Sommerakademie Welterbe Österreich. Kultur- und Naturerbe, Forschung und Schutz, Management und Kommunikation

Umgesetztes Projekt

Ziele

Sommerakademie Welterbe Österreich

Kultur- und Naturerbe, Forschung und Schutz, Management und Kommunikation

 

Das Lehrprojekt der Sommerakademie Welterbe Österreich widmet sich inhaltlich dem UNESCO Welterbe sowie den Themenbereichen des Kultur- und Naturerbes am Beispiel Österreich. Das einzigartige und innovative Konzept basiert auf einem breiten Netzwerk, das eigens aufgebaut und ständig evaluiert und weiterentwickelt wird. Gemeinsam mit den Studierenden werden die drei UNESCO Welterbestätte Graz, Wien uns Salzburg sowie weitere ausgewählte Kultur- und Naturerbe-Stätten besucht und vor Ort inter- und transdisziplinär zur Diskussion gestellt. Der Einblick "hinter die Kulissen" in den zahlreich teilnehmenden Museen, Archiven, Einrichtungen und Institutionen sowie das damit einhergehende innovative hochschuldidaktische Konzept eröffnen neue Sichtweisen, die sich durch eine gezielte Verschränkung von Methoden und Theorien mit Berufs- und Lebenspraxis auszeichnen. Die jährlich abgehaltene Sommerakademie lädt im Sinne der europäischen und internationalen Ausrichtung Studierende aller Universitäten im In- und Ausland zur Bewerbung um die Teilnahme ein und unterstützt jeden teilnehmenden Studierenden mit einem Stipendium, um die Chancengleichheit zu fördern. Die interdisziplinäre Arbeitsweise sowie der starke Praxisbezug bilden die Basis für einen lebendigen Diskurs und fördern den Blick über den Tellerrand bei den Studierenden, Lehrenden, aber auch bei den Kooperationspartnern in den Betrieben und Institutionen. Diese nachhaltige Arbeitsweise schließt internationale Erkenntnisse am neuesten Stand der Forschung ebenso ein wie die Sensibilisierung für gesellschaftliche Herausforderungen und die Förderung der interkulturellen Offenheit.

 

 

Kulturelles Erbe als Konzept:

 

Das Konzept des kulturellen Erbes ist ein der europäischen Moderne inhärentes Phänomen. In den empirischen Kulturwissenschaften geht man davon aus, dass Kulturerbe nicht einfach ist, sondern gemacht wird – dass kulturellen Artefakten, Formen, Praktiken, Objektivierungen ein Stempel aufgedrückt wird, der zu einer Steigerung von symbolischem Kapital führt. Dieser Prozess – in den sämtliche Formen von Kommunikation eingebunden sind – wird auch Heritageifizierung genannt. Materielle wie immaterielle Kultur wird mit dem Prädikat Heritage ausgezeichnet, damit in ein neues höherwertiges Referenzsystem gestellt und mit neuen Deutungen versehen.

Kulturelles Erbe als Wert verweist damit auf Vergangenheit und Zukunft, spiegelt die spätmoderne Besessenheit von Geschichte, ist typisch für die spätmoderne Kulturproduktion, für die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Die Entdeckung von Differenzen zu früheren Kulturformen und Traditionen bildet den Motor für die Konzeptualisierung des kulturellen Erbes in der Moderne. Unter dem Primat des postmodernen Denkmalkultus kann tendenziell doch alles in gewisser Weise als wertvoll und somit denkwürdig tituliert werden.

Die Fragestellung nach der „(malerischen) Ästhetik der Diversitäten“ spricht hingegen ein aktuelles Forschungsfeld der Kunst- und Designwissenschaft an. In der Abgrenzung vom vermeintlich Anderen, sowohl räumlich, zeitlich als auch sozial, stellt es eine geeignete Projektionsfläche bei der Erfindung der eigenen Kultur dar, ist relevant für die Herausbildung kultureller wie nationaler Identität. Damit in Verbindung steht das Konzept des kulturellen Gedächtnisses, das den Kosmos auf ein breites Forschungsfeld öffnet, in das die Kommunikationswissenschaft zusehends vorstößt.

Generell zeigt sich das Feld des kulturellen Erbes heute in der Forschung unabdingbar von Interdisziplinarität geprägt, das sich auch im Konzept der Summer School widerspiegelt. Verfolgt man beispielsweise den aktuellen Diskurs zur Konstituierung von Cultural Property, welcher sich im Spannungsfeld von kulturellen, künstlerischen, juristischen, wirtschaftlichen und vor allem gesellschaftspolitischen Fragestellungen bewegt, so verdeutlicht sich die Immanenz der Interdisziplinarität des Feldes. Kulturelles Erbe betrifft selbstverständlich die Kunst- und Kulturwissenschaften, die Geisteswissenschaften, die Sozialwissenschaften, die Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sowie die Kommunikationswissenschaften.

 

 

Der Bezug zur Gegenwart als Programm:

 

Historische Altstädte, Museen, ja eigentlich alle Bauwerke mit ihrer Geschichte sind Erinnerungsorte und Archive des kollektiven Gedächtnisses. Der heutige Zustand der erhaltenen Kunstwerke und Architekturen als materielles Erbe ist geprägt von ihrer wissenschaftlichen Bearbeitung, Dokumentation, Überlieferung und dem denkmalpflegerischen Handeln bis heute über die Zeiten hinweg. Einsichten und Erschließungen kultureller Kontinuitäten sowie zeitgebundene, historische Variationen stellen einen Teil der denkmalpflegerischen Zielsetzung dar. Ein geisteswissenschaftliches Feld von hoher Relevanz erschließt sich mit der Aufarbeitung von Desideraten, Wiederentdeckungen von in Vergessenheit geratenem Wissen, der Dokumentation von Bestehendem hin bis zu verloren zu gehen drohender Substanz und dient letztendlich der Erkenntnisgewinnung, die wiederum als Voraussetzung zur Meinungsbildung der Öffentlichkeit dienlich ist. Angedeutet ist hier bereits ein lebendiger Diskurs, der Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik anspricht und sich stetig weiterentwickelt. Die Aussage, dass die Denkmalpflege ein Gebiet sei, „auf dem Theorie und Praxis noch keinen vollen Ausgleich gefunden haben“ und „wo noch viele Probleme zu lösen sind“, stammt von Georg Dehio aus dem Denkmaldiskurs, der bereits um 1900 stattgefunden hat und dessen Aussage bis heute im Grunde nicht an Gültigkeit verloren zu haben scheint. Die gegenwärtige Auseinandersetzung mit den historischen Quellen und Schriften zur Denkmalpflege verstärkt die Relevanz des Bemühens um eine Verständigung über die heutigen theoretischen Grundlagen des Feldes.

Für Museen bzw. entsprechende Einrichtungen des Erinnerns reichen die Aufgaben jedoch über die Bewahrung und Interpretation des Vergangenen hinaus. Die intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann als „süße Krankheit Gestern“ angesehen werden und bestimmt längst nicht mehr alleine das Geschehen in der Kommunikation von kulturellem Erbe. Definiert man dieses als lebendige Tradition, so betritt man das Feld des Gegenwartsdiskurses, die Selbstverpflichtung, die kulturellen Praktiken, mit denen die Gesellschaft zu ihren Formen findet, darzustellen, aber auch in ihren Kontexten zu verorten, ihre früheren Bedeutsamkeiten den gegenwärtigen Zusammenhängen gegenüberzustellen. Dies betrifft die gesamte Palette des immateriellen Kulturerbes, die Vielfalt an Lebenspraktiken, alltägliche wie künstlerische Ausdrucksformen, Wissen und Fertigkeiten, die Gemeinschaften als Bestandteil ihres Kulturerbes verstehen. Einheimischen wie Touristen wird oft erst durch die systematische Aufarbeitung klar, dass diese Praktiken von Generation zu Generation weitergegeben, aber auch neu interpretiert und gestaltet werden. Über diese Selbstvergewisserung entsteht persönlicher Bezug, über die Kontinuität auch Zugehörigkeit und Identität, in unterschiedlichem Ausmaß sogar Zusammengehörigkeit. Erinnerungsorte werden damit zu einzigartigen Orten der gesellschaftlichen Selbstverständigung und zu Plattformen eines öffentlichen Diskurses, durch Festlichkeiten, Jahres- und Gedenktage, durch Ausstellungen und Informationsprogramme, auch zu Initiatoren einer kritischen Öffentlichkeit auf der Grundlage einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung.

Erinnerungskultur und Gedächtnis (sozial, kulturell, kollektiv, kommunikativ), historische Transformationsprozesse und der rasante Wandel der Medientechnologien markieren die epistemologischen Eckpfeiler dieser Lehrveranstaltung, die einige wesentliche kulturwissenschaftliche Konzepte als Theoriebausteine diskutiert und zum Ausgangspunkt von Frage-stellungen macht, die von den Studierenden dann individuell bzw. in Kleingruppen zu bearbeiten sind.

Beispiele anspruchsvoller Zusammenhänge bzw. komplexer Fragestellungen, die in dieser Lehrveranstaltung angesprochen bzw. diskutiert werden, sind etwa:

Wie schlägt sich soziale Geprägtheit in individuellen Erinnerungsprozessen nieder? Nach Maurice Halbwachs sind individuelle Erinnerungen Rekonstruktionen, die sich auf soziale Bezugsrahmen der Gegenwart stützen. Ist Erinnerung daher stärker von der Gegenwart als von der Vergangenheit bestimmt? Auf welche Weise kommt dies zum Ausdruck?

Die Gedächtnisfunktion der Kultur – ein Ensemble von materiellen wie immateriellen Symbolen einer Gesellschaft – wird in der Interaktion zwischen Individuum und Gruppe stärker akzentuiert. Diese Stützen der Erinnerung materialisieren sich etwa in Texten oder Riten. Sie formen sich in kulturellem Gedächtnis bzw. in kommunikativem Gedächtnis. Wie erfolgt die Weitergabe, die Inwertsetzung, wie werden Erfahrungen vermittelt und geteilt, wie kommt es zu den deutlichen Unterschieden in den einzelnen Alterskohorten, wie entsteht „collective memory“?

Kommunikatives Gedächtnis wird durch den Einsatz der Medien zu öffentlicher Erinnerungskultur, es entstehen Erinnerungsmilieus, Gedächtnisgemeinschaften, Erinnerungsfiguren in Form von Gedenktagen oder Denkmälern als Fixpunkte einer manifesten kulturellen Identität, die über Zugehörigkeits- und Ausschließungsrituale funktioniert. Auf der politischen Ebene werden mediale Inszenierungen zu staatstragenden Ereignissen, der Gründungsmythos eines Staates und die „Erfindung von Tradition“ zu Sinnbildern einer vorgestellten Gemeinschaft. Von besonderer Bedeutung in diesem Zusammenhang sind die Lesarten der Populärkultur, denn die populären Medien sind gewichtige Einflussfaktoren bei der Entwicklung eines alltagsweltlichen kommunikativen Gedächtnisses.

 

 

Ziel der Lehrveranstaltung, Inhalte und didaktische Methode:

 

Als übergeordnete Fragestellung, gewissermaßen der Begründungszusammenhang für so eine Lehrveranstaltung, wäre zu klären, wie kulturelles Erbe gemacht wird, unter welchen historischen Kontexten Heritage produziert wird und welche Bedeutung für soziale, politische und ökonomische Transformationsprozesse der Vermittlung von Heritage zugeschrieben wird.

Als Erkenntniszusammenhang und detaillierte wissenschaftliche Herausforderungen werden zentrale Fragestellungen gesellschaftlicher Entwicklungen aufgegriffen, die mit den Konventionen zur Bewahrung kulturellen Erbes durch die UNESCO, die ein völkerrechtlich verbindliches Instrument entwickelt hat, in Verbindung stehen. Damit werden nicht nur Bauwerke und architektonische Artefakte einer Betrachtung unterzogen, sondern auch Traditionen, Bräuche, Konventionen, Lebenspraktiken usw. Sie werden als Bausteine kulturellen Erbes einer zeitgemäßen Bewertung unterzogen, in aktuellen Kontexten diskutiert.

Gleichzeitig wird dadurch das Feld für einen transdisziplinären Diskurs geöffnet. In Verbindung mit den Geisteswissenschaften und den empirischen Kulturwissenschaften (europäische Ethnologie, Volkskunde, Archäologie, Kunstgeschichte) oder Architektur und Raumplanung können von den Sozialwissenschaften insbesondere die Historischen Wissenschaften und die Kommunikationswissenschaft zur Klärung relevanter Zusammenhänge beitragen. Auch die Studierenden kommen aus unterschiedlichen Fächern: Neben Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern und Kommunikations- bzw. Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern sowie Archäologinnen und Archäologen, Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftlern und Sprachwissenschaftlerinnen sowie Sprachwissenschaftlern waren es auch Studierende der Restaurationswissenschaft der Hochschule für Angewandte Kunst sowie der Raumplanung und des Bodenmanagements der Technischen Universität Wien, die an der Summer School bislang teilgenommen haben. Diese starke Interdisziplinarität bietet einen großen Mehrwert, der im Lehrkonzept der Summer School Anwendung findet. Die Studierenden lernen fachfremde Methoden und neue Zugänge kennen und können diese im interdisziplinären Diskurs zugleich themenbezogen und praxisnah austauschen und besprechen.

Die Ergründung und Erforschung der Zusammenhänge erfolgt in dieser Lehrveranstaltung durch Einzelfallstudien. Dabei kommen jene sozialwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Methoden zur Anwendung, die im Einzelfall am besten zur Lösung des jeweiligen Problems beitragen. Von der quantifizierenden Medienanalyse bis zum biografischen Interview, von der Ikonografie bis zur Gestaltwertanalyse, vom Gruppengespräch bis zum Expertendiskurs ist alles möglich; es gibt diesbezüglich keine Einschränkungen. Durch die vielfältigen Zugangs- und Sichtweisen sowie die Herstellung thematischer Zusammenhänge innerhalb der Disziplin wird den Studierenden ein umfangreiches Angebot an unterschiedlichen Methoden geboten, das insgesamt der studentischen Methodenkompetenzerweiterung dient.

Des Weiteren führt dieses Lehrkonzept zu einer verstärkten Förderung der sozialen Kompetenzen. Der Diskurs unterschiedlicher Themenbereiche in der Gruppe zieht sich als konsequentes Lehrelement durch die gesamte Summer School und fördert damit die Kommunikationsfähigkeit durch das eigene Einbringen der Studierenden in die Gruppe einerseits und das Profitieren von den Fähigkeiten der Kolleginnen und Kollegen andererseits.

Die Summer School integriert forschungsbasierte sowie forschungsbezogene Elemente. Gezielt sollen Synergien in Forschung und Lehre geschaffen werden, indem wissenschaftliche Veranstaltungen wie Tagungen und Workshops am Beginn der Summer School mit dem Lehrprogramm gekoppelt werden. Die Vermittlung theoretischer Grundlagen soll den Einstieg in das Thema erleichtern, Grundlagenkenntnisse schaffen und die Basis für das darauffolgende praxisbezogene Programm und die damit zusammenhängenden Diskussionen bilden. Zudem bietet dieser Einstieg in die Thematik die Möglichkeit der Präsentation von aktuellen Forschungsprojekten, intensiviert den wissenschaftlichen Austausch und stellt zugleich sicher, dass sich der Diskurs am aktuellen Stand der Forschung orientiert.

Insbesondere hinsichtlich der didaktischen Methode werden innovative Wege begangen. Sich eine Stadt zu „ergehen“, sie also auch sinnlich zu erfahren, zu erleben und eben im Sinne der „lieux de mémoire“ zu erschließen, bedeutet, das Arsenal der Wahrnehmung zu verbreitern. Lucius Burckhardt hat mit seiner „Promenadologie“, der „Spaziergangswissenschaft“, ein neues Verständnis für die Wahrnehmung von Wirklichkeit entwickelt, um Landschaft und urbanen Raum zu begreifen.

Erleben, das heißt zuerst sehen, dann sinnhaft deuten und erschließen. Die kulturelle Vermittlungsaufgabe etwa von Museen, die den Bewohnerinnen und Bewohnern einer Region ihre Herkunft vor Augen führen und den Besuchenden von auswärts einen Eindruck vermitteln, was die Besonderheit der Lebensformen vor Ort prägte und bis heute ausmacht, formulierte in ähnlicher Weise der Kunsthistoriker Ernst Gombrich. Wie beim Betrachten eines Kunstwerkes kann ein gelungener Vermittlungsprozess die Augen in ganz andere Dimensionen öffnen und zu einer positiven Verdichtung der Eindrücke führen. Ausgangspunkt für den Besuch eines Museums oder einer ähnlichen, historische Lebenszusammenhänge vermittelnden Institution, für die Begehung eines städtischen bzw. architektonischen Ensembles ist ja oft das vage Motiv, damit „etwas für Bildung und Kultur tun“ zu wollen. Bei Studierenden darf dieser Wunsch jedenfalls vorausgesetzt werden. Beim Sehen vor Ort werden Sinneseindrücke gesammelt, was quasi von selbst vor sich geht. Deuten und Schließen sind jedoch Bewusstseinsvorgänge, bei denen wir das Für und Wider abwägen, Anhaltspunkte benötigen, Wissen von außen einbeziehen, um zu einem Standpunkt zu gelangen – und auch ausreichend Zeit für Reflexion benötigen. Sieht man zunächst nur, was man schon weiß, kann durch Gespräche, Lektüre oder Führung, über die intensive Auseinandersetzung mit einem Gegenstand, einem historischen Kontext, einer Stadt oder einer ganzen Region eine tatsächliche „Erweiterung des Horizonts“ erfolgen. Dann wäre erreichbar, was der Philosoph die „Selbstermächtigung des Reisenden“ bezeichnet – die interkulturelle Offenheit des sich selbst aufklärenden Menschen.

 

 

Kulturgüterschutz:

 

Dass Kulturerbe nicht nur durch den Zahn der Zeit, sondern auch im Krieg bedroht ist, war immer evident; dass es daher auch besonders geschützt werden soll, ist eine relativ junge Idee. Und auch mit dieser Idee des Schutzes von Kulturgut im Krieg, die mittlerweile im Humanitären Völkerrecht verankert ist, setzen sich die Studierenden der Sommerakademie auseinander. Der erste Herrscher, der dem Militär den Auftrag gegeben hatte, Kulturgut im Krieg zu respektieren, war die österreichische Kaiserin Maria Theresia. Zu einem entsprechenden ersten internationalen Abkommen kam es erst 1954 mit der Verabschiedung der Haager Konvention, die auch als Schutzzeichen das „Blaue Schild“ einführte. Und erst seit 20 Jahren wacht die gleichnamige UNESCO-affiliierte Organisation Blue Shield über die Einhaltung der Standards der Konvention. Mittlerweile ist Kulturgüterschutz und seine militärische Ausprägung mit anderen Kulturerbe-Ideen verschränkt. Daher hat die Lehrveranstaltung auch den Status einer Blue-Shield-Sommeruniversität, die aus der Privatwirtschaft, von der Grazer Firma Sanlas, auch finanzielle Förderung erfährt, wodurch die Teilnehmer ihrer Stipendien und die Referenten ihre Honorare beziehen.

 

 

Kulturelles Erbe und freies Wissen:

 

Einen weiteren Schwerpunkt der Sommerakademie stellt die Kooperation mit dem österreichischen Chapter der Wikimedia Foundation dar. Diese Wikimedia versteht sich als eine weltweite Bewegung zur Förderung des freien Wissens. Synonym wird auch von „offenem Wissen“ gesprochen, breiter auch von freien oder offenen Inhalten. Als freie Inhalte bezeichnet man Inhalte, deren kostenlose Nutzung und Weiterverbreitung urheberrechtlich erlaubt sind. Dies kann nach Ablauf von gesetzlichen Schutzfristen zutreffen, sodass ursprünglich geschützte Werke als gemeinfrei gelten. Alternativ werden Inhalte als frei bezeichnet, wenn der Urheber oder Inhaber der vollumfänglichen Nutzungsrechte ein Werk unter eine freie Lizenz gestellt hat. Die Rechtsstrukturen freier Inhalte bilden damit eine Ergänzung zum gesetzlichen Schutz geistigen Eigentums. Auch freie Inhalte sind, sofern sie unter einer freien Lizenz stehen, urheberrechtlich geschützt. Die jeweilige Lizenz regelt die Bedingungen, die bei einer Nutzung einzuhalten sind. Die Idee zur Schaffung freier Inhalte entstand analog zur freien Software.

Allgemein lässt sich offenes oder freies Wissen demzufolge als alternativer Umgang mit Urheberrechten beschreiben. Wissen umfasst dabei sowohl Inhalte wie Bücher, Filme oder Musik als auch Daten und Informationen. Offenes Wissen steht unter freien Lizenzen und bildet somit einen Mittelweg zwischen dem klassischen, strengen Urheberrecht und alles zulassenden, gemeinfreien Inhalten bzw. Informationen. Von ersterem unterscheidet es sich, indem es den Zugang zu Wissen öffnet, von zweiterem, indem es klare Regeln für die Bearbeitung und Nutzung aufstellt und somit Missbrauch erschwert. Mit diesen Regeln und einem sensiblen Umgang mit freien Inhalten müssen sich die Teilnehmenden an der Sommerakademie intensiv auseinandersetzen.

 

Die freie Enzyklopädie Wikipedia ist das erste und erfolgreichste von vielen Projekten innerhalb der Wikimedia-Familie. Die Wikimedia Foundation ist eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz in San Francisco in den USA. Sie ist die Betreiberin der Online-Enzyklopädie Wikipedia und ihrer Schwesterprojekte im sogenannten Wikiversum. In Zusammenarbeit mit einem Netzwerk aus Zweigniederlassungen (sogenannten „Chapters“) wie Wikimedia Österreich bietet die Stiftung die grundlegende Infrastruktur und einen organisatorischen Rahmen, um vielsprachige Wiki-Projekte – wie jenes der Summer School – und weitere Unternehmungen, die diesem Ziel dienen, zu unterstützen und zu entwickeln.

Die Wikipedia als eine besondere Form des freien Wissens entstand konkret am 15. Januar 2001 als gemeinnütziges Projekt zur Erstellung einer Enzyklopädie in zahlreichen Sprachen mit Hilfe des Wiki­Prinzips, also als eine Website, deren Inhalte von den Besuchern nicht nur gelesen, sondern auch direkt im Webbrowser bearbeitet und geändert werden können. Das erste im World Wide Web gehostete Wiki wurde vom US-amerikanischen Softwareautor Ward Cunningham als Wissensverwaltungswerkzeug konzipiert. Es befasste sich mit Softwaredesign im Rahmen der objektorientierten Programmierung. Am 25. März 1995 wurde es über das Internet der Öffentlichkeit verfügbar gemacht. Den Namen wählte Cunningham, da er irgendwann bei einer Ankunft am Flughafen auf O?ahu auf Hawaii die Bezeichnung „Wiki Wiki“ („sehr schnell“) für den dortigen Schnellbus kennengelernt hatte.

Entsprechend ihrer Verbreitung gehört Wikipedia unterdessen zu den Massenmedien. Aufgrund der für die Entstehung und Weiterentwicklung dieser Enzyklopädie charakteristischen kollaborativen Erstellungs- und Kontrollprozesse der ehrenamtlichen Beteiligten zählt Wikipedia zugleich zu den Sozialen Medien. Die Online-Enzyklopädie bietet freie, also kostenlose und zur Weiterverbreitung gedachte, unter lexikalischen Einträgen (Lemmata) zu findende Artikel. Das Ziel ist gemäß dem Gründer Jimmy Wales, eine frei lizenzierte und hochwertige Enzyklopädie zu schaffen und damit lexikalisches Wissen zu verbreiten.

Die Wikipedia ist heute das umfangreichste Lexikon der Welt und eine der am häufigsten frequentierten Websites überhaupt. Sie lag im Dezember 2016 auf dem fünften Platz der am häufigsten besuchten Websites. In Deutschland rangierte die Website auf Platz acht, in Österreich auf Platz sieben, in der Schweiz auf Platz fünf und in den USA auf Platz sechs. Die Wikipedia ist dabei weltweit, genauso wie in den deutschsprachigen Staaten, die einzige nichtkommerzielle Website unter den ersten 50. Ihre Finanzierung erfolgt durch Spenden. Bis September 2018 wurden über 48 Millionen Artikel der Wikipedia in annähernd 300 Sprachen in Mehrautorenschaft von freiwilligen, ehrenamtlichen Autoren verfasst. Darüber hinaus werden die Artikel nach dem Prinzip des kollaborativen Schreibens fortwährend bearbeitet und diskutiert. Diese Autorinnen und Autoren nennt man Wikipedianer, in ihrer Gesamtheit nennt man sie die Wikipedia-Community. Gegendert wird in der Wikipedia übrigens nicht, dafür wird in der Community ausnahmslos geduzt.

Demzufolge stellt eine treibende Kraft des weltweiten Projektes des freien Wissens uneingeschränkter Idealismus und Freiwilligkeit dar und fußt damit auf dem Ehrenamt.

Bildung und Wissen sind zentrale Pfeiler funktionierender Demokratien und moderner Informationsgesellschaften. In der digitalen Gesellschaft wird Wissen auf eine neue Art und Weise angeeignet und weitergegeben. Eine Gesellschaft, die sich als Wissensgesellschaft versteht, ist daher gut beraten, wenn sie die Prozesse des Wissenstransfers konsequent öffnet und dabei möglichst viele Menschen involviert. Und freies Wissen trägt dazu bei, den Zugang zu Wissen zu verbessern, indem es nicht mehr auf bestimmte – unter Umständen privilegierte – Bevölkerungsgruppen beschränkt ist. Insbesondere kann es im Internet orts- und zeitungebunden zur Verfügung gestellt werden. Freies Wissen ist aber deutlich mehr als nur die Möglichkeit, kostenlos auf bestimmte Inhalte zugreifen zu können. Denn es ermöglicht vor allem neue Formen der kollaborativen Wissenserstellung und -weiterentwicklung.

Eine besondere Rolle nehmen dabei freie Lehr- und Lernmaterialien (Open Educational Resources, kurz OER genannt) ein. Das sind Bildungsmaterialien, die unter einer freien Lizenz veröffentlicht werden, um die Teilhabe und Mitarbeit durch alle Lehrenden und Lernenden zu ermöglichen und so wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der pädagogischen Praxis zu setzen. Offene Bildungsinhalte reichen von Textbüchern über Curricula, Lehrpläne, Vorlesungsnotizen, Aufgaben, Tests und Projekte bis hin zu Audio- und Videomaterial. Im Wikiversum der freien Projekte ist dabei die Wikiversity zu nennen. Das ist eine Online-Plattform in Form eines Wikis zum gemeinschaftlichen Lernen, Lehren und Forschen. Als Projekt der Wikimedia Foundation startete es am 15. August 2006. Auf Wikiversity werden eben freie Lernmaterialien erstellt und gesammelt. Außerdem können dort Lehrveranstaltungen im Sinne von E-Learning durchgeführt bzw. begleitet werden.

 

Ein weiteres wichtiges Projekt im Wikiversum ist Wikimedia Commons, eine internationale freie Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien. Die Datenbank ist mit Wikipedia und anderen Projekten verknüpft, sodass die Dateien, hauptsächlich Bilder, in Wikipedia direkt aus Commons eingebunden werden. Das Medienarchiv ist kostenfrei und zum Aufrufen ohne Anmeldung nutzbar. Der Name leitet sich vom englischen Wort „commons“ (deutsch: „Allmende“) ab, im Sinne eines Ortes, den alle „Dorfbewohner“ nutzen dürfen.

Betreiberin von Wikimedia Commons ist die Stiftung Wikimedia Foundation. Das Medienarchiv wurde am 7. September 2004 für die Aufbewahrung von Material für alle Wikimedia-Projekte, beispielsweise Wikipedia, gegründet. Derzeit gibt es 4,8 Mio. registrierte „Beiträger“.

Daneben betreibt die Wikimedia Foundation noch weitere Projekte freien Wissens, so das Wörterbuch Wiktionary, Wikibooks und die Zitatesammlung Wikiquote. Weitere Projekte sind Wikisource für freie Texte, das Artenverzeichnis Wikispecies, Wikinews, eine freie Nachrichtenquelle, Wikivoyage, ein Reiseführer, und Wikidata, eine Datensammlung. Alle zusammen ergeben sie das Wikiversum.

Die Themenfelder, die im Rahmen der Projekte erschlossen werden, sind allumfassend, haben aber in den verschiedenen Sprachen besondere Schwerpunkte. Kunst und Kultur sind in vielen Wikipedien, auch in der deutschsprachigen Wikipedia, ein besonderes intensiv bearbeitetes Themenfeld im Spannungsbogen des Urheber- und Nutzungsrechts. Eine besondere Initiative in diesem Zusammenhang ist Wiki Loves Monuments (WLM), ein internationaler Fotowettbewerb rund um Kulturdenkmäler. Die Fotos werden auf Wikimedia Commons hochgeladen und können von dort aus unter freien Lizenzen genutzt werden. Folglich sind die Beiträge zum Kulturerbe und konkret von Kulturdenkmälern oftmals sehr gut illustriert. Mehr noch, die vorhandenen und ständig wachsenden Bilddatenbestände initiieren mitunter die Entfaltung von Beiträgen in der Wikipedia.

Der Wettbewerb wurde erstmals im Jahr 2010 in den Niederlanden durchgeführt. Die Denkmalschutzbehörde der Niederlande stellte Daten der Baudenkmäler für die niederländische Wikipedia zur Verfügung. Zahlreiche freiwillige Fotografen beteiligten sich mit etwa 12.500 Fotos von über 8.000 Objekten. Im Jahr 2011 wurde Wiki Loves Monuments europaweit durchgeführt und es wurden etwa 167.000 Fotos eingereicht, davon fast 30.000 aus Deutschland. Damit wurde der Rekord des größten Fotowettbewerbes weltweit aufgestellt, der von Guinness World Records anerkannt wurde. Seit 2011 arbeitet das österreichische Bundesdenkmalamt mit der Wikipedia-Fachgruppe für Österreich zusammen. Im Zuge dieses Pilotprojekt einer Behörde mit einer Freiwilligen-Community der Open-Data-/Open-Access-Bewegung konnte auch der teilweise lückenhafte oder veraltete Dokumentationsbestand des Denkmalamtes ergänzt werden. Diese Zusammenarbeit wurde auch innerhalb der Wikimedia-Projekte prämiert (Zedler-Preis Community-Projekt des Jahres 2012). Im September 2012 wurde der Wettbewerb in 35 Staaten weltweit durchgeführt und es wurden über 360.000 Fotos hochgeladen. Seither wird der Wettbewerb jedes Jahr weltweit ausgetragen. Der September als Zeitraum dieses Denkmalfotografie-Wettbewerbs ist angelehnt an die jährliche Veranstaltung European Heritage Days. In diesem Monat bieten auch der Tag des offenen Denkmals in Deutschland und der Schweiz sowie der Tag des Denkmals in Österreich Gelegenheit, Kulturdenkmäler zu fotografieren.

Aus dieser Initiative heraus und in Verknüpfung mit Wikiversity entstand im Jahr 2016 die Idee einer kulturkommunikationswissenschaftlichen Sommeruniversität „Weltkulturerbe – Kulturmanagement – Kulturkommunikation“ zunächst der Universitäten Wien und Salzburg, seit 2017 auch der Universität Graz, an der darüber hinaus auch Studentinnen und Studenten der Technischen Universität und der Universität für Angewandte Kunst Wien teilnehmen.

 

 

Kulturelles Erbe und seine kulturindustrielle Inwertsetzung:

 

Durch die intensive Auseinandersetzung mit diesem Themen- und Problemzusammenhang entsteht ein elaboriertes Verständnis von kulturellem Erbe bzw. Heritage, das eben nicht auf die oberflächliche Ebene von schönem Schein, Tracht und Blasmusikverein oder auf eine überwältigende barocke Fassade reduziert wird. Vielmehr wird dessen gesellschaftspolitische Bedeutung klar, auch die ökonomische Inwertsetzung wird in einem breiteren Zusammenhang und seine Instrumentalisierung im Tourismus analysiert. Heritage ist eben nicht nur Ressource für Identitätsprozesse und damit Identifikationsrahmen für Biografie und kollektive Erinnerungskultur, sondern auch Rohstoff für die Kulturindustrie, der etwa in Fernsehformaten, Tonträgern, Symbolen des Heimatlichen und Souvenirs, in Mode, Architektur, Hauseinrichtung bzw. in touristischen Produkten seine Umsetzung findet.

Diese Dialektik gilt es aufzuzeigen, das Spektrum der Heritage Communication auszu-leuchten, um der „Allgegenwart der Erinnerung“ gerecht zu werden. Damit wird Studierenden eine Minimalhypothese über die Zusammenhänge vermittelt, was sie kompetent mit den Begrifflichkeiten sowie einem Zusammenhangswissen agieren lässt und zu weiteren fundierten Erkundungen ermächtigt.

Kulturelle Artefakte vergangener Zeiten und Generationen wie Riten, Gestalten, Gebäude, Denk- und Mahnmäler, Ereignisse, Kunstwerke und Lebensweisen sind gespeichert im kulturellen Gedächtnis. So wird die kulturelle Erinnerung wachgehalten bzw. fortgeschrieben über die Gegenwart hinaus in die Zukunft. Dadurch erfährt sie eine Neu- und/oder Umbewertung, eine neue Verankerung, allenfalls auch eine Rekontextualisierung. Insofern enthält sie neue Wirklichkeiten, die sie für die Gegenwart anschlussfähig, erleb- und erfahrbar, dadurch gegebenenfalls wiederholbar und somit überlebensfähig machen.

Am Beispiel von historischen Altstädten zeigt sich dies auch an Interessenskonflikten. Die „Sakralisierung“ der historischen Substanz, die als Erbe der Menschheit unter Schutz gestellt wird, verhängt eine Art von zeitlichem Ausnahmezustand über diesen Schatz. Das Einfrieren der baulichen Ensembles heizt den Disput zwischen Bewahrenden und Erneuerern an, führt zu spannungsgeladenen Auseinandersetzungen, wobei auch die Frage der touristischen Vermarktung lokaler Geschichte und Kultur eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Historische Stadtlandschaften bilden eine Antithese zur modernen Stadt, die sich dem Verkehr anpasst bzw. unterordnet. Altstädte eröffnen geradezu eine zukunftsgewandte Sichtweise des nach-haltigen Wirtschaftens und Zusammenlebens, die sich dem Diktat der entfesselten Mobilität, aber auch dem ökonomischen Nützlichkeitsdenken und dem Profitkalkül in gewisser Weise widersetzt. Die Altstädte bilden Heterotope, die Kontemplation wie Unterhaltung in größtem Maße ermöglichen, oder werden zu einem Lebensraum, der Beruf und Freizeit in fußläufiger Reichweite vereint. Altstadterhaltung hat somit auch im sozialen Denken eine Berechtigung und reicht in ihrer Wichtigkeit über den schönen Schein etwa einer authentischen Fassadengestaltung oder der touristisch motivierten Bewahrung einer historischen Erlebniswelt weit hinaus.

 

 

Der Kulturbegriff, der dieser Lehrveranstaltung zugrunde liegt:

 

Unter Kultur verstehen wir eine symbolische Ordnung, ein Menschenwerk, durch das eine Gesellschaft zu ihren Formen findet. In ihr schlägt sich Prozesshaftes nieder – Bewegung, Anpassung, Veränderung und Innovation. Die zentralen Triebkräfte des kulturellen Wandels sind Bildung und Technik, Mobilität und Migration. Sie dynamisieren die Gesellschaften, wirken auf Politik und Wirtschaft und verändern in der Folge auch die kulturelle Ordnung. Damit geraten das moralische Selbstverständnis einer Gesellschaft, ihre Werte und Identitäten, die Landkarten der Bedeutung, in Bewegung und bringen letztlich hybride Formen und transkulturelle Lebensstile hervor.

Der ästhetische Kulturbegriff manifestiert sich zudem im Vergleich zur empirischen Definition in Absichten. Für diese Sichtweise von Kultur können zwei Pole als Verdeutlichung genannt werden: einerseits Friedrich Schillers Proklamation der „schönen Künste“ als Bildungskonzept der Menschen zur Kultur und andererseits Gregory Batesons Auffassung einer Kultur als Identität, die sich in die Bereiche des Organismus, der Psyche und der Kommunikation aufteilt und ästhetisch wahrnehmbar und vorstellbar ist.

In den westlichen Industriegesellschaften ist es in erster Linie die Medien- und Kultur-industrie, die neue Themen, Ideen, Lebens- und Modernisierungsentwürfe in eine Gesellschaft einbringt und damit kulturelle Wandlungsprozesse initiiert. Kultur, das Formenprogramm einer Gesellschaft, wie es Georg Simmel nannte, wird durch Kommunikation gesteuert. Sitten, Glaubenssysteme und Lebensweisen verändern sich auch unter dem Einfluss der medialen Inszenierungen.

Wäre Kulturerbe nur die Unterschutzstellung des Gefährdeten, des Ausgemusterten, das damit vor dem Vergessen bewahrt wird, so würde man der Tradition und bewährten Lebenspraktiken wohl nicht gerecht werden. Als Kulturerbe sind auch Techniken des Handwerks bzw. der Lebensführung im Kontext spezieller Umweltbedingungen zu sehen. Diese Sichtweise schließt die gesamte Ordnung der Dinge ein und öffnet auf diese Weise den Begriff in sehr umfassender Weise. Möglich wäre daher auch eine Neuinterpretation des Traditionellen. In einen neuen und gegenwärtigen Zusammenhang gestellt wäre es auch in diesem zu bewerten. Es gilt daher, mit Adorno zu fragen, welche Traditionen noch tragen und welche das nicht tun. Denn Kultur agiert als pragmatisches Orientierungssystem, womit das Etablierte nicht aus Gehorsam bzw. aus der Selbstverständlichkeit der Überlieferung heraus einen Machtanspruch stellen kann. Auch das Überlieferte muss sich neu bewähren – wenn es das tut, kann man von einer lebendigen Tradition sprechen.

Solche Traditionen sind typisch für das reichhaltige Kulturerbe Europas und sie sind auch der Rohstoff für den Kulturtourismus, der durch die Neugier und das Interesse am Fremden angetrieben wird. Auch die Teilnehmenden an der Welterbe-Sommerakademie sind an einem spezifischen Zweck orientierte Kulturtouristinnen und -touristen, deren primäres Motiv in der Kulturerfahrung liegt. Im Tourismus werden Geschichten erzählt, die Archive des Vergangenen und Vergessenen wieder zugänglich gemacht. Eine seriöse Vermittlung des kulturellen Erbes erzeugt einen Mehrwert, weil jede Region ihre historische Eigenheit hat, die für die lokale Identität der Menschen von Bedeutung ist. Sie verbindet die Einwohnerinnen und Einwohner mit ihrer Geschichte – aber auch mit ihrer Gegenwart. Wenn sie diese mit den Gästen teilen wollen, so können jene sogar einen Einblick in lebensweltliche Zusammenhänge gewinnen. Sie erwerben damit ein begreifendes Wissen und über das „place making“ gelingt ihnen ein sozio-emotionaler Zugang zu diesem Raum.

 

Mit der gegenwärtigen Debatte um Tradition oder Heritage eröffnen sich mehrere Möglich-keiten, eine Neupositionierung des ideologisch vielfach sehr konservativ gerahmten Kultur-erbes vorzunehmen. Der Bezug auf nachhaltiges Wirtschaften und den pfleglichen Umgang mit der Natur fördert die Rückbesinnung auf erprobte Traditionen. Damit kommt eine Wert-schätzung für das Gemeinwohl und bewährte kulturelle Praktiken zum Ausdruck. Darin lässt sich sogar eine gesellschaftspolitische Kritik an den Auswüchsen des globalen Netzwerk-kapitalismus ausmachen und der Versuch erkennen, die Deutungshoheit über das Traditionelle, Hergebrachte und Heimatliche nicht mehr ausschließlich dem politischen Konservativismus zu überlassen. Gleichzeitig lässt sich aber ein enger historischer Bezug zwischen Landschaften und vergangenen Lebensweisen entziffern, durch die Erzählung Aufmerksamkeit erzielen und persönliche Bezüge für Orte des Gedächtnisses wie der Erfahrung für Touristinnen und Touristen sowie Einheimische schaffen.

 

 

Anmerkung

Vgl.: Eva Klein, Kurt Luger, Friedrich Schipper, Welterbe, Kulturgüterschutz und Kommunikation im forschungsbasierten Lehrprojekt: Interuniversitäre Summer School der Universitäten Graz, Salzburg und Wien, in: Eva Klein, Christina Pichler, Margit Stadlober, Denk!mal weiter. Kulturerbe in Bewegung zwischen Aufbruch und Umbruch, Graz 2018, 47-60.

Kurzzusammenfassung

Im Rahmen des Projektes "Sommerakademie Welterbe Österreich" werden die Themenbereiche Weltkulturerbe, Kultur- und Naturgüterschutz sowie Kulturkommunikation gezielt zur Diskussion gestellt, indem im Sinne einer praxisnahen Lehre Betriebe, Personen, Institutionen, Kulturstätten der österreichischen UNESCO-Welterbe-Städte Graz, Salzburg und Wien besucht und die jeweiligen Strategien des Kulturmanagements sowie der Kulturkommunikation bzw. -vermittlung und -vermarktung im Hinblick auf Kulturbildung sowie Kulturtourismus zur Diskussion gestellt werden. Ein Einblick hinter die Kulissen eröffnet den Studierenden sowie ExpertInnen die Basis für kritische Reflexionen.

Hierbei werden Aspekte der Denkmal- und Ortsbildpflege, der Stadtentwicklung und Herausforderungen sowie Konfliktbereiche in der Stadtplanung im Spannungsfeld von Tradition und Moderne zur Debatte gestellt. Der Themenkomplex des Kulturgüterschutzes wird - teils vor dem Hintergrund der Zerstörung des Kulturerbes in Städten wie Damaskus und Aleppo - diskutiert. Der Frage der Wechselseitigkeit von materiellen und immateriellen Kulturerbe wird nachgegangen: Was ist immaterielles Kulturerbe und welche Rolle hat es im Kontext des Weltkulturerbes, wie kommuniziert/vermittelt man den Wert des immateriellen Kulturerbes, immaterielles Kulturerbe auf der nationalen und internationalen Liste, entlistetes sowie künftiges Kulturerbe.

Summary

The Summer School project focusses on world cultural heritage, cultural property protection and cultural communication. These topics are specifically put up for discussion by visiting companies, people, institutions and cultural sites in Austrias UNESCO World Heritage cities such as Graz, Salzburg and Vienna.

Within the course the respective strategies of cultural management as well as cultural communication and marketing with regard to cultural education and cultural tourism are put up for discussion. A closer view gives students and experts the chance for critical reflections. Aspects of monument and site maintenance, urban development as well as fields of conflict in urban planning between tradition and modernity are brought up for debate. The topic of cultural property protection is being discussed - partly against the background of the destruction of cultural heritage in cities such as Damascus and Aleppo. The question of the reciprocity of tangible and intangible cultural heritage is examined: What is intangible cultural heritage and what role does it have in the context of world cultural heritage?

Nähere Beschreibung

Als Erkenntniszusammenhang und detaillierte wissenschaftliche Herausforderungen werden im Zuge der Sommerschule zentrale Fragestellungen gesellschaftlicher Entwicklungen aufgegriffen, die mit den Konventionen zur Bewahrung kulturellen Erbes durch die UNESCO, die ein völkerrechtlich verbindliches Instrument entwickelt hat, in Verbindung stehen. Damit werden nicht nur Bauwerke und architektonische Artefakte einer Betrachtung unterzogen, sondern auch Traditionen, Bräuche, Konventionen, Lebenspraktiken usw. Sie werden als Bausteine kulturellen Erbes einer zeitgemäßen Bewertung unterzogen, in aktuellen Kontexten diskutiert.

Gleichzeitig wird dadurch das Feld für einen transdisziplinären Diskurs geöffnet. In Verbindung mit den Geisteswissenschaften und den empirischen Kulturwissenschaften (europäische Ethnologie, Volkskunde, Archäologie, Kunstgeschichte) oder Architektur und Raumplanung können von den Sozialwissenschaften insbesondere die Historischen Wissenschaften und die Kommunikationswissenschaft zur Klärung relevanter Zusammenhänge beitragen. Auch die Studierenden kommen aus unterschiedlichen Fächern: Neben Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern und Kommunikations- bzw. Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern sowie Archäologinnen und Archäologen, Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftlern und Sprachwissenschaftlerinnen sowie Sprachwissenschaftlern waren es auch Studierende der Restaurationswissenschaft der Hochschule für Angewandte Kunst sowie der Raumplanung und des Bodenmanagements der Technischen Universität Wien, die an der Summer School bislang teilgenommen haben. Diese starke Interdisziplinarität bietet einen großen Mehrwert, der im Lehrkonzept der Summer School Anwendung findet. Die Studierenden lernen fachfremde Methoden und neue Zugänge kennen und können diese im interdisziplinären Diskurs zugleich themenbezogen und praxisnah austauschen und besprechen.

Die Ergründung und Erforschung der Zusammenhänge erfolgt in dieser Lehrveranstaltung durch Einzelfallstudien. Dabei kommen jene sozialwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Methoden zur Anwendung, die im Einzelfall am besten zur Lösung des jeweiligen Problems beitragen. Von der quantifizierenden Medienanalyse bis zum biografischen Interview, von der Ikonografie bis zur Gestaltwertanalyse, vom Gruppengespräch bis zum Expertendiskurs ist alles möglich; es gibt diesbezüglich keine Einschränkungen. Durch die vielfältigen Zugangs- und Sichtweisen sowie die Herstellung thematischer Zusammenhänge innerhalb der Disziplin wird den Studierenden ein umfangreiches Angebot an unterschiedlichen Methoden geboten, das insgesamt der studentischen Methodenkompetenzerweiterung dient.

Des Weiteren führt dieses Lehrkonzept zu einer verstärkten Förderung der sozialen Kompetenzen. Der Diskurs unterschiedlicher Themenbereiche in der Gruppe zieht sich als konsequentes Lehrelement durch die gesamte Summer School und fördert damit die Kommunikationsfähigkeit durch das eigene Einbringen der Studierenden in die Gruppe einerseits und das Profitieren von den Fähigkeiten der Kolleginnen und Kollegen andererseits.

Einen weiteren Schwerpunkt der Sommerakademie stellt die Kooperation mit dem österreichischen Chapter der Wikimedia Foundation dar. Diese Wikimedia versteht sich als eine weltweite Bewegung zur Förderung des freien Wissens. Synonym wird auch von „offenem Wissen“ gesprochen, breiter auch von freien oder offenen Inhalten. Eine besondere Rolle nehmen dabei freie Lehr- und Lernmaterialien (Open Educational Resources) ein, also Bildungsmaterialien, die unter einer freien Lizenz veröffentlicht werden, um die Teilhabe und Mitarbeit durch alle Lehrenden und Lernenden zu erleichtern und so wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der pädagogischen Praxis zu setzen. Im Wikiversum der freien Projekte ist dabei die Wikiversity zu nennen, die als Online-Plattform in Form eines Wikis zum gemeinschaftlichen Lernen, Lehren und Forschen genutzt wird.

Die Summer School integriert zudem konkrete forschungsbasierte sowie forschungsbezogene Elemente. Gezielt sollen Synergien in Forschung und Lehre geschaffen werden, indem wissenschaftliche Veranstaltungen wie Tagungen und Workshops am Beginn der Summer School mit dem Lehrprogramm gekoppelt werden. Die Vermittlung theoretischer Grundlagen soll den Einstieg in das Thema erleichtern, Grundlagenkenntnisse schaffen und die Basis für das darauffolgende praxisbezogene Programm und die damit zusammenhängenden Diskussionen bilden. Zudem bietet dieser Einstieg in die Thematik die Möglichkeit der Präsentation von aktuellen Forschungsprojekten, intensiviert den wissenschaftlichen Austausch und stellt zugleich sicher, dass sich der Diskurs am aktuellen Stand der Forschung orientiert.

Insbesondere hinsichtlich der didaktischen Methode werden innovative Wege begangen. Sich eine Stadt zu „ergehen“, sie also auch sinnlich zu erfahren, zu erleben und eben im Sinne der „lieux de mémoire“ zu erschließen, bedeutet, das Arsenal der Wahrnehmung zu verbreitern. Lucius Burckhardt hat mit seiner „Promenadologie“, der „Spaziergangswissenschaft“, ein neues Verständnis für die Wahrnehmung von Wirklichkeit entwickelt, um Landschaft und urbanen Raum zu begreifen.

Erleben, das heißt zuerst sehen, dann sinnhaft deuten und erschließen. Die kulturelle Vermittlungsaufgabe etwa von Museen, die den Bewohnerinnen und Bewohnern einer Region ihre Herkunft vor Augen führen und den Besuchenden von auswärts einen Eindruck vermitteln, was die Besonderheit der Lebensformen vor Ort prägte und bis heute ausmacht, formulierte in ähnlicher Weise der Kunsthistoriker Ernst Gombrich. Wie beim Betrachten eines Kunstwerkes kann ein gelungener Vermittlungsprozess die Augen in ganz andere Dimensionen öffnen und zu einer positiven Verdichtung der Eindrücke führen. Ausgangspunkt für den Besuch eines Museums oder einer ähnlichen, historische Lebenszusammenhänge vermittelnden Institution, für die Begehung eines städtischen bzw. architektonischen Ensembles ist ja oft das vage Motiv, damit „etwas für Bildung und Kultur tun“ zu wollen. Bei Studierenden darf dieser Wunsch jedenfalls vorausgesetzt werden. Beim Sehen vor Ort werden Sinneseindrücke gesammelt, was quasi von selbst vor sich geht. Deuten und Schließen sind jedoch Bewusstseinsvorgänge, bei denen wir das Für und Wider abwägen, Anhaltspunkte benötigen, Wissen von außen einbeziehen, um zu einem Standpunkt zu gelangen – und auch ausreichend Zeit für Reflexion benötigen. Sieht man zunächst nur, was man schon weiß, kann durch Gespräche, Lektüre oder Führung, über die intensive Auseinandersetzung mit einem Gegenstand, einem historischen Kontext, einer Stadt oder einer ganzen Region eine tatsächliche „Erweiterung des Horizonts“ erfolgen. Dann wäre erreichbar, was der Philosoph die „Selbstermächtigung des Reisenden“ bezeichnet – die interkulturelle Offenheit des sich selbst aufklärenden Menschen.

 

 

Themen der Lehrveranstaltung:

 

• Kick-off Workshop “Kulturelle Identität zwischen Tradition und Moderne”

• UNESCO-Welterbe

- Graz Altstadt und Eggenberg

- Semmeringbahn

- Wien Altstadt und Schönbrunn

- Wachau

- Salzburg Altstadt

- Salzkammergut

• Welterbemanagementplanung

• Städtebau, Stadtentwicklung: Tradition versus Moderne

• Stadt als Kulturlandschaft

• Denkmalschutz: Bundesdenkmalamt und Altstadtanwaltschaft

• Kulturgüterschutz und Blue Shield: Schutz des Kulturerbes vor militärischer Bedrohung und Naturkatastrophen

• Normative Rahmenbedingungen zum Schutz von Kulturerbe

• ICOMOS

• Methoden der Kulturvermittlung und der Öffentlichkeitsarbeit von Institutionen

• Archäologie und Stadtarchäologie

• Museen und Stadtmuseen, ICOM

• Stadtarchive als Gedächtnisspeicher

• Bücher und Bibliotheken als Kulturerbe (Nationalbibliothek, Universitäts- und Stadtbibliotheken)

• Universitäten als Kulturerbe

• Stadttourismus, Fremdenführung

• Programmatische Stadtrundgänge

• Kulturerbe und Migration

• In Kirchen und Sakralräumen führen

• Historische technische Infrastrukturen, Verkehr und Eisenbahn

• Grünflächen, historische Gärten, Stadtparks, Botanische Gärten

• Wasser, historische Regulierungen, Stadtteiche, Brunnen

• Künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum

• Musikalisches Kulturerbe (Musikmuseen und historische Musikerwohnungen)

• Fiakerkultur (Wien, Salzburg) und Pferdetradition (Rennsport)

• Wiener Kaffeehauskultur

• Wiener Heurigenkultur und Wienerlied

• Kulinarisches Kulturerbe

• Kulturmedienarbeit

• Erhaltung, Konservierung, Restaurierung

 

 

 

Lehr- und Lernziele:

 

• forschungsbasierte Lerninhalte am neuesten Stand der Forschung

• gezieltes Aufgreifen internationaler Erkenntnisse und Entwicklungen

• interdisziplinär und transdisziplinär: Verschränkung von Theorie und Praxis

• Förderung der fachübergreifende Kompetenzen und Qualifikationen

• innovative Hochschuldidaktik und neuartige Lehrmethoden

• starke Studierendenzentrierung

• Berücksichtigung unterschiedlichen Vorwissens und sowie der Lehrbedingungen

• Stipendien zur Förderung der Chancengleichheit

• Aspekte der Inklusion und Förderung der interkulturellen Kompetenzen

• Sensibilisierung für gesellschaftliche Herausforderungen

• klare Struktur und Transparenz sowie Partizipation

• personale und soziale Kompetenzen

• Kompetenzorientierte Konzeption

• fördert den Blick über den Tellerrand

• freies Wissen und E-Learning sowie Studium am Original

• interuniversitäre Lehre

• Networking als Stärkefeld

• Nachhaltige Lehre

Mehrwert

Durch die innovative kooperative Lehr- und Arbeitsform, der ein breites Netzwerk mit hohem Qualitätsanspruch zugrunde liegt ist es möglich den interuniversitären, interdisziplinären sowie transdisziplinären Diskurs voranzutreiben und zu dem neben einer forschungsbasierten Lehre den Austausch von Praxis und Theorie nachhaltig zu stärken. Den Studierenden wird ein einzigartiges Netzwerk geboten, das auch nach der Sommerschule noch Mehrwerte (wie Praktika in Betrieben, Publikationsmöglichkeiten oder Folgeveranstaltungen) generiert.
Zudem werden Kenntnisse in den Bereichen der Digitalisierung und des freien Wissens vermittelt und sogleich mit Unterstützung der open source community angewandt. Wikipedia ist ein wertvoller Partner des Projektes mit dessen Zusammenarbeit nicht nur neue Wikipedia-Inhalte entstehen, sondern zugleich ein Austausch der WikipedianerInnen mit den Studierenden und WelterbeexpertInnenen stattfindet, wodurch sich nachhaltig Synergien genutzt werden. Dieses Engagement der Summerschule wurde bereits mit dem Europeana-Preis gewürdigt.
Insbesondere hinsichtlich der didaktischen Methode werden innovative Wege begangen. Sich eine Stadt zu „ergehen“, sie also auch sinnlich zu erfahren, zu erleben und eben im Sinne der „lieux de mémoire“ zu erschließen, bedeutet, das Arsenal der Wahrnehmung zu verbreitern. Lucius Burckhardt hat mit seiner „Promenadologie“, der „Spaziergangswissenschaft“, ein neues Verständnis für die Wahrnehmung von Wirklichkeit entwickelt, um Landschaft und urbanen Raum zu begreifen.  
Erleben, das heißt zuerst sehen, dann sinnhaft deuten und erschließen. Beim Sehen vor Ort werden Sinneseindrücke gesammelt. Deuten und Schließen sind jedoch Bewusstseinsvorgänge, bei denen wir das Für und Wider abwägen, Anhaltspunkte benötigen, Wissen von außen einbeziehen, um zu einem Standpunkt zu gelangen – und auch ausreichend Zeit für Reflexion benötigen. Sieht man zunächst nur, was man schon weiß, kann durch Gespräche, Lektüre oder Führung, über die intensive Auseinandersetzung mit einem Gegenstand, einem historischen Kontext, einer Stadt oder einer ganzen Region eine tatsächliche „Erweiterung des Horizonts“ erfolgen. Dann wäre erreichbar, was der Philosoph die „Selbstermächtigung des Reisenden“ bezeichnet – die interkulturelle Offenheit des sich selbst aufklärenden Menschen.

Ist das Konzept auf andere Lehrveranstaltungen bzw. Lehrsituationen übertragbar? Wird das Konzept längerfristig eingesetzt und weiterentwickelt?

Die Sommerschule wird jährlich abgehalten und weiterentwickelt, indem Inhalte neu konzipiert und aktualisiert werden. Das Konzept wird auch in Zukunft umgesetzt werden und ist für die nächsten Jahre aufgrund des großen Zuspruchs finanziell gesichert.

Ist die Akzeptanz des Projekts gegeben? Welche Evidenzen (z.B. Evaluierungsergebnisse) gibt es hierfür?

Das Projekt erfreut sich großem Zuspruch, ist bereits ausgezeichnet worden und finanziell für die nächsten Jahre aufgrund des großen Erfolges gesichert. Am Ende jeder Summer School wird eine Evaluierung durchgeführt, die stets überdurchschnittlich gut ausgefallen ist. Besonders gelobt wird das vielschichtige und abwechslungsreiche Programm, das großen Praxisbezug aufweist. Zudem heben die Studierenden den interdisziplinären Austausch sowie die Möglichkeiten der Vernetzung besonders positiv hervor.

Aufwand

Das außergewöhnliche Format erfordert einen hohen Aufwand in der Konzeption und Organisation der Lehrveranstaltung, dem ein langer Vorbereitungsprozess zu Grunde liegt. Das Programm wurde jährlich evaluiert und verbessert. Dies setzt nicht nur große Begeisterung für die Thematik bei den Lehrenden voraus sondern auch die Bereitschaft großes Engagement zu zeigen. Zudem wird den Studierenden ein Stipendium bereitgestellt. Die damit verbundenen Kosten werden von Blue Shield International, der Sanlas Holding sowie dem Land Steiermark und der Forschungsstelle Kunstgeschichte Steiermark getragen.

Positionierung des Lehrangebots

Bewerbung möglich für alle Studierenden im In- und Ausland (inkl. Stipendium), Anrechnung erfolgt dem Studium entsprechend. And den drei Hauptuniversitäten (Uni Graz, Uni Wien, Uni Salzburg) des Projektes wie folgt: - Karl-Franzens-Universität Graz, Studium der Kunstgeschichte: Exkursion und Wahlfach - Universität Wien, Studium Publizistik- und Kommunikationswissenschaft: GESKO B - Praxisfelder der gesellschaftlichen Kommunikation Universität Salzburg: Studium Kommunikationswissenschaft: Wahlfach; angeboten auch in Geschichte, Kunstgeschichte und Soziologie Alle weiteren Zuordnungen werden von den zahlreichen kooperierenden österreichischen Universitäten individuell und nach Bedarf getroffen.

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2020 nominiert.