgang mit digitalen Medien. Die individuelle Erfahrung wird anschließend in einen gesellschaftlichen und schulischen Kontext überführt: Studierende analysieren, welche Verantwortung Lehrpersonen im Hinblick auf Kommunikationskultur, Erreichbarkeit und gesundheitsförderliche Medienpraxis tragen. In Gruppen von drei bis vier Personen entwickeln sie darauf aufbauend Projektideen und Unterrichtsansätze, die Medienbildung als gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe begreifen.
- Kreative Reflexionsformate
Zur Verdichtung und Zuspitzung zentraler Erfahrungen gestalten die Studierenden ein Meme oder einen Comic (unter Verwendung von generativer KI-Tools), der einen prägnanten Moment der Projektphase darstellt. Diese kreative Methode ermöglicht einen niederschwelligen, zugleich kritischen Zugang und unterstützt Perspektivwechsel sowie emotionale Verarbeitung.
Darüber hinaus zielt dieses Format auf die von Dieter Baacke beschriebene Dimension der Mediengestaltung ab: Studierende werden nicht nur zu reflektierenden Mediennutzer*innen, sondern zu aktiv Gestaltenden medialer Ausdrucksformen. Sie übersetzen persönliche Erfahrungen in symbolische Darstellungen, treffen bewusste Entscheidungen über Perspektive, Zuspitzung und Darstellung und erleben Medien als gestaltbares kulturelles Ausdrucksmittel.
- Transfer und pädagogische Verantwortung
In der Nachbereitung werden die individuellen Erfahrungen systematisch in Beziehung zur zukünftigen Rolle als Lehrperson gesetzt. Diskutiert werden unter anderem Vorbildwirkung, gesundheitsförderliche Medienpraxis, Erreichbarkeit und die Vermittlung entsprechender Inhalte an Schüler*innen. Der Austausch erfolgt dialogisch in Kleingruppen, Plenum sowie didaktisierter Aufbereitung selbstgewählter Inhalte für ihre Unterrichtspraxis.
Besonderheiten des Projekts
Das Projekt versteht Medienbildung nicht ausschließlich als Analyse oder Kritik digitaler Praktiken, sondern als ganzheitlichen Prozess, der produktive, kreative Aneignung ebenso umfasst wie verantwortungsbewusste Gestaltung. Studierende erleben Medien nicht nur als Gegenstand pädagogischer Reflexion, sondern als gestaltbares kulturelles Handlungsfeld, in dem sie selbst Verantwortung übernehmen.
Studierende erkennen Medienbildung nicht nur als individuelle Kompetenzentwicklung, sondern als Beitrag zu demokratischer Teilhabe, gesellschaftlicher Diskursfähigkeit und verantwortungsbewusstem Zusammenleben in einer digital geprägten Gesellschaft.
Die Reflexion der eigenen Medienpraxis wird systematisch mit schulischen Strukturen verknüpft, etwa im Hinblick auf Kommunikationskultur, Erreichbarkeit und gesundheitsförderliche Rahmenbedingungen. Damit wird individuelle Erfahrung in institutionelle und gesellschaftliche Verantwortung überführt.
Das Projekt zielt auf nachhaltige professionelle Haltungen, die über die Lehrveranstaltung hinaus wirksam bleiben und in schulische Praxis sowie institutionelle Entwicklungen hineinwirken. Medienbildung wird hier nicht nur als persönliche Kompetenz verstanden, sondern als aktive Mitgestaltung gesellschaftlicher Kommunikations- und Bildungsräume.
In einer Zeit polarisierter Digitalisierungsdebatten leistet das Projekt einen Beitrag zu einer differenzierten, gesundheitsbewussten und demokratisch orientierten Medienkultur in der Lehrer*innenbildung. Es stärkt angehende Lehrpersonen darin, digitale Entwicklungen nicht reaktiv zu bewerten, sondern aktiv und verantwortungsvoll mitzugestalten.
Nutzen und Mehrwert
Der besondere Mehrwert des Projekts liegt in der konsequenten Verbindung von theoretischer Fundierung, persönlicher Erfahrung, professioneller Rollenreflexion und gesellschaftlicher Verantwortung. Medienbildung wird nicht isoliert vermittelt, sondern als integrativer Prozess verstanden, der individuelle Praxis, pädagogisches Handeln und gesellschaftliche Mitgestaltung miteinander verschränkt.
Ein zentrales Alleinstellungsmerkmal ist die erfahrungsbasierte Umsetzung innerhalb eines theoriegeleiteten Rahmens. Die Detox-Phase eröffnet einen zeitlich begrenzten Erfahrungsraum, in dem digitale Routinen bewusst unterbrochen und reflektiert werden. Medienpädagogische Konzepte wie Selbstbestimmung, Verantwortung und Gestaltung werden dadurch nicht nur kognitiv erfasst, sondern praktisch erprobt. Diese Verbindung von Theorie und Erfahrung fördert nachhaltige Lernprozesse.
Das Projekt setzt bewusst auf Selbstbestimmung statt Verzicht. Es vermeidet Verbotslogiken und moralische Problematisierungen und stärkt die Fähigkeit zu eigenverantwortlichen, gesundheitsbewussten Entscheidungen im digitalen Alltag. Studierende lernen, digitale Medien weder zu idealisieren noch pauschal abzulehnen, sondern reflektiert zu gestalten.
Die hohe Partizipation stellt ein weiteres Alleinstellungsmerkmal dar. Individuelle Zielsetzungen ermöglichen es, unterschiedliche Lebensrealitäten zu berücksichtigen und Selbstwirksamkeit zu stärken. So entsteht ein flexibles, inklusives Lernsetting.
Innovativ ist die bewusste didaktische Reduktion digitaler Mittel während der Projektphase. In einer Zeit zunehmender Digitalität wird gezielt eine Phase analoger Gestaltung initiiert. Diese Entscheidung kann als paradoxe Intervention verstanden werden: Um digitale Routinen im Bildungsraum bewusst wahrnehmen und reflektieren zu können, wird ihre Selbstverständlichkeit temporär unterbrochen. Medien werden damit nicht nur thematisiert, sondern selbst zum Gegenstand didaktischer Gestaltung.
Schließlich trägt das Projekt zur nachhaltigen Professionalisierung angehender Lehrpersonen bei: Studierende entwickeln nicht nur medienbezogene Kompetenzen, sondern ein reflektiertes Verständnis ihrer Rolle als Mitgestaltende digitaler Bildungsräume. Medienbildung wird so als aktive Mitwirkung an gesellschaftlichen Kommunikations- und Bildungsprozessen erfahrbar.
Übertragbarkeit und Langlebigkeit
Das Projekt läuft seit 2025
Das Projekt ist curricular im Gesundheitsschwerpunkt verankert und kann auf andere Lehrveranstaltungen im tertiären Sektor übertragen werden. Die modulare Struktur (Vorbereitung – Erfahrungsphase – Transfer) ermöglicht eine Skalierung auf größere Gruppen sowie eine inhaltliche Adaptation für unterschiedliche Studienrichtungen. Über die Lehrer*innenbildung hinaus adressiert das Konzept grundlegende berufsfeldbezogene Verantwortungen im Kontext der Digitalisierung. In nahezu allen Professionen prägen Fragen der Erreichbarkeit, digitalen Kommunikationskultur, Selbstorganisation und gesundheitsförderlichen Mediennutzung den Arbeitsalltag. Die Reflexion der eigenen Medienpraxis wird daher nicht nur als pädagogische Aufgabe verstanden, sondern als Bestandteil professioneller Handlungskompetenz in digitalisierten Arbeits- und Lebenswelten.
Institutionelle Unterstützung
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